Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Biographische Daten zu Erwin Böhm 5
3. Definitionen/ Begriffsklärungen 6
3.1. Demenz 6
3.2. Psychobiographie 7
3.3. Psychische Anteile vs. Kognitionen 8
3.3.1. Thymopsyche 8
3.3.2. Noopsyche 8
3.4. Aktivierende/ Re-Aktivierende Pflege nach Böhm 9
3.5. Übergangspflege und differentialdiagnostischer Ausgang 10
3.6. Pflegepersonen 10
4. Interaktionsstufen/ Erreichbarkeitsstufen 10
5. Analyse und Evaluation des Modells 16
6. Biographieforschung 21
6.1. Die Wurzeln des Menschen 21
6.2. Der Stamm - Charakterbildung 21
6.3. Die Äste - das Verhalten und Handeln 21
6.4. Copings und Altenbetreuung 22
7. Pflegediagnosen nach Böhm 22
7.1. Die Komponenten der Pflegediagnosen 23
7.2. Pflegepolitische Bemerkungen zu den Pflegediagnosen 25
8. Praxisbeispiel 25
9. Zusammenfassung/ Schlussfolgerungen 26
Literaturverzeichnis 28
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1. Einleitung
Erwin Böhm, der Begründer des Psychobiographischen Pflegemodells, beschäftigte sich „mit einer Neuorientierung der geriatrischen Krankenpflege (…), um das Los der Patienten, aber noch mehr jenes der Betreuer zu erleichtern“. (Böhm 1994, S. 7) Ein zentraler Ansatz seiner Theorie stützt sich auf Fördern durch Fordern, das heißt, „Pflegen mit der Hand in der Hosentasche“. (Vgl. Böhm 1996 2 ) Er meint, darin liege die Schwierigkeit. Die meisten Menschen glauben, dass die Alten, die ihr Leben lang gearbeitet haben, das Recht hätten, sich auszuruhen. Fatal an dieser Einstellung sei jedoch, dass die Menschen dadurch dem natürlichen Prozess des Verfalls durch das Altern hingegeben und damit „zu Tode gepflegt“ würden. (Vgl. Böhm 1996 2 ) Böhm interpretiert dieses Phänomen als gesellschaftlich etabliertes Problem der Menschen. Es handelt sich damit meinem Verständnis nach nicht um ein persönliches oder individuelles Problem der einzelnen Pflegekraft. Es handelt sich eher um ein Phänomenen unserer Gesellschaft. Böhm sagt, uns würde es leid tun, den Menschen eigene Aktivitäten zuzumuten, sie allein ihr Bett machen zu lassen oder allein zu essen. (Böhm 1996 2 , S. 11) „Im Umgang von Mensch zu Mensch hemmt meistens die Gefühlsbremse das rationelle Gas-geben. Man weiß (…), dass in der Altenbetreuung Fördern durch Fordern das Richtige wäre; was tut man aber, man legt den Alten in ein Bett, weil es gefühlsmäßig wehtut, wenn man ihn durch die Gegend jagen muss.“ (Böhm 1996 2 , S. 11) Böhm publizierte, dass die eigene Erziehung (die der Pflegeperson) und dessen Normen und Werte einen entscheidenden Einfluss auf die Betreuung alter (kranker) Menschen und das Verhalten ihnen gegenüber haben. Seine These lautet demzufolge, die Voraussetzung, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen, sei die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst. (Vgl. Böhm 1996 2 , S. 15)
Erwin Böhm, der selbst viele Jahre in verschiedenen psychiatrischen, v.a. psychogeriatrischen Einrichtungen gearbeitet hat, entwickelte sein Pflegekonzept auf der Grundlage dieser praktischen Erfahrungen. Sein Konzept stammt damit aus der Praxis. Eines der primären Ziele soll es sein, die Lebensqualität der Menschen zu steigern bzw. zu erhalten. Gleichzeitig gibt seine Theorie den Pflegekräften eine Leitlinie, eine gemeinsame Sprache, die sie in dem schwierigen Umgang mit demenziell erkrankten Menschen unterstützen soll und die pflegerische Arbeit transparent und damit nachvollziehbar macht. Von Bedeutung ist der rein pflegerische Schwerpunkt in der täglichen Arbeit. Böhm betont mehrfach, dass Pflegekräfte nicht weiterhin nur als verlängerter Arm der Medizin tätig werden sollen, nein, wir sollen selbst kreativ sein und zeigen, welch wichtige Arbeit Pflege leisten kann. Dies ist ein entscheidender Schritt in Richtung Professionalisierung der Pflege. (Vgl. Böhm 1996 2 ) Meinen derzeitigen Beobachtungen nach
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distanziert sich die Pflege zunehmend von der reinen Berufung zur aufopfernden Versorgung und Betreuung Alter und Kranker. Wissenschaftlich erforschtes und belegbares Wissen werden immer häufiger als Grundlage einer professionellen Gesundheits- und Krankenversorgung gefordert. Ich denke, dass das Böhmsche Konzept, das sich auf der Grundlage einer jahrelangen und weiterhin anhaltenden Forschungsarbeit in verschiedenen Pflegeeinrichtungen etabliert hat, einen bedeutenden Weg in Richtung Akademisierung und Professionalisierung aufzeigt. Die Grundlage dafür bieten verschiedenste Studien, die zur Konzeptentwicklung beigetragen haben, die anhaltende Forschungsarbeit und das tief greifende Pflegeverständnis.
Böhm beobachtete Menschen in den verschiedensten Institutionen der Pflege und Gesundheits-versorgung. Auf diesen mündet sein Pflegekonzept. Laut Böhm kennt sein Modell zwei Umsetzungsmöglichkeiten: die Übergangspflege und das Psychobiographische Pflegemodell für Langzeitpflegestationen. Ein bedeutendes Ziel der Pflege nach dem Böhmschen Modell ist, zu verhindern, dass der alte Mensch dekompensiert. Ist der Patient den alltäglichen Anforderungen gewachsen, stellt die Übergangspflege einen therapeutisch-pflegerischen Ansatz dar. (Vgl. Vogelauer & Pfusterer 2006) Diesen Ansatz kann ich auch in der Langzeitpflege erkennen, nur ist hier die Zielsetzung von Vornherein eine andere. In der Langzeitpflege wird der Patient in der Regel nicht wieder in sein gewohntes Umfeld und seine eigene Wohnung zurückgehen können. Meiner Erfahrung nach führt meist der massive Abbau von Fähigkeiten, welche die alleinige Bewältigung des alltäglichen Lebens erforderlich machen (Kochen, Waschen, Einkaufen u. v. a.
m.) zum Einzug in eine Pflegeeinrichtung zur Langzeitversorgung. Diesem Umstand kommt hinzu, dass die Angehörigen meist nicht mehr in der Lage sind, die Pflege zu übernehmen. Häufig berichten sie über massive Ängste um den Angehörigen, wenn dieser allein ist. Nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass die Pflege in Langzeiteinrichtungen einen therapeutisch-pflegerischen Ansatz haben sollte. Die Menschen, die wir pflegen, sollen ja durch den Einzug in eine Langzeitpflegeeinrichtung nicht alle Fähigkeiten verlernen, sondern sie erhalten und bestmöglich fördern. So interpretiere ich die Aussage von Böhm „pflegen mit der Hand in der Hosentasche“ (Böhm 2004).
Mittels meiner Arbeit stelle ich das Psychobiographische Pflegemodell von Erwin Böhm vor. Ich gehe dabei auch auf die kulturellen, historischen und sozialen Hintergründe der Theorie ein. In der Folge wende ich einzelne Aspekte der Theorie auf die vier zentralen Begriffe Mensch; Gesundheit/ Krankheit; Umgebung/ Umwelt und Pflege an. Im Anschluss stelle ich kurz einige biographische Daten vor, um den Kontext, in dem die Theorie entwickelt wurde, zu
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verdeutlichen. Des Weiteren habe ich einen Schwerpunkt auf die Vorstellung der Pflegediagnosen nach Böhm, basierend auf seinem Pflege(-prozess)-modell zur psychobiographischen Pflege, gesetzt. Zum Abschluss versuche ich die Ansätze der Böhmschen Theorie mittels eines kurzen, aber prägnanten Beispiels aus meiner eigenen Praxis verdeutlichen.
2. Biographische Daten zu Erwin Böhm
Um einen kleinen Einblick in das Leben von Erwin Böhm zu gewähren und vorzustellen, auf welcher Grundlage er das Psychobiographische Pflegemodell entwickelt hat, stelle ich nun einige biographische Daten dar. Meines Erachtens können dadurch Rückschlüsse darauf gezogen werden, in welchem historischen, kulturellen und sozialen Kontext die Theorie entwickelt wurde. Darüber hinaus gibt sie Aufschlüsse über die berufliche Sozialisation von Erwin Böhm. Erwin Böhm wurde am 16.5.1940 in Österreich geboren. 1963 legte er sein Examen als Krankenpfleger ab. Im Anschluss arbeitete er in verschiedenen Psychiatrien, v.a im Bereich Psychogeriatrie. Bereits 1970 absolvierte er eine Weiterbildung zum Unterrichtspfleger. Schon zu dieser Zeit erarbeitet Böhm die ersten Ansätze zur Entwicklung eines psychobiographischen Paradigmas. Im Jahre 1974 bekam er die Position des Oberpflegers im Psychiatrischen Krankenhaus Wien. Im Rahmen dieser Position und seiner dortigen Tätigkeit ist es möglich, dass die „Übergangspflege“ 1979 erstmals als Modellprojekt gestartet wird. Darüber hinaus war Böhm von 1980 bis 1982 Pflegedienstleiter der Abteilung "Übergangspflege" beim Kuratorium für psychosoziale Dienste in Wien. 1983 entwickelt Böhm die re-aktivierende Pflege. Ab 1987 beschäftigte er sich mit der Erforschung der Urkommunikation. Seit 1994 fungiert Böhm als Fortbildungsbeauftragter des Österreichischen Krankenanstaltenverbundes. (Vgl. http://www.tagespflege-aktiv-leben.de/html/erwin_bohm.html; Vgl.: Hausemer 2004) 1990 wurde die „Österreichische Gesellschaft für Geriatrische und Psychogeriatrische Fachkrankenpflege und angewandte Pflegeforschung gegründet.
Aufgrund seines Engagements in der Umstrukturierung und seine Bemühungen um die Professionalisierung der Altenpflege wird Böhm 2000 zum Professor ernannt. Im Jahre 2001 gründet Böhm das das Europäische Netzwerk für Psychobiographische Pflegeforschung (ENPP) mit Sitz in Bochum. Es wurde gegründet, um die Böhmsche Theorie zu verbreiten und das Modell in die Praxis umzusetzen. Darüber hinaus bietet es Interessenten und Betroffenen sowie deren Angehörigen Praxisberatung und Unterstützung in der Übergangspflege und Beratung von Angehörigen an. (Vgl. http://www.enpp.at/enpp.php)
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Die Entwicklung und Verbreitung des Böhmschen Konzeptes war jedoch nicht immer einfach. Erst durch die jahrelange Forschungsarbeit, die Böhm geleistet hat und als Argumentations-grundlage für das Bestehen seines Konzeptes dienen kann, ist es mit der Zeit anerkannt worden. Ich denke, dass zu diesem Umstand auch noch das Phänomen des nicht sehen wollens hinzukommt. Ich habe den Eindruck, dass in unserem Gesundheitswesen das Problem der steigenden Lebenserwartung und der damit verbundenen höheren Anzahl an Dementen gern ausgeklammert wird, man will es nicht sehen und sich nicht damit beschäftigen. Dementsprechend schwierig erscheint dann die Anerkennung der Arbeit eines Menschen, der sich jahrelang damit ausein-andergesetzt hat, weil er erkannte, von welch entscheidender Bedeutung dieses Phänomen ist.
3. Definitionen/ Begriffsklärungen
An dieser Stelle definiere ich jene Begriffe, die für das Verständnis des Böhmschen Modells von Bedeutung sind. Da es der verbesserten, im Sinne einer professionalisierten Auseinandersetzung mit Dementen konzipiert wurde, ist die Definition von Demenz unumgänglich. Des weiteren definiere ich jene Begriffe, die Böhm in seinem Konzept aufgestellt und geprägt hat. Von Bedeutung sind hier Begriffe wie Psychobiographie, Aktivierung/ Re-Aktivierung u. a.
3.1. Demenz/ demenzielle Erkrankungen
Im ICD 10 wird Demenz folgendermaßen definiert: „Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewußtsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf (…)“
(http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl/fr-icd.htm?gf00.htm+)
Schätzungen zufolge leiden rund 1,2 Mio. Menschen in Deutschland an Demenz. Weltweit geht man von ca. 24 Mio. Erkrankten aus.
(http://www.alzheimer-forschung.de/web/aktuelles/index.htm?showid=1383&archivemode=)
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Ich denke, diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig es in der heutigen Gesellschaft für uns alle ist, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen. Gerade wir Pflegekräfte sollten daher den Anspruch haben, eine professionelle Altenbetreuung anbieten und leisten zu können.
3.2. Psychobiographie
Mittels professioneller Gespräche mit dem Erkrankten, seinen Angehörigen und Bekannten werden biographische Informationen erhoben. Welche existentiellen Ereignisse gab es im Leben des Betroffenen, wie ist dieser aufgewachsen, was hat ihn geprägt. Ziel ist nicht nur die reine Erhebung von Daten, sondern speziell herauszufinden, welche Bewältigungsmechanismen (= Copings) der Betroffene im Laufe seines Lebens erworben hat. Von besonderer Bedeutung sind jene Erlebnisse und Copings, welche die Kindheit, die Jugendzeit und die Zeit als jungen Erwachsenen betreffen. Böhm bezeichnet diesen Abschnitt, der die ersten 25 Lebensjahre eines Menschen umfasst, als Prägungszeit. Bei den Gesprächen mit dem Betroffenen und/ oder seinen Angehörigen, sollte es sich nicht nur um Konversationen zur reinen Datenerhebung handeln; nein, denn sie fördern auch das Kennen lernen und Vertrauen. Klar sollte auch sein, dass nur ein Gespräch zur Anamneseerhebung nicht ausreichen kann, diesem müssen sich noch viele weitere anschließen. (Vgl. Böhm 1994)
Meinem Verständnis nach legt die Analyse der Psychobiographie den Grundstein für die Interaktion des Dementen und der Pflegeperson und hat daher einen sehr hohen Stellenwert im Böhmschen Konzept und demzufolge in unserer täglichen Arbeit. Durch den zunehmenden Verlust der kognitiven Leistungen und das Zurückschreiten des Erkrankten in vergangene Zeiten (v.a. die Prägungszeit) werden Erlebnisse aus der Prägungszeit von entscheidender Bedeutung. Ist sich die Pflegekraft darüber nicht bewusst und/ oder kennt sie die zentralen Ereignisse und Gewohnheiten des Erkrankten in seiner Prägungszeit nicht, kann sie auf jene nicht eingehen. Sie wird nicht verstehen, warum er z.B. das tägliche Duschen verweigert oder Lebensmittel im Schrank hamstert. Nur die Pflegekraft, die sich intensiv und professionell mit der individuellen Biographie auseinandergesetzt hat, kann entsprechend auf die Situation und das Erleben des Erkrankten eingehen und ihn dementsprechend fördern, im Sinne einer Aktivierung/ Re-Aktivierung.
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Arbeit zitieren:
Franziska Misch, 2006, Das Psychobiographische Pflegemodell nach Erwin Böhm, München, GRIN Verlag GmbH
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