Freie Universität zu Berlin
Wintersemester 2002/2003
Fachbereich 12
Sozialpädagogik (Diplom)
Hauptseminar: (12208) Geschlechtsspezifische Mediensozialisation
Geschlechtsspezifische Lesesozialisation
Betrachtung und Diskussion im Hinblick auf die elektronischen Massenmedien
(speziell auf das Fernsehen)
Berlin, 01.01.2003
Gliederung
1. Einleitung 02
2. Die Geschichte des Lesens - historischer und sozialgeschichtlicher Rückblick 02
2.1. Die Anfänge: Klassisches Griechenland bis Mittelalter 02
2.2. Der Übergang vom monastischen zum scholastischen Lesen 04
2.3. Das 18. Jahrhundert 06
2.4. Bildungsbürgertum und Massenpublikum: 19. bis Anfang 20. Jahrhundert 07
3. Literarische Sozialisation heute 08
3.1. Von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit 08
3.2. Drei Instanzen der Lesesozialisation und ihr (möglicher?) Wandel 09
3.3. Geschlechtsspezifische Forschungsansätze 10
3.3.1. Empirische Befunde zum Leseverhalten der Geschlechter 10
3.3.2. Theoretische Erklärungsansätze 11
4. Verdrängt das Fernsehen das Buch? 12
4.1. Sozialisation durch die Massenmedien 12
4.1.1. geschlechtsspezifische Perspektive 13
4.2. Buchlesen im Medien- und Freizeitvergleich 15
4.3. Fernsehkinder - die neuen Analphabeten? 15
4.4. Ansätze der Medienpädagogik 16
4.4.1. geschlechtsspezifische Medienpädagogik 18
5. Literatur 20
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1. Einleitung
Bereits in den 60er Jahren, als das Fernsehen noch „jung“ war, prophezeite Marshall McLuhan die „literarische Endzeit“ - die elektronischen Medien (z.B. Kabelfernsehen und Internet) würden die Lesekultur beenden und eine nachliterarische Epoche der Kommunikation herbeiführen. Seit damals sind die besorgten Fragen von Eltern, Psychologen und Lehrern nicht verstummt, ob das Buch gegen den Ansturm der elektronischen Medien wird bestehen können. Ob das Buch wirklich durch andere Medien verdrängt wird, darum soll es in der vorliegenden Hausarbeit gehen - mit speziellem Blick auf die geschlechtsspezifische Sozialisation. 2. Die Geschichte des Lesens - historischer und sozialgeschichtlicher Rückblick
Unter dem Eindruck kulturpessimistischer Prognosen vom Niedergang der Schriftkultur hat sich die historische Leseforschung der Frage zugewandt, wie früher literarische Sozialisation stattgefunden hat. Im Hinblick auf bis heute bestehende Geschlechterdifferenzierungen im Bereich der literarischen Sozialisation soll an dieser Stelle ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Lesens von den abendländischen Anfängen bis ins 20. Jahrhundert gemacht werden (hauptsächlich orientiert an den Entwicklungen im deutschen Sprachraum). Die Lese-Erfahrung, schreibt Erich Schön im „Handbuch des Lesens“, entsteht durch die „untrennbare Einheit der verschiedenen Dimensionen des Lernens - und so muss sich eine Geschichte des Lesens auch auf die Menschen konzentrieren, die gelesen haben“ (Schön. In: Handbuch des Lesens. S. 1). Deshalb spricht man, neben dem historischen Aspekt, auch von einer Sozialgeschichte des Lesens.
2.1. Die Anfänge: Klassisches Griechenland bis Mittelalter
Phylogenetisch gesehen stellt das Lesen eine relativ junge Fähigkeit dar - sie gehört nicht zur „anthropologischen Grundausstattung“ des Menschen, sondern ist neurobiologisch in den Gehirnregionen zu suchen, die sich ursprünglich für die visuellen Funktionen (z.B. dem Spurenlesen bei der Jagd) entwickelt hatten. Die Anfänge des abendländischen Lesens sind (von Vorformen abgesehen) im Gebrauch von Zählsteinen und Tonfiguren begründet, die vor ca. 7000 Jahren in Mesopotamien im Gebrauch waren. Daraus entwickelten sich verschiedene Schriften, z.B. die protosumerische Schrift bei den Phöniziern - auf eine weitere Entwicklung möchte ich an dieser Stelle allerdings verzichten, weil dies den Rahmen meiner Hausarbeit
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sprengen würde. Wichtig hingegen ist anzumerken, dass bis zum 3./4. Jahrhundert literarische Schriften (wie z.B. Herodots Geschichtswerk) noch öffentlich vorgetragen wurden, erst mit dem Hellenismus (326 - 30 v. Chr.) begann sich das individuelle Lesen zu entwickeln. Trotzdem waren die Träger der hellenistischen Lesekultur nur eine kleine Gruppe Gebildeter und Wohlhabender, da Bücher zu dieser Zeit noch handschriftlich von Sklaven verfasst und dementsprechend teuer waren.
Im Römischen Reich (v.a. in der Kaiserzeit) waren Lesen und Schreiben bereits verbreitete Fähigkeiten, oft sogar für den Alltagsgebrauch (durch expandierenden Handel) unumgänglich
- allerdings nach wie vor bezogen auf die städtischen Oberschichten. Bald entwickelte sich ein System der materiellen Buch-Verbreitung mit Verlagen, Schreibstuben, einem Buchhandelssystem und öffentlichen Bibliotheken - so entwickelte sich bereits eine Art Bildungsbürgertum, in dem bereits auch Frauen und gebildete Sklaven eine Rolle spielten. Die antike Lesekultur endete spätestens im 6. Jahrhundert, da das Christentum der „alten“ (heidnischen) Kultur feindlich gegenüberstand. Für ein halbes Jahrtausend lebte die Schreib-und Lesekunst lediglich (in stark reduzierter Form und auch nur in Latein) in den mittelalterlichen Klöstern fort - die germanischen Eroberer (Bürger, aber auch Menschen aus Oberschichten und Herrscher) waren und blieben Analphabeten.
Allerdings, so Schön, kann die tatsächliche Zahl der Analphabeten wissenschaftlich nicht befriedigend festgestellt werden aufgrund einer Besonderheit, die bis ins 19. Jahrhundert bestehen blieb: Man lernte in der damaligen Zeit zuerst lesen - und erst, wenn dies beherrscht wurde, schreiben. Durch mangelnde Ausbildung und unzureichende Wiederholung des Gelernten entstand eine große Gruppe, die zwar nicht schreiben - aber durchaus lesen konnten. Zeugnisse darüber haben jedoch selten Spuren hinterlassen.
Dominant wurde die Schriftkultur erst ab dem 12. Jahrhundert. Auch hier spielten die Frauen eine zentrale Rolle. Die adligen Damen der höfischen Gesellschaft konnten in der Regel lesen
- trotzdem ist die hochmittelalterliche Literatur hauptsächlich geprägt durch gemeinsame Rezeptionen, weil der körperlich-sinnliche Aspekt des Vortragens eine große Rolle spielte. Das Lesen selbst war im Gegensatz zum heutigen schnell Zur-Kenntnis-Nehmen ein anspruchsvoller Vorgang, vor allem erschwert durch die handschriftlichen Texte. In dieser Zeit las man häufig immer wieder ein und dieselben Bücher, z.B. die Bibel - Lesen war meistens nur das Vortragen von (mehr oder weniger auswendig gekonnten) Texten - und damit eng verwandt mit dem Beten - auch monastisches Lesen genannt (8. - 12. Jahrhundert). Das Verhältnis zum Text bezeichnete man als „schriftliche Mündlichkeit“ - d.h. der Leser sprach die Wörter mehr
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oder weniger artikuliert vor sich hin, es kam weniger auf den Inhalt des Textes sondern mehr auf seine Autorität an.
2.2. Der Übergang vom monastischen zum scholastischen Lesen - Frühe Neuzeit bis Aufklärung
Das scholastische Lesen (12. - 14. Jahrhundert) bedeutete einen Übergang vom „aufgezeichneten Reden zum aufgezeichneten Denken“ (Schön 1991. S. 12). Da die Autoren nun selbst lasen, was sie schrieben, entwickelten sie ein anderes Verhältnis zum Text, sie gestalteten ihn bewusst auf den visuellen Aspekt hin, in dieser Zeit entstanden erste Satzzeichen, um das Lesen zu erleichtern.
Im 14. und 15. Jahrhundert wuchs (nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung des Handels) die Zahl derer, die lesen konnten, auch in die breiteren Schichten hinein. Im späten 14. Jahr-hundert vollzog sich auch in den weltlichen Oberschichten der Übergang vom Diktieren und Sich-Vorlesen-Lassen hin zum Selber-Schreiben und Selber-Lesen - Analphabetismus wurde nach und nach ein Merkmal von Minderwertigkeit. Trotzdem bildete sich kein literarisches Lesepublikum wie im heutigen Sinne, die Lektüre der Laien beschränkte sich bis ins 18. Jahr-hundert hinein nach wie vor auf Gebrauchsliteratur (z.B. Gesetzestexte) oder auf populärreligiöse Lektüre (wie z.B. die Bibel).
Durch die Erfindung des Buchdrucks durch J.G. Gutenberg um 1445/50 fand keine (wie oft irrtümlich angenommene) „Medien-Revolution“ statt, weil die technischen Möglichkeiten der Buchproduktion die Nachfrage nicht befriedigen konnten - das steigende Leseinteresse hatte ihren Ursprung vielmehr in sozialen Veränderungen. Zwar boten vor allem religiöse Texte (z.B. die Meinungsverschiedenheiten während der Reformation) einen Anreiz zum Lesen, trotzdem änderte sich das Lesepublikum sozial gesehen lange Zeit nicht, es entsprach um 1500 nach wie vor nur ca. 5% der Stadtbevölkerung und weniger als 1% der Gesamtbevölkerung. Trotzdem kann von einer Erhöhung der Lesefähigen gesprochen werden - unter anderem durch die Einführung von Schulen seitens der Protestanten.
Im 17. Jahrhundert wurde das Leseverhalten durch das Erscheinen erster Zeitungen vorangetrieben (ursprünglich entstanden aus Flugblättern während des 30jährigen Krieges), bereits im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts gab es in Deutschland 50 bis 60 verschiedene, um 1750 waren es bereits um die 120. Doch während sich das Zeitungslesen (ebenso wie das Lesen von Kalendern, Flugschriften und religiöser Literatur) bereits in breitere Schichten (auch auf die Frauen!) ausweitete, blieb die Buchproduktion des 17. Jahrhundert überwiegend eine Pro-
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Arbeit zitieren:
Kathrin Schultz, 2003, Geschlechtsspezifische Lesesozialisation - Betrachtung und Diskussion im Hinblick auf die elektronischen Massenmedien (speziell auf das Fernsehen), München, GRIN Verlag GmbH
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