Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.0 Grundlegendes über ADS 1
2.0 Merkmale von ADS 3
2.1 Kernsymptome von ADS 3
2.2 Differentialdiagnostische Symptome 5
3.0 Die Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit Syndroms 6
3.1 Genetische Ursachen 6
3.2 Hormonelle Ursachen 6
3.3 Stoffwechselursachen 7
3.4 Allergien Seite 8
3.5 Psychosoziale und gesellschaftliche Ursachen 9
3.6 Einflüsse der Nahrung 10
3.7 Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt 10
4.0 Die Diagnostik von ADS 12
4.1 Die Anamnese 12
4.2 Testpsychologische Untersuchungen 13
4.3 Fragebogenverfahren 14
4.4 Neurologische Untersuchungen 15
5.0 Therapieformen für ADS 17
5.1 Medikamente (Stimulanzien) 17
5.2 Psychotherapeutische Ansätze 18
5.2.1 Aufmerksamkeits- Konzentrationstraining zum Aufbau
von planvollem Arbeitsverhalten 19
5.2.2 Programme zur Verhaltensmodifikation 19
5.2.3 Familienzentrierte Intervention 20
5.2.4 Psychomotorische Maßnahmen 20
6.0 ADS-Kinder in Schule und Unterricht 22
6.1 Kennzeichen von ADS in der Schule 22
6.2 Vorgehensweise des Lehrers bei Verdacht auf ADS 23
6.2.1 Systematische Beobachtung 23
6.2.2 Kollegenvergleich 24
6.2.3 Das Elterngespräch 24
6.3 Grundregeln und Strategien für das Arbeiten mit
ADS Kindern im Unterricht 25
6.3.1 Positive Lehrer- Kind- Beziehung 26
6.3.2 Einführen von Ritualen und Strukturen 27
6.3.3 Klare Anweisungen 28
6.3.3.1 Hinweise für den Umgang mit dem Wochenplan 29
6.3.4 Schaffen einer ablenkungsfreien Umgebung 29
6.3.5 Einführung von Regeln 31
6.3.5.1 Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Regeln 32
6.3.5.1.1 Formen negativer Konsequenzen 32
6.3.6 Verstärkersysteme 33
6.3.6.1 Lob und Rückmeldung 33
6.3.6.2 Token- Verstärker- Systeme 34
6.3.6.3 Verstärkerentzugssysteme 35
6.3.7 Differenzierung in Beurteilungssituationen 36
6.3.8 Abwechslungsreicher Unterricht 37
6.3.9 Lernen mit allen Sinnen 38
6.3.10 Schaffen von Bewegungsmöglichkeiten 39
6.4 Hausaufgaben 40
6.4.1 Hausaufgaben in der Schule 40
6.4.2 Hausaufgaben zu Hause 41
6.5 Spezielle Lernmethoden für ADS-Kinder im Unterricht 42
6.5.1 Die Freed Methode: Warum Kinder mit ADS
einen anderen Lernstil haben 42
6.6 Weitere Lerntechniken für Kinder mit ADS 45
6.6.1 Kieler Leseaufbau 45
7.0 Berichte aus der Praxis Seite 46 7.1 Auswertung der Interviews Seite 47
Schlusswort Seite 56 Literaturverzeichnis Seite 58 Anhang 1- 4
Einleitung
Immer mehr Eltern, Lehrer und Erzieher klagen über sogenannte „Problemkinder“. Diese Kinder fallen vor allem durch extrem innere Unruhe, schnelle Ablenkbarkeit und impulsives Verhalten auf. Nach genauer Untersuchung der Kinder wird nicht selten bei ihnen das Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom festgestellt. Trotz wachsender Aufklärung durch die Medien wird das Syndrom immer noch von vielen Eltern und Pädagogen nicht erkannt oder als „Modekrankheit“ abgetan.
Dabei sind sehr viel Eltern, aber auch Lehrer, mit diesen Kindern stark überfordert und wissen meist nicht, wie sie auf ihre Verhaltensaufälligkeiten reagieren sollen.
In dieser Arbeit sollen deshalb praktikable Anregungen für den Umgang mit ADS- Kindern vorgestellt werden. Dabei steht vor allem der schulische Aspekt im Vordergrund.
Die Arbeit setzt sich aus drei Schwerpunkten zusammen.
Im ersten Teil wird die Symptomatik, die Diagnose und verschiedene Therapieformen beschrieben.
Der danach folgende Teil befasst sich mit Grundregeln und Strategien im Umgang mit ADS- Kindern in der Schule. Es werden zudem spezielle Lernmethoden für ADS- Kinder vorgestellt.
Der letzte Teil handelt von Berichten und Erfahrungen aus der Praxis. Hierzu wurden Ärzte, Psychologen und Lehrer befragt. Sie geben vor allem Aufschluss, inwieweit sich Therapieformen in der Praxis bewährt haben.
1.0 Grundlegendes über ADS
ADS steht für den deutschen Ausdruck „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ und beschreibt ein klinisches Syndrom, das durch Minderung der Konzentrations- und Daueraufmerksamkeit, durch Mangel an Impulskontrolle sowie unter Umständen auch durch auffällige Unruhe oder Hyperaktivität gekennzeichnet ist. Entstanden ist diese Bezeichnung aus der Übersetzung des englischen Begriffs Attention-Deficit-Disorder (ADD). 1
Eine Definition zum „Aufmerksamkeits- Defizit- Syndrom“ findet man in der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, „hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“ (ICD 10) oder in den “Diagnostischen Statistischen Manuals psychischer Störungen“ (DSM- IV). 2 .
Im DSM IV werden drei Subtypen ADS unterschieden: 3 • Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung -H überwiegend unaufmerksamer Typus (das Kind ist übermäßig unaufmerksam, aber weder hyperaktiv noch impulsiv) • Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung +H überwiegend hyperaktiver, impulsiver Typus (das Kind ist hyperaktiv und impulsiv, aber nicht unaufmerksam) • Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung +H -H Mischtypus (Kind ist impulsiv, hyperaktiv und unaufmerksam)
Das Syndrom tritt meist schon im frühen Kindesalter in Erscheinung, wobei es bei manchen Kindern im späten Jugendalter wieder „herauswächst“. Bei einigen Kindern bleibt das Syndrom jedoch erhalten und kann im Erwachsenalter noch zu großen Problemen führen, da auch Erwachsene mit ADS Schwierigkeiten
1 Vgl. Uta Reimann- Höhn 2001, Seite 17
2 Vgl. Dieter Claus / Elisabeth Aust-Claus / Petra-Marina Hammer 2002, Seite 145
3 Vgl. Margarete Imhof / Klaus Skrodzki / Marianne S. Urzinger 2001, Seite 73
Seite 1
haben ihren Alltag durchzustrukturieren und häufiger von sogenannten Begleiterscheinungen (Depressionen, Drogenmissbrauch) betroffen sind. 4 Das Syndrom ist in unterschiedlich starker Ausprägung in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Das Auftreten hängt meist mit der Persönlichkeit und mit den jeweiligen Lebensumständen der betroffenen Person zusammen 5 .
Bei Jungen wird ADS fünf bis sechsmal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen, wobei Mädchen trotzdem in der Kategorie ADS -H stärker vertreten sind als Jungen. 6 Zusammenhänge könnte es dabei möglicherweise in der unterschiedlichen Art und Weise der Erziehung von Jungen und Mädchen geben. Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl von Kindern, bei denen ADS fehldiagnostiziert wird. 7 Denn oft treten vergleichbare Symptome in Zusammenhang mit belastenden Ereignissen auf, wie zum Beispiel Scheidung der Eltern, Umzug oder Probleme mit Gleichaltrigen. Im Gegensatz dazu wird bei vielen Kindern, die tatsächlich an ADS leiden, das Syndrom nicht erkannt. Vor allem Mädchen, bei denen der ADS Typ ohne Hyperaktivität häufig auftritt, werden meist für schüchtern oder depressiv gehalten. 8 Deshalb ist Aufklärung gegenüber Eltern und Lehrern sowie eine frühzeitige genaue Diagnostik notwendig, um den betroffenen Menschen entsprechend helfen zu können.
4 Vgl. Dieter Claus / Elisabeth Aust-Claus / Petra-Marina Hammer 2002, Seite 145; Uta
Reimann- Höhn2001, Seite 18
5 Vgl. Uta Reimann- Höhn 2001, Seite 19
6 Vgl. Jeffrey Freed / Laurie Parsons 2001,Seite 30; Edward M. Hallowell / John Ratey 2001,
Seite 26
7 Vgl. Jeffrey Freed / Laurie Parsons 2001,Seite 33
8 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 65
Seite 2
2.0 Merkmale von ADS
ADS ist keine Krankheit, sondern, wie schon aus dem Namen hervorgeht, ein Syndrom. Das bedeutet, dass bestimmte Merkmale immer, andere aber nur manchmal festzustellen sind. 9
Alle Symptome, die bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern in Erscheinung treten, können auch bei Kindern ohne Aufmerksamkeitsstörungen vorkommen. 10 Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist jedoch die Intensität der Symptome und deren Beeinflussbarkeit. Kinder ohne ADS sind in der Regel fähig und willens, nach einer Ermahnung ihr Verhalten zu ändern. ADS-Kinder korrigieren ihr Verhalten dagegen nur kurzzeitig und vergessen eine Lehreranweisung wieder schnell. Die Ursache dafür ist eine Fehlregulation im Gehirn, die ADS-Kinder sehr stark ablenkbar und vergesslich macht. 11
Die Verhaltensauffälligkeiten sind bei jedem Kind unterschiedlich. Es können bei einem ADS-Kind nur einige, aber auch alle Merkmale auftreten, die im folgenden dargestellt werden. Auch die Ausprägungen der einzelnen Symptome sind von Kind zu Kind anders geartet. 12
2.1 Kernsymptome von ADS
Die Kernsymptome von ADS nach gängiger Auffassung sind: 13 • Impulsivität
9 Vgl. Uta Reimann- Höhn2001, Seite 18
10 Vgl. Roswhita Spallek 2000, Seite 12
11 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001,Seite 399
12 Vgl. Roswhita Spallek 2000, Seite 12
13 Vgl. Uta Reimann Höhn 2001, Seite 20-21
Seite 3
• Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwächen
• mangelnde Verhaltenskontrolle
• Stimmungsschwankungen
• Hyperaktiv oder / und verträumt
• rasches Wechseln von Beschäftigungen
Aus diesen Symptomen resultieren:
• endlose Diskussionen mit dem Kind
• wenige Freundschaften mit Gleichaltrigen aufgrund auftretender Konflikte
• vergessene Aufträge oder überhörte Anweisungen • mangelnde Organisation und strukturloses Verhalten bei Aufgaben im Alltag
14 Vgl. Manfred Döpfner/Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 12
Seite 4
2.2 Differentialdiagnostische Symptome Zu diesen zählen: 15
• eine mangelnde seelische Reife ( Entwicklungsrückstand ungefähr 30 %) • ein schlechtes Schriftbild aufgrund feinmotorischer Entwicklungsverzögerungen. • Schnelles psychisches Ermüden • ausgeprägter Gerechtigkeitssinn • erhöhte und spontane Hilfsbereitschaft • Hypersensibilität • cholerische Reaktionen bei Veränderungen • unzureichende Fähigkeit der reellen Selbst- und Eigenleistungseinschätzung • starke Beeinflussbarkeit
15 Vgl. Uta Reimann Höhn 2001, Seite 20-21
Seite 5
3.0 Die Ursachen des Aufmerksamkeitsdefizit Syndroms
Die genauen Ursachen des ADS sind bis heute noch nicht hundertprozentig geklärt. 16 Man nähert sich diesem Problem von verschiedenen Seiten.
3.1. Genetische Ursachen
Es scheint sicher zu sein, dass ADS mit einer geschlechtsunabhängigen vererbbaren Störung zusammenhängt. 17
Anhand von aktuellen Studien mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen läßt sich vermuten, dass das Syndrom vererbt wird. Eineiige Zwillinge besitzen eine identische Erbinformation, zweieiige Zwillinge dagegen tragen zu nur fünfzig Prozent eine identische Erbinformation in sich. Bei eineiigen Zwillingen wurde in großen Maße Übereinstimmungen hyperkinetischer Auffälligkeiten beobachtet. Bei zweieiige Zwillinge hingegen war dies nur in wesentlich geringeren Maße festzustellen. Dieses Ergebnis ist ein sehr starker Hinweis darauf, dass hyperkinetsche Auffälligkeiten vererbt werden. 18
3.2 Hormonelle Ursachen
Eine weitere Ursache des Syndroms liegt wahrscheinlich in einer Funktionsstörung der Botenstoffe im Gehirn, die in allen Einzelheiten noch nicht erforscht ist. 19 Dopamin, ein Botenstoff (Neurotransmitter), wirkt wesentlich an der Reizweiterleitung im Frontalhirn mit. Normalerweise wird die Vielzahl von Reizen, die von den Sinnesorganen kommend im Gehirn eintreffen, durch bestimmte Nervensysteme sortiert, so dass nur die relevanten Reize wahrgenommen werden. Die bedeutungslosen Reize werden vor dem Erreichen der Hirnrinde durch hindernde Nervensysteme ausgeschaltet. 20 Genau in diesem Bereich liegt die Dysfunktion bei Menschen mit einem ADS.
16 Vgl. Manfred Döpfner /Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 27; Uta Reimann-
Höhn 2001, Seite 31; Cordula Neuhaus 1999, Seite 57; Margarete Imhof / Klaus Skrodzki /
Marianne S.Urzinger 2001, Seite 61
17 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 98
18 Vgl. Manfred Döpfner/Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 29
19 Vgl. Curdola Neuhaus 1999, Seite 52
20 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 417; Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina
Hammer 2001, Seite 99; Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Jan Frölich 2002, Seite 3
Seite 6
Neurotransmitter (Dopamin, Noradrenalin), die eine hemmende Wirkung 21 auf nicht relevante Reize haben, sind nur vermindert vorhanden, so dass das Gehirn von Informationen regelrecht überflutet wird. 22 Die Folge ist, dass ein Chaos im Gehirn entsteht, weil wichtige und unwichtige Reize nicht mehr auseinandergehalten werden können. 23
3.4. Stoffwechselursachen
Eine weitere Störung, die bei Menschen mit ADS festgestellt werden kann, ist ein verminderter Traubenzucker-Stoffwechsel im Stirnhirn. 24
Das Stirnhirn (Lobus frontalis) hat die Funktion, Verhalten zu steuern, Impulse zu filtern und dem Menschen ein vorausschauendes Planen zu ermöglichen. 25 Zudem befindet sich das Arbeitgedächtnis im Stirnhirn, welches verantwortlich ist für die Bewertung vorangegangener Dinge, für gerade passierende Dinge sowie für die Planung zukünftiger Aktionen. Eine verminderte Leistung des Arbeitsgedächtnisses würde erklären, warum Menschen mit ADS nicht in der Lage sind, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen und die Folgen bestimmter Handlungsweisen vorauszusehen. 26 Für „ interessante und spannende“ Erfahrungen gilt dies jedoch nicht. Aus ungeklärten Gründen scheinen Betroffene mit ADS in solchen Situationen aus ihren Fehlern zu lernen. 27 Ein deutliches Anzeichen für einen verminderten Traubenzucker-Stoffwechsel zeigen ADS-Kinder in ihrer Gier nach Zucker. 28 Ein überhöhter Zuckerkonsum bewirkt den Anstieg des Zuckerspiegels im Blut, so dass auch die Energieversorgung im Stirnhirn steigt. 29
21 Arne Schäffler / Sabine Schmidt / Gustav Fischer 1997, Seite 137
22 Vgl. Edward Hallowell / John Ratey 2001, Seite 417; Cordula Neuhaus 1999, Seite 52
23 Vgl. Elisabeth Aust- Claus / Petra-Marina Hammer 2001, Seite 100
24 Vgl. Edward M.Hallowell / John Ratey 2001, Seite 410; Cordula Neuhaus 1999, Seite 54
25 Vgl. Edward M.Hallowell / John Ratey 2001, Seite 409
26 Vgl. Edward M.Hallowell / John Ratey 2001, Seite 412
27 Vgl. Cordula Neuhaus 1999, Seite 54
28 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 99
29 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 99; Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 408
Seite 7
Die gesteigerte Energieversorgung des Stirnhirns hat zur Folge, dass Kinder angemesseneres Verhalten und eine gesteigerte Konzentration zeigen. 30 Lange hält dieser Zustand jedoch nicht an, da die Bauchspeicheldrüse den überhöhten Blutzuckerspiegel durch das Ausschütten des Eiweißhormons Insulin wieder senkt. 31
Zusätzlich hat die übermäßige Einnahme von Zucker den Effekt, dass die Bauchspeicheldrüse mit einer übermäßig hohen Ausschüttung von Insulin reagiert, sodass der Blutzuckerspiegel sogar unter den Normalwert herabsinken kann. 32 Die Folgen eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels sind Unruhe, Zittrigkeit sowie aggressives Verhalten. Durch die Unterversorgung des Stirnhirns bei ADS-Kindern werden diese ungünstigen Merkmale, die bei ihnen sowieso schon ausgeprägt sind, noch verstärkt. 33 Hinweise gibt es auch für eine schwächere Durchblutung der rechten Hirnhemisphäre bei ADS-betroffenen Personen. Verantwortlich ist dieser Teil des Gehirns für die räumliche Wahrnehmung, die Verarbeitung mehrerer Eindrücke gleichzeitig sowie für das Treffen von Entscheidungen. 34 Ist dieser Teil des Gehirns zu schlecht durchblutet, kommt es zu Minderleistung im Bereich des sozialen emotionalen Lernens sowie zu Schwierigkeiten, sich über Dinge einen Überblick zu verschaffen. 35
3.5 Allergien
Schon seit langem bestehen Vermutungen, dass ein Zusammenhang zwischen Allergien und Überaktivität besteht. In Untersuchungen ist festgestellt worden, dass bei hyperaktiven Kindern vermehrt Nahrungsmittelallergien auftreten. Wahrscheinlich spielt der Botenstoff Noradrenalin dabei eine große Rolle. Noradrenalin wird für die Immunabwehr benötigt und verhindert dadurch den
30 Vgl. Edward M. Hallowell / John Ratey 2001, Seite 409
31 Vgl. Arne Schäffler / Sabine Schmidt 1997, Seite 263
32 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 100
33 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 100
34 Vgl. Edward Hallowell / John Ratey 2001, Seite 410
35 Vgl. Edward Hallowell / John Ratey 2001, Seite 410
Seite 8
Ausbruch von Allergien. 36 Ist das Noradrenalinsystem jedoch geschwächt, so kommt es zu allergischen Reaktionen sowie zur Hyperaktivität.
3.6 Psychosoziale und gesellschaftliche Ursachen
Aufgrund der Vererbbarkeit tritt das Syndrom in allen Gesellschaftsschichten auf. Das heißt, ADS kann bei Hochbegabten, aber auch genauso gut bei geistig behinderten Menschen auftreten. Jedoch werden die Menschen mit ADS in ihrem Verhalten nicht alleine geprägt. 37
ADS kann auch aufgrund bestimmter Sozialisationsbedingungen mitbestimmt werden. 38 Hierbei hat die familiäre Situation, die Stellung der Geschwisterreihe und das Verständnis durch die Eltern einen Einfluss auf das Verhalten des Kindes. 39
Haben Eltern zum Beispiel Depressionen oder Trinksucht, sind sie meist nicht in der Lage dem Kind genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Oft führt das dazu, dass Kinder sich bemerkbar machen in Form von hyperaktivem, oppositionellem und auch aggressivem Verhalten. 40
Die Verhaltensweisen der Kinder können aber auch durch Imitationen der Eltern entstehen. Neigen Eltern zu hektischem, hyperaktivem und aggressivem Verhalten, können auch bei Kindern solche Verhaltensweisen entstehen. 41
Aber auch gesellschaftliche Veränderungen spielen bei der Hyperaktivität eine Rolle. Zur Zeit der Großfamilien waren Mütter in der Erziehung besser vorbereitet, da sie ihre jüngeren Geschwister meist mit großgezogen haben. Zudem gaben strenge Sozialisationsbedingungen und Normen in der Religion klare Richtlinien vor. Heutzutage sind Eltern dagegen in Erziehungsfragen häufig verunsichert, weil klare Erziehungsnormen durch Liberalisierungen
36 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 101
37 Vgl. Roswtha Spallek 2000, Seite 98
38 Vgl. Gerald Hüther; Spiegel 11 /2002, Seite 222
39 Vgl. Manfred Döpfner/Stephanie Schürmann/ Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 27
40 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 109
41 Vgl. Roswitha Spallek 2000, Seite 109
Seite 9
nunmehr weggefallen sind. Durch die Orientierungslosigkeit vieler Eltern werden wichtige Erziehungsgrundlagen, wie das Setzen von Regeln, meist nicht mehr angewandt, so dass viele Probleme vorprogrammiert sind. 42 Eine weiterer gesellschaftliche Ursache der Hyperaktivität ergibt sich aus der Veränderung der Kultur: Das wachsende Tempo im Alltagsleben, Kommunikationsmittel wie Handys und Internet, die sofortige Bedürfnisbefriedigung, die Lust nach Abenteuer und Actionsowie die weitverbreitete Ungeduld und das riesige Angebot an Spiel und Freizeitmöglichkeiten tragen zur Hyperaktivität bei. 43 Häufig ist zu beobachten, dass Kinder schon in ihrem Kinderzimmer vollkommen damit überfordert sind, sich zwischen ihrem ganzen Spielzeug für eine Sache zu entscheiden. 44
3.7 Einflüsse der Nahrung
Die Hypothese, dass Zucker und ADS in Zusammenhang stehen, wurde schon bei den Stoffwechselursachen 3.4 dargelegt. Ob aber Nahrungsmittel die Hyperaktivität direkt verursachen können, ist sehr umstritten. Zwar scheint ein kleiner Teil von Kindern verstärkt unruhig bei bestimmten Lebensmittelzusätzen (Natriumglutamat und Farbstoffen) zu reagieren, insgesamt jedoch wird davon ausgegangen, dass Nahrungsmittel für den größten Teil der Kinder bei der Entstehung von Hyperaktivität keine Rolle spielt. 45
3.8 Komplikationen während der Schwangerschaft, Geburt und im Säuglingsalter
Früher wurde Hyperaktivität in einen engen Zusammenhang mit Komplikationen in der Schwangerschaft, sowie der Geburt und des Säuglingsalters gebracht (z.B. Nabelschnur-Umwickelung, Sturz vom Wickeltisch). 46 Diese Komplikationen, die während der Schwangerschaft und der Geburt auftreten, können eine Schädigung der Hirnfunktionen nachsichziehen. Genannt wird diese Beeinträchtigung „Minimale Cerebrale Dysfunktion“ (MCD). Nach dem
42 Vgl. Gerald Hüther; Spiegel 11 / 2002, Seite 222
43 Vgl. Jeffrey Freed / Laurie Parsons 2001, Seite 34
44 Vgl. Lothar Seiwert 2001, Seite 146
45 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 30
46 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 29
Seite 10
heutigen Stand der Wissenschaft besteht jedoch kein Zusammenhang zwischen den eben genannten Komplikationen und Hyperaktivität. 47 Fest steht, dass Kinder mit geringem Geburtsgewicht einem größeren Risiko ausgesetzt sind, Hyperaktivität im späterem Alter zu entwickeln. Dasselbe gilt für Alkoholmissbrauch während der Schwangerschaft. 48
Genauso wie die Erscheinungsformen von ADS sehr vielfältig sind, haben auch die Ursachen ein großes Spektrum. Es kann also davon ausgegangen werden, dass ADS nicht von einer Ursache, sondern von einem multifaktoriellen Geschehen ausgeht. 49
47 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 30
48 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 30
49 Vgl. Manfred Döpfner / Stephanie Schürmann / Gerd Lehmkuhl 2000, Seite 27
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