Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Textvorlagen. 4
3. Ein man verbiutet âne pfliht ein spil. 5
3.1 Gattung. 5
3.2 Interpretation. 5
3.3 Deutung mîner frowen 9
3.4 Problematik ôsterlîcher tac 11
3.5 Die Schachterminologie. 12
4. Fehde ja oder nein? 13
5. Literatur 17
2
1. Einleitung
Bei Forschungen zu mittelalterlicher Literatur fällt immer wieder auf, dass es in der Diskussion oft genug nur darum geht, ein „dichtes Gewebe polemischer Beziehungen“ 1 aufdecken zu können. WACHINGER meint dazu, dass „die Vorstellung von einer umfangreichen und höchst raffinierten literarischen Polemik“ 1 bereits droht, zu einem „unbezweifelten Bestandteil unseres Bildes von der höfischen Dichtung zu werden, ob man diese Polemik nun als erbitterte ‚Fehden‘ oder als ‚geistiges Ballspiel‘ deutet.“ 1 Im Mittelpunkt jener in diese Richtung gehenden Untersuchungen steht natürlich die sogenannte ‚Reinmar-Walther-Fehde‘. Sie gestaltet sich als die zentrale Thematik der Walther-Philologie und der Reinmar-Forschung. Aus diesem Grund neigt vor allem die traditionellere Forschung oft dazu, möglichst viele Lieder Walthers und Reinmars im Kontext der ‚Fehde‘ zu deuten. Dieser Tendenz gegenüber scheint jedoch - laut Wachinger - Kritik und „methodische Besinnung“ 2 angebracht, da vielfach versteckte polemische Beziehungen und boshafte Anspielungen auch an solchen Stellen vermutet werden, die vordergründig kaum mit Polemik zu tun haben. 2 Dieser Meinung schließt sich auch BAUSCHKE an, die zahlreiche Forschungsergebnisse zur ‚Fehde‘ für verfälscht hält, da ihrer Ansicht nach die Interpretation der Texte Walthers und Reinmars stets an Hand einer Beziehung der beiden durchgeführt wurde, die „nicht in diesem Sinne nachgewiesen werden kann.“ 3 Ein wichtiger Beleg, der immer wieder als das Beweisstück für die Fehde herhalten muss, ist Walthers 111,23, das sich auch tatsächlich nur in Relation zur Lyrik Reinmars adäquat beschreiben lässt. Trotz des aggressiven Tons der Parodie ist es laut Bauschke aber dennoch „wichtig zu untersuchen, ob es sich bei den vermeintlichen Anspielungen um allgemeines Minnesangreservoir und damit zufällige Parallelität, um nicht markierte Responsionen oder um bedeutungskonstituierende Intertextualität handelt.“ 4 Der Frage, welche konkreten Hinweise uns 111,23 auf eine literarische Auseinandersetzung gibt und inwiefern man dieses Lied als Ausdruck einer Fehde zwischen Reinmar und Walther deuten kann, soll sich nun folgender Beleg widmen.
1 Wachinger, Burghart: Sängerkrieg. Untersuchungen zur Spruchdichtung des 13. Jahrhunderts. München 1973,
S.98.
2 Ebd., S. 101.
3 Bauschke, Ricarda: Die ‚Reinmar-Lieder‘ Walthers von der Vogelweide. Literarische Kommunikation als Form
der Selbstinszenierung. Heidelberg 1999, S.13.
4 Ebd., S.42.
3
2. Textvorlagen Reinmar Walther
111,23 159,1
In dem dône: Ich wirbe umb allez daz ein man Ich wirbe umbe allez, daz ein man
Ein man verbiutet âne pfliht Ze werltlîchen fröiden iemer haben sol:
ein spil, des im nieman wol gevolgen mac. Daz ist ein wîp, der ich enkan
er giht, swenne ein wîp ersiht Nâch ir vil grôzem werde niht gesprechen wol.
sîn ouge, sî sî sîn ôsterlîcher tac. Lobe ich si, sô man ander frouwen tuot,
Wie waere uns andern liuten sô geschehen, daz genimet sie niemer tac von mir für guot.
solten wir im alle sînes willen jehen? Doch swer ich des, si ist an der stat,
ich bin, der [ ] imez versprechen muoz: das ûz wîplîchen tûgenden nie fuoz getrat.
bezzer waere mîner frowen senfter gruoz. Daz ist iu mat.
dâ ist mates buoz.
Swaz in allen landen
Mir ze liebe mac geschehen,
Daz stât in ir handen,
anders niemen will ich sîn jehen.
Si ist mîn ôsterlîcher tac,
und hân si in mînem herzen liep.
Daz weiz er wol, dem man niht geliegen mac. (Schweikle, Günther (Hrsg.): Reinmar. Lieder. Stuttgart 1986.)
4
3. Ein man verbiutet âne pfliht ein spil
3.1 Gattung
Das nur in der auf Vollständigkeit bedachten Handschrift C tradierte Lied Walthers ist im Typ des Wechsels verfasst. Die Norm des Wechsels ist hier insofern erfüllt, als beide Strophen das gleiche Thema - das des senften gruozes - umspielen. Die beiden Strophen sind jeweils von einem Mann und einer Frau vorgetragen gedacht, die zwar nicht zueinander sprechen, sich aber in ihren Monologen auf den jeweils anderen beziehen. 5 Laut Wapnewski handelt es sich hier um einen Wechsel mit der „bezeichnend Waltherschen Abweichung aus dem Eros in die polemische Pädagogik“ 6 , bei dem „nicht die gemeinsame Bekundung gegenseitiger Zuneigung, sondern die gemeinsame Bekundung gemeinsamer Kritik [...] der Kern des Liedes“ 6 seien. Die Wahl dieses Liedtyps ermöglichte es Walther, gekonnt seinen Schlag gegen Reinmar zu führen, indem er die Herrin Reinmars selbst auftreten und ihren Untergebenen zurechtweisen lässt. Mann und Frau solidarisieren sich durch die Verkündung ihrer Abneigung gegen einen Dritten. „Schon die Wahl dieser Gattung suggeriert gegen jeden Zweifel von außen die unverbrüchliche Solidarität der Partner.“ 7
3.2 Interpretation
Bei Walthers „Schachlied“ handelt es sich um eine Parodie - vorwiegend der ersten und fünften Strophe - des Reinmarliedes 159,1. Der Verweis in dem dône dient nicht nur der Melodiebeschreibung, sondern primär benennt er das „die Parodie konstituierende äußere Merkmal - die Identität der Form mit der des ‚Originals‘“. 8 Nur in Kenntnis des Bezugstextes entfaltet sich damit der Sinn für den Rezipienten. 9 Daraus lässt sich schließen, dass das zeitgenössische Publikum beide Reinmar-Lieder gekannt haben muss. Man vermutet, dass Walther 111,23 relativ bald nach der Aufführung von 159,1 verfasst und vorgetragen hat, und zwar am gleichen Ort, dem Babenberger Hof in Wien, der nach wie vor Favorit für eine lokale Fixierung der Schachlieder ist. 8
5 Wapnewski, P.: Waz ist minne. Studien zur mittelhochdeutschen Lyrik. München 1979, S.80.
6 Ebd., S.90.
7 Ebd., S.105.
8 Bauschke, Ricarda: Die ‚Reinmar-Lieder‘ Walthers von der Vogelweide. Literarische Kommunikation als Form
der Selbstinszenierung. Heidelberg 1999, S.65.
9 „Eine Parodie aber ist wesensmäßig ein komplementäres Phänomen, und das heißt: sie kann niemals allein
genommen verständlich sein, vielmehr bezieht sie ihr Wesen erst aus der Relation zu dem Modell.“ (Wapnewski,
S. 81.)
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Arbeit zitieren:
Susann Lüdeke, 2004, Die Walther-Reinmar-Fehde, München, GRIN Verlag GmbH
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