Justus-Liebig-Universität Gießen
Catharina von Georgien
Untersuchung des Trauerspiels von Andreas Gryphius
Hausarbeit in Germanistik zum Proseminar
„Was ist eigentlich Barock“
Sommersemester 2002
Astrid Matron
Gliederung
1. Einleitung
2. Charakterisierungen der Hauptfiguren und deren Verknüpfung
2.1 Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des religiösen Hintergrundes
2.2 Charakterisierung Chach Abas
2.3 Verknüpfung der Hauptfiguren durch einen Liebesvergleich
3. Aufbau und Form des Trauerspiels und ihre Bedeutung
3.1 Form und Inhalt
3.2 Die Reyen und ihre Bedeutung
4. Schlusswort
1. Einleitung
Während in England Shakespeare einer der bedeutendsten Vertreter des elisabethanischen Theaters ist und in Italien die Commedia dell’ arte ihre Blütezeit erlebt, feiern in Frankreich Molière und Corneille mit ihrer Anlehnung an die antiken Komödien und Tragödien große Erfolge. In Deutschland gibt es zu dieser Zeit weder eine Mischung noch eine Weiterführung des europäischen Theaters, sondern quasi eine eigene Gattung. Beeinflusst von niederländischen Wandertruppen und der Jesuitenbühne, und erwachsen aus dem Breslauer Schultheater, ist Gryphius wohl einer der bedeutendsten Vertreter des Schlesischen Trauerspiels. Für ihn wie für andere Dramatiker ist die Poetik des Aristoteles Grundlage des Dramas, das in Opitz’ Buch von der deutschen Poeterey oder Harsdörffers Poetischem Trichter weiter bestimmt wird. Gryphius verarbeitet in seinen fünf Dramen fast ausschließlich geschichtliche Stoffe, die durchaus aktuelle politische Positionen beziehen können. Ein weiterer wichtiger Vertreter des Barockdramas ist Daniel Casper von Lohenstein. Im Gegensatz zu Gryphius schreibt er jedoch nicht reine Geschichts- oder Märtyrerdramen, sondern zeigt gerade in seinen Frauendramen wie Sophonisbe oder Cleopatra stark sinnliche Züge.1 Nach Lothar Baier belässt er das Schöne und allen Schein in der Welt, und seine Figuren sind nicht ausschließlich Märtyrer, Tyrannen, Lüstlinge, sondern tragen nur deren Züge.2
Weitere Trauerspielautoren wie Christoph Kaldenbach oder Johann Christian Hallmann orientieren sich eher an diesen beiden großen Dramatikern und führen die Tradition des schlesischen Trauerspiels fort3.
In dieser Arbeit soll es um Gryphius’ Märtyrerdrama Catharina von Georgien gehen, welches ich anhand von Charakterisierungen der Hauptpersonen auf seine Liebesthematik hin untersuchen werde, um im Anschluss daran das thematische Zusammenspiel von Handlung und Form des Dramas zu erläutern. Letzteres wird unter besonderer Beachtung der Reyen und ihrer Bedeutung geschehen.
2. Charakterisierungen der Hauptfiguren und deren Verknüpfung
2.1 Charakterisierung Catharina von Georgien unter besonderer Beachtung des religiösen Hintergrundes
In seiner Studie zu Wirklichkeit und Handeln im barocken Drama sagt Harald Steinhagen, die Charaktere im Trauerspiel des Gryphius seien noch keine individuellen Figuren, sondern „Exemplare einer Gattung“, die sich als „allegorische Vergegenständlichung abstrakter Eigenschaften oder Funktionen leblos und statuarisch“4 darstellen. Dieser Aussage kann man sich im Falle der Catharina nicht ohne weiteres anschließen, wie die folgenden Ausführungen zeigen sollen.
In erster Linie ist Gryphius’ Catharina von Georgien eine Märtyrergestalt, wie auch das Trauerspiel an sich eines der besten Beispiele für ein barockes Märtyrerdrama ist. „Autonomes Handeln unter dem Schein extremer Heteronomie – so wäre das Wesen der Märtyrergestalten auf den Begriff zu bringen“5. Entscheidend für Catharina ist – vor allem im Vergleich zu anderen europäischen Märtyrerdramen, aber auch zu anderen Trauerspielen Gryphius’6 - ihre durch und durch christlich motivierte Beständigkeit, aufgrund derer sie schließlich noch im Tod triumphiert. Georgiens Königin wird zur Märtyrerin, weil sie sich nicht einfach aus reinem Überlebenstrieb der Realität unterwerfen will, die besagt, dass ein vorbildliches christliches Leben unter den gegebenen Umständen eigentlich unmöglich ist7. Besonders deutlich wird diese Haltung in der vierten Abhandlung im Dialog mit Imanculi ( IV, 105-264). Die Figur der Catharina trägt zunächst rein allgemeinchristliche Züge, so ihr unerschütterlicher Glaube und ihre Ergebenheit Gott gegenüber, die Steinhagen beschreibt als „vorbehaltlose Unterwerfung unter den göttlichen Willen, deren notwendige Voraussetzung die Aufgabe des eigenen Willens ist“8, wobei allerdings der eigene Wille mit dem Gottes übereinstimmt. Dies betont sie an mehreren Stellen (zum Beispiel: I, 394-408; I, 445-460; IV, 65-69). In ihrem Tod sieht sie einen Opfertod (IV, 424f.), und in ihrer Angst vor diesem Tod bittet sie Christus, er möge ihr beistehen9. Ihr Vertrauen in Christus’ Beistand geht sogar so weit, dass sie sich als seine Braut ansieht, wie sie mehr als einmal erwähnt (IV, 282; IV, 132).
[....]
1 Vgl. hierzu z. B. Bernhard Asmuth: Daniel Casper von Lohenstein, Sammlung Metzler M 97, Stuttgart: Metzler, 1971
2 Vgl. Lothar Baier: „Persona und Exemplum. Formeln der Erkenntnis bei Gryphius und Lohenstein“, in: edition Text+Kritik, Zeitschrift für Literatur, Hrsg. Heinz Ludwig Arnold, Heft 7/8 Andreas Gryphius, Göttingen 21980, S.58-67
3 kurze Erläuterungen zu diesen Autoren finden sich in: Dirk Niefanger: Barock, Stuttgart/Weimar: Metzler, 2000, S.155ff.
4 Harald Steinhagen: Wirklichkeit und Handeln im barocken Drama. Historisch-ästhetische Studien zum Trauerspiel des Andreas Gryphius, Tübingen 1977, S.257
5 Steinhagen, S.300
6 Eine umfangreiche Arbeit dazu liefert Elida Maria Szarota: Künstler, Grübler und Rebellen. Studien zum Märtyrerdrama des 17. Jahrhunderts, Bern: Francke, 1967, auf deren Aufsatz über Catharina von Georgien (S.190-215) ich mich im Folgenden immer wieder beziehen werde.
7 Vgl. Steinhagen, S.301
8 Steinhagen, S.299
9 Vgl. Szarota, S.202
Arbeit zitieren:
Astrid Matron, 2002, Catharina von Georgien. Untersuchung des Trauerspiels von Andreas Gryphius, München, GRIN Verlag GmbH
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