Gliederung:
1. Normatives vs. Interpretatives Paradigma
2. Interaktion und Kommunikation
3. Normen, Werte und Sanktionen
4. Sozialisation und Enkulturation
5. Individuum und Gruppe
6. Rolle und Status
7. Institution und Organisation
8. Soziale Schichtung
9. Macht, Herrschaft, Gewalt
1. Normatives vs. Interpretatives Paradigma
Frage: Welches sind die wesentlichen Unterschiede zwischen dem normativen und
interpretativen Paradigma ?
Als Paradigma bezeichnet man die Beziehung zwischen sprachlichen Einheiten, die zwar an der gleichen Stelle, jedoch nicht zugleich vorkommen können. Paradigmen schließen deshalb einander aus: z. B. Das Kleid ist rot/ blau/ gelb. Etwas Normatives ist maßgebend bzw. als Norm geltend. Etwas Interpretatives ist auslegend, erklärend bzw. deutend. Das normative Paradigma bezeichnet man als die herkömmliche und das interpretative Paradigma als die neuartige Forschungsperspektive in der Soziologie.
Beim normativen Paradigma gibt es einen kulturell - etablierten kognitiven Konsens, der sich in einem von allen Individuen geteilten Symbolsystem darstellt und von den Forschern als vorausgesetzt und gesichert angesehen wird. Die sozial Handelnden teilen sich ein gemeinsames System von Symbolen, Bedeutungen und Definitionen für Situationen und Handlungen. Auch Sprache, Mimik und Gestik sind ihnen gemeinsam. Dieses System dient als allgemein zugängliches kommunikatives Medium der Interaktion zwischen den einzelnen Individuen. Das normative Paradigma sieht soziales Handeln als von vorhandenen Rollen, Regeln und Normen u.a. geleitet, an denen sich die Individuen orientieren. Sie versuchen, diese ihnen zugewiesenen Rollen auszuführen. Es gilt das Konzept der Rollenübernahme. Beim interpretativen Paradigma gibt es dagegen keinen kognitiven Konsens. Es werden keine Normen vorgegeben, sondern nur lockere Gesichtspunkte, um Eindrücke zu ordnen und das eigene Auftreten der Individuen zu organisieren. Auf der Grundlage der Rolle, die dem Individuum von anderen zugeschrieben wird, e ntwirft und verwirklicht es sein eigenes soziales Handeln. Die soziale Wirklichkeit bzw. das „wirkliche Leben“ wird von dem Individuum durch geistige Interpretationsleistungen hergestellt. Beim normativen Paradigma werden Situationsdefinitionen und Handlungen als ein für allemal getroffen und festgelegt angesehen. Beim interpretativen Paradigma dagegen ist dies nicht so. Definitionen und Handlungen werden als Interpretationen angesehen, die von den an der Interaktion Beteiligten an den einzelnen „Ereignisstellen“ der Interaktion getroffen werden, und in der Abfolge dieser „Ereignisstellen“ der Überarbeitung und Neuformulierung unterworfen sind.
Beschreibungen von Interaktionen genügen beim normativen Paradigma den Erfordernissen der abbildenden Beschreibung, wie sie von der Logik der deduktiven Erklärung aufgestellt
werden. Beim interpretativen Paradigma dagegen genügen die Beschreibungen von Interaktionen nicht den Erfordernissen der abbildenden Beschreibung.
Literatur:
A-Text: Wilson 1973, Fuchs-Heinritz 1994
2
2. Interaktion und Kommunikation
Frage: Definieren Sie die Begriffe „Interaktion“ und „Kommunikation“ mit Ihren eigenen
Worten und stellen Sie die Rolle und den Anteil der Sprache am sozialen Interaktionsprozeß dar !
Literatur: A-Text Giddens 1995, S. 99-126.
Gudemann, Wolf-Eckhard: Das Neue Taschenlexikon. Gütersloh, 1992.
„Interaktion“ und „Kommunikation“ spielen in der Soziologie eine wichtige Rolle. Was aber ist eigentlich unter diesen Begriffen zu verstehen? Als „Interaktion“ wird jede Form von wechselseitiger Bezugnahme von zwei oder mehreren Personen bezeichnet. Der einzelne Mensch orientiert sich bei jeder Interaktion am tatsächlichen Verhalten, aber auch an den von ihm nur vermuteten Erwartungen des anderen Akteurs 1 . Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist ein Mindestmaß an gemeinsamen Symbolen und Zeichen bei beiden Individuen, die eine Verständigung ermöglichen. Die Sprache als Symbol ist bei der Interaktion von grundlegender Bedeutung. Sie macht eine gemeinsame Kommunikation erst möglich. Die Interaktionen der Individuen laufen in bestimmten Zeiträumen und an bestimmten Orten ab. Der Soziologe hat so die Möglichkeit das soziale Alltagsverhalten der Akteure zu analysieren. Die Untersuchung der sozialen Interaktion ist ein grundlegendes Gebiet der Soziologie, das viele Aspekte des Alltagsverhaltens und des sozialen Lebens erklärt. Interaktion findet nicht nur auf der mikrosoziologischen Ebene, sondern auch in der Makrosoziologie statt. Auf der makrosoziologischen Ebene werden Interaktionen der größeren Gruppen, wie Institutionen und Sozialsysteme untersucht. Mikro- und Makrosoziologie sind sehr eng miteinander verbunden und ergänzen sich gegenseitig 2 .
Was ist unter dem Begriff der „Kommunikation“ zu verstehen? Kommunikation heißt allgemein Mitteilung oder Verständigung. In der Soziologie gibt es verschiedene Ebenen dieser Verständigung. Man kann die nonverbale Kommunikation 3 von der verbalen Kommunikation unterscheiden. Sehr gut läßt sich z.B. mit Hilfe des Gesichtsausdrucks nonverbal kommunizieren. Man kann so, ohne etwas verbal zu sagen, Emotionen und Gefühle wie Freude, Trauer oder Furcht zum Ausdruck bringen. Unter verbaler Kommunikation ist die Konversation und das Reden der Menschen miteinander zu verstehen. Die Sprache ist für das
1 Gudemann, Wolf-Eckhard: Das Neue Taschenlexikon. Gütersloh, 1992.
2 A-Text Giddens 1995, S. 124.
3 A-Text Giddens 1995, S. 102.
soziale Leben von grundlegender Bedeutung 4 . Eine gemeinsame Sprache ermöglicht den Menschen die Kommunikation untereinander. Die Kommunikation ist somit wiederum eine grundlegende Voraussetzung für die Interaktion der Individuen. Damit sinnvolle Konversation zwischen den Individuen möglich wird, muß ein bestimmtes Hintergrundwissen bei den Menschen als gegeben vorausgesetzt werden. Wenn dies nicht der Fall wäre, würde eine Verständigung nicht zustande kommen.
Arbeit zitieren:
Martin Wolf, 2000, Einführung in die Grundbegriffe der Soziologie, München, GRIN Verlag GmbH
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