I Einleitung 3
II Theoretische Anlagen 5
1 Zur gesellschaftlichen Relevanz des Phänomens Fußball 5
2 Zur Problematik im Fußballumfeld 6
3 Gesellschaftliche Reaktionen auf die Entwicklungen 8
3.1 Ordnungspolitische Maßnahmen 8
3.2 Sozialpädagogische Maßnahmen 9
4 Aggressionstheoretische Ansätze 9
4.1 Bedingungsgefüge für Zuschaueraggressionen nach Schulz, H.J. und Weber, R. 10
4.2 Michael Löffelholz und das Dilemma der Modernisierung 11
4.3 Die Entwertungsthese von Heitmeyer & Peter 13
4.4 Leistungsorientierung der Gesellschaft (nach Gunter Pilz) 14
4.5 Zusammenfassung 16
5 Konzeptionelle Ansetze und organisationsstrukturelle Faktoren für Fanarbeit 17
5.1 Rahmenkonzeption für Einrichtung von Fanprojekten (nach Michael Löffelholz u.a.) 17
5.1.1 Konzepte der Orientierung und Zielsetzungen 18
5.2 Nationales Konzept für Sport und Sicherheit (NKKS) 19
5.2.1 Zielsetzung laut NKSS 20
5.2.2 Finanzierung laut NKSS 20
5.2.3 Personelle Ausstattung laut NKSS 21
5.2.4 Materielle Ausstattung laut NKSS 21
5.2.5 Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) 22
5.2.6 Bemerkungen zum NKSS 22
5.3 Zusammenfassung 24
6 Zielgruppe 25
6.1 Zielgruppenbestimmung laut Rahmenkonzeption von Löffelholz u.a. und NKSS 25
6.2 Zielgruppe der Fanarbeit als heterogenes Gefüge 26
7 Theoretische Einwürfe zur Arbeit mit Fußballfans 26
7.1 Aufsuchende Jugendarbeit 27
7.2 Anregungen zur Arbeit mit Fußballfans 29
8 Grenzen der Fanarbeit 32
III Empirische Untersuchung 34
1 Forschungsinteresse 34
2 Methodische Grundlagen 34
2.1 Erhebungsmethode leitfadengestütztes Experteninterview 34
2.2 Auswertungsmethode 35
Seite 1
2.3 Interviewpartner 36
2.4 Leitfaden des Experteninterviews 38
3 Durchführung der Untersuchung 38
3.1 Briefing, Setting, Drama 38
3.2 Transkribieren der Aufnahme 39
4 Darstellung der Ergebnisse 40
4.1 Ausgangspunkt und Ziele der Fanarbeit 41
4.2 Methodische Anlagen, Strategien und Praxis 45
4.2.1 Konzeptionen 45
4.2.2 Methoden 47
4.2.3 Arbeitsstrategien 50
4.2.4 Vernetzung 51
4.2.5 Wissenschaftlicher Bezug 53
4.3 Zielgruppen 54
4.4 Rahmenbedingungen 56
4.5 Voraussetzungen für eine gelungene Fanarbeit 58
IV Abschließende Bemerkungen 60
V Literatur 65
VI Anhang 72
1 Interview mit Fanprojektmitarbeiter Herr Bremer (Fanprojekt Bremen) 73
1.1 Auswertung des Interviews mit Fanprojektmitarbeiter Herr Bremer 89
1.2 Kategorien des Interviews mit Fanprojektmitarbeiter Herr Bremer 108
2 Interview mit Fanprojektmitarbeiter Herr Dresdner (Fanprojekt Dresden) 126
2.1 Auswertung des Interviews mit Fanprojektmitarbeiter Herr Dresdner. 142
2.2 Kategorien des Interviews mit Faprojektmitarbeiter Herr Dresdner 165
Seite 2
I Einleitung
,,Um dem vermehrten bzw. regelmäßigen Auftreten von Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen zu begegnen, entstanden als besondere Form der Jugend-/Sozialarbeit sogenannte Fanprojekte". (Löffelholz u.a.1999, 117)
Die Anfänge sozialpädagogisch geleiteter Tätigkeiten mit Fußballfans in Deutschland lassen sich bis in die späten 70er Jahre zurückverfolgen. Geleistet wurde dabei eine Fanbetreuung durch die Streetworker des kommunalen Jugendamtes in München (vgl. www.kosfanprojekte.de, 1). Wenn jedoch vom ersten bundesdeutschen Fanprojekt die Rede ist, handelt es sich um das Fanprojekt in Bremen, das Anfang 1981 unter der Trägerschaft der Bremer Sportjugend1 seine Tätigkeiten aufnahm (vgl. ebd.). Die Einrichtung weiterer Fanprojekte folgte. Fanarbeit hat sich mittlerweile zu einem Feld der Jugendhilfe etabliert (vgl. www.kos-fanprojekte.de, 10).
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den sozialpädagogischen Interventionen im Fußballumfeld. Der Schwerpunkt der Ausarbeitung liegt in der Ermittlung von Ansprüchen und Handlungsentwürfen der Fanarbeit (Konzepte), sowie von den strukturellen Bedingungen in die sie eingebettet ist (Rahmenbedingungen).
Sind die Fanprojekte gegründet worden, um ausschließlich die Gewalt im Fußballumfeld zu dämmen oder verfolgen sie auch weitere Zielsetzungen? Welche Handlungsstrategien gibt es für die sozialpädagogische Fanarbeit? Und welcher Raum für Interventionen wird den Fanprojekten zur Verfügung gestellt?
Dies sind Fragen, die sich als eine Art Leitfaden durch den Verlauf der vorliegenden Ausführungen erstrecken sollen, bis sie sich schließlich ihrer Klärung nähern. Um komplexere und realitätsnahe Erkenntnisse über diese zu erzielen, wird dabei neben theoretischen Deutungen auf empirisch gewonnene Daten aus der Fanarbeitpraxis zurückgegriffen. Die Erhebung der Daten erfolgte anhand qualitativer Experteninterviews mit Mitarbeitern der Fanprojekte in Bremen sowie in Dresden.
1 Die Bremer Sportjugend ist die Jugendorganisation des Landessportbundes Bremen und zugleich eigenständiger Jugendverband (vgl. www.bremersportjugend.de, 2)
Seite 3
Folglich wird die Arbeit in einem theoretisch-analytischen und einen empirischen Teil gegliedert.
Im ersten Teil wird einleitend auf die gesellschaftliche Relevanz des Phänomens Fußball eingegangen (Kap.1). Nachfolgend werden Zuschauerausschreitungen als Problematik im Fußballumfeld dargestellt (Kap.2) sowie die gegensätzlichen Reaktionen darauf in der Gesellschaft aufgezeigt (Kap.3). Sozialpädagogische Fanarbeit wird als Gegenpol zu ordnungspolitischen, repressiven Maßnahmen dargestellt. Um die Notwendigkeit sozialpädagogischer Interventionen mit Fußballfans als Problemgruppe zu begründen, werden an dieser Stelle fußballspezifische aggressionstheoretische Erklärungsansätze vorgestellt (Kap.4). Dabei wird davon ausgegangen, dass die Ansätze eine prägende Rolle für das Selbstverständnis und die gezielten Interventionen sozialpädagogischer Fanarbeit haben.
In dem folgenden Kapitel werden die erste Rahmenkonzeption zur bundesweiten Einrichtung von Fanprojekten von Löffelholz u.a. sowie das Nationale Konzept für Sport und Sicherheit2 (NKSS) vorgestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung für die sozialpädagogische Fanarbeit analysiert (Kap.5). Nachfolgend wird kurz auf die Zielgruppe eingegangen, die sich aus diesen ergibt (Kap.6). Anschließend werden weitere theoretische Einwürfe zur Fanarbeit dargelegt (Kap. 7). Zum Abschluss des theoretischen Teils dieser Arbeit werden die Grenzen der Fanarbeit aus theoretischer Perspektive beleuchtet (Kap.8).
Zielsetzung des empirischen Teils dieser Ausarbeitung ist es in erster Linie, Schwerpunkte zu ergründen, die von den Experten aus der Praxis im Bezug auf Zielsetzungen, methodische Anlagen und strukturelle Rahmendingungen der sozialpädagogischen Fanarbeit gesetzt werden.
Die Erkenntnisse aus dem theoretischen sowie aus dem empirischen Teil werden dann miteinander in Verbindung gesetzt und auf Übereinstimmungen bzw. Abweichungen untersucht. Abschließend sollen die Ergebnisse Anregungen für die weitere Durchführung der sozialpädagogischen Fanarbeit bieten.
2 Nachfolgend als NKSS bezeichnet.
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II Theoretische Anlagen
Zur gesellschaftlichen Relevanz des Phänomens Fußball
,,Fußball ist ein globales Phänomen. Weltweit wird das Spiel nach denselben Regeln gespielt und steht jenseits sozialer, politischer oder ökonomischer Schranken allen offen." (Klaeren, J. 2006, 3)
Folgt man den Ausführungen neuerer Fußballbücherautoren lässt sich der Fußballsport nahezu bis auf die Entstehung der Menschheit zurückverfolgen. So verweisen sie auf zahlreiche Vorläufer des Spieles bereits in der vorindustriellen Volkskultur, wie beispielsweise auf das Cal-cio-Spiel des florentinischen Adels zurzeit der Renaissance, das Kalagut-Spiel der Eskimos und das japanische Kemari. Die Geburtsstunde des modernen Fußballsportes wird jedoch auf den 23. Oktober 1863 datiert, als sich Vertreter der Fußballmannschaften der Universitäten Oxford und Cambridge in London zusammentrafen, um die unterschiedlichen Spielregeln der Bildungseinrichtungen zu vereinheitlichen. Im Ergebnis dieses Treffens erfolgte nicht nur die Festlegung verbindlicher Regeln, sondern auch die Gründung einer Football Association (FA), die als Aufsichtsbehörde fungieren sollte (vgl. Eisenberg 2006, 14).
Auch wenn der moderne Fußballsport seinen Ursprung in den undurchlässigen, elitären Schichten Englands hat, erstreckte sich seine Anziehungskraft im Verlauf der Geschichte länder- (ebd. 15 ff.) und milieuübergreifend (vgl. Brandes u.a. 2006, 8). FIFA-Berichten3 zufolge zählte die in Deutschland im Jahr 2006 durchgeführte Fußball Weltmeisterschaft rund 26,29 Milliarden Zuschauer weltweit (vgl. www.fifa.com, 3). Vor diesem Hintergrund lässt sich der Fußball nicht lediglich (insbesondere in Deutschland)4 als ein Spitzensport, sondern nach Herzog vielmehr als ein ,,(...) das Lebend prägendes >gesamtkulturelles Phänomen<" festhalten (2002, zit. n. Evers 2006, 95). Auch Pilz sieht im Fußballsport ,,keinen gesellschaftlichen Freiraum (...), sondern [einen] Teilbereich des sozio-kulturellen Systems, [der] in [die] gesellschaftliche Bedingungen und Wertvorstellungen [eingebettet ist]." (Pilz 1998, 173). So kann Fußball als ein
3 Fédération Internationale de Fottball Assosiation
4 vgl. Brüggemeier, F. 2006, 5-6
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Massenphänomen, das in allen sozialen Schichten und Milieus auf Interesse stößt, eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung zugesprochen werden. Diese wurde vermutlich erst in den fünfziger Jahren wahrgenommen, denn die ersten sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Fußball sind laut Brandes u.a. auf diesen Zeitraum zurückzuführen (vgl. 2006, 8).
,,Fußball ist ein globales Phänomen. (...) Allerdings sind die Stadien keine heile Welt. Intoleranz, Aggression und Rassismus begleiten auch den Fußball und bleiben eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft." (Klaeren, J. 2006, 3)
Im folgenden Kapitel soll die Problematik im Fußballumfeld beleuchtet werden.
2 Zur Problematik im Fußballumfeld
,,[Der] Fußball [ist] ein schicht-, alters- und zunehmend geschlechtsunspezifischer (...) Hauptinhalt der Kommunikation in Familien, am Arbeitsplatz, in Schulen, Jugendhäuser, Kneipen usw. (...) Für spektakulären Stoff sorgen dabei nicht nur die aktiven Spieler auf dem Rasen, sondern auch immer wieder eine bestimmte, in Habitus und Verhalten recht klar abgrenzbare Gruppe auffallend aktiver, zumeist jugendlicher Zuschauer die Fußballfans. Sie stehen besonders dann im Blick der Öffentlichkeit, wenn es um eines der bedeutendsten Probleme des Fußballsports geht: um die anhaltende und augenscheinlich noch eskalierenden gewalttätigen Zuschauerausschreitungen." (Schulz 1986, 11)
Das Fußballumfeld wird also in der Öffentlichkeit mit Zuschauerausschreitungen oder anders gesagt von Fußballfans ausgehenden Aggressionen und Gewalt in Verbindung gebracht. Folgt man den Ausführungen von Gunter Pilz lässt sich das aggressive Verhalten um den Sport herum nicht als eine Neigung der Moderne, sondern eher als seinen herkömmlichen Begleiter betrachten. So berichten bereits Zeugnisse aus der Antike und aus dem Mittelalter über Ausschreitungen von Zuschauern bei Wettkämpfen (vgl. 2006, 44). Auch Ek legt ein Zeugnis von einer langen Tradition der Zuschauerausschreitungen seit der Gründung des ersten Fußballvereines im Jahr 1863 in England ab (vgl. Ek 1996, 33). Gewalt im Fußballumfeld wird jedoch laut Pilz insbesondere seit den Ereignissen beim Europa-Pokal-Spiel zwischen den Mannschaften Juventus Turin und FC Liverpool in Brüssel im Jahr 1985 als eine völlig neue Erscheinung wahrgenommen (vgl. 2006, 44). Bei diesem Endspiel
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kam es zu Zuschauerauseinandersetzungen, die 39 Menschen in den Tod gerissen haben. Mehr als 400 weitere erlitten schwere Verletzungen. Erst vier Jahre später im Jahr 1989 ist FC Liverpool erneut in ein Desaster verwickelt worden, als er im Hillsborough Stadion in Sheffield bei einem Pokalspiel gegen Nottingham Forest aufgetreten war. Nach einer Massenpanik starben 96 Menschen. Im Jahr 1998 bei der Weltmeisterschaft in Lens/Frankreich lieferten sich deutsche Fußballfans eine Straßenschlacht mit einheimischen Polizisten. Ein Polizist wurde dabei schwer verletzt und blieb schwer behindert für den Rest seines Lebens.
So lassen sich die wesentlichen Vorkommnisse im Fußballumfeld zusammenfassen, die zu einer öffentlichen Diskussion geführt haben (vgl. Brüggemeier 2006, 39). Nach Pilz sind sie bereits nach den Ereignissen in Brüssel zu einem bedeutenden sozialen Problem geworden (vgl. 2006, 44).
Jüngste Medienberichte sorgen weiter für Empörung in der breiten Öffentlichkeit. Die Zeitung ,,Tagespiegel" schrieb am 29.10.2006 ,,(...) Die Gewalt in den Stadien nimmt zu." Am 27.10.2006 hat es sowohl in der 2. Fußball Bundesliga als auch in der Regionalliga schwere Auseinandersetzungen gegeben (vgl. www.tagesspiegel.de, 4). Am 11.02.2007 kam es bei dem Spiel zwischen dem 1. FC Lokomotiv Leipzig (FC Lok) und dem FC Erzgebirge Aue II in Leipzig zu massiven Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Fußballanhängern. Nach dem Spiel kam es zu körperlichen Übergriffen. Mehr als 800 Anhänger des 1. FC Lok griffen dabei die Polizeibeamten an. Insgesamt 36 Polizeibeamten wurden verletzt und 21 Fahrzeuge beschädigt (vgl. www.polizei.sachsen.de, 5). Am 05.03.2007 war in der Bildzeitung zu lesen: ,,Fußball Krieg! Tödliche Krawalle auf Sizilien." Anfang Februar war bei Fanausschreitungen auf Sizilien ein Polizeibeamter ums Leben gekommen, 70 weitere Menschen wurden verletzt (vgl. www.bild.t-online.de, 6).
Vor dieser Kulisse kann resümiert werden, dass das Fußballumfeld einen sozialen Brennpunkt mitten in unserer Gesellschaft darstellt, der Handlungsbedarf fordert.
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3 Gesellschaftliche Reaktionen auf die Entwicklungen
,,Jedes Bemühen gegen Gewalt zu kämpfen, bleibt vergeblich, wenn man die Gewalt nicht bei ihren Wurzeln packt" (Bruder u.a. 1988, 43)
Über eine angemessene gesellschaftliche Reaktion auf die Gewaltproblematik im Fußballumfeld wird kontrovers diskutiert. Ordnungspolitischen Maßnahmen stehen jugendpolitischen gegenüber (vgl. Ek 1996, 179 ff.). Insbesondere seit dem Vorfall in Brüssel werden die Ersteren favorisiert. Die dadurch bedingte Ausgrenzung, Stigmatisierung und Verbannung von Jugendlichen seitens der beteiligten Institutionen erfordern laut Bruder u.a. sozialpädagogische Interventionen (vgl. 1988, 22). Daher empfiehlt es sich zunächst die favorisierten repressiven Maßnahmen aufzuzeigen, um den Hintergrund für die Entstehung sozialpädagogischer Fanarbeit zu erschließen.
3.1 Ordnungspolitische Maßnahmen
In dem von Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Auftrag gegebenen Gutachten über ,,Fankultur und Fanverhalten" vom Jahr 1988 ist zu lesen:
,,Es ist verwunderlich, dass sich gerade die Institutionen, die am stärksten und direkt von der Problematik gewalttätiger Ausschreitungen durch Zuschauer betroffen sind, am wenigsten berufen und aufgefordert fühlen, aktiv, über repressive Maßnahmen hinaus, etwas dagegen zu unternehmen." (Bruder u.a. 1988, 23)
Statt sich mit den Bedürfnissen und Problemen der Jugendlichen auseinanderzusetzen, die ihr Verhalten beeinflussen bzw. verursachen, gilt das Interesse der Fußballverbände (laut des Gutachtens) der Ausgrenzung und Distanzierung der bösen Fans. Dabei wird verstärkt auf repressive Maßnahmen zurückgegriffen wie z.B. Stadionverbote und verstärkte Polizeieinsätze (vgl. ebd. 23-24). Auch die verstärkte Polizeipräsenz und -praxis zielt darauf ab, jugendliche Fußballfans, die als gewalttätig identifiziert wurden, dingfest zu machen und zu isolieren. Mit diesen Erkenntnissen werden im Gutachten die Eskalation der Gewalt und eine Kriminalisierung der Fans prognostiziert und somit die Schlussfolgerung gezogen, dass diese Maßnahmen lediglich zur Verschärfung der Probleme führen (vgl. ebd. 28 ff.).
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3.2 Sozialpädagogische Maßnahmen
Die Eskalation von Gewalthandlungen, die Verbreitung nationalistischer und ausländerfeindlicher Symbole seit Anfang der achtziger Jahre sind nach Bruder u.a. als Anlass für die sukzessive Gründung von Fanprojekten zu sehen (vgl. Bruder u.a. 1988, 33). Die sozialpädagogische Fanarbeit basiert auf einem anderen Selbstverständnis und vertritt unterschiedliche Zielsetzungen als die ordnungspolitischen Maßnahmen. Fanprojekte sollten den jugendlichen Fußballfans bei der Lösung ihrer Probleme konkrete Hilfestellung geben sowie ihre Interessen vertreten (vgl. Ek 1996, 125). Im Sinne von betreuender Fanarbeit wurde auf einen integrativen Umgang gezielt. Die Initiierung von sozialpädagogisch geleiteten Interventionen ist entweder aus erkenntnistheoretischen Motiven im Umfeld universitärer Einrichtungen oder unter jugendpolitischen Handlungsdruck entstanden (vgl. www.kos-fanprojekte.de, 1). Laut Bruder u.a. wurden Sozialarbeit und Sozialwissenschaft öffentlich um Mitarbeit gebeten (vgl. Bruder u.a. 1988, 19).
Während also die Fußballinstitutionen weitgehend und fortwährend in den achtziger Jahren auf repressive Maßnahmen setzten, wurden bereits Anfang 1981, nicht zuletzt auf Anregung der Bremer Sportjugend (vgl. Klingebiel 1995, 41-42) und dem Gutachten des Bundesinstituts für Sportwissenschaft aus dem Jahr 1981, sozialpädagogisch geleitete Maßnahmen in Rahmen eines Fanprojekts in Bremen aufgenommen. Die Einrichtung weiterer Fanprojekte folgte (vgl. ebd. 12).
Um sich dem Selbstverständnis und der Bedeutung sozialpädagogisch geleiteter Fanarbeit anzunähern, soll im folgenden Kapitel auf fußballspezifische Erklärungsansätze zur Gewaltproblematik im Fußballumfeld eingegangen werden.
4 Aggressionstheoretische Ansätze
Das Anstreben eines allgemeingültigen Erklärungsansatzes erweist sich in Anbetracht der bereits zahlreich vorliegenden theoretischen Ansätze, die zum Teil aus unterschiedlichen Disziplinen wie beispielsweise Soziologie, Psychologie und Pädagogik stammen
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(vgl. z.B. die Aufstellung bei Heitmeyer/Peter 1988, 12-17), als eine äußerst prekäre Angelegenheit. Denn alle theoretischen Ausführungen, teils analytisch teils mit empirischen Bezügen, vermögen einleuchtend Teilaspekte des phänomenologischen Verhaltens, jedoch nicht sein Wesen vollständig zu erklären.
Nachfolgend soll das aggressive Verhalten der Fußballfans anhand einiger fußballspezifischer Erklärungsansätze begründet werden.
4.1 Bedingungsgefüge für Zuschaueraggressionen nach Schulz, H.J. und Weber, R.
Schulz und Weber stellten ein komplexes interaktionistisches Bedingungsschema für aggressive Zuschauerhandlungen auf. In diesem haben die Autoren aktuelle sowie überdauernde Bedingungen in einen Zusammenhang gebracht, wobei sie nicht nur das Individuum, sondern auch seine Umwelt miteinbezogen haben. So konnten sie alle von anderen Verfassern einzeln aufgeführten Faktoren in ihr Modell integrieren (vgl. Schulz 1986, 45). Laut Kübert u.a. gelang ihnen somit einen ,,(...) in der Fachliteratur als hinreichend [angesehenen] komplexe[n] Rahmen für die Darstellung der Zusammenhänge und Wechselwirkungen unterschiedlicher Einflüsse (...)" zu entwickeln (1994, 29). Daher soll dieser hier grafisch dargestellt und kurz erläutert werden.
Es werden fünf thematisch abgegrenzte Bedingungskomplexe aufgestellt, denen jeweils entsprechende Einzelbedingungen zugeteilt werden (siehe Abb.1).
Zu dem Komplex Nr.1 gehören motivationspsychologische Aspekte für aggressive Fanhandlungen wie beispielsweise: die Absicht dem Gegner zu schaden und der eigenen Mannschaft zu nützen, der Wunsch nach sozialer Anerkennung, das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit (das Gefühl der Geborgenheit) sowie das Streben nach Macht.
- Zu dem Komplex Nr.2 gehören individuelle Interpretations- und Reaktionsbereitschaft für mögliche aggressionsthematische Reize, die zu Aggressionen führen können wie z.B.: der psychologische Zustand des Individuums (Müdigkeit, Wirkung von Alkohol und Medikamenten usw.).
- Zu dem Komplex Nr.3 gehört die aktuelle Situation während und nach dem Spiel mit einer Vielzahl an möglichen Reizen wie z.B.: Aspekte des Fußballspiels (Heim-/Auswärtsspiel, Aggression, Spielergebnis etc.), ökologische Bedingungen, Wetterbedingungen, das Verhalten und die Anzahl der Ordnungskräfte etc.
- Zu dem Komplex Nr.4 gehören Einstellungen, die sich ein Fußballfan innerhalb einer Gruppe im Sinne von der Lerntheorie aneignet. So z.B.: formelle Regeln der Gruppe, informelle Normen der Gruppe und Leistungsorientierung in der Gruppe.
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Diplom Sozialpädagoge Stoyan Dimitrov, 2007, Sozialpädagogische Fanarbeit - Rahmenbedingungen und Konzepte am Beispiel Werder Bremen und Dynamo Dresden, München, GRIN Verlag GmbH
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