1. Der Bildungsbegriff als zentraler Begriff
Der zentrale Begriff der bildungstheoretischen Didaktik ist der Bildungsbegriff. Dieser neue Bildungsbegriff wurde auf der Grundlage der klassischen Bildungstheorien neu definiert.
Als klassische Bildungstheoretiker sind dabei beispielsweise Wilhelm von Humboldt (1767-1835), Johann H. Pestalozzi (1746-1827), Friedrich D. E. Schleiermacher (1768-1834) oder Johann F. Herbart (1776-1841) zu nennen.
Gemeinsame Charakteristika der klassischen Bildungstheorien sind : - Bildung zielt auf die Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung (Begriff der Selbsttätigkeit)
- Bildung wird im Rahmen der historisch-gesellschaftlich-kulturellen Gegebenheiten erworben
- Bildung kann jede(r) nur für sich selbst erwerben - der Bildungsprozess erfolgt in der Gemeinschaft
Zusammengefasst kann man sagen: Allgemeinbildung bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, kritisch, sachkompetent, selbstbewusst und solidarisch zu denken und zu handeln.
1959 formulierte Klafki seine Forderung nach kategorialer Bildung.
Kategoriale Bildung ist der Versuch Klafkis, den Einseitigkeiten vorwiegend objektbezogener (materialer) und vorwiegend subjektbezogener (formaler) Didaktiken durch die Verbindung beider Ansätze zu entgehen.
2
"Bildung (...) muss als selbsttätig erarbeiteter und personal verantworteter Zusammenhang dreier Grundfähigkeiten verstanden werden:
- als Fähigkeit zur Selbstbestimmung jedes einzelnen über seine individuellen Lebensbeziehungen und Sinndeutungen zwischenmenschlicher, beruflicher, ethischer, religiöser Art.
- als Mitbestimmungsfähigkeit, insofern jeder Anspruch, Möglichkeit und Verantwortung für die Gestaltung unserer gemeinsamen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hat.
- als Solidaritätsfähigkeit, insofern der eigene Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung nur Gerechtfertigt werden kann, wenn er nicht nur mit der Anerkennung, sondern mit dem Einsatz für diejenigen und dem Zusammenschluss mit ihnen verbunden ist, denen eben solche Selbst-und Mitbestimmungsmöglichkeiten aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse, Unterpriveligierung, politischer Einschränkungen oder Unterdrückungen vorenthalten oder begrenzt werden." (Klafki, "Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik", 1994, S. 52) Weiter schreibt er:
"Allgemeinbildung muss verstanden werden als Aneignung der die Menschen gemeinsam angehenden Frage- und Problemstellungen ihrer geschichtlich gewordenen Gegenwart und der sich abzeichnenden Zukunft und als Auseinandersetzung mit diesen gemeinsamen Aufgaben, Problemen, Gefahren." (Klafki, "Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik", 1991, S. 53)
Diese Probleme formuliert Klafki in seinen "Epochaltypischen Schlüsselproblemen" : - Friedensfrage/ Problem der Friedenssicherung - Umweltfrage
- Problem der gesellschaftlich produzierten Ungleichheit - Gefahren und Möglichkeiten der neuen techn. Steuerungs-, Informations- und Kommunikationsmedien
- Erfahrung der Liebe, der menschl. Sexualität,... im Spannungsfeld zwischen individuellem Glücksanspruch, zwischenmenschl. Verantwortung und der Anerkennung des/ der anderen.
2. Anthropologische Grundannahmen
Das Menschenbild der bildungstheoretischen Didaktik ist abgeleitet aus den Ideen der Aufklärung, des Neuhumanismus sowie aus den klassischen Bildungstheorien. Als zentrale Begriffe ergeben sich hieraus Selbstbestimmung, Freiheit, Emanzipation, Autonomie, Mündigkeit, Vernunft sowie Selbsttätigkeit. (KLAFKI 1994, S. 19) Entsprechend wird der
3
zentrale Begriff Bildung verstanden als „Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung, (...) Emanzipation von Fremdbestimmung (...), als Befähigung zur Autonomie, zur Freiheit des eigenen Denkens und eigener moralischer Entscheidungen.“ (Ebd.) Im Sinne der Aufklärung wird Selbsttätigkeit als die zentrale Vollzugsform des Bildungsprozesses angesehen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen !“ (KANT 1784; vgl. KLAFKI 1994, S. 19). Als Vertreter der klassischen Bildungstheoretiker beschreibt auch Wilhelm von Humboldt im Jahre 1797 als Aufgabe der Bildung, den Menschen zu einem „freien und selbsttätigen Wesen“ heranzubilden. Der Mensch wird also als ein freies, zur vernünftigen Selbstbestimmung fähiges Wesen verstanden und Bildung selbst zugleich als „der Weg und Ausdruck solcher Selbstbestimmungsfähigkeit.“ (Ebd.) Vernünftigkeit,
Selbstbestimmungsfähigkeit und Freiheit des Denkens und Handelns gewinnt das Subjekt nur in Auseinandersetzung mit anderen Menschen und mit seiner Umwelt, mit der gesellschaftlichen und politischen Situation, mit Wertvorstellungen, Technik und Kultur. An diesem Prozess der Bildung sollen alle Menschen beteiligt sein. „Im Verständnis der klassischen Bildungstheorie ist Bildung insofern allgemeine Bildung, als sie Bildung für alle sein soll.“ (KLAFKI 1994, S. 21) Humboldt schreibt dazu im Jahre 1810 dass „jeder, auch der Ärmste, der gemeinste Tagelöhner“, eine vollständige Menschenbildung erhalten solle. (Ebd.) Auch Johann Heinrich Pestalozzi spricht sich im Sinne der klassischen Bildungstheorien für das Recht jedes Menschen auf pädagogisch zu unterstützende Entfaltung aller seiner Möglichkeiten (Kopf, Herz und Hand), der „Entwicklung aller Kräfte des Menschen“ aus. (KLAFKI 1994, S. 95) Damit war der klassische Bildungsbegriff ein durchaus gesellschaftskritischer: durch die Entfaltung der Vernunftsfähigkeit in jedem Individuum hoffte man darauf, unbegründete Herrschaftsverhältnisse abzubauen, Freiheitsspielräume zu vergrößern und damit die Lebensbedingungen zu humanisieren. (KLAFKI 1994, S. 95) In seinen Neuen Studien zur Bildungstheorie und Didaktik (1985) fasst Klafki das Menschenbild der bildungstheoretischen Didaktik als Zusammenhang von drei Grundfähigkeiten zusammen: der Mensch soll fähig sein zur Selbstbestimmung seiner individueller Lebensbedingungen, zur Mitbestimmung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse sowie zur Solidarität mit Menschen denen durch Unterprivilegierung, politische Einschränkung oder Unterdrückung Selbstbestimmung und Mitbestimmung verwehrt sind. (KLAFKI 1994, S. 52)
4
3. Wissenschaftstheoretischer Hintergrund
Klafki formulierte seine Didaktische Analyse 1958 auf der Grundlage der Geisteswissenschaftlichen Didaktik. Diese ist eine Teildisziplin der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, die unter der Vorläuferschaft des Berliner Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911) in den Jahren 1918 bis 1933 entwickelt und nach 1945 wieder aufgenommen und fortgeführt wurde. Von der Mitte der 20er Jahre bis 1933 und von 1945 bis etwa 1960 war die Geisteswissenschaftliche Pädagogik die einflussreichste Teilrichtung der
Erziehungswissenschaft in Deutschland. Als Gründergeneration können Hermann Nohl, Eduard Spranger und Theodor Litt genannt werden, die wichtigsten Repräsentanten der nur etwa 10 Jahre jüngeren Schülergeneration sind Erich Weniger und Wilhelm Flitner. (KLAFKI 1994, S. 85f) Aus dem Kreis der dritten Generation der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik stammt auch der Schüler, der die geisteswissenschaftliche zu einer kritisch - konstruktiven Erziehungswissenschaft weiterentwickelt hat: Wolfgang Klafki. Das gesamte Denken der geisteswissenschaftlichen Pädagogik ist bildungstheoretisch orientiert, der Bildungsbegriff bildet also die zentrale Kategorie. Da nach der geisteswissenschaftlichen Vorstellung Bildung in der Begegnung mit Objekten der kulturellen Umwelt erworben werden kann, gewinnt vor allem die Frage an Bedeutung, mit welchen Objekten der Schüler konfrontiert werden soll. Aus diesem Grund richtet die geisteswissenschaftlich - bildungstheoretische Didaktik i hr Interesse besonders auf die Auswahl der Inhalte des Unterrichts. Erich Weniger definiert Didaktik als die „Theorie der Bildungsinhalte“ und befasst sich mit dem Problem der Auswahl und Konzentration von Inhalten für den schulischen Bildungsprozess. Das Primat der Inhalte gegenüber allen anderen Momenten didaktischer Prozesse führt dazu, dass für didaktische Entscheidungen Inhaltsentscheidungen am wichtigsten sind. Methodische Entscheidungen sind stets von Inhaltsentscheidungen vorbestimmt. Das Bildungsideal der geisteswissenschaftlichen Didaktik enthält das Bild des zukünftigen Menschen, auf das die Erziehung hinarbeitet. Entsprechend enthält der Lehrplan nach Weniger „also nicht nur ein Bild von der Vergangenheit und den geistigen Besitz der erwachsenen Generation, sondern zugleich Zukunftswillen und ihr Zukunftsbild.“ Didaktik soll eine „Theorie des Handelns“ sein, die zur Klärung der Voraussetzungen des didaktischen Handelns beitragen und
Grundsätze für die didaktische Praxis aufstellen soll. (PETERßEN 2001, S. 150ff) Klafki nennt die geisteswissenschaftliche Didaktik daher auch eine „Wissenschaft von der Praxis für die Praxis“. (KLAFKI 1994, S. 89) Die geisteswissenschaftliche Didaktik geht also von der Bildungswirklichkeit aus und ist geschichtlich bestimmt: sobald sich die Situation ändert für die sie konzipiert worden ist, muss sich auch die Didaktik ändern. Weniger formuliert dies
5
Arbeit zitieren:
Susanne Gerdon, 2003, Bildungstheoretische Didaktik - Wolfgang Klafki, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Didaktische Modelle: Bildungstheoretische und Lerntheoretische Didakti...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Zwischenprüfungsarbeit, 33 Seiten
Die Bildungstheoretische Didaktik nach Wolfgang Klafki
Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge
Seminararbeit, 20 Seiten
Die bildungstheoretische Didaktik: Entstehung, Kritik, Aktualität
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Die kritisch-konstruktive Didaktik als Bildungstheorie
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 20 Seiten
Bildungstheoretische Didaktik - Das Modell Wolfgang Klafkis
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Seminararbeit, 13 Seiten
Rezension zum Aufsatz von Wolfgang Klafki: "Studien zur Bildungst...
Rezension / Literaturbericht, 7 Seiten
Die Beziehung zwischen Mann und Frau in Alfred Hitchcocks Film Rear Wi...
Seminararbeit, 19 Seiten
Leistungsmotivation - Eine Gegenüberstellung des Risikowahlmodells n...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Zwischenprüfungsarbeit, 32 Seiten
Revision des Bildungsbegriffes bei Klafki und seine pädagogischen Kons...
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Seminararbeit, 16 Seiten
Eine Interpretation von Thomas Brüssigs Sonnenallee
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 39 Seiten
Didaktische Modelle und das normativ-deontologische wirtschaftsdidakti...
BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Die Mauer der Schande - Ursachen und Folgen des Berliner Mauerbaus.
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Facharbeit (Schule), 19 Seiten
Susanne Gerdon hat den Text Bildungstheoretische Didaktik - Wolfgang Klafki veröffentlicht
Susanne Gerdon hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare