Humboldt - Universität zu Berlin
Institut für Anglistik
SoSe 2002
PS Medieval and Early Modern Travel Narratives
Inhalt
I. Einleitung
II. Soziologische Fremdbetrachtung im Bezug auf die Darstellung des Autors
III. Die Darstellung der Griechen
IV. Das Heilige Land
V. Die Sarazenen
VI. Fremde jenseits des Heiligen Landes
VII. Das Land des Grossen Khan
VIII. Erstrebenswerte Fremde: Priester Johann, die Brahmanen und das Paradies
XI. Die Verwendung der Fremde bei Mandeville
Literaturverzeichnis
2
I. Einleitung
The Travels of Sir John Mandeville 1 wurden im 14. Jahrhundert bekannt und erlangten große Popularität vor allem als Quelle für geographische und ethnographische Informationen; Leonardo da Vinci und Kolumbus nutzten sie für ihre Entdeckungsreisen. Doch de facto handelt es sich bei den Travels nicht um den realistischen Reisebericht eines weit gereisten englischen Ritters, sondern vielmehr um ein fiktives Werk in der Gattung des travelogue 2 , einer hybriden Gattung bestehend aus deskriptiven, autobiographischen und erzählerischen Elementen. Das Werk entsprach dem mittelalterlichen Anspruch einer ernsten moralischen Absicht mit den drei wesentlichen Themen: die Unwürdigkeit der Christen Palästina zu besitzen, die Korruptheit der westlichen Kirche und die Darstellung guter Nichtchristen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Autor der Travels, wer auch immer er war, nicht gereist ist, sondern sein Wissen nachweislich aus anderen Quellen bezog mit dem Ziel durch die Beschreibung fremder Länder und Völker die moralische Verwerflichkeit und die Korruptheit der westlichen christlichen Welt darzustellen.
Es ist erstaunlich, dass so bedeutende Entdecker wie Kolumbus die Travels als faktische Grundlage für ihre Entdeckungsreisen nahmen. Daher möchte ich in dieser Arbeit die literarische Darstellung der Fremde und die ihr immanente Intension betrachten. Der hohe literarische Wert des Werkes resultiert gerade aus dem Umstand, dass jemand ohne die Völker und Orte tatsächlich besucht zu haben, die er beschreibt, eine teilweise äußerst präzise und detaillierte Darstellung der Fremde gibt, die jahrzehntelang für wahr gehalten wurde. Bei der Untersuchung der Fremddarstellung soll die Chronologie des Werkes auch Vorlage dieser Analyse werden. Die Travels können in zwei Bereiche aufgeteilt werden: die erste Hälfte befasst sich mit dem Weg zum Heiligen Land und der Darstellung der auf diesem Weg lebenden Völker, während es in dem zweiten Abschnitt um die Darstellung des Fernen Ostens geht. Der erste Teil entspricht dabei dem damaligen Interesse an der Pilgerfahrt, ein wesentlicher Grund für die Popularität des Werkes, der zweite Teil entspricht der Neugier 3 gegenüber einer noch unbekannten Welt.
Neben der literarischen Analyse möchte ich soziologische Auffassungen von Fremde in die Untersuchung einfließen lassen, um die aus der Lektüre resultierende Wirkung auf den Leser zu untermauern.
1 C.W.R.D. Moseley (Herausgeber). The Travels of Sir John Mandeville. London, 1983. Im Weiteren abgekürzt
durch MT
2 Stephan Kohl. Reiseromane/ Travelogues: Möglichkeiten einer ‘hybriden’ Gattung. In: Fremderfahrung in
Texten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, herausgegeben von Stephan Kohl und Günter Berger. Trier,
1993, 149-153
3 Hans Blumenberg. Der Prozeß der theoretischen Neugierde. Frankfurt am Main, 1973, 24
3
II. Soziologische Fremdbetrachtung im Bezug auf die Darstellung des Autors
Fremderfahrung kann auf unterschiedlichen Ebenen gemacht werden. Nach Waldenfels 4 gibt es drei Stufen der Fremderfahrung: die Fremdheit auf gleicher Stufe, auf früherer Stufe und die Fremdartigkeit abartiger Zustände. Allgemein betreffe Fremdheit Erfahrungsgehalte und -bereiche. Alles, was über die Eigenheitssphäre 5 hinausgehe, also keine Zugehörigkeit, Vertrautheit oder Zugänglichkeit besitzt, wird als fremd bezeichnet. Fremdartiges übersteige „Grenzen bestimmter Ordnungen“, wobei diese Ordnungen das enthalten, was man als bekannt oder eigen bezeichnen kann. Mandeville berührt in seinem Werk diese drei Stufen von Fremdheit. Die Griechen sind als Fremde durch ihren christlichen Glauben dem Eigenen sehr ähnlich, so dass man hier von Fremdheit auf gleicher Stufe sprechen kann. Im Allgemeinen versucht der Autor gerade bei absolut andersartigen Bräuchen eine Nähe zum Eigenen aufrechtzuerhalten, so dass das Fremde oft vertraut, das Vertraute oft fremd erscheint 6 . Es ist daher sehr schwer eine Fremdheit auf früherer Stufe zu finden. Die Fremdartigkeit abartiger Zustände trifft man im zweiten Teil des Werkes an: so beschreibt er hässliche Menschen mit nur einem Auge auf der Stirn und anderen körperlichen Abnormalitäten. Mandeville nutzt vor allem eine Stufe von Fremdheit, die ich als Fremdartigkeit auf höherer Stufe bezeichnen möchte: die Fremde fungiert als Vorbild. Das Land des Großen Khans soll als gutes Beispiel den schlechten Christen zu Hause vorangehen. Da Fremde außerhalb einer bekannten Ordnung liegt, bedarf es einer Form von Bewältigung um das Fremde einzudämmen oder zu bändigen. Waldenfels nennt dafür die Aneignung der Fremde, die Mandeville durch seinen nüchternen, rationalisierenden Stil dem Leser ermöglicht. Die Aneignung geschieht, „[...] indem es [das Fremde] am Eigenen gemessen wird [...] .“ (B.W.: Der Stachel des Fremden, 61) . Je weiter östlich sich Mandeville bewegt, umso stärker kehrt er dieses Prinzip um. Denn er misst das Eigene am Fremden, indem er das fromme Verhalten von Christen und Nichtchristen im Fernen Osten den heimischen Christen als Spiegel ihrer selbst vorhält. Eine Auslieferung an das Fremde findet sich bei Erläuterungen wie „ [...] as men say, for I myself have not seen it [...] “ (MT, 53). Dies findet sich bei Mythen und Legenden oder bei der Beschreibung des irdischen Paradieses. Das
4
Bernhard Waldenfels.
Der Stachel des Fremden.
Frankfurt am Main. 3.Auflage, 1998, 59 ff. Im Weiteren
abgekürzt B.W.: Der Stachel des Fremden
5 Edmund Husserl. „ Grundlegende Untersuchungen zum phänomenologischen Ursprung der Räumlichkeit der
Natur“. In: Philosophical Essays in Memory of Edmund Husserl, herausgegeben von M. Farber, Cambridge,
Mass., 1940
6 Stephen Greenblatt. Wunderbare Besitztümer. Berlin. 3. Auflage, 1998, 71. Im Weiteren abgekürzt S.G.:
Wunderbare Besitztümer
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Arbeit zitieren:
Johanna Wünsche, 2002, Die Fremde in "The travels of Sir John Mandeville", München, GRIN Verlag GmbH
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