INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 2
2. GOTT ALS DAS, WORÜBER NICHTS GRÖßERES GEDACHT WERDEN KANN
3
2.1 Kontextuelle Einordnung 3
2.2 Skizzierung des Beweises 3
2.3 Erläuterungen und Kritik 4
3. GOTT ALS DER UNBEWEGTE BEWEGER 5
3.1 Kontextuelle Einordnung 5
3.2 Skizzierung des Beweises 5
3.3 Erläuterungen und Kritik 6
4. GOTT ALS DER NICHTLEERE DURCHSCHNITT ALLER POSITIVEN KLASSEN
6
4.1 Kontextuelle Einordnung 6
4.2 Skizzierung des Beweises 7
4.3 Erläuterungen und Kritik 8
5. FAZIT 9
6. LITERATURVERZEICHNIS 10
1
1. Einleitung
Im Register des „Katechismus der katholischen Kirche“ sucht man vergeblich nach dem Stichwort „Gottesbeweise“. Sie spielen in der offiziellen katholischen Lehre, scheint es, keine Rolle. Die Existenz Gottes wird ja auch vorausgesetzt, sie ist durch die Schrift evident und muss nicht erst bewiesen werden. Es wird vielmehr die Frage gestellt, wie man als Mensch Gott erkennen kann; zwei Aspekte, die eng miteinander verbunden sind, aber doch sauber zu unterscheiden sind. Dennoch versuchte man immer wieder, die Existenz Gottes objektiv zu beweisen, angeregt vielleicht durch eigene Zweifel oder um mit Heiden über Gott sprechen zu können. Der hl. Thomas schreibt zu Beginn der „Summe gegen die Heiden“: „Sie kommen nicht mit uns in der Autorität irgendeiner Schrift überein. [...] Daher ist es notwendig, auf die natürliche Vernunft zurückzugreifen, welcher zuzustimmen alle gezwungen sind.“ 1 (Eigene Übersetzung)
Auf der Suche nach einem Gottesbeweis muss man sich vorher immer klar machen, was man unter Gott versteht. Hier ist eine volkstümliche Vorstellung, also welche sich verschiedene Menschen von Gott und seiner Natur machen, von einer philosophischen zu unterscheiden. 2 Es ist klar, dass man beim Gottesbeweis in der Regel letztere zugrunde legt. Ich habe exemplarisch drei herausgesucht, einen aus unserer Gegenwart, zwei aus dem Mittelalter, von denen einer seine Wurzeln in der Antike hat, sodass der gebotene Einblick nicht allzu sehr durch Gegebenheiten und Ansprüche der jeweiligen Zeit eingeschränkt bleibt.
1 S.c.G., l.1,c.2 (“non conveniunt nobiscum in auctoritate alicuius Scripturae [...] Unde necesse est ad naturalem
rationem recurrere, cui omnes assentire coguntur”).
2 WILLEMS, 520f.
2
2. Gott als das, worüber nichts Größeres gedacht werden
kann
2.1 Kontextuelle Einordnung
Der so genannte ontologische Gottesbeweis taucht das erste Mal im Proslogion des Anselm von Canterbury (1033-1109) auf. Anselm hatte sich die Frage gestellt, „ob eine schriftliche Darstellung gefunden werden könne, welche, um etwas zu gelten, keines anderen als ihrer selbst bedürfe, und welche allein ausreiche, alles was wir über das göttliche Wesen glauben, zu bekräftigten, dass Gott wahrhaft existiere, dass er das höchste Gut sei, welches keines anderen bedürfe und wessen alle anderen bedürften, um zu sein und in guter Weise zu sein.“ 3 (Eigene Übersetzung). Nach langem Überlegen entschließt er sich darüber zu schreiben, wie man Gott erkennt und wie man das Geglaubte versuchen zu verstehen kann. Der Text ist als eine Rede an Gott verfasst und trägt daher in Analogie zum Monologion, einem früheren Werk Anselms, den Namen „Proslogion“.
2.2 Skizzierung des Beweises 4
Gott wird als das angenommen, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Es ist nun zu zeigen, dass solch eine Sache wahrhaft existiert. Zunächst ist es ein Unterschied, ob eine Sache wahrhaft (in re) oder nur im Verstande (in intellectu) existiert. Dass dies, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, im Vers-tande existiert, liegt auf der Hand, da man es sich ja vorstellen kann. Angenommen, es existierte nur im Verstande: Dann könnte man sich ja immer noch vorstellen, dass es auch in re existierte. Dies bedeutete aber, dass das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann, größer wäre als das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann, was natürlich nicht sein kann. Daher ist es notwendig, dass es sowohl im Vers-tande als auch wahrhaft existiert.
3 Proslogion, Prooemium („si forte posset inveniri unum argumentum, quod nullo alio ad se probandum quam se
solo indigeret, et solum ad astruendum quia Deus vere est, et quia est summum bonum nullo alio indigens, et quo
omnia indigent ut sint et ut bene sint, et quaecumque de divina credimus substantia, sufficeret.“).
4 Proslogion, 2f.
3
Kann man sich dann nicht immer noch vorstellen, dass es dies gar nicht gäbe? Wenn man sich von Dingen denken kann, dass es sie nicht gibt, bedeutet dies automatisch, dass sie kleiner sind als Dinge, von denen man nicht denken kann, dass es sie nicht gibt. Wenn man sich also das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann, nicht denken könnte, müsste man sich also etwas denken können, was größer wäre als das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann. Aber dies kann natürlich nicht sein. Also kann ich mir nicht denken, dass es nichts gibt, worüber nichts Größeres gedacht werden kann. Und gerade dies ist ja nach Vorraussetzung Gott. Er ist das Einzige, von dem man nicht denken kann, es wäre nicht da, alles andere existiert weniger wahrhaft und besitzt weniger Sein.
2.3 Erläuterungen und Kritik
Schon zu Anselms Lebzeiten wurde Kritik an diesem Beweis laut. Gaunilo von Marmoutier versuchte ihn in seiner Schrift „Liber pro insipiente“ zu widerlegen, setzte aber an der falschen Stelle an. 5
Eine ernstzunehmendere Kritik brachte Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft: Verkürzt kann man sagen, dass Kant die Existenz nicht als eine Eigenschaft ansieht, die auf einen Gegenstand zutrifft oder nicht. Man darf die grammatische und ontologische Bedeutung von „sein“ nicht miteinander vermischen. Wenn ich dem Satz „Gott existiert“ das Prädikat entziehe, entziehe ich ihm gleichzeitig auch sein Subjekt. Genau so ist es mit seiner Negation, welche dann ebenfalls nichts mehr aussagt und logischerweise keinen Widerspruch impliziert, wodurch sie die positive Aussage „Gott existiert“ beweisen könnte. 6
Ein weiteres Moment seiner Argumentation lautet: „Es findet sich hier nun das Befremdliche und Widersinnische, daß der Schluß von einem gegebenen Dasein überhaupt, auf irgend ein schlechthinnotwendiges Dasein, dringend und richtig zu sein scheint...“
5 Vgl. MACRONE, 26ff.
6 Vgl. KANT, Bd.4, 529-536.
4
3. Gott als der unbewegte Beweger
3.1 Kontextuelle Einordnung
Der Beweis, in welchem Gott als der unbewegte Beweger plausibilisiert wird, begegnet uns in der Summa Theologiae des Thomas von Aquin (1225-1274). 7 Dies ist ein Lehrbuch für Theologiestudenten, eingeteilt in partes, quaestiones und articuli, was eine typische Gattung mittelalterlicher Lehrliteratur darstellt. Allerdings darf Thomas bei seinen Lesern schon ein gewisses philosophisches Basiswissen voraussetzen, da die Theologie als einer der höheren Fakultäten auf dem Studium der artes liberales aufbaute, die sich zu dieser Zeit stark mit Aristoteles beschäftigten. Aus diesem Grunde verwendet Thomas Termini der aristotelischen Philosophie, ohne sie ausführlich zu erklären.
3.2 Skizzierung des Beweises 8
Alles ist in Bewegung. Unter Bewegung versteht man das Überführen einer Sache vom Kann-Zustand (potentia) in den Ist-Zustand (actus) bezüglich einer gewissen Eigenschaft. Beispielsweise ist das Holz bezüglich der Hitze zunächst im Kann-Zustand und wird durch das Feuer in den Ist-Zustand versetzt. Daraus wird klar, dass ein Gegenstand niemals in actu und potentia gleichzeitig sein kann. Das Holz kann nicht gleichzeitig heiß und kalt sein. Aber um in Bewegung zu sein, bedarf es eines zweiten Gegenstandes, welcher in Bezug auf die Eigenschaft, wo es „hin will“, bereits im Ist-Zustand ist. Das kalte Holz braucht also das heiße Feuer, um selbst heiß zu werden. Alles Bewegte braucht also einen Beweger, da es sich auf Grund der Ausschließlichkeit von actus und potentia nicht selbst bewegen kann. Ließe sich die Kette von Bewegtem und Beweger unendlich weit fortführen, so gäbe es keinen ersten Beweger, also nichts, was etwas anderes bewegt, dies ist aber ein Widerspruch zur Realität. Daher muss man zu einem ersten unbewegten Beweger („primum movens, quod a nullo movetur“) kommen, und das ist Gott.
7 In etwas ausührlicherer Form erörtert Thomas die Thematik auch in der Summa contra gentiles.
8 Vgl. S. Th. p.1, q.2, art.3.
5
Wie oben schon angedeutet, steht Thomas mit diesem Beweis in der Tradition des Aristoteles (384-322). Dieser führt den Beweis in ähnlicher (ausführlicherer) Weise und bezeichnet analog den ersten Beweger als „τι, ο ου κινούµενον κινει“ 9 .
3.3 Erläuterungen und Kritik
Der vorliegende Text ist, wie es für die Scholastik typisch ist, in sich stimmig und abgeschlossen und lässt den Anspruch erkennen, allgemeine und absolute Gültigkeit zu besitzen. Aber fußt er nicht letzten Endes auf unbeweisbaren Grundannahmen, wie z.B. „non est procedere in infinitum“? Könnte man nicht genauso stringent behaupten, die Ursachen bildeten einen Kreis (z.B. Wasserkreislauf) oder gar doch eine unendliche Kette? Beruht nicht alles auf Naturgesetzen? Muss es denn zwingend nur eine Ursache geben, könnten es nicht auch mehrere sein? 10 Reinhard Löw versucht für einige dieser Probleme eine Erklärung zu finden: Eine unendliche Kette bedeutet im Lichte des griechischen Denkens eine schlechte Unendlichkeit. Der Kreis oder die Naturgesetze hingegen wären möglich, aber dann drängt sich die Frage auf, wer diese Gesetze verfasst oder wer die Kreisbahn geschaffen hat. 11
4. Gott als der nichtleere Durchschnitt aller positiven Klas-
sen
4.1 Kontextuelle Einordnung 12
Nach dem Tod seines Freundes Albert Einstein 1955 publizierte der Mathematiker Kurt Gödel (1906-1978) nichts mehr. Seinen „ontologischen Gottesbeweis“, der auf das Jahr 1970 datiert ist, fand man in seinem Nachlass.
9 Met., XII,7,2.
10 Vgl. MACRONE, 23.
11 Vgl. LÖW, 62f.
12 Vgl. BLÜSS.
6
4.2 Skizzierung des Beweises 13
4.2.1 Axiom
∀ ∈ ⇒ ∈ ∧ ⊆ „Oberklassen von positiven Klassen sind positiv.“ G F Ps G Ps F G F , 4.2.2 Axiom ∀ ∉ ⇔ ∈ „Entweder ist eine Klasse positiv oder ihr Komplement (das, C F Ps F Ps F was nicht drin ist).“ 4.2.3 Axiom
„Der Durchschnitt aus allen positiven Klassen ist ebenfalls positiv.“ I Ps Ps∈
Sei Gott definiert als der Durchschnitt aller positiven Klassen. Es bleibt nun zu zeigen, dass dieser Durchschnitt nicht leer ist und genau ein Element besitzt: 4.2.4 Satz ∅ ≠ ⇒ ∈ „Positive Klassen sind nicht leer.“ F Ps F
Beweis: Sei U das Universum. ∈ ∅ = ∈ Angenommen die leere Klasse ist positiv Ps also F mit Ps F , ⊇ ∈ ⇒ Dann ist das Universum als eine Ober- F U wegen Ps U
∉ ∅ = ⇒ Mit (A2) ist dann der Rest des Univer- U C ) ( h Widerspruc Ps
13 Vgl. ESSLER, 168f.
7
4.2.5 Satz
∅ ≠ „Gott ist nicht leer“ Gt Beweis:
Dies ist jetzt klar. Denn wäre Gott als der Durchschnitt aller positiven Klassen die leere Klasse, so wäre die leere Klasse ja positiv, was oben widerlegt wurde. 4.2.6 Satz ∉ ⇒ ≠ ∧ ∈ „Ist x in der Klasse Gott dann ist kein anderes Element mehr in Gt y x Gt x dieser Klasse. x ∈ Seien Angenommen es gibt zwei Elemente x Gt y , und y in der Klasse Gott.
{ } ∈ ⇒ ∈ ∧ ∈ ⇒ x Dann ist die Menge, die nur x enthält, F y Ps F Ps
{ } wegen { } P ∈ ⇒ y ∈ Also auch diejenige, die nur x enthält, x x muss y enthalten.
x = ⇒ y Das bedeutet, dass x gleich y gelten muss. 4.2.7 Satz x ∈ ∃ : „Es gibt genau ein Element in der Klasse Gott, d.h. es gibt nur einen Gott.“ Gt x !
Beweis: Dies ist eine Folgerung aus Satz 4.2.5 und Satz 4.2.6.
4.3 Erläuterungen und Kritik
Matthias Blüss sieht in diesem Beweis die mathematische Fassung von Anselms Beweis, was sicherlich durch die von Gödel gewählte Überschrift „Ontologischer Got-
8
tesbeweis“ untermauert wird. 14 Daher lässt sich die oben erläuterte Kantsche Kritik der Vermischung von Seins-Kategorien hierauf übertragen. Darüber hinaus lässt sich sagen, dass Gödel sich ein hohes Ziel gesetzt hat, was er wahrscheinlich nicht erreichte: Die Frage nach Gott in der Sprache der Mathematik zu beantworten. Es ist natürlich gängige mathematische Praxis, aus gegebenen Axiomen Sätze zu beweisen, deren Resultate unseren Erfahrungshorizont überschreiten. Doch hier kommt es auf präzise Definitionen an, was bei einer „positiven Klasse“ sicherlich nicht viel mehr der Fall ist als beispielsweise bei einem „primum movens, quod a nullo movetur“ oder einem „aliquid, qou maius cogitari nequit“.
5. Fazit
Jeder der drei genannten Beweise ist geglückt und kam zu seinem gewünschten Ergebnis, jedoch bietet auch jeder dieser Beweise Angriffsflächen für z. T. berechtigte Kritik. Allein die Anzahl und Verschiedenheit der einzelnen Ansätze wirft doch die Frage auf, ob Gottesbeweise etwas bringen oder ob einige, um mit Kant zu sprechen, nicht eine „bloße Tautologie“ 15 sind.
Es wird meiner Meinung nach nie gelingen, einen Beweis zu finden, der Gottes Wirklichkeit so umfassend und überzeugend darlegt, dass niemand mehr widerspricht. Wir können immer nur eine von Gottes vielen Eigenschaften herausgreifen und daran seine Existenz zeigen, wie hier zum Beispiel, dass er von nichts bewegt wird, dass man sich nichts größer als ihn denken kann und dass er alle positiven Eigenschaften in sich vereinigt. So helfen uns die Beweise, einen Bruchteil des Wesens Gottes auf unser beschränktes Fassungsvermögen unter einem gewissen Aspekt abzubilden und uns so einiges verständlicher zu machen. Den Rest muss der Glauben leisten. Thomas formuliert es treffend im Zusammenhang mit der Realpräsenz (welche auch wiederum nur ein Aspekt des Göttlichen ist): „Praestet fides supplementum sensuum defectui.“ 16
14 Vgl. BLÜSS.
15 KANT, Bd.4, 533
16 Gotteslob, 541.
9
6. Literaturverzeichnis
S. ANSELMI CANTUARENSIS Archiepiscopi: opera omnia, ad fidem codicum recensuit F.S. Schmitt, 6 volumina, Edinburgi 1938-1961. ARISTOTELES, Metaphysik, Grundtext Übersetzung und Commentar nebst erläuternden Abhandlungen von Dr. Albert Schwegler, Tübingen 1847. ESSLER, Wilhelm: Gödels Gottesbeweis. In: Ricken, Friedo (Hrsg.): Klassische Got-tesbeweise in der Sicht der gegenwärtigen Logik und Wissenschaftstheorie, Stuttgart
1998, 167-178.
GOTTESLOB, Ausgabe für das Bistum Trier, Trier 1982.
KANT, Immanuel: Werke in zwölf Bänden, herausgegeben von Wilhelm Weischedel,
Frankfurt am Main, 1977.
LÖW, Reinhard: Die neuen Gottesbeweise, Augsburg 1994. MACRONE, Michael: Heureka!, Wiesbaden 2004. PLÜSS, Matthias: Das Genie und der Wahnsinn (http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Albert-Einstein-Kurt-Goedel;art304,2454513), 26.03.2008.
S. THOMAE AQUINATIS doctoris angelici: Summa theologiae, Taurini 1948. S. THOMAE DE AQUINO: Summa contra gentiles, Romae 1934. WILLEMS, C.: Institutiones Philosophicae, vol.2, Treveris 1919. Bildquelle: (http://www.daszitat.de/images/aquin.gif), 27.03.2008
10
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Michael Roßler, 2007, Gottesbeweise - ein kurzer Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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