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Inhaltsverzeichnis
Vorwort S. 3
1. Einleitung 4
2. Die Türken in Deutschland 4
3. Annahmen über die Türken 6
4. Tradition, Parallelgesellschaft und Ethnozentrismus 9
5. Der Versuch einer Erklärung 11
6. Zwischen den Welten oder mit Beiden 14
7. Resümee 15
Quellenangabe S 16
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Vorwort
Wenn ich gefragt werde, wie Türken hier in Deutschland leben, dann kann ich nicht wirklich etwas dazu sagen, obwohl mein Nachbarn Atmacan heißen. Sie sind eine junge türkische Familie mit zwei kleinen schulpflichtigen Mädchen. Frau Atmacan geht nur mit Kopftuch und mit langen Mantel vor die Türe, auch wenn sie nur 5 Minuten im Hof Wäsche aufhängt, aus der Küche duftet es immer äußerst lecker, jedoch anders wie bei mir, wenn ich koche. Die Mädchen sagen nichts zu mir, wenn ich mit ihnen sprechen möchte, aber das Ehepaar grüßt mich freundlich. Ich sehe immer wieder andere türkische Personen zu Besuch kommen. Herr Atmacan fährt täglich zur Arbeit, alle sprechen gut deutsch und außerdem haben sie Angst vor meinen kleinen Hund, einem Dackel.
Wenn ich mit ihm spazieren gehe, so komme ich in der nächsten Strasse an einer Moschee vorbei, die in letzter Zeit stark in den Medien Schlagzeilen machte, da dort ein Internat für türkische Jugendliche ganz nach alter Tradition eröffnet werden sollte. Gehe ich mit meinem Hund in die andere Richtung so komme ich nach wenigen Metern ebenfalls zu einem großen Mietshaus, in dem nur türkische Familien wohnen und das ein Treffpunkt ist. So gehen an meiner Wohnung öfters Männer mit Kopfbedeckung und Bart vorbei und sie unterhalten sich auf Türkisch. Aber was, kann ich durch all die Beobachtungen und Begegnungen, die der oberflächlich sind schon über meine türkischen Mitbürger sagen?
Ich könnte jetzt all die „Auffälligkeiten“ so definieren, dass alle Türken hier so sind und es so sehen, dass sie eigentlich gar nichts mit mir oder dem Land, das ich meine Heimat nenne, zu tun haben wollen. Mein anderer Nachbar tut dies, er spricht von der Familie nur abfällig von den Türken und nennt sie nie bei ihrem Familiennamen, er meint, dass sie doch dort hin zurückkehren sollten, wo sie herkommen sind. Er ist ein sehr unzufriedener, unangenehmer und launischer Artgenosse. Ihn würde ich gerne dorthin schicken, wo er zuvor gewohnt hat.
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1. Einleitung
Dies ist eine Beschreibung eines nachbarschaftlichen Verhältnisses und vielleicht auf dieser Ebene doch auch typisch für das größere System. Ganz klar ist es eine sehr oberflächliche Beschreibung und Zuordnung - aber vielleicht ist auch dies typisch.
Ortfried Schäffter schreibt als Herausgeber in seinem Buch „Das Fremde“ „erst wenn Grenzen zu Kontaktflächen werden, wird Fremdheit zu bedeutsamer Erfahrung. So lässt sich festhalten, dass nur dann, wenn wir uns näher gekommen sind, die Fremdheit des anderen überhaupt erst in Erscheinung tritt“ 1 Ich komme nicht näher in Kontakt mit meinen türkischen Nachbarn, die Kontaktfläche ist die zufällige Begegnung außerhalb des Hauses und es wäre eigentlich schon spannend zu wissen, wie sie mich beschreiben würden, aus diesen kurzen Wahrnehmungen heraus.
Meine Überlegung gehen in die Richtung, ob es hier in Deutschland überhaupt zu so einer wirklichen Begegnung zwischen den von uns bezeichneten „Ausländern“ und den Deutschen kommt, so dass das Fremde in seiner Eigenart, Ursprünglichkeit oder Angepasstheit erkannt und akzeptiert werden kann, oder ob Stereotypen und übernommene Behauptungen im negativen Sinn über die Fremden, welche in Deutschland mengenmäßig die türkischen Mitbürger zugeordnet werden, eine Integration verhindern. Steht auf der einen Seite das Andere mit seiner Tradition und dem gegenüber das Deutsche mit seinem nationalen Stolz, das sich schwer tut, Fremdartigem die Hand zu reichen? Haben wir übersehen, dass die Gastarbeiter keine Gäste mehr sind, die nach dieser Definition wieder gehen, sondern Arbeiter, Mitbürger, die bleiben oder in Zeiten der Globalisierung hin und her pendeln?
2. Die Türken in Deutschland
Mit der Türkei wurde am 31. Oktober 1961 im wirtschaftlichen Aufschwung ein Anwerbe-Abkommen abgeschlossen. Es wurden dabei vor allem ungelernte Arbeiter angeworben, die einige Jahre in Deutschland arbeiten und dann wieder in ihre Heimat zurückkehren sollten. Es gab in Deutschland damals weitaus mehr Arbeit als
1 Ortfried Schäffter, S. 12
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Arbeitskräfte und „sollte das Wirtschaftswunder anhalten brauchte die westdeutsche Industrie dringend junge, fleißige, kräftige und vor allem genügsame, die Löhne nicht noch höher treibende, keine Überstunden scheuende Handarbeiter.“ 2 So kamen neue Arbeiter in unser Land aus Italien, Griechenland, Spanien, dem ehemaligen Jugoslawien und „was die Zuwanderung aus der Türkei betrifft, so erfasste sie zunächst ausschließlich Menschen - weit überwiegend Männer - die, befristete Arbeitsverhältnisse in Deutschland erhielten. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus ländlichen Regionen im Osten der Türkei, also aus wirtschaftlich zurück gebliebenen Teilen des Landes. (…) Man kann sich - auch ohne Untersuchungen nach der Methoden der Sozialwissenschaft - gut vorstellen, was dies für sie bedeutete: Die Lösung aus dem engen Familienverband, die Reise in ein fremdes Land, dessen Sprache und Lebensgewohnheiten sie nicht kannten, in dessen komplizierten und unpersönlichen Räderwerk sie als völlig Unwissende und Unerfahrene erschienen. Dabei rechneten sie sich als Muslime zu den Auserwählten und als Türken zu einer stolzen Nation. Eine brisante Lage, die sie zunächst nur deshalb annahmen, weil sie sie als vorläufig betrachteten. Dass sie in der Lage waren, den Angehörigen in der Türkei Geld zu überweisen, stärkte ihr Selbstbewusstsein. Die Möglichkeit, sie mindestens einmal im Jahr zu besuchen, machte die Trennung erträglicher. 3
Jedoch folgte im Jahre 1973 die Ölkrise und damit verbunden eine Weltwirtschaftskrise und es wurde beschlossen die Anwerbung einzustellen. Mehr als 900.000 Türken lebten damals in Deutschland. Viele wollten zurück, hatten jedoch ihr Ziel genügend Geld anzusparen noch nicht erreicht und die Zahl der türkischen Einwanderer nahm, trotz Bemühungen der Rückführung und Einreisebegrenzung stetig zu. Die Rückkehr wurde nach dem Anwerbestopp als zu großes Risiko empfunden, weil damit der Weg, später nach einmal nach Deutschland zu gehen, verschlossen war.
Außerdem kamen durch die Familien- und Ehegattenzusammenführung immer mehr Angehörige aus der Türkei nach. So blieben natürlich die Familien und mittlerweile lebt die zweite und dritte Generation hier. Bald wurde die Formel umgedreht, denn die Ausländer nahmen nun den Deutschen die Arbeit weg und verhinderten deren
2 Bernt Engelmann, S. 38
3 Rudolf Schmidt, S. 110
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Wohlstand. Forderungen nach Deutschland den Deutschen kamen auf, Anschläge auf Asylantenwohnungen und Übergriffe auf ausländische Mitbürger häuften sich. Am 31.12.2003 lebten hier zu Lande 1877661 türkische Staatsbürger. Mehr als 600000 sind inzwischen eingebürgert und dennoch scheint es schwierig, sie als Deutsche zu sehen.
3. Annahmen über die Türken
Die Pluralität in Deutschland nimmt zu und Deutschland, als Einwanderungsland, wird kulturell und religiös immer bunter. Wir haben eine Vielfalt von den verschiedensten Lebensformen und -entwürfen und dies bedeutet eine Herausforderung von Seiten der Migranten und Migrantinnen, als auch für die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft. Diese ist aufgefordert und gefordert sich dem wachsenden, kulturelle heterogenen Ausdruck zu stellen und ein neues Bewusstsein zu entwickeln, in dem nicht nur gefordert wird, dass die Migranten sich integrieren sollen, sondern in dem auch von ihnen ein Hinsehen und Aufspüren der eigenen Denkmuster und negativen Annahmen Brücken baut.
Vor allem unsere türkischen Mitbürger werden gerne in Schubladen gesteckt und mit Vorurteilen behaftet. So nehmen wir Deutsche, laut einer Publikation der Türkischen Botschaft von 2001, an und behaupten:
a) Es ist normal, die in Deutschland lebenden Türken als Ausländer zu bezeichnen.
b) Türken sprechen im Alltag nur türkisch.
c) Türken haben nur geringe Deutschkenntnisse.
d) Türken wollen gar nicht Deutsch lernen
e) Türkische Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder einen guten Schulabschluss haben oder es ist ihnen nicht wichtig.
f) Türken messen der Ausbildung ihres Sohnes eine größere Bedeutung zu als ihren Töchtern.
g) Türken bleiben immer unter sich.
h) Türken wollen keine deutschen Freunde
i) Türken heiraten nur Türken
Entnommen: Publikation zur Integration der Türken in Deutschland auf der Webseite der Türkischen Botschaft.
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Vor allem tragen Medien zu dieser Meinungsbildung bei und vielleicht ist auch so manches im Einzelnen richtig, aber diese Behauptungen benützen gerne den Terminus „alle“, ein Etikett mit der Aufschrift der Allgemeingültigkeit und absoluten Richtigkeit. Rücken jedoch Behauptungen in diese Richtung, dann nähern sie sich einem Stigma. Das vom Normalen Abweichende ist fremd und solche Einteilungen schließen das aus, was Menschen mit Migrationshintergrund an Fähigkeiten und wertvollen Ressourcen haben. Es wird die Integrationswilligkeit von Migranten und Migrantinnen gefordert, ohne die eigene Integrationsfähigheit anzusehen und Aussagen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen:
• So wurden mehr als 1/3 der in Deutschland lebenden Türken hier geboren und sind somit deutsche Staatsbürger, mit einem deutschen Pass. In einer Statistik aus dem Jahre 2002, in Auftrag gegeben von der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen gibt einen Prozentsatz von 37,6 an. 51,7 % der Türken in Deutschland leben und arbeiten seit oder mehr als 15 Jahre und sogar 10 % sind seit 30 Jahren hier.
• Der Behauptung, dass Türken im Alltag nur türkisch sprechen widerspricht eine Statistik es Presse- und Informationsamtes des Bundesregierung mit einer Erhebung zur Mediennutzung und Integration der türkischen Bevölkerung in Deutschland von 2001. Der Anteil derjenigen, die im Alltag nur Deutsch, meistens Deutsch oder genauso viel Deutsch wie Türkisch sprechen liegt bei der 14- 18jährigen bei 87%, bei den 19-29jährigen bei 75% und bei den bis zu 40jährigen bei 67%. Diese Zahlen zeigen, dass es, vor allem bei der jüngeren Generation Fortschritte in der Integration gibt.
• So treffen die Aussagen über die geringen Deutschkenntnisse nur bei 13% der türkischen Bevölkerung zu und nur 3% wollen nicht die deutsche Sprache erlernen. (Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 2001)
So können alle Behauptungen, bis auf die Behauptung, dass Türken nur Türken leben durch Statistiken widerlegt werden. Türken gehen nur zu 4% binationale Ehen ein, was aber auch daran liegt, dass die Mehrheit der Migranten erst nach Eheschließung nach Deutschland kam. Außerdem ist die schulische und berufliche Eingliederung von Kindern und Jugendlichen türkischer Abstammung, welche jedoch in Deutschland geboren wurden, bis heute nicht befriedigend. „Mehr als 40 Jahre nach dem Beginn der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland sind die
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Teilhabechancen an Schulbildung, beruflicher Ausbildung und Arbeitsmarkt für junge Migranten noch immer deutlich schlechter als für die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft.“ 4
Gewiss sind dies nur Statistiken, welche im Detail auf der Webseite der Botschaft der Türkei in dem Schriftstück zur Integration von Türken in der Bundesrepublik Deutschland nachlesbar sind, aber sie zeigen, dass diese Aussagen überholt sind und vielleicht in der Vergangenheit gültig, aber jetzt ein verzerrtes Bild darstellen und dem heutigen, zu gestaltenden Prozess der Integration nicht mehr gerecht werden.
Als Maßstab für erfolgreiche Integration werden die Kontakte und die Freundschaften zu Deutschen benutzt und ist dies nach unserem Maßstab nicht genug, so wird dieses Fehlen in der mangelnden Bereitschaft der türkischen Migranten zugeschrieben. „Dass nicht vorhandene interethische Freundschaften auch in mangelnden Interesse der Mehrheitsgesellschaft oder in fehlenden
Gelegenheitsstrukturen ihre Ursachen haben können, wir zumeist nicht beachtet:“ 5
Diese Aussagen haben auch etwas mit der Tradition und den Werten, die wir ihnen zuschreiben zu tun. „ Auf einer Achse, deren einer Pol die Tradition ist und deren anderer Pol die Moderne, werden die Migranten bei der Tradition angesiedelt, die Deutschen klar der Moderne zugeordnet.“ 6 Wir nehmen an, dass die türkischen Migranten, hier auch in der zweiten und dritten Generation, ihre Tradition aufrechterhalten, diese in einer Art Parallelgesellschaft leben und sich von uns abwenden.
Vielleicht können die ausländischen Mitbürger gar nicht anders, als die Werte, die Traditionen, die Riten und sonstigen nationalen Eigenheiten ihres Heimatlandes hier in Deutschland zu leben, denn es fehlt die Akzeptanz unsererseits und diese Mangel verstärkt wiederum die Hinwendung zum Alten, denn das Neue kann und will keine Stabilität und Orientierung bieten. Aber dies in von Nöten, wenn man fern der Heimat ist und ein Fremder ist. Erfährt ein Mensch in der Diaspora Ablehnung und ein Nichtwillkommen sein, das allerdings nicht einmal offen ausgesprochen sein muss, sondern er es einfach im alltäglich Leben spürt, so ist es ein ganz natürlicher
4 Martina Sauer in Hans-Jürgen v. Wensierksi, S. 349
5 Martina Sauer in Hans-Jürgen v. Wensierski, S. 341
6 Elisabeth Beck-Gernsheim, S. 19
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Vorgang, dass er sich an das hält, was er kennt oder versucht, sich das Alte wieder zu rekonstruieren. So ist die Art und Weise, wie in Deutschland die türkische Bevölkerung lebt und dem wir eventuell all zu schnell das Etikett „nicht
integrationswillig“ aufdrücken, vielleicht nur ein Reaktion auf das, was sie hier vorfinden in der täglichen Begegnung mit uns Deutschen.
4. Tradition, Parallelgesellschaften und Ethnozentrismus
Deutschland und die Türkei sind durch langjährige Beziehungen miteinander verbunden und dass heute so viele Migranten und Migrantinnen aus der Türkei hier leben ist einer der bedeutendsten Aspekte dieser Verbindung. „Trotz der vielfältigen kulturellen, wissenschaftlichen und ökonomischen Verbindungen zwischen den beiden Ländern erfährt die Türkei in der deutschen Öffentlichkeit in der Regel nicht das Maß an Aufmerksamkeit, das aufgrund der Intensität der Beziehung angebracht erscheint. Vielmehr ist sie hauptsächlich in Konfliktsituationen ein Gesprächsthema. Die in solchen Situationen der deutschen Öffentlichkeit vermittelten Informationen sind häufig nur fragmentarischer Art und lassen oftmals das notwendige
Hintergrundwissen vermissen. (…) Der Islam, die Kurdenfrage, Traditionen, ökonomische und politische Probleme prägen die Vorstellung der Deutschen von der Türkei.“ 7 .
Heute leben laut Mikrozensus 2005 in Deutschland etwas 15 Mio. Menschen (18,6% der Bevölkerung), die selbst eingewandert sind oder mindestens einen Elternteil haben, der nicht in Deutschland geborgen wurde. Jede sechste Ehe ist bikulturell und schon haben bereits ca. 30 % der Neugeborenen zumindest einen Elternteil nicht-deutscher Herkunft. So kann man getrost davon sprechen, dass Deutschland ein Einwanderungsgesellschaft ist, mit einem mannigfaltigen Kultur- und Traditionsspektrum.
Dabei wird oft in den Medien von einer aufkommenden Parallelgesellschaft oderkultur gesprochen, die Ängste seitens der Mehrheitsgesellschaft entstehen lässt und dies in die Richtung Bedrohung rückt. Wir übersehen, dass dies ein kleiner Teil eines großen Ganzen ist und somit in seinem Dasein zum Gelingen dessen, was hier die
7 Hayrettin Aydin, S. 9
10
Gesamtgesellschaft wäre, beiträgt. Der Begriff Parallelgesellschaft zieht scharf die Grenze und bietet keine Integration an, sondern Exklusion. Warum benutzen wir dafür dieses Wort? „Von einer massiven Entwicklung hin zu einer Parallelgesellschaft oder der Existenz einer umfangreichen isolierten und abgeschotteten Gruppe junger türkeistämmiger Migranten kann nicht gesprochen werden, auch wenn sich das Zusammenleben zwischen Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderer differenzierter darstellt und die Wahrnehmung von Diskriminierung sehr ausgeprägt ist“ 8
Natürlich stellt sich auch hier die Frage, woher diese Zustandsbeschreibung kommt und worin die Ursachen zu finden sind. Weist die Art der türkischen Tradition, wie sie hier gelebt wird auf die Migrationssituation und deren Bedingungen hin, ist sie ein Versuch „zwei Welten“ zu vereinbaren oder eine unüberwindliche Hürde hin zu einer offenen, integrativen pluralen Gesellschaft?
Was offensichtlich ist, dass in den deutschen Medien und somit auch im Bewusstsein der Bürger, die Türken sehr der Tradition zugeordnet werden. „Das Bild der Migranten, das in der öffentlichen Wahrnehmung vorherrscht ist von einem deutlichen Kontrast zu den Deutschen bestimmt. Die Migranten, so heißt es, sind viel stärker gemeinschaftsverbunden, eng familienverbunden, traditionsorientiert und stark religiös orientiert, kurz: sie haben sich die Werte der Heimat bewahrt.“ 9
Traditionell hat hier jedoch immer wieder leicht den Beigeschmack des Primitiven, des Naiven, des Zurückgebliebenen. Es ist eine negative Abwertung. „Das ist die vornehmliche Sichtweise des Abendländers, der sich mit seinen „Errungenschaften“, den „Primitiven“ überlegen fühlt, eine Einstellung, die für die Kolonialzeit typisch war, aber auch heute noch weiterlebt.“ 10 Vielleicht hat dies immer noch eine Bedeutung und beeinflusst die Einstellung, dass die Deutschen sich klar der Moderne zuordnen.
Eine Erklärung bietet auch der Ethnozentrismus, der in der interkulturellen Begegnung eine große Rolle spielt „Die meisten Menschen sehen die eigene Kultur als den Mittelpunkt der Welt und als den Maßstab aller Dinge. (…) Ethnozentrismus ist eine unbewusste Tendenz, andere Völker aus der Sicht der eigenen Gruppe zu betrachten und die eigenen Sitten und Normen zum Standard aller Beurteilungen zu
8 Martina Sauer in H.J. Wensierksi, S. 353
9 Elisabeth Beck-Gernsheim, S. 19
10 Gerhard Maletzke, S. 18
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machen. Wir stellen uns selbst, unsere rassische, ethnische oder soziale Gruppe, in den Mittelpunkt des Universums und stufen alle anderen dementsprechend ein. Je ähnlicher diese uns sind, umso näher platzieren wir sie in diesem Modell; je größer die Verschiedenheiten, umso ferner lokalisieren wir sie.“ 11
Wenn die Masse der Deutschen unbewusst, und die Betonung liegt auf unbewusst, davon ausgeht, dass die von ihrer Kultur geprägten Verhaltensweisen und ihr „lifestyle“ richtig sind und dass dies einen abgeschlossenen Raum darstellt, der so bleibt, wie er war und ist, dann wird eine gegenseitige Annäherung schwierig. „Die meisten Menschen, welcher Kultur sie auch immer angehören mögen, leben aus einem naiven Realismus heraus; sie gehen unreflektiert von der Annahme aus, die Welt sei „an sich“ so, wie sie ihnen erscheint; für sie besteht diese ihre Welt aus zahllosen „Selbstverständlichkeiten“, aus Gegenständen, Personen, Vorgängen, Relationen, Kategorien, die „selbstverständlich“ sind, wie sie sind, und als „naturgegeben“ oder „gottgewollt“, jedenfalls als unproblematisch akzeptiert werden.“ 12
Die Soziologen Alejandro Portes und Ruben G. Rumbaut sprechen innerhalb des Feldes von Migration von einer „reaktiven Ethnizität“. Mit diesem Begriff beschreiben sie die, manchmal sogar verstärkte Hinwendung von Migranten und Migranntinen zu ihrer ursprünglichen Tradition in der Ferne. Diese bezieht sich jedoch weniger auf das Herkunftsland, sondern vielmehr auf die Bedingungen im Ankunftsland. „In ihren Erzählungen ist dies eine durchgängige Klage: dass ihnen die soziale Anerkennung von Seiten der Deutschen verwehrt bleibt. Auch wenn sie noch so hart gearbeitet haben und gespart haben, in den Augen der Einheimischen bleiben sie dennoch Türken.“ 13
5. Der Versuch einer Erklärung
Damit hinkt das Bewusstsein der Menschen, wenn es in diesen unbewussten Mustern fest hängt, hinter der Politik und der Globalisierung hinterher. Je weniger es in Deutschland möglich ist ein gemeinsame Basis des Miteinander herzustellen und einen kulturellen Wandel herbeizuführen, der durch eine Wechselwirkung der
11 Gerhard Maletzke, S. 23
12 Gerhard Maletzke, S. 23
13 Elisabeth Beck-Gernsheim, S. 26
12
verschiedenen Kulturen entsteht, desto größer ist der Stellenwert des Nationalismus, die Identifikation mit der eigenen Nation, in der die Achtung und Toleranz gegenüber dem anderen, dem Fremden wenig ausgebildet ist. Auf der anderen Seite wird natürlich mit der zunehmenden Pluralität unserer Gesellschaft die
Selbstverständlichkeit der Identität, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer Nation entwickelt verunsichert. Fremde Traditionen werfen uns aus der Zentrierung auf uns selbst, sie sind unbequem, wohl im Urlaub interessant, aber im Alltag anstrengend und rütteln an den Mauern unserer „kleinen“ Sicherheit.
So versuchen wir es draußen zu halten, um unsere Welt zu schützen. „Von der Relativität ihres Bezugs- und Interpretationssystems, von der Kultur- und Sozialbedingtheit ihrer Weltsicht wissen sie in der Regel nichts, uns sie wollen davon zumeist auch gar nichts wissen - mit guten Grund, denn ein solches Wissen könnte die Sicherheit des Denkens und Handelns erschüttern. Haben doch die Selbstverständlichkeiten im Alltag für den Menschen eine wichtige
Entlastungsfunktion: Sie ersparen ihm viele Einzelentscheidungen und befreien ihn von dem Zwang, unentwegt Grundfragen klären zu müssen. Diese Entlastungsfunktion kann verloren gehen, sobald man an den
Selbstverständlichkeiten zu zweifeln beginnt, sobald dieses nicht mehr selbstverständlich sind.“ 14
Vielleicht wehren wir auch unbewusst das ab, was unserer neoliberalen, vom Individuum geprägten Gesellschaft langsam verloren geht - nämlich die Solidarität, das Gemeinschaftsgefühl, der Bezug auf die Familie und Besinnung auf Tradition, jenseits der monetären, auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Welt. Die Kontinuität des Fremden und Anderen, was die türkischen Migranten und Migrantinnen repräsentieren und was sich im ewigen Streit um das Kopftuch verfestigt, bringen Abwehrmechanismen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft hervor, die jedoch sehr einseitig gelagert sind und die Ressourcen der Einwanderer außen vor lassen. „Unsichtbar bleibt, mit anderen Worten, was die Migranten an Anpassungsleistungen tagtäglich erbringen und wie viele sich bemühen, die Anforderungen der neuen Umwelt mit ihren Gewohnheiten und Erwartungen zusammenzubringen; wie sie oft Elemente der einen mit Elementen des anderen zu verknüpfen versuchen, dabei ihre
14 Gerhard Maletzke, S. 24
13
eigenen Formen des „Kulturmix“ entwerfen , vielerlei Zwischenformen, Mischformen, Übergansformen.“ 15
Die Anthropologie, die Psychologie, die Soziologie und andere Wissenschaften bieten Erklärungsmodelle und es ist ein spannendes Thema, warum wir Deutsche uns schwer tun mit dem Andersartigen. Ich bewege mich hier auf dem Gebiet der Beschreibung des einzelnen Bürgers, obwohl „viele Probleme der in Deutschland lebenden Türken haben ihren Ursprung in der nach wie vor bestehenden rechtlichen Unsicherheit. Trotz der Möglichkeit, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, empfinden viele Ausländer, darunter natürlich auch die Türken, die zuständigen Behörden als Institutionen, die sie benachteiligen. Obwohl heute mehr als ein Drittel der Türken mehr als 20 Jahre und etwa ein Drittel mehr als 10 Jahre in er Bundesrepublik leben, lässt die rechtliche Absicherung zu wünschen übrig. (…) Weitere Benachteiligungen, vor allem die der Türken finden ihren Ausdruck in dem bestehenden Ausschluss politischer Partizipation. „ 16
Die Bundesrepublik Deutschland bezeichnet sich als Einwanderungsland und dennoch ist es verständlich, dass eventuell bei Migranten und Migrantinnen der Eindruck entsteht, dass sie nicht wirklich willkommen sind und dass sie kein natürlicher Bestandteil dieser Gesellschaft sind. Sie sind allerdings aus unserem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken und es stellt sich die Frage inwieweit ihre von uns deklarierte Ausübung der Werte und Traditionen ihrer Heimat eine nicht gelungene Anpassung und Annäherung ihrerseits ist oder als eine Reaktion auf bestehende Verhältnisse aufzufassen ist. So schreibt Elisabeth Beck-Gernsheim: „Je ungastlicher und abweisender die neue Umgebung sich zeigt, je mehr sie an Diskriminierung bereithält, desto ehe kann ein Rückzug auf die Herkunftsgruppe und deren Symbolen einsetzen.“ 17
Eine erfolgreiche Integration braucht die Bereitschaft sich aktiv mit kultureller Vielfalt auseinander zu setzen, braucht eine gleichberechtigte Teilhabe von Migranten und Migrantinnen am gesellschaftlichen Leben und sie braucht die Fähigkeit es auszuhalten, wenn Kulturtradition in einem Anpassungsprozess sich angleichen und vermischen.
15 Elisabeth Beck-Gernsheim, S. 41
16 Hayrettin Aydin, S. 137
17 Elisabeth Beck-Gernsheim, S. 23
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6. Zwischen den Welten oder mit beiden?
"Bei uns ist alles deutsch. Nur unsere Eltern sind türkisch“
"Wir sind angekommen in dieser Gesellschaft wie viele andere türkische Jugendliche
auch."
"Wir sind sowohl Deutsche als auch Türken, fühlen uns zwischen beiden Ländern stehend." "Wir haben uns für Letzteres entschieden."
Dies sind Aussagen, gedruckt in der Berliner Morgenpost vom 19.03.07 18 , von zwei türkischen Gymnasiastinnen. Vielleicht sind diese Aussagen nicht repräsentativ für die Allgemeinheit der in Deutschland lebenden jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, aber sie zeigen, dass es doch möglich ist hier „anzukommen“ und es liest sich so, als ob Integration gelungen ist. Ich frage mich jedoch, wie es sich anfühlt, zwischen den beiden Ländern zu stehen und eine Entscheidung zu fällen. Es gibt dann ein hier und ein dort. Die Aufgabe der Gesamtgesellschaft wäre, dass es diese Spaltung nicht gibt, dass es eine Entwicklung gibt, in der die traditionellen Werte genauso Platz und ihre Berechtigung haben, wie die der „Moderne“. „Will man der Lebenswirklichkeit der Migranten - und erst recht der ihrer Nachkommen, der zweiten und dritten Generation - näher kommen, kann man nicht nur auf das Herkunftsland schauen, sondern muss man auch auf Deutschland einen Blick werfen. Man muss den mononationalen, monokulturellen Blick überwinden und den Spannungsbogen zwischen dem „Hier“ und „Dort“, in den Blick nehmen, in dem dies Leben sich aufbaut.“ 19
Integration soll nicht bedeuten, dass die Bürger und Bürgerinnen mit Migrationshintergrund in ein bestehendes kulturelles, soziale und ökonomisches System integriert werden, sondern dass ein wechselseitiger Prozess der Gestaltung geschieht und zwar durch alle Mitglieder einer Gesellschaft. Die traditionelle Kultur mit ihren Riten und Symbolen gehört dazu, weil sie Ausdruck einer Identität ist und den Migranten und Migrantinnen eine Ebene bietet, in der sich einerseits Sicherheit erfahren und andererseits sich in ihrer Lebensform zeigen können. Eine erfolgreiche Integration erfordert die Akzeptanz von kultureller Vielfalt und dies ist eine Herausforderung für die Politik, das Bildungswesen und für jeden Einzelnen.
18 Internet
19 Elisabeth Beck-Gernsheim, S. 50
15
7. Resümee
Manchmal erschrecke ich selber, was für Gedanken bezüglich ausländischer Mitbürger vor allem Türken durch meinen Kopf jagen und in der Beobachtung dieser Gedanken frage ich mich, wo durch sie entstanden sind. Sie sind mir fremd und zugleich vertraut. Vertraut in dem, was ich über „Ausländer“ gelernt habe, was Sozialisation mir beigebracht hat, was täglich durch Kommunikation geschieht und fremd in dem, wie ich lebe und wie ich die Begegnung mit kulturfremden Menschen gestalten möchte. Dies ist schon mal ein Spagat in meinen Gedanken und hat Auswirkungen auf mein Handeln, vor allem welche Seite ich aktiv werden lasse. Noch ein größerer Spagat ist dann eine wirkliche Verbindung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den türkischen Mitbürgern zu schaffen. Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist und die größte Herausforderung liegt für mich im Umdenken der Mehrheitsgesellschaft, welche ein kritischeres Hinsehen auf das von dem Medien angebotenen Bild der Migranten und Migrantinnen braucht. Wir nehmen diese Informationen, als vorgefertigte (vorgekaute) Meinung nur zu gerne auf und verstärken von unserer Seite her die eingefahrenen Spuren einer so bezeichneten Parallelgesellschaft. Wir fordern etwas, was wir selber nicht bereit sind zu geben und nehmen dankbar auf, dass die „Ausländer“ nichts mit uns zu tun haben wollen, denn wir wollen es selber nicht. Der Vorteil ist, dass wir den „Schwarzen Peter“ nicht in der Hand haben müssen, sondern ihn gut abschieben können.
Die Integration von Bürgern mit Migrationshintergrund ist als Querschnittsaufgabe zu sehen und erfordert ein Umdenken in dem Sinn, dass diese kulturelle Vielfalt als Normalität anzusehen ist. Vor allem junge Menschen bringen enorme Fähigkeiten und Ressourcen mit, welche im Bildungs- und Ausbildungssektor anerkannt und gefördert werden müssen, damit diese nicht verloren gehen.
Wir brauchen kein Verschwinden, keine Assimilation der andersartigen kulturellen Traditionen und die Besinnung auf unsere Werte, sondern eine Öffnung von Seiten der Aufnahmegesellschaft, mit einer Bereitschaft Fremdes als Bereicherung und nicht als Risiko, oder Bedrohung zu sehen.
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Quellenangabe:
• Bernt Engelmann: Du deutsch?, Geschichte der Ausländer in Deutschland, Verlag Steidl, 1994
• Gerhard Maletzke: Interkulturelle Kommunikation - Zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen, Westdeutscher Verlag, 1996
• Elisabeth Beck-Gernsheims: Wir und die Anderen - Kopftuch, Zwangsheirat und andere Missstände, Verlag Suhrkamp, 2007
• Hans-Jürgen Wensierski, Claudia Lübecke (Hrsg): Junge Muslime in Deutschland - Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen, Verlag B. Budrich, 2007
• Hayrettin Aydin, Andreas Goldberg, Nilgün Öksüz, Yasemin Özbek: Zur türkischen Gesellschaft, Kultur und Identität, Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 2000
• Ortfried Schäffter (Hrsg.): Das Fremde - Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung, Westdeutscher Verlag, 1991
• Rudolf Schmidt: Die Türken, die Deutschen und Europa - Ein Beitrag zur Diskussion in Deutschland, Verlag für Sozialwissenschaften, 2004
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