Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fragestellung und Methodik
1.2. Literatur
2. Filmgattungen und Terminologie
2.1. Welche Filmgattungen werden unterschieden?
2.2. Was genau kann unter dem Begriff Historischer Spielfilm verstanden
werden ?
3. Spielfilme im Geschichtsunterricht
3.1. Welche Funktionen können Spielfilme im Geschichtsunterricht erfüllen?
3.2. Was spricht aus pädagogischer/psychologischer Sicht für einen
Spielfilmeinsatz im Geschichtsunterricht?
3.3. Wo können Probleme beim Spielfilmeinsatz im Geschichtsunterricht liegen?
3.4. Wie kann der praktische Umgang mit Spielfilmen im Geschichtsunterricht
aussehen ?
4. Zusammenfassung und Fazit
5. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
1.1. Fragestellung und Methodik
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Spielfilme im Geschichtsunterricht. Hierbei habe ich versucht, durch eine Betrachtung der geschichtsdidaktischen Literatur zum Thema Spielfilme die Fragen zu klären, inwieweit Spielfilme sinnvoll im Geschichtsunterricht eingesetzt werden können.
Um diese Frage zu beantworten, bin ich erst einmal in Kapitel 2.1. in aller Kürze auf die vorgeschlagenen Unterscheidungen in verschiedenen Filmgattungen eingegangen, um dann in Kapitel 2.2. näher auf die Gattung Spielfilm einzugehen.
In Kapitel 3.1. habe ich dann versucht, die in der Sekundärliteratur genannten Funktionen, die Spielfilme im Geschichtsunterricht erfüllen können, herauszuarbeiten, um dann in Kapitel 3.2. kurz der Frage nachzugehen, welche Gründe aus pädagogischer und psychologischer Sicht für einen Spielfilmeinsatz im Geschichtsunterricht sprechen. Im Kapitel 3.3. bin ich dann auf die Probleme, die mit einem Spielfilmeinsatz verbunden sein können, eingegangen, und in Kapitel 3.4. habe ich die verschiedenen Hilfestellungen für den praktischen Spielfilmeinsatz im Geschichtsunterricht, die in der Literatur genannt werden, zusammengefasst.
1.2. Literatur
Schon seit vielen Jahren werden in der Geschichtsdidaktik Überlegungen zum Thema Geschichte im Spielfilm und dessen Wirkung auf das Geschichtsbewusstsein Jugendlicher angestellt. Bodo von Borries verweist in seinem Aufsatz zu diesem Thema aus dem Jahr 1985 1 auf einen Arbeitskreis und eine Fachzeitschrift, die sich seit Anfang der 80er Jahre mit dem Thema Geschichte und Film beschäftigen. Gleichzeitig merkt er aber auch an, dass die Behandlung des Themas Geschichte im Film noch in den Anfängen steckt, und sich keine Wissenschaftsdisziplin im speziellen für das Thema zuständig fühlt 2 .
1 Borries, Bodo von; „Geschichte im Spiel- und Dokumentarfilm. Fach- und Mediendidaktische Überlegungen“ (1985); Lebendiges Geschichtslernen. Bausteine zu Theorie und Pragmatik, Empirie und Normfrage ; Bodo von Borries zum 60. Geburtstag; hg. v. K. Bergmann; Schwalbach/Ts., 2004; S. 192-225
2 Borries; S. 193
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Heute kann jedoch auch nicht davon die Rede sein, dass das Thema ausreichend erforscht ist, jedoch gibt es einige aktuelle Aufsätze, die sich im Allgemeinen mit dem Thema Geschichte im Film befassen, und recht viele Aufsätze, die einzelne Filme oder Genres behandeln.
Für die folgende Hausarbeit habe ich vor allem drei Aufsätze von Gerhard Schneider 3 aus dem Jahr 2002, von Norbert Zwölfer 4 aus dem Jahr 2003 sowie von Peter Meyers 5 aus dem Jahr 2001 verwendet. Ergänzend habe ich ebenfalls noch einen Artikel von Hans-Dieter und Helga Kübler 6 aus dem Jahr 1992 herangezogen.
All diese Aufsätze behandeln das Thema Film im Geschichtsunterricht und beschäftigen sich nicht nur unter anderem mit Spielfilmen. Anders als zum Beispiel bei der Gattung Dokumentarfilm sind mir keine Aufsätze speziell zum Thema Spielfilme im Geschichtsunterricht bekannt.
Dies wiederum macht es schwieriger, spezielle Informationen zum Thema Spielfilme aus den Aufsätzen herauszufiltern, gerade weil die Autoren nicht immer genau angeben, auf welche Filmgattung sie sich im speziellen beziehen.
Jedoch lässt das vorhandene Material eine einführende Auseinandersetzung zum Thema Geschichte im Spielfilm zu und bietet genügend Anhaltspunkte für die sinnvolle Verwendung von Spielfilmen im Geschichtsunterricht.
3 Schneider, Gerhard; „Filme“; Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Forum Historisches Lernen; hg. v. H.-J. Pandel, G. Schneider; Schwalbach/Ts., 2002 2 ; S. 365-386
4 Zwölfer, Norbert; „Filmische Quellen und Darstellungen“; Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II; hg. v. H. Günther-Arndt; Berlin, 2003; S.125-136
5 Meyers, Peter; „Film im Geschichtsunterricht 1 “; Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht; hg. v. J. Rohlfes, W. Schulze; Nr. 4, 2001; S. 246-259; 1 Der Film fußt auf dem Buch des Verfassers: Film im Geschichtsunterricht. Realitätsprojektionen in deutschen Dokumentar- und Spielfilmen von der NS-Zeit bis zur Bundesrepublik. Geschichtsdidaktische und unterrichtspraktische Überlegungen; Frankfurt am Main, 1998
6 Kübler, Hans-Dieter und Helga; „Geschichte als Film - Film als Geschichte“; Praxis Geschichte. Film-Geschichte-Unterricht; Nr. 6, 1992; S. 6-12
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2. Filmgattungen und Terminologie
2.1. Welche Filmgattungen werden unterschieden?
Im Handbuch Medien im Geschichtsunterricht stellt Gerhard Schneider fest, dass „Trotz der mittlerweile verbreiteten Verwendung des Films im Geschichtsunterricht […] sich bislang noch keine einheitliche, allgemein akzeptierte Terminologie durchgesetzt“ 7 hat.
In seinen Betrachtungen zum Filmeinsatz im Geschichtsunterricht unterscheidet Schneider selber zwischen kommentiertem Dokumentarfilm 8 , Filmdokument 9 und historischem Spielfilm.
Peter Meyers unterscheidet ähnlich zwischen Filmdokument 10 , Dokumentarfilm 11 , Spielfilm und Unterrichtsfilm 12 in Anlehnung an die Typologie Joachim Rohlfs. Jedoch geht Meyers davon aus, dass unterschiedliche Wissenschaftler immer aufgrund unterschiedlicher Ziele und Bezugswissenschaften zu unterschiedlichen Einteilungen kommen werden, und dass auch andere Typisierungen denkbar sind 13 . Rohlfes selber unterscheidet zusätzlich allerdings noch die Kategorie des dokumentarischen Spielfilms 14 .
Einen etwas anderen Zugang zur Bildung von Filmgattungen wählt Norbert Zwölfer, der davon ausgeht, dass „bestimmte Typen von Filmen durch die hauptsächliche Verwendung ihres Materials bestimmt werden“ 15 . Er unterscheidet somit zwischen filmischer Fiktion 16 , filmischer Rekonstruktion 17 und Archiv-/Dokumentarfilm 18 , wobei auch Zwölfer ausdrücklich
7 Schneider; S. 367
8 Darstellung von historischen Ereignissen oder Zusammenhängen unter Verwendung zeitgenössischen Bild- und Tonmaterials; Schneider; S. 367-368
9 gleichzeitig mit den gefilmten Ereignissen hergestellte Dokumentationen; Selbstdarstellungen; zeitgenössische Dokumentationen; gefilmte Interviews; private Filme; Schneider; S. 368
10 unverfälschte Filmaufnahmen mit „Live-Charakter“, d.h. ohne nachträgliche Kommentierung, Musik- oder Texteinblendung und ohne Montage; Meyers; S. 249
11 „Reproduktion von Wirklichkeit unter bestimmten thematischen Aspekten“ und unter Verwendung von Filmdokumenten, z. B. Nachrichtensendungen und Filme zur Erinnerung an historische Ereignisse; Meyers; S. 249-250
12 neuere didaktisch aufbereitete Filme, die keine fertigen Lösungen anbieten sondern Arbeitsmöglichleiten bieten; z. B. Aufnahmen von Zeitzeugen, Reportagen von Ausgrabungen; filmquellenkritische Rekonstruktionen einzelner Ereignisse; Meyers; S. 253
13 Meyers; S. 248
14 durch historische Faktentreue soll eine objektive Realität gezeigt werden; Rohlfes, Joachim; Geschichte und ihre Didaktik; Göttingen, 1997 2 ; S. 339-342; zit. n. Meyers; S. 248/251
15 Zwölfer; S. 129
16 Zwölfer; S. 129-130
17 möglichst originalgetreue Rekonstruktion von hist. Orten, Situationen, Werkzeugen, usw. mit erläuterndem Kommentar; Zwölfer; S. 130-131
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keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt 19 . Das Problem, dass viele Filme aus verschiedenen Materialien zusammengesetzt sind, stellt sich für Zwölfer in seinen Betrachtungen nicht, da er im Unterricht sowieso nur mit kurzen Filmausschnitten arbeitet.
Hans-Dieter und Helga Kübler vertreten in Ihrem Basisbeitrag zum Heft Film-Geschichte-Unterricht von Praxis Geschichte die Auffassung, dass in jedem Film „ Momente der Gestaltung, der Auswahl und des Zurechtmachens des abgelichteten Wirklichkeitsausschnittes“ 20 stecken. Und daher wollen sie keine festen Gattungen abstecken, sondern fassen bei Filmen die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit als fließend auf 21 .
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese ganze Vielfalt an möglichen Typisierungen äußerst verwirrend erscheint und die wirklichen Probleme in den Details, z. B. in der Definition von Filmdokumenten, liegen. Auch wird es eine einfache für alle Zwecke sinnvolle Einteilung wahrscheinlich nicht geben und mit einer genauen Analyse der möglichen Begrifflichkeiten wäre eine eigene Hausarbeit problemlos zu füllen. Im folgenden braucht uns dies allerdings nicht weiter zu stören, da wir uns nur mit der Gattung Spielfilmen beschäftigen.
Zu erwähnen ist allerdings noch, dass kein didaktischer Qualitätsunterschied zwischen den einzelnen Filmgattungen besteht 22 , und somit auch Spielfilme, je nach didaktischer Intention, die gleiche Berechtigung haben, im Geschichtsunterricht eingesetzt zu werden.
2.2. Was genau kann unter dem Begriff Historischer Spielfilm 23 verstanden werden? Für die Gattung Spielfilm sind im vorigen Kapitel die Begriffe (historischer) Spielfilm, filmische Fiktion sowie dokumentarischer Spielfilm gefallen, die wir uns im folgenden etwas genauer anschauen werden.
Schneider geht allerdings überhaupt erst gar nicht auf eine Definition der Gattung Spielfilm ein, sondern gibt verschiedene Spielfilme als Beispiel an 24 .
18 gleichzeitig mit dem gefilmten Ereignis hergestellte Produktionen und Filme, die dieses Archivmaterial verwenden; Zwölfer; S. 131
19 Zwölfer; S. 129
20 Kübler; S. 7
21 Kübler; S. 7
22 Schneider; S. 369; und Meyers; S. 256 [der Schneider zitiert]
23 historisch bedeutet hierbei nicht, dass der Film selber ein historisches Dokument sein muss, sondern nur auf den Inhalt der Handlung
24 Schneider; S. 368
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Meyers betont, dass bei historischen Spielfilmen der fiktionale Charakter im Vordergrund steht und häufig die Emotionen des Betrachters sehr stark angesprochen werden 25 . Durch diese historischen Spielfilme sollen daher nicht historische Abläufe und Personen exakt und objektiv geschildert werden, sondern es soll eine andere Form historischer Wahrheit vermittelt werden 26 , die wiederum mit der Geschichtsdeutung des Films zusammenhängt.
Zwölfer sieht das Charakteristische der filmischen Fiktion darin, dass versucht wird historische Themen mit filmästhetischen Mitteln sowie inszenierten und dramatisierten Personen zu gestalten, um so Identifikationsmöglichkeiten für den Betrachter zu schaffen 27 .
Die Begriffe ‚filmische Fiktion’ und ‚historischer Spielfilm’ können also durchaus als gleichzusetzen betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht jeweils eine fiktionale Handlung vor einem historischen Hintergrund mit hohem Identifikationspotenzial für den Zuschauer.
Aus der Reihe fällt der so genannte dokumentarische Spielfilm, der den Anspruch erhebt, durch Faktentreue Ereignisse historisch genau darzustellen. Allerdings sehen weder Schneider, Meyers noch Zwölfer den dokumentarischen Spielfilm als eigene Gattung und Rohlfes merkt zu dieser Kategorie auch selber an, dass der Zuschauer nicht in der Lage sei, das Authentische vom bloß Nachempfundenen, das in jedem Film an irgendeiner Stelle enthalten ist, zu unterscheiden 28 .
Für dokumentarische Spielfilme und ebenso für hist. Spielfilme im Allgemeinen gilt daher, wie vorher schon zitiert, dass jeder Film nur eine Auswahl und eine Gestaltung der Wirklichkeit ist, und die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion fließend sind 29 .
So argumentiert auch Schneider, der keinem Film absolute Freiheit von Fiktion attestiert, und selbst im fiktionalsten Western noch wirklichkeitsgetreue Spuren der Vergangenheit sieht 30 .
25 Meyers; S. 250
26 Meyers; S. 251-152
27 Zwölfer; S. 129-130
28 Rohlfes S. 340; zit. n. Meyers; S. 251
29 Kübler; S. 7
30 Schneider S. 371
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Aber vor allem besteht die Funktion des Spielfilms im Geschichtsunterricht nicht darin, möglichst genaue Informationen über das dargestellte Ereignis zu bekommen, sondern darin das durch den Film transportierte Geschichtsbewusstsein seiner Entstehungszeit zu erkennen. Aber hierzu im nächsten Kapitel.
Es ist daher in unserem Zusammenhang nicht entscheidend, den dokumentarischen Spielfilm als eigene Kategorie zu sehen, da eine a priori Unterscheidung nach dem Wahrheitsgrad des Dargestellten nicht unbedingt hilfreich ist.
Auch steht in erster Linie bei dokumentarischen Spielfilmen die Spielhandlung im Fordergrund, was wiederum für die gesamte Spielfilmgattung ein wesensbestimmendes Merkmal ist.
Der historische Spielfilm ist allerdings auch nur ein Teil in der Gattung Spielfilm, und dieser Teil ist nach innen wiederum vielfach unterteilbar 31 .
31 siehe z.B. rororo-Film-Lexikon; s. v. „Historischer Film“; hg. v. L.-B. Bawden; W. Tichy; Reinbeck bei Hamburg, 1983; zit. n. Meyers; S. 251
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3. Spielfilme im Geschichtsunterricht
3.1. Welche Funktion können Spielfilme im Geschichtsunterricht erfüllen? Welche Funktion erfüllen Spielfilme nun überhaupt im Geschichtsunterricht, da sie doch aus fiktionalen Inhalten bestehen, und selbst wenn sie den Anspruch auf historische Genauigkeit erheben, diesen niemals ganz erreichen und sowieso hauptsächlich auf Emotionen beim Betrachter setzen?
Meyers hat hierzu drei Funktionskategorien herausgearbeitet 32 , die sich in ähnlicher Form auch bei anderen Autoren finden und daher gut geeignet erscheinen, die möglichen Funktionen von Spielfilmen im Geschichtsunterricht zu beschreiben.
a) Spielfilme als Produzenten von Geschichtsbewusstsein und Trainingsgrundlage für einen reflektierten Umgang mit dem eigenen Geschichtsbewusstsein
Die didaktische Literatur ist sich einig, dass kein Medium so viel Geschichte für einen so großen Zuschauerkreis aufbereitet hat wie der Film, und dass somit Filme unser Geschichtsbewusstsein und -wissen weitgehend prägen 33 .
Bei der Bewertung fiktionaler Spielfilme kann daher nicht nur die historische Richtigkeit der dargestellten Handlungen und Personen im Vordergrund stehen, sondern auch die Aussage des Spielfilms und das über den Spielfilm vermittelte Geschichtsbild 34 . An dieser Stelle muss der Geschichtsunterricht ansetzen und fragen, inwieweit der Aussage des Films zugestimmt werden kann, und inwieweit das vermittelte Geschichtsbild der Wahrheit entspricht 35 . Somit kann der Schüler lernen, die alltägliche Beeinflussung seines Geschichtsbildes zu erkennen und zu reflektieren, um hierdurch wiederum resistenter gegen gezielt manipulative Beeinflussung zu werden.
Wichtig ist dies vor allem, da das über Spielfilme vermittelte Geschichtsbewusstsein hoch emotional ist, im Gegensatz zum rationalen Umgang mit Geschichte im normalen Geschichtsunterricht.
32 Meyers; S. 247
33 Meyers; S.247; Zwölfer S. 126; Schneider; S. 367
34 Meyers; S. 252; Kübler; S. 10
35 Meyers S.259
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Dieses emotionale Empfinden von Geschichte wiederum ganz aus dem Unterricht auszuschließen könnte dazu führen, dass zwei Typen geschichtlichen Wissens bei den Schülern 36 entstehen, ein rationales in der Schule sowie ein emotionales und vielleicht einflussreicheres außerhalb der Schule 37 .
b) Spielfilme als Quellen für das Geschichtsbewusstsein einer Generation oder Nation
Die Zweite Funktion, die Spielfilme im Geschichtsunterricht einnehmen können, ist die der historischen Quelle 38 .
Spielfilme können eine bestimmte Zeitsicht auf historische Ereignisse darstellen, Ausdruck für einen bestimmten Zeitgeist sein, Wünsche, Hoffnungen und Ängste widerspiegeln und politisch-manipulative Absichten aufdecken. Sie können somit zeigen, wie eine Gesellschaft sich ihrer Geschichte versichert oder kritisch mit ihr auseinandersetzt. Allerdings darf bei all diesen Möglichkeiten nicht vergessen werden zu fragen, wie repräsentativ und authentisch einzelne Spielfilme für eine ganze Gesellschaft sind, da natürlich nicht einfach von einem Film auf die Mentalität einer ganzen Gesellschaft geschlossen werden kann. Der Quellenwert von Spielfilmen darf aber wiederum auch nicht unterschätzt werden, wenngleich auch immer eine Überprüfung anhand von schriftlichen Quellen sinnvoll ist.
Historische Spielfilme sagen somit mehr über das Geschichtsbild und die Mentalität der Entstehungszeit aus als über das dargestellte historische Ereignis 39 . Es kann zum Beispiel geklärt werden, wie frühere Generationen historische Ereignisse und Personen interpretierten, oder wie versucht wurde Menschen, z. B. im Nationalsozialismus, durch Filme zu beeinflussen.
36 Gemeint sind natürlich, wie in der ganzen Hausarbeit, Schülerinnen und Schüler.
37 Kübler; S.6
38 Meyer; S. 247/252; Schneider; S. 365/370; genauere Betrachtungen zum Spielfilm als Quelle bei Aurich, Rolf; „Wirklichkeit ist überall. Zum historischen Quellenwert von Spiel- und Dokumentarfilmen“; Geschichte in Bildern. Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle; hg. v. I. Wilharm; S.112-128
39 Meyers S. 252
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c) Medienerziehung durch Historische Spielfilme
Die dritte Funktion, die Medienerziehung durch Spielfilme, konstituiert sich aus den beiden erstgenannten Funktionen 40 und geht auch über den Geschichtsunterricht hinaus, da Medienerziehung eine fächerübergreifende Aufgabe des Unterrichts ist.
Schüler/innen lernen, durch die Behandlung von Spielfilmen im Geschichtsunterricht, mit Filmen generell umzugehen und diese analytisch und kritisch zu hinterfragen 41 .
Hierzu gehört zum Beispiel, dass Schülern/innen bewusst wird, dass Filme ihr Geschichtsbewusstsein in hohem Maße mitbestimmen, und verschiedene Generationen ein und dasselbe Ereignis unterschiedlich interpretieren.
Neben diesen drei Funktionen führt Schneider eine ganze Liste mit Möglichkeiten für einen Filmeinsatz im Geschichtsunterricht auf. Er nennt unter anderem die Stichworte Veranschaulichung, Informationsaneignung, Einstimmung, Provokation und Lernkontrolle 42 , die teilweise allerdings auch wieder mit den drei genannten Hauptfunktionen zusammenhängen.
3.2. Was spricht aus pädagogischer/psychologischer Sicht für einen Spielfilmeinsatz im Unterricht?
Insgesamt scheint zwei mögliche Leistungsebenen von Filmen im Allgemeinen, und damit auch von Spielfilmen, für den Geschichtsunterricht zu geben, eine motivational und eine lernpsychologisch begründbar.
40 Meyers S. 247
41 Schneider; S.365; Zwölfer; S. 126
42 Schneider; S. 377-378
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Unbestritten dürfte der motivationale Aspekt sein. Filme wecken Interesse an Geschichte, veranschaulichen komplexe Themen und setzen die Phantasie der Schüler/innen in Gang 43 . Dieses Interesse der Schüler kann dann wiederum aufgegriffen und für die analytische Arbeit am Film genutzt werden 44 .
So stellt auch Schneider fest, dass es keine Quelle und kein Medium gibt, „das hinsichtlich seiner Intensität, seiner Faszination, Suggestivität, Ausdrucksstärke und Erlebnisqualität, aber auch seiner Genauigkeit und Realitätsnähe dem Film gleichkäme’“ 45 , und dass der Film „historische Realitäten konkreter, plastischer erscheinen lassen und im
Unmittelbarkeitserlebnis Emotionen freisetzen“ 46 kann.
Wichtig erscheint allerdings auch die Leistungsebene von Filmen im lernpsychologischen Bereich.
Zwölfer führt aus, dass erst durch die emotionale Berührtheit der Schüler ein mehrdimensionaler Lernprozess in Gang gesetzt wird 47 , und gleichzeitig die weitere abstrakte Behandlung des Themas im Unterricht auf konkrete Bilder zurückgeführt werden kann 48 . Meyers betont, dass die psychologische Forschung gezeigt hat, dass ein mittleres emotionales Erregungsniveau eine hohe Behaltensleistung mit sich zieht, aber auch, dass trotz vieler Untersuchungen die Frage nach der Wirkung von Filmen auf das Lernen nicht zufrieden stellend abgesichert wurde 49 .
Schneider wiederum zitiert aus älteren Studien, wonach durch einen Einsatz von Filmen im Geschichtsunterricht ein Leistungszuwachs um bis zu 20 % erreicht werden könne 50 .
43 Zwölfer; S. 127; Schneider; S. 371
44 Zwölfer; S. 125
45 Schneider; S.370
46 Schneider; S.371
47 Zwölfer; S. 127
48 Zwölfer; S. 128
49 Meyers; S. 255
50 Schneider; S. 366
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3.3. Wo können Probleme beim Spielfilmeinsatz im Geschichtsunterricht liegen?
Schneider führt eine ganze Reihe von Problemen, die mit dem Filmeinsatz im
Geschichtsunterricht verbunden sein können, auf. Er sieht die Gefahr, dass Schüler/innen der Faszination der Bilder erliegen und somit das Filmgeschehen distanzlos miterleben 51 und gleichzeitig sieht er bei Spielfilmen im speziellen die Schwierigkeit, dass häufig die historische Realität verzerrt oder falsch dargestellt wird und historische Ereignisse benutzt werden, um politische Botschaften zu transportieren 52 .
Im Allgemeinen sieht er dann noch das Problem des Filmverständnisses und der Dekodierung der verwendeten Zeichen durch die Schüler, was jedoch, wie er betont, das Problem bei jedem Unterrichtsmittel sei 53 .
Meyers stellt am Ende seiner Betrachtungen zu den Leistungsmöglichkeiten von Filmen auch fest, dass die Vorteile des Filmeinsatzes schnell ins Gegenteil umschlagen können, falls die Schüler nicht im richtigen Alter für eine angemessene Rezeption des Films sind, nicht genug Medienkompetenz aufgebaut haben oder die Methode der Quellenkritik nicht beherrschen, und dass ein falsches methodisches Vorgehen verheerende Folgen haben kann 54 .
Zwölfer wiederum drückt die Probleme, die er beim Einsatz von Spielfilmen im Geschichtsunterricht sieht, als Aufgaben für den Unterricht aus. Hiernach muss eine gedankliche Distanz der Schüler hergestellt werden, der Film muss in historisches Wissen eingebettet werden, der Quellenwert muss analysiert und problematisiert werden, und die Interpretation durch den Regisseur muss kritisch gewürdigt werden 55 .
51 Schneider; S. 375
52 Schneider; S. 376
53 Schneider; S. 375
54 Meyers; S. 255
55 Zwölfer; S. 132
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3.4. Wie kann der praktische Umgang mit Spielfilmen im Geschichtsunterricht aussehen?
Über den richtigen Umgang mit Spielfilmen im Geschichtsunterricht gibt es in der didaktischen Literatur verschiedene Herangehensweisen.
Während Meyers Filme als Gesamtkunstwerk betrachtet, die auch als solche in voller Länge gesehen werden müssen 56 , setzt Zwölfer auf kurze 10 bis 15 minütige Filmausschnitte 57 . Schneider hält ebenfalls eine Vorführung des gesamten Films für praktikabeler, jedoch lässt er auch die Möglichkeit offen, in einzelnen Fällen nur Filmausschnitte zu zeigen, falls dies didaktisch sinnvoller erscheinen sollte 58 .
Einig ist man sich jedoch darin, dass Filme keine Selbstläufer sind, und ein sinnvoller Filmeinsatz mit einem höheren Vorbereitungsaufwand für den Lehrer verbunden ist 59 .
Im folgenden werde ich versuchen, die Herangehensweisen und Vorschläge zur Filmverwendung im Geschichtsunterricht von Meyers, Schneider und Zwölfer etwas eingehender darzustellen.
Wie schon erwähnt, sieht Meyers den Film als Gesamtkunstwerk, der nicht in Auszügen oder Etappen betrachtet werden darf, sondern nur als Ganzes. Um dies zu verdeutlichen, zieht er das Beispiel eines Gemäldes heran, das auch nur als ganzes interpretiert werden kann 60 .
Durch die vollständige Betrachtung eines Spielfilms sollen die Schüler so die volle Suggestion des Films an sich selbst erfahren 61 .
56 Meyers; S. 256
57 Zwölfer; S. 127
58 Schneider; S. 379
59 Meyers; S.255; Schneider; S. 377; Zwölfer; S. 126
60 Meyers; S. 252/256
61 Meyers; S. 256
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Nach der Filmbetrachtung soll den Schülern dann Zeit gegeben werden, spontane Gefühle und Meinungen zu äußern, um so innerlich zur Ruhe kommen zu können und dem Lehrer 62 die Möglichkeit zu geben, einseitige und falsche Deutungen direkt aufzufangen sowie einen Überblick über der Rezeptionsstand der Klasse zu bekommen 63 .
Für nicht sinnvoll erachtet er dagegen, in den Klassen fünf bis neun vor dem Film Arbeitsaufgaben zu verteilen, da der Lehrer von den spontanen Äußerungen der Schüler ausgehend versuchen sollte, seine Lernziele zu erreichen 64 .
Im Anschluss daran soll dann eine Analyse und in der Sekundarstufe II auch noch eine Interpretation des Films folgen, um in einem letzten Schritt mit einer Gesamtinterpretation und der Filmkritik zu enden 65 . Hierzu erachtet er es allerdings als wenig sinnvoll, den Film in seiner ganzen Länge noch einmal anzuschauen, da das Interesse und die Bereitschaft der Schüler/innen zur Mitarbeit dadurch stark nachlässt. Stattdessen soll bei der Analyse und Interpretation mit einzelnen Szenen gearbeitet werden 66 .
Am Ende steht bei Meyers ab Klasse 10 die Filmkritik, was für ihn heißt, Medienkompetenz zu beweisen. Hierzu gehören die Fragen, ob die Aussage des Films sinnvoll ist, inwieweit die dargestellte Handlung historisch richtig ist, und inwieweit sich das vermittelte Geschichtsbild mit unserem deckt 67 .
Schneider betont, dass vor der Betrachtung eines historischen Spielfilms genaue Kenntnisse der geschichtlichen Tatsachen und Personen vorliegen müssen, da die filmisch dargestellte Realität stark von dem historisch gesicherten Wissen abweichen kann. Aus didaktischen Gründen können diese Kenntnisse allerdings auch nachträglich erarbeitet werden 68 .
Manchmal sind auch Vorinformationen zur Entstehungszeit, Entstehungsbedingungen oder zum ursprünglichen Zweck des Films nötig sowie Leitfragen und Beobachtungsaufgaben, falls der Lehrer dies für didaktisch notwendig hält 69 .
62 oder die Lehrerin
63 Meyers; S. 257
64 Meyers; S.257
65 Meyers; S. 258
66 Meyers; S. 256
67 Meyers S. 259
68 Schneider S. 376
69 Schneider S. 379/380
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Außerdem muss der Lehrer vorher entscheiden, ob und inwieweit der Film von den Schülern überhaupt verarbeitet und verstanden werden kann, und er muss sich erstmal selber intensiv mit Fragen der Filmwirkung, der Realität im Film, der filmsprachlichen Mittel und der Filminterpretation auseinandersetzen 70 .
Zwölfer, der nur mit kürzeren Filmausschnitten im Geschichtsunterricht arbeitet, schlägt vor, nach dem Filmausschnitt die Eindrücke der Schüler/innen zu sammeln und dann Inhaltsfragen zu klären. In den nächsten Schritten sollen dann das Bildmaterial analysiert sowie die Wirkungsabsichten geklärt werden, um dann einzelne Einstellungen auf ihre Geschichtsdeutung zu überprüfen. Danach geht es dann zur ergänzenden Arbeit mit anderen Quellen, um die Aussage des Filmausschnitts zu überprüfen, und von der Quellenarbeit wieder zum Film, dessen Aussage durch die Spiegelung an den anderen Quellen bewertet werden soll 71 .
70 Schneider
71 Zwölfer S. 136
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4. Zusammenfassung und Fazit
Welches Fazit können wir nun zum Einsatz von Spielfilmen im Geschichtsunterricht ziehen? Wie wir gesehen haben, liegt die hauptsächliche Funktion von Spielfilmen im Geschichtsunterricht darin, Informationen über das Geschichtsbewusstsein älterer Generationen zu bekommen beziehungsweise die Einflussnahme von Spielfilmen auf das Geschichtsbewusstsein zu erkennen. Und gerade wegen der hohen emotionalen Wirkung und dem damit verbundenen Einfluss auf die Herausbildung des Geschichtsbewusstseins können Spielfilme, wenn man sie gezielt im Unterricht behandelt, sehr nützlich sein. Zum einen, um die Schüler zur Reflexion über ihr Geschichtsbewusstsein anzuregen, und zum anderen auch, um über die Primärquelle Spielfilm Eindrücke von der Entstehungszeit des Films zu sammeln.
Wenn man dies gepaart sieht mit der hohen motivationalen Wirkung, die Spielfilme auf Schüler haben können, scheint der Spielfilm ein sehr interessantes Medium für den Geschichtsunterricht zu sein.
Jedoch darf auch nicht übersehen werden, dass diese Chancen des Spielfilmeinsatzes bei manchen Spielfilmen ins Gegenteil umschlagen können, falls die Schüler nicht in der Lage sind, den Film richtig zu verarbeiten, und es zu keiner hintergründigen Reflexion kommt. Diese extreme Gefahr stellt sich meiner Meinung nach allerdings nur bei speziellen Spielfilmen, die problematische Aussagen transportieren.
Allerdings stellen sich Lernfortschritte bei den Schülern auch nicht von selbst ein, sondern müssen durch den Lehrer gefördert und begleitet werden.
Meiner Meinung nach muss allerdings auch aufgepasst werden, dass Filme nicht zu oft eingesetzt werden, da bei Schülern sehr schnell ein Ermüdungseffekt eintreten kann, vor allem wenn auch in anderen Fächern, wie zum Beispiel im Fach Deutsch Filme ausführlich analysiert und interpretiert werden.
Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass der Einsatz von Spielfilmen durchaus gewinnbringend für den Unterricht sein kann und auf keinen Fall im schulischen Geschichtsunterricht außen vor bleiben sollte, wenn auch Spielfilme keine Wunderwaffen darstellen.
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5. Literaturverzeichnis
Borries, Bodo von; „Geschichte im Spiel- und Dokumentarfilm. Fach- und Mediendidaktische Überlegungen“ (1985); Lebendiges Geschichtslernen. Bausteine zu Theorie und Pragmatik, Empirie und Normfrage ; Bodo von Borries zum 60. Geburtstag; hg. v. K. Bergmann; Schwalbach/Ts., 2004; S. 192-225
Kübler, Hans-Dieter und Helga; „Geschichte als Film - Film als Geschichte“; Praxis Geschichte. Film-Geschichte-Unterricht; Nr. 6, 1992; S. 6-12
Meyers, Peter; „Film im Geschichtsunterricht 1 “; Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht; hg. v. J. Rohlfes, W. Schulze; Nr. 4, 2001; S. 246-259; 1 Der Film fußt auf dem Buch des Verfassers: Film im Geschichtsunterricht. Realitätsprojektionen in deutschen Dokumentar- und Spielfilmen von der NS-Zeit bis zur Bundesrepublik. Geschichtsdidaktische und unterrichtspraktische Überlegungen; Frankfurt am Main, 1998
Schneider, Gerhard; „Filme“; Handbuch Medien im Geschichtsunterricht; hg. v. H.-J. Pandel, G. Schneider; Schwalbach/Ts., 2002 2 ; S. 365-386
Zwölfer, Norbert; „Filmische Quellen und Darstellungen“; Geschichts-Didaktik. Praxis-handbuch für die Sekundarstufe I und II; hg. v. H. Günther-Arndt; Berlin, 2003; S.125-136
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Dominik Johänntgen, 2004, Geschichte im Spielfilm - Spielfilme im Geschichtsunterricht?, München, GRIN Verlag GmbH
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