Ludwig Wittgenstein und der Sinn des Lebens
Eine Untersuchung der Sinnfrage anhand seiner ethischen Schriften
vorgelegt von Christian Schwießelmann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – die Frage nach dem Sinn des Lebens
in der Philosophie bis Wittgenstein S. 3
2. Ludwig Wittgenstein und der Sinn des Lebens S. 5
2.1 Biographische Bemerkungen S. 6
2.2 Die Sinnfrage im Tractatus logico-philosophicus S. 10
2.3 Vortrag über Ethik und die Sinnfrage im Spätwerk S. 14
3. Schluß – Wittgensteins Antwort auf die Frage
nach dem Sinn des Lebens S. 17
4. Literatur S. 19
1. Einleitung – die Frage nach dem Sinn des Lebens in der Philosophie bis Wittgenstein
Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für die Philosophie in vielerlei Hinsicht ein Problem: zum ersten fällt es schwer, die Genese und Entwicklung der Frage philosophiegeschichtlich eindeutig nachzuzeichnen; zum zweiten kann die Frage entweder gattungsspezifisch (der Sinn des Lebens aller Menschen) oder individuell (der Sinn des Lebens eines Menschen) gestellt werden und zum dritten gilt sie insofern als allgemeingültig nicht zu beantworten, als daß verschiedene Menschen aus verschiedenen Denktraditionen zu verschiedenen Zeiten verschiedene Antworten versucht1 und aufgrund von Verständnisschwierigkeiten oftmals nur unbefriedigende gefunden haben. Wenn man nicht die antike Tradition philosophischen Fragens als Suche nach dem Sinn des Lebens begreift, sondern den Topos Sinn des Lebens auf die Bestimmung des Menschen bezieht, dann läßt sich dieser auf die Zeit der Kritischen Philosophie Kants zurückdatieren. Im 18. Jahrhunderts vollzog sich die Ablösung des Begriffes Wert durch Sinn (vgl. HISTORISCHES WÖRTERBUCH DER PHILOSOPHIE 1995, S. 815ff), allerdings deutet die Substituierbarkeit beider Wörter in der Wortfolge Wert/Sinn des Lebens darauf hin, daß sie trotz ihrer Polysemie (z. B. Sinn = Wert, Bedeutung, Bewußtsein, Wahrnehmung, Richtung usw.) in dieser Sprachverwendung dasselbe bedeuten können.
Der exakte Ausdruck Sinn des Lebens geht wahrscheinlich auf die Frühromantik zurück, er findet sich 1798 bei Novalis und 1799 in Friedrich Schlegels Roman Lucinde (siehe FEHIGE/MEGGLE/WESSELS 2000, S. 22). Arthur Schopenhauer popularisierte ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Sinnfrage, die außerdem von der aufgeklärten Religionskritik thematisiert wurde. Im Gefolge Schopenhauers prägte die Lebensphilosophie Nietzsches und Diltheys den „emphatische[n] Sinnbegriff: Sinn hat, was sich – gegebenenfalls absolut – lohnt (was wichtig ist, erfüllt, zufrieden, glücklich macht und nicht verzweifeln läßt, emphatisch – als ihr Wert und Zweck – bezogen auf das Menschenleben, die Geschichte, die Welt)“ (MARQUARD 1983/84, S. 36). Für den Gegenwartsphilosophen Odo Marquard resultiert aus dem emphatischen Begriff ein spätmoderner Sinnverlust und Nihilismus, weil die gewachsenen Ansprüche eines Lebens in Wohlstand und das Streben nach Reichtum, Anerkennung und Erfolg das Sinndefizit noch spürbarer machen.
Auch im englischsprachigen Raum wurde die Frage in der Formulierung Is life worth living? am Ende des 19. Jahrhunderts gestellt. So gelangte Betrand Russell, einer der wichtigsten Lehrer Ludwig Wittgensteins, zu der religionskritischen Ansicht, daß nur der freie, schöpferische, philosophische Mensch, der seine Gottesillusion verwirft, seinem Leben einen Sinn zu geben vermag: „Den Kampf um das persönliche Glück aufzugeben, alles zeitliche Wünschen abzustreifen und vor Leidenschaft nach den ewigen Dingen zu glühen – darin liegt Befreiung, so verehrt der freie Mensch. Diese Befreiung gewinnt, wer das Schicksal betrachtet, denn der Geist, der dem reinigenden Feuer der Zeit nichts zu läutern belässt, unterwirft sich das Schicksal“ (RUSSELL 1952, S. 346).
Während sich Karl R. Poppers Diktum „Die Weltgeschichte hat keinen Sinn“ (POPPER 1962, S. 189) gegen die materialistische Geschichtsauffassung des Marxismus (der Sinn des Lebens wird von den historischen Entwicklungsgesetzen freigelegt) und seinen staatlichen Ausprägungen im 20. Jahrhundert richtete, scheint ein Teil der neueren Philosophie die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz akzeptiert zu haben. Der Sinn des Lebens kann danach – wenn überhaupt – nur im kleinen und von innen her gerechtfertigt werden. Ein Mensch hat das Faktum seiner Existenz hinzunehmen, ohne nach dem Wozu zu fragen; das Leugnen seiner Bedeutungslosigkeit würde am Ende lächerlich wirken. „Das Leben ist dann vielleicht nicht sinnlos, sondern absurd2“ (NAGEL 1990, S. 84). Dieser existentielle Gebrauch des Sinnbegriffs ist von verschiedenen Seiten kritisiert worden. Die Psychologie von Freud bis Frankl neigte dazu, das Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens als Symptom einer seelischen Erkrankung aufzufassen, was z. B. Günther Anders‘ Gegenwehr hervorrief. In sarkastischer Anlehnung an Marx schrieb er über das „Sinn-Gefasel“ der Psychotherapeuten: „Sinn als Mittel. Kaffee fürs Volk“ (ANDERS 1980, S. 370). Die christliche Theologie und Mystik sah und sieht den Sinn des Lebens traditionell in Gott. Einige russische Dichter wie Tolstoj und Dostojewski haben sich dadurch inspirieren lassen. Um die Annäherung an Wittgensteins Verständnis der Sinnfrage abzuschließen, ist der Blick nochmals auf die begrifflich-systematische Diskussion der Frage gerichtet. Im HANDBUCH PHILOSOPHISCHER GRUNDBEGRIFFE von 1974 wird die Sinnfrage als ein ethisches Postulat im „Problemfeld von Befangenheit und Befreiung“ (S. 1335) verstanden. Ähnlich wie bei Wittgenstein wird Sinnstiftung/Sinnfindung zu einer abhängigen Variable des freien Willens und individuellen Denkaktes, letztlich zu einer Frage der Lebensform (vgl. S. 1340).
2. Ludwig Wittgenstein und der Sinn des Lebens
[...]
1 Ein Kaleidoskop philosophischer, psychologischer, theologischer und poetischer Zugänge
verschiedener Autoren zu dieser Frage haben FEHIGE/MEGGLE/WESSELS 2000 im Band Sinn des
Lebens herausgegeben. Schwerpunkt bildet hierin die analytische Philosophie.
2 Thomas Nagel hat sich in seinen Aufsätzen auch mit dem Absurden beschäftigt. In diesem
Zusammenhang ist auf die Existenzphilosophie Albert Camus‘ und seine Ausführungen zum
Mythos von Sisyphos hinzuweisen.
Arbeit zitieren:
Christian Schwießelmann, 2001, Ludwig Wittgenstein und der Sinn des Lebens. Eine Untersuchung der Sinnfrage anhand seiner ethischen Schriften, München, GRIN Verlag GmbH
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