1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Bösen im Buddhismus. Es soll zunächst untersucht werden, wie der Dämonenglauben entstand und welchen Einfluß er auf die buddhistische Figur des Mra hatte, der das personifizierte Böse darstellt. Mra soll mit einer anderen Personifikation des Bösen verglichen werden, mit Satan. Anhand dieses Vergleiches soll der unterschiedliche Standpunkt des Buddhismus und des Christentums klargemacht werden, aus denen sich diese beiden Symbole des Bösen entwickelten. Die Symbole von denen hier die Rede sein wird, befinden sich im Kontext eines Mythos. Was aber stellt der Mythos dar? Er ist ein überlieferter Bericht, der sich auf Begebenheiten bezieht, die sich am Ursprung der Zeit zugetragen haben sollen. Er soll das menschliche Verhalten ergründen und alle Formen des menschlichen Handelns regeln. Der Mythos soll außerdem die Verbindung des Menschen an das Heilige und Wahre offenbaren 1 . Es wurden Symbolfiguren geschaffen, die Personifikationen des Guten und Bösen darstellen und somit dem Menschen einen Leitfaden zu seinem eigenen Leben bieten. Wie die Figuren des Bösen aussehen und was sie ausmachen, soll im Folgenden erklärt werden.
2. Das Böse und der Dämonenglauben
Der Religionswissenschaftler und Ethnologe E. B. Tyler entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts eine Theorie über den Ursprung von Religionen, wonach er aus dem Glauben an Seelen und Geistern enstanden sein soll (Animismus). Er ging davon aus, dass der „primitive“ Mensch nicht nur Menschen eine Seele zusprach, sondern auch Tieren, Pflanzen und Gegenständen. Im Laufe der Entwicklung habe man sich diese „Seelen“ wohl zunehmend selbstständiger gedacht. Demnach seien der Ursprung und das Wesen der Religion in verallgemeinerten Vorstellungen von Leben und Kraft zu sehen, die zunächst unpersönlich wirken und später personalisiert und handelnd gedacht wurden. Ob dieser Animismus bereits als Religion bezeichnet werden kann ist nicht Gegenstand dieser Arbeit; sicher ist aber, dass er zur Entstehung der Religion beigetragen hat. Auch T. O. Ling, der in seiner Studie „Buddhism and the Mythology of evil“ zunächst die Beziehung
1 Ricoeur 1971 S. 11
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zwischen dem Volksglauben an Dämonen und dem Buddhismus untersucht, erklärt die Entstehung des Glaubens an Dämonen ähnlich. Er soll erschaffen worden sein aus dem Unvermögen der Menschen, sich mysteriöse und bedrohende Aspekte des menschlichen Lebens zu erklären. Krankheit, Tod, Krieg, Mißernte, Unwetter usw. wurden auf jene personifizierten Mächte zurückgeführt, die man heute religionsgeschichtlich mit einem dem Griechischen (daimon) entlehnten Wort als Dämonen bezeichnet. Also entstand der Dämonenglauben aus Furcht vor dem Unbegreiflichen 2 . Als man sich nun eine Ursache derartiger Bedrohungen geschaffen hatte, wurden Wege gefunden mit solchen Mächten umzugehen. Die einfachste Abwehr ist zunächst die Flucht, sprich das Meiden von unwirtlichen Orten, wo man sich Dämonen vorstellte. Es wurden verschiedenen Methoden entwickelt, darunter magische Praktiken, wie sie auch im Atharva Veda zu finden sind. Vermutlich gehörten auch Opfer zu den magischen Riten, die die Dämonen besänftigen sollten. Unter den Bezeichnungen für Dämonen fand Ling die Wörter picas, yakas und rakas (Sanskrit). Nun leitet sich das Wort yakas von der Wurzel yaj, opfern, ab. Der yaka ist also etwas, dem man Opfer bringt 3 . Auch in der buddhistischen Literatur, beispielsweise in den Jtakas finden wir Geschichten von Dämonen. Hierin hausen sie oft an einsamen Plätzen, sind besonders nachts aktiv, bevorzugen Menschenfleisch und besitzen ein erschreckendes Äußeres. Obwohl sie menschenunähnlich sind, gibt es männliche und weibliche Dämonen 4 . Eine weitere Klasse von bösen Geistern stellen die Asuras dar, die ebenfalls im Atharva Veda zu finden sind. Ling schreibt über sie, dass sie einst als gute Geister galten, dann aber böse geworden sind. Zu diesem Wandel gibt es zahlreiche Erklärungsversuche. Man nahm an, dass er sich nicht aufgrund äußerer Ursachen vollzog, sondern dass sie von selbst böse wurden. Eine andere Idee war, dass sie auf die Devas eifersüchtig wurden, mit denen sie ein gemeinsamer Ursprung verbindet. Oft treten sie zusammen auf. Auch gibt es die Geschichte eines Krieges gegen die Devas. Interessant ist die Parallele zu Luzifer, dem gefallenen Engel,
3 Ling 1962 S. 19
4 ibd. S. 16
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von dem später noch die Rede sein soll. Die Verbindung zu den Devas unterscheidet die Asuras von den anderen dämonischen Figuren. Alle Charakteristika bekannter Dämonen sind nach Ling in der Figur des Mra aufgegangen. Der Buddhismus habe sich also volkstümlicher Vorstellungen bedient, um die Figur des personifizierten Bösen zugänglicher zu machen. Er wird als der mächtigste Dämon beschrieben, der alle anderen beherrscht. Im Unterschied zu Mra haben die untergeordneten Dämonen keine Individualität. Sie besitzen lediglich etwas Gattungsmäßiges, das ihnen allen gemein ist 5 . Obwohl die Buddhisten gewisse Elemente des Dämonenglaubens für ihre Lehre entlehnten, muß man doch festhalten, daß die Ansichten über das Wesen des Bösen grundlegend verschieden waren. Für die Animisten kam das Böse von außen auf sie zu. Daher wurden verschiedene Methoden entwickelt, um mit dem Dämonen umzugehen. Ihnen wurde geopfert; man versuchte sie zu beherrschen, indem man mächtigere Kräfte um Hilfe bat, die auch in den vedischen Hymnen vorkommen oder man versuchte sie durch Kräfte zu manipulieren, die man selbst z. B. durch Askese erlangt hat. Nach Ling ist diese Methode aus brahmanistischen Opfern bekannt, in welchen der persönliche Vorteil im Vordergrund gestanden haben soll. Das Prinzip, seine Umwelt den eigenen Wünschen zu unterwerfen, wird gewährleistet durch tapas (Skt. Glut, Hitze, Schmerz, Askese, Kasteiung), Selbstkasteiung, wodurch man magische Fähigkeiten erlangen könne (g Veda). Für die Buddhisten aber entspringt das Böse aus dem Menschen selbst. Daher setzten sie sich zunächst mit der inneren Konstitution des Individuums auseinander. Sie analysierten die Persönlichkeit eines Menschen und stellten fünf Konstituenten (skandhas, Haufen, Stücke) fest: Körper, Empfindungen, Wahrnehmung, Triebkraft und Bewußtsein. Alle diese Bestandteile sind für sie unbeständig und sind deshalb nicht als unser Selbst zu bezeichnen. Alle diese Skandhas sind Mra, weil sie das Streben nach Erleuchtung behindern. Aus diesem Grund repräsentiert Mra die nicht erleuchtete Menschheit.
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Arbeit zitieren:
Dana Bohlender, 2003, Das Böse im Buddhismus, München, GRIN Verlag GmbH
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