STUART HALL: DIE FRAGE DER KULTURELLEN IDENTITÄT
PS: IDENTITÄT UND DIFFERENZ IN FEMINISTISCHEN/POLITISCHEN
Thesenblatt II
Einleitung 1
Das Konzept von Geschlecht und Westen 1
Performanz und Diskus 3
Infragestellung traditioneller Repräsentationssysteme 5
Das zentrierte Subjekt 7
Das souveräne Subjekt 8
Das gesellschaftliche Subjekt 9
Das fragmentierte Subjekt 10
5 Momente der Dezentrierung 12
Globalisierung und das fragmentierte Subjelt: eine Wechselwirkung? 14
Resümee 14
Literaturverzeichnis XVI
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Das Konzept von Geschlecht und Westen
Konzepte sind Denkwerkzeuge. Konzepte stellen Unterscheidungskriterien parat, welche die abweichenden Modelle positiv bzw. negativ bewerten (binäre Opposition). Diese bestimmte Art von Wissen ruft spezifische Sprechakte, Bilder und Handlungen hervor. Konzepte funktionieren als Ideologien. Diese Ideologien wiederum sind Teil des Repräsentationssystems. Die Konzepte von Geschlecht und Westen entstanden in der Zeit der Aufklärung. Performanz und Diskus
Einmal produziert, wird die Idee des Westens und des Geschlechts selbst produktiv. Worte und Bilder bezeichnen demnach nicht etwas Reales, sondern besitzen eine handlungsartige Qualität. Bezeichnen und handeln fallen zusammen und erzeugen das, was sie bezeichnen. Judith Butler bezeichnet diese verkörperte Erscheinungsform von Sprechakten durch performatives Sprechen (Performativität) als Performanz - die Darstellung und Inszenierung. Diskurse beziehen sich also auf die Produktion von Wissen durch Sprache und die vorhin erwähnte diskursive Praxis ist daher die Praxis der Bedeutungsproduktion. Diskurse hören nicht abrupt auf. Sie dauern an, entfalten und verändern ihre Form, indem sie nach Erklärung für neue Umstände suchen. Sie transportieren oftmals viele derselben unbewussten Voraussetzungen und unüberprüften Annahmen in ihrem Blutkreislauf. Infragestellung traditioneller Repräsentationssysteme
Die Postmoderne ist als Krise der kulturellen Autorität zu verstehen, besonders der Autorität, mit der die westeuropäische Kultur und ihre Institutionen ausgestattet sind. Kritik am Binarismus, Beharren auf Differenz und Inkommensurabilität sind zentrale Aspekte des postmodernen und des dekonstruktiven Geschlechterdiskurses. Das zentrierte Subjekt
Das Subjekt der Aufklärung verstand sich als vollkommen zentriert. Es ist mit Vernunft und Handlungsfähigkeit ausgestattet. Im Zentrum des Subjekts befindet sich ein innerer Kern, der mit der Geburt entsteht, sich entfaltet, sich im Wesentlichen jedoch nie verändert. Das souveräne Subjekt
John Locke entwirft die Figur des souveränen Subjekts. Diese Figur ist fest verankert in den nun folgenden Diskursen der Moderne. Es ist Ursprung oder Subjekt der Vernunft, des Wissens und Handelns, und es ist dasjenige, das die Konsequenzen dieser Praktiken zu tragen hat - ihnen unterworfen ist Das gesellschaftliche Subjekt
Neu ist hier die Erkenntnis, dass der innere Kern des Subjekts nicht autonom existiert, sondern im Verhältnis zu bedeutenden Anderen geformt wird und durch diese dem Subjekt Werte, Bedeutungen und Symbole vermitteln. Es wird geformt durch die Internalisierung des Außen im Subjekt und die Externalisierung durch Handlung in der sozialen Welt.
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Das fragmentierte Subjekt
Das fragmentierte Subjekt zelebriert nicht mehr einen einzigen inneren Kern, sondern ist sich seiner vielschichtigen, manchmal widersprechenden und ungelösten Identitäten bewusst. Der Prozess der Identifikation wird nicht mehr nur durch bedeutende Andere bestimmt, er wird offener, variabler und zugleich problematischer wahrgenommen. 5 Momente der Dezentrierung
• Karl Marx: Die historische Komponente des Subjekts.
• Jaques Lacan: Das Unbewusste als sprachlich Strukturiertes. • Ferdinand de Saussure: Die Sprache (langue) als derjenige Teil der menschlichen Rede (langage), der qua Regelsystem im Gedächtnis der sozialen Gemeinschaft verankert ist, wird über das individuelle Sprechen (parole) gesetzt, und das Studium der gegenwärtig vorhandenen Sprachverschiedenheiten (Synchronie) soll vor dem ihrer Entstehung (Diachronie) gehen.
• Michel Foucault: Die Disziplinarmacht, die sich mit der Kontrolle, Überwachung und Regulierung des Subjektes beschäftigt. • TheoretikerInnen der Geschlechterforschung:
a) Identitätspolitik, die weg von der Kategorie Klasse an die divergenten Identitäten der Subjekte, die sich aus Geschlecht, Religion, Herkunft, Andersfähigkeit, Alter, sexueller Orientierung, etc. zusammensetzen, appeliert.
b) Die binäre Trennung entlang den Markern innen - außen, aktiv - passiv, emotionalrational wird in Frage gestellt Globalisierung und das fragmentierte Subjekt
Zeit und Raum sind grundlegende Koordinaten des Repräsentationssystems. Bereits während der Moderne rückte der Raum in wachendem Maße von der Zeit weg, indem sie Beziehungen zwischen 'abwesenden' anderen fördert. Daraus entsteht für die Identitäten eine neue Kommunikation zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Der Identitätswechsel nimmt in den Zentren der Globalisierung stärker zu, als in den Peripherien. Die Positioneierung der Subjekte verlaufen nach Stuart Hall entlang zweier Marker: dem der Tradition und dem der Übersetzung. Textkritik
Problematisch bleibt die Postmoderne primär aufgrund ihrer Diskursgeschichte. Es scheint daher nicht verwunderlich, dass ernsthafte Theoretikerinnen und Theoretiker immer wieder versuchen Wortneuschöpfungen zu gebrauchen. Wolfgang Welsch schlug den Begriff der Radikalmoderne 1 vor, Stuart Hall spricht sich für die Spätmoderne und eine noch einzulösende globale Postmoderne 2 aus, Heinrich Klotz wiederum favorisiert ein vorläufiges Ende der Post-
1Welsch 2002
2 Hall 1994
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moderne und die Geburt der Zweiten Moderne 3 . Wenn sich Stuart Hall dafür entscheidet, eine Begrifflichkeit, die von der allgemeinen Definition abweicht zu gebrauchen - Spätmoderne bezieht sich für gewöhnlich als Epochenbegriff auf kommerzielle Architektur der 20er Jahre und Postmoderne bezieht sich bei ihm als eine noch einzulösende Internationale - so erscheint es mir für die Textverständlichkeit von Nöten, der eigenen Positionierung Ausdruck differenziert zu verleihen.
Aber auch abseits dieser Begrifflichen Spitzfindigkeiten stört Halls postmoderne Definition der Zukunft, da er einen epochalen Beigeschmack enthält. Die Postmoderne widerstrebt einem klaren Epochen- bzw. Periodisierungsbegriff. Jean-François Lyotard charakterisiert sie als einen Gemüts- oder vielmehr Geisteszustand. Wolfgang Welsch hierzu über Lyotard: „Postmodern ist, wer sich jenseits von Einheitsobsessionen der irreduziblen Vielfalt der Sprach-, Denk-und Lebensformen bewußt ist und damit umzugehen weiß.“ 4 Jean-François Lyotard differenziert diesen Ansatz in seinem 1988 erschienen Werk Die Moderne redigieren 5 . Demnach ist die Postmoderne keine eigenständige Epoche, sondern ein Zurückführen einiger Charakterzüge, die die Moderne für sich in Anspruch genommen hat. Diskussionsfragen
Nach Stuart Hall ist es die Globalisierung, die das fragmentierte Subjekt in seiner Struktur festigt. Als Beispiel führt er die Migrationsbewegungen, die westliche Gesellschaften pluralisieren und die Kommerzialisierung des „Rests“ an. Wie gravierend schätzen sie diesen Einfluss für die Alltagskultur ein?
Die Europäische Union fördert mit zahlreichen Programmen die Beweglichkeit und den kulturellen Austausch der Mitgliedsstraaten: Auslandsemester, kulturelle Austauschwochen, künstlerischen Aktionismus, wirtschaftliche Expansion, etc. Tragen diese Maßnahmen wirklich wesentlich dazu bei, dass Positionierungen zu Gunsten von ÜbersetzerInnen vs. Tratition stattfinden? Menschen bringen ein kulturelles Gepäck mit, das sie je nach der vorgefundenen Möglichkeit auch auspacken. Ist der kulturelle Austauch mehr als nur ein Wahrenaustauch (Schlagwort: Konsum-Multikulturalismus)?
Ist Globalisierung, so wie jetzt betrieben wird (vgl. GATS) nicht eher eine Festigung patriachaler hierarischer Strukturen, die einem fragmentierten Subjekt völlig zu wider laufen, oder birgt das globalisierte Networking auch positive Möglichkeiten? Literatur:
Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Stuttgart / Weimar 2000, Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg 2002, Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main 1997, Creed, Barbara: Von hier zur Modernität: Feminismus und Postmoderne. In: Felix, Jürgen (Hrsg.): Die Postmoderne im Kino. Ein Reader. Marburg 2002, Damasio, Antonio R.: Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München 1997, Engelmann, Peter: Vorwort - Postmoderne und Dekonstruktion. In: Engelmann, Peter (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart Stuttgart 1990, Foucault, Michel: Archäologie des
3 Klotz 1999
4 Welsch 2002, S. 35 5 Nach: Lyotard 1988, S. 25
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Wissens. Frankfurt am Main 1992, Foucault, Michel: Power/Knowledge. Brighton 1980, Hall, Stuart: Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, Jameson, Fredric: Zur Logik der Kultur des Spätkapitalismus. In: Hyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne - Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg 1997, Klotz, Heinrich: Kunst im 20. Jahrhundert - Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne. Eine Veröffentlichung der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. 2. Auflage. München 1999, Lyotard, Jean-Françoise: Grabmal des Intellektuellen. Graz/Wien 1985, Lyotard, Jean-François: Die Moderne redigieren. Bern 1988, Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main 1975, Otto, Stephan (Hrsg.): Band 3. Renaissance und frühe Neuzeit. In: Bubner, Rüdiger (Hrsg.): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Stuttgart 1994, Owens, Craig: Der Diskurs der Anderen - Feministinnen und Postmoderne. In: Huyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbeck bei Hamburg 1997, Pro7: WELT DER WUNDER. 28.12.2003. Korovai, Bewohner Neuguineas, Rabinow, Paul: Repräsentationen sind soziale Tatsachen. Modernität und Post-Modernität in der Antropologie. In: Rippl, Gabriele (Hrsg.): Unbeschreiblich weiblich. Texte zur feministischen Antropologie. Frankfurt am Main 1993, Saum-Aldehoff, Thomas: Persönlichkeit - Charakter - Temperament. Heute so, morgen so. In: Psychologie Heute Compact (6) 2001, Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002
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Menschen werden nicht mit nationalen oder geschlechtsspezifischen Identitäten geboren. Diese werden erst durch Repräsentationen gebildet und im Verhältnis zu ihnen verändert. Eine nationale Kultur ist daher ein Diskurs - „eine Weise, Bedeutungen zu konstruieren, die sowohl unsere Handlungen als auch unsere Auffassung von uns selbst beeinflußt und organisiert.“ 6 Die Koordinaten für ein Repräsentationssytem liefern Zeit und Raum. Jede Identität ist symbolisch in Zeit und Raum verortet - besitzt so zu sagen eine imaginäre Geografie: ihre charakteristische Landschaft', ihr Gefühl für einen Ort. Ebensolches gilt für die Verortung in der Zeit: eine erfundene Tradition, die Gegenwart und Vergangenheit verbindet, Ursprungsmythen, die die Gegenwart in die Vergangenheit zurück projizieren, die Erzählung der Nation, die das Individuum mit bedeutenden nationalen historischen Ereignissen verbinden.
Um Stuart Halls Ausführungen zum fragmentierten Subjekt transparenter zu gestalten, habe ich mich entschlossen, zuvor Anführungen zu Konzept, Diskurs und Repräsentation zu erläutern. Grund für diese Ausschweifung sind sowohl die umfangreichen philosophischen Diskurse, die seiner Arbeit zu Grunde liegen, wie auch begriffliche Positionierungen im Bereich der Postmoderne, deren Ansätze ohne einführendem Grundwissen unverständlich bleiben.
DAS KONZEPT VON GESCHLECHT UND
WESTEN
Die Konzepte von Geschlecht und Westen formierten sich in der Zeit der Aufklärung und bildeten gleichzeitig in wechselseitiger Wirkung -Konzept/Umsetzung/Konzept - die Grundkonstanten für das, was wir nun Moderne und die sich in ihr formierende Postmoderne nennen.
6 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 201
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Nach Stuart Hall 7 erlauben Konzepte in ihrer Funktion als Denkwerkzeuge zu charakterisieren und zu strukturieren. Diese Methode Wissen zu erfassen, setzt eine bestimmte Denk- und Wissensstruktur in Bewegung.
Um allerdings Wissen zu strukturieren, ist es notwendig die unterschiedlichen Charakteristika des Westens und des Geschlechts in ein zusammengesetztes Bild zu verdichten. Der Westen fügt sich demnach aus Einzelbildern, wie die in ihm implizierten Gesellschaften, Kulturen, Völker, Orte, etc. beschaffen sind, zusammen. Das Geschlecht fügt sich analog aus Einzelbildern bestehend aus Geschlechtsidentitäten, Geschlechtsrollen und Geschlechtsstereotypen zusammen. Die Denk- und Wissensstruktur, die durch diese verdichteten Bilder geschaffen wird, funktioniert als Teil einer Sprechweise und repräsentiert somit in verbaler und bildhafter Sprache. Einzelne Bilder und Vorstellungen aus dem Begriffsfeld Westen bzw. Geschlecht wirken demnach als Ensemble und System, wie zum Beispiel westlich = (post-) kolonial = industriell bzw. männlich = aktiv = rational.
Weiters liefert ein Konzept einen Standard, der es erlaubt abweichende Modelle zu vergleichen und zu bestimmen, wie nahe dran oder weit entfernt sie sind. Südafrika zB. ist nahe dran am Westen, der Kongo hingegen weit entfernt; eine Businessfrau ist nahe dran am männlichen Ideal, eine Prostituierte wiederum weit entfernt. Der Unterschied dieser anderen Gesellschaften und Kulturen wird zum Maßstab, an dem die Konzepte von Westen und Geschlecht gemessen werden, sowie Gestalt und Bedeutung annehmen. Nach Ferdinand de Saussure ist es gerade der Unterschied, der es Wörtern und Konzepten ermöglicht, Bedeutung zu erlangen. Die Unterscheidungen sind nicht durch ihren Inhalt positiv, sondern negativ durch ihre Beziehungen zu den sich unterscheidenden Modellen. „Ihr bestimmtes Kennzeichen ist, dass sie etwas sind, was die anderen nicht sind.“ 8
Konzepte stellen also Unterscheidungskriterien parat, welche die abweichenden Modelle positiv bzw. negativ bewerten. Diese binäre Opposition ist dem Konzept selbst innewohnend und stellt ein internes Andere dar. So wird im Konzept des Westens nicht nur ein negatives Bild des äußeren Anderen
7 Hall, Stuart: Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 138-143.
8 Zitiert in: Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Stuttgart /
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konstruiert - wie z.B. die so genannten Menschenfresser 9 - sondern auch ein negativ inneres Andere - wie z.B. Österreich während der EU-Sanktionen Februar bis September 2000. Als das negativ äußere Andere im Bezug auf das weibliche Geschlecht könnte z.B. ein Vergewaltiger gelten, als das negativ innere Andere jegliches abweichendes Frauenbild, wie z.B. eine Butch (lesbisches Mannsweib).
Diese bestimmte Art von Wissen ruft spezifische Sprechakte, Bilder und Handlungen hervor. Nach Stuart Hall funktionieren Konzepte den vorangegangenen Überlegungen entsprechend als Ideologien. Diese Ideologien wiederum sind Teil des Repräsentationssystems.
Die Entstehung der Konzepte des Westens und des Geschlechts waren wesentlich für die Aufklärung - eine spezielle europäisch bürgerliche Angelegenheit, die Ende des 17. Jahrhunderts in England ihren Ausgang nahm und im 18. Jahrhundert das geistige Leben in ganz Europa und Nordamerika bestimmte. Beide Konzepte widerspiegelten weniger den Zeitgeist der Aufklärung, sondern sind „für eben die Formulierung dieser Gesellschaft selbst wesentlich.“ 10
PERFORMANZ UND DISKUS
Einmal produziert, wird die Idee des Westens und des Geschlechts selbst produktiv. Worte und Bilder bezeichnen demnach nicht etwas Reales, sondern besitzen eine handlungsartige Qualität. Bezeichnen und handeln fallen zusammen und erzeugen das, was sie bezeichnen. Sprache und Bilder erhalten dadurch einen wirklichkeitserzeugenden Charakter. Das gesprochene Wort, das filmische Werk, etc. nehmen den Status einer sozialen Tatsache an. Judith Butler 11 bezeichnet diese verkörperte Erscheinungsform von Sprechakten durch performatives Sprechen (Performativität) als Performanz - die Darstellung und Inszenierung.
Weimar 2000, S. 29
9 Gesehen in: Pro7: WELT DER WUNDER. 28.12.2003. Korovai, Bewohner Neuguineas 10 Hall, Stuart: Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 139 11 Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main 1997
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Ein Beispiel soll Klarheit schaffen: Ein Mensch kommt nicht als emotional oder rational, als aktiv oder passiv zur Welt. Vielmehr sind bereits gewisse Erwartungen an den neuen Menschen geknüpft, je nach dem ob das gonadale Geschlecht männlich oder weiblich erscheint, die Hautfarbe weiß oder farbig ist, sich das Kindbett im Westen oder wo anders befindet, die Eltern gläubig, Agnostiker oder Atheisten sind, das Umfeld queer 12 oder heterosexuell geprägt ist. Kurz, diese Erwartungen prägen ein gewisses Handeln und Sprechen dem Kind gegenüber, der neue Mensch wird somit gewissermaßen inszeniert. Wie soll sich dieser Mensch in konkreten Situation verhalten: aggressiv, unterwürfig, freundlich, egoistisch, hilfsbereit, u.s.w.. Wie soll dieser Mensch seinen Körper gestalten: muskulös, beschnitten, bemalt/geschminkt/tätowiert, dünn, chirurgisch verändert, mit Bierbauch, fruchtbar füllig, u.s.w.. Ebenso eine große Rolle spielt die Umraumgestaltung, die Kleidung, die Musik oder die Farbwahl. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.
Faktum ist, dass dieses performative Sprechen in sämtlichen Lebensbereichen wirkt und sich durch beständige Wiederholung festigt. Performative Sprechakte sind daher Handlungen, die durch das wiederholte Zitieren von Erwartungen, die Wirkung einer wiederholbaren Materialität erzeugen. Die Autorität der performativen Sprechakte rührt von den Konventionen und historisch abgelagerten Diskursen her. Sie entspringen also nicht der Intention einer bzw. eines Einzelnen. Diese Mechanismen sorgen dafür, dass soziale Tatsachen als natürlich erscheinen, und so gestalten sich z.B. Bestimmungen gegen die weibliche Beschneidung, welche im gesamten mittleren Gürtel Afrikas, von Äthiopien und Kenia im Osten bis zur Elfenbeinküste im Westen rituell durchgeführt wird, als kaum durchsetzbar. „Als Effekte diskursiver Praktiken und kultureller Konventionen rufen sie den Anschein hervor, dass es sich um Natur handelt, die unabhängig und vor der Kultur existiert.“ 13
In einem Interview mit Hannelore Bublitz präzisiert Judith Butler die Funktion der performativen Sprechakte:
„Materialisierung ist entscheidend, aber der Körper ist nicht einfach ein Set von sedimentierten Sprechakten. Der Körper besteht nicht aus Sprechakten und er wird nicht durch sie hervorgerufen. [...] Tatsächlich, würde ich sagen, wirken Normen auf den Körper ein
12 Positiver Überbegriff für alle vom klassisch heterosexuell abweichende Lebensentwürfe
13 Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg 2002, S. 26f.
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und informieren, strukturieren und modellieren ihn oder geben seiner Form Bedeutung. Aber der Körper ist in gewissem Sinne auch da, um sich zu verhalten, um interpretiert zu werden, und da gibt es Widerstand und Materialität, die nicht vollständig durch die Norm materialisiert wurde.“ 14
Dieser Widerstand ist nicht zu unterschätzen. Er formiert bestehende Diskurse neu und verändert ihre Form. Nach Stuart Hall 15 sollte jedoch nicht darauf vergessen werden, dass diese scheinbar neuen Diskurse weiterhin unbewusste und unüberprüfte Elemente vorangegangener Diskurse beherbergen.
Diskurse beziehen sich also auf die Produktion von Wissen durch Sprache und die vorhin erwähnte diskursive Praxis ist daher die Praxis der Bedeutungsproduktion. Da nach Stuart Hall „alle sozialen Praktiken bedeutungsvoll sind, haben sie einen diskursiven Aspekt. So treten Diskurse in alle sozialen Praktiken ein und beeinflussen sie.“ 16 Michel Foucault 17 wies weiters darauf hin, dass sich Diskurse aus mehreren Aussagen zusammen setzen und so eine diskursive Formation bilden.
Schließlich habe ich mit Judith Butler darauf hingewiesen, dass Diskurse mit Macht verknüpft sind, also eine gewisse Autorität besitzen, die den Anschein der Natürlichkeit aufrecht erhalten will. Nach Michel Foucault 18 bilden Diskurse des weiteren Systeme in denen Macht zirkuliert. Wenn also Wissen ausgeübt wird, werden diejenigen, über die etwas gewusst wird, auf eine bestimmte Art und Weise zum Gegenstand der Unterwerfung. Diejenigen, die den Diskurs produzieren, haben so die Macht, ihn wahr zu machen. Wahrheit induziert so nach Michel Foucault regelmäßige Machteffekte und jede Kultur hat so ihr spezifisches Wahrheitsregime - ihre Politik der Wahrheit.
14 Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg 2002, S. 130 15 Hall, Stuart: Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 174 16 Hall, Stuart: Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 150 17 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main 1992, S. 58 18 Foucault, Michel: Power/Knowledge. Brighton 1980, S. 131/201
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INFRAGESTELLUNG TRADITIONELLER
REPRÄSENTATIONSSYSTEME
Nach Craig Owens gibt es zahlreiche Gebiete, auf denen der Feminismus „mit postmodernen Denken nicht nur vereinbar ist, sondern geradezu ein zentrales Moment dieses Denkens ausmacht.“ 19 Es sind sich alle FürsprecherInnen wie GegnerInnen des postmodernen Diskurses darin einig, dass „die Postmoderne als Krise der kulturellen Autorität zu verstehen [ist], besonders der Autorität, mit der die westeuropäische Kultur und ihre Institutionen ausgestattet sind.“ 20
Craig Owens bezieht sich in Der Diskurs der Anderen - Feministinnen und Postmoderne jedoch ausschließlich auf das Thema Feminismus und Postmoderne, eine Verknüpfung, die vielseitig kritisiert wurde und wird. Da die Frauen-forschung ein in sich abgeschlossenes Fachgebiet bildet, kann sie - wie auch Barbara Creed 21 an Owens kritisiert - nur Gast im laufenden Diskurs sein und eine Randrolle einnehmen. Ich möchte daher Owens Ansatz um den dekonstruktiven Genderaspekt erweitern, der sich als Teil eines Forschungsgebietes versteht. Die Geschlechterforschung agiert interdisziplinär und nimmt für sich nicht den Platz an den Periferien der vielseitigen Wissenschaftsdiskurse ein, sondern will im Zentrum agieren und zentrale Aspekte, wie den Forschungsansatz selbst neu beleuchten, hinterfragen und dekonstruieren.
Nach Craig Owens ist die Kritik an binären Strukturen als ein „intellektueller Imperativ anzusehen, denn die hierarchische Opposition von markierenden und nichtmarkierenden Termini (die entscheidend/scheidende Anwesenheit/Abwe- 19Owens, Craig: Der Diskurs der Anderen - Feministinnen und Postmoderne. In: Huyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbeck bei Hamburg 1997, S. 177 20 Owens, Craig: Der Diskurs der Anderen - Feministinnen und Postmoderne. In: Huyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbeck bei Hamburg 1997, S. 172 21 Vgl. Creed, Barbara: Von hier zur Modernität: Feminismus und Postmoderne. In: Felix, Jürgen (Hrsg.): Die Postmoderne im Kino. Ein Reader. Marburg 2002
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senheit des Phallus) ist in unserer Gesellschaft die dominierende Form, Differenz zu begreifen, ohne in Oppositionen zu denken.“ 22
Der dekonstruktive Ansatz und postmoderne Theorie bekräftigen nach Craig Owens Lyotards Diagnose, dass die Metaerzählung der westlichen Welt an Glaubwürdigkeit verloren haben. 23 Kritik am Binarismus, Beharren auf Differenz und Inkommensurabilität sind zentrale Aspekte beider Diskurse.
DAS ZENTRIERTE SUBJEKT
Nachdem wir der Veränderung der Repräsentationssyteme und dem damit einher gehenden veränderten Blick auf die Welt selbst folgten, gilt es nun tiefer in das Verhältnis von Gender und Postmoderne einzutauchen. Im Zentrum steht nun das Subjekt, seine Selbstdefinition und Fremdsicht.
Das Subjekt der Aufklärung verstand sich als vollkommen zentriert. Es ist mit Vernunft und Handlungsfähigkeit ausgestattet. Im Zentrum des Subjekts befindet sich ein innerer Kern, der mit der Geburt entsteht, sich entfaltet, sich im Wesentlichen jedoch nie verändert.
Die grundlegenden Begriffe der Erkenntnistheorie René Descartes' 24 sind mathematischer und physikalischer Herkunft. Das gilt sowohl für seinen Begriff der Wahrheit als reiner, durch Intuition gewonnener Evidenz und klarer, distinkter Anschauung als auch für die fundamentale Unterscheidung zwischen zwei Substanzen, der Res Cogitans (denkende Substanz, Innenwelt) und der Res Extensa (ausgedehnte Substanz, Außenwelt), die der Reduktion der Körperwelt auf reine Ausdehnung in physikalischen Zusammenhängen folgt. Als unbezweifelbar gilt die Einsicht des „cogito, ergo sum“ (ich denke, also bin ich), die Descartes aufgrund eines vorhergegangenen methodischen Zweifels an allem gewinnt, was er vorher zu wissen glaubte. Sie vermittelt Descartes Gewissheit über die eigene Existenz als denkende Substanz, die sich im Zweifeln, Bejahen, Verneinen usw. als identisch erfährt. Die Selbstständigkeit eines
22 Owens, Craig: Der Diskurs der Anderen - Feministinnen und Postmoderne. In: Huyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbeck bei Hamburg 1997, S. 178 23 Nach: Creed, Barbara: Von hier zur Modernität: Feminismus und Postmoderne. In: Felix, Jürgen (Hrsg.): Die Postmoderne im Kino. Ein Reader. Marburg 2002, S. 80 24 Aus: Damasio, Antonio R.: Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München 1997
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Anfangs im Denken scheint damit erwiesen. Sie wird darüber hinaus durch zwei Gottesbeweise gesichert, die im System René Descartes' mit dem Nachweis, dass Gott nicht täuscht, der Sicherung so genannter erster Sätze, wie den Naturgesetzen, und der allgemeinen methodischen Regel klarer und distinkter Anschauung dienen. Gegenstände dieser Anschauung sind Ideen, nach René Descartes unterschieden in angeborene, durch Erfahrung erworbene und künstlich gebildete Ideen. Die Annahme angeborener Ideen, das heißt einer erfahrungsfreien Anschauungsquelle, führt zum Begriff angeborener bzw. ewiger Wahrheiten, die über Ketten nicht logisch voneinander abhängiger Sätze schließlich einer a priori orientierten Erklärung auch erfahrungsbestimmter Vorgänge dienen sollen. Das Problem der Interaktion zwischen Körper und Seele, das sich mit der fundamentalen Unterscheidung zweier Substanzen, die eine gekennzeichnet durch Gestalt und Bewegung, die andere durch Ideen und Willensakte, stellt, versuchte René Descartes durch die Annahme einer physischen Verbindung über die Zirbeldrüse und durch den Hinweis auf die alltägliche Erfahrung zu lösen.
René Descartes beeinflusste nicht nur die Vertreter des Cartesianismus, sondern auch Philosophen wie John Locke, Gottfried Wilhelm Leibniz, Baruch de Spinoza, und Immanuel Kant. Der metaphysische Dualismus der Zweisubstanzenlehre wurde im neuzeitlichen Denken, darin dessen Subjektivität begründend, zur Grundlage der idealistischen Unterscheidung von Subjekt und Objekt. Die rationalistisch-mechanistische Denkweise René Descartes', die ihn dazu verleitete, im lebendigen Organismus eine Maschine zu erblicken, wurde ebenso lebhaft bekämpft wie sein Dualismus, der bis in die Grundlagen der gegenwärtigen Wissenschaften hineingewirkt hat, und seine Verständnislosigkeit gegenüber historischen Prozessen.
DAS SOUVERÄNE SUBJEKT
In seinem in vier Bücher gegliederten Hauptwerk Über den menschlichen Verstand von 1689 behandelt John Locke 25 die Frage nach Ursprung, Umfang und Grad der Gewissheit menschlicher Erkenntnis. Zunächst widerlegt er darin die von René Descartes u.a. vertretene These, wonach einige Ideen dem Menschen ursprünglich eingeboren seien. Die Seele sei zunächst leer wie ein
25 Aus: Otto, Stephan (Hrsg.): Band 3. Renaissance und frühe Neuzeit. In: Bubner, Rüdiger (Hrsg.): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Stuttgart 1994
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unbeschriebenes Blatt. Denn alle Ideen stammen aus der Erfahrung: Die äußere Erfahrung (sensation) nimmt die sinnlichen Eindrücke der Körper, die innere Erfahrung (reflection) die Eigentätigkeit des Geistes, wie Denken, Zweifeln, Wollen, etc. wahr. Die Erkenntnistheorie hat die Aufgabe zu zeigen, wie der Geist zu komplexer Erkenntnis gelangt. Durch aktive Kombination und Vergleich der einfachen, rein passiv aufgenommenen Ideen gewinnt der Geist zusammengesetzte, komplexe Ideen, die John Locke in die Grundkategorien der Substanzideen, der Relationen (Verhältnis von Ideen zueinander) und der Modi (abstrakte Begriffe, z.ÿB. Dreieck, Dankbarkeit) gliedert.
Die Existenz realer Dinge außerhalb unserer Ideen ist nicht zu beweisen, aber praktisch gewiss, da wir stets zwischen Wahrgenommenem und bloß Vorgestelltem zu unterscheiden wissen. Locke sieht die Grenze des menschlichen Erkenntnisvermögens durch die praktischen Lebensbedürfnisse bestimmt. Mehr als zu deren Befriedigung notwendig, könnten und brauchten die Menschen nicht zu erkennen. John Locke geht es bei seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen im Unterschied zu René Descartes, Thomas Hobbes oder PierreÿGassendi kaum um Probleme der Naturwissenschaft. Für sie wird er einflussreich durch die Form, die er der bereits Tradition gewordenen atomistischen Annahme gab, nur die primären Qualitäten von Körpern (Ausdehnung, Gestalt, Bewegung) seien real, die sekundären (Farben, Gerüche usw.) dagegen erklärten sich durch die primären Qualitäten unsichtbarer kleiner Körper.
Was John Locke hier entwirft, ist die Figur des souveränen Subjekts. Diese Figur ist fest verankert in den nun folgenden Diskursen der Moderne. Stuart Hall schreibt hierzu: „Es war Ursprung oder 'Subjekt' der Vernunft, des Wissens und Handelns, und es war dasjenige, das die Konsequenzen dieser Praktiken zu tragen hatte - ihnen 'unterworfen' war.“ 26
DAS GESELLSCHAFTLICHE SUBJEKT
In der Moderne entwickelte sich mit Georg Herbert Mead 27 , der die persönliche Identität aus Kommunikationsprozessen zu erklären suchte, und den
26 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 189 27 Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main 1975
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STUART HALL: DIE FRAGE DER KULTURELLEN IDENTITÄT
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symbolischen Interaktionisten eine interaktive Konzeption von Identität. War es im 18. Jahrhundert gerade möglich, sich die großen Prozesse des Lebens um das individuelle Subjekt der Vernunft herum vorzustellen, so wurde mit der wachsenden Komplexität moderner Gesellschaften das Subjekt kollektiver und gesellschaftlicher. Neu ist hier die Erkenntnis, dass der innere Kern des Subjekts nicht autonom existiert, sondern im Verhältnis zu bedeutenden Anderen geformt wird und durch diese dem Subjekt Werte, Bedeutungen und Symbole vermitteln. Dieses interaktive Konzept der Individualität fordert ein gesellschaftliches Subjekt. Es wird geformt durch die Internalisierung des Außen im Subjekt und die Externalisierung durch Handlung in der sozialen Welt. Dadurch verklammert sich nach Stuart Hall das Subjekt jedoch mit der Struktur. „Dadurch, daß wir 'uns selbst' in diesen kulturellen Identitäten entwerfen, während wir gleichzeitig ihre Bedeutungen und Werte internalisieren, sie zum 'teil von uns' machen, schließen wir unsere subjektiven Gefühle mit den objektiven Stellen, die wir in der sozialen und kulturellen Welt besetzen, zusammen.“ 28 Diese Verklammerung stabilisiert vermeintlich sowohl die Subjekte, wie auch die Welt, in der sie sich befinden.
Subjekte, die daher die Norm verlassen und als Andere lesbar werden, empfinden sich als entfremdete Subjekte, als so genannte Outcasts. Nach Paul Rabinow 29 gingen so berühmte VertreterInnen der Moderne wie James Joyce, Ernest Hemingway oder Virginia Woolf von der Idee einer verinnerlichten und distinktiven Subjektivität aus. Diese Subjektivität speiste sich sowohl aus der Alltagsrede und -identität, wie sie davon auch Abschied nahm. Es gab also eine bürgerliche Norm, an denen das Andere und seine von der Norm abweichenden Identitätsentwürfe gemessen wurden. Diese Grenzüberschreitungen der modernen Normen sind nicht als Schritte hin zu einer Individualität zu verstehen, sondern arbeiten mit Parodie innerhalb des binären Diskurses und bildet somit eher eine stilistische Überschreitung.
28 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 182 29 Rabinow, Paul: Repräsentationen sind soziale Tatsachen. Modernität und Post-Modernität in der Antropologie. In: Rippl, Gabriele (Hrsg.): Unbeschreiblich weiblich. Texte zur feministischen Antropologie. Frankfurt am Main 1993, S. 155
Carola Unterberger-Probst Das gesellschaftliche Subjekt - Seite 10
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DAS FRAGMENTIERTE SUBJEKT
Ist die Moderne charakterisiert durch einen radikalen Bruch mit allem Vorangegangenen, so fordert sie ein stabiles Subjekt, das Sicherheit nicht mehr aus dem historischen Kontinuum schöpfen kann, sondern auf die ständige Rückbezüglichkeit auf den inneren Kern des Subjektes verwiesen ist. Aus dieser Sichtweise heraus ergibt sich in der Postmoderne, die die Vorgaben der Moderne einlösen will, eine logische Fortsetzung hin zu einem nie endenden Prozess interner Brüche und Fragmentierungen. Nach Fredric Jameson 30 wird das entfremdete Subjekt der Moderne durch das fragmentierte Subjekt der Postmoderne abgelöst. Das fragmentierte Subjekt zelebriert nicht mehr einen einzigen inneren Kern, sondern ist sich seiner vielschichtigen, manchmal widersprechenden und ungelösten Identitäten bewusst. Der Prozess der Identifikation wird nicht mehr nur durch bedeutende Andere bestimmt, er wird offener, variabler und zugleich problematischer wahrgenommen.
Das Subjekt der Postmoderne ist also anders konstruiert, als das moderne. „Er ist das jedenfalls dann, wenn man für die Moderne deren angestrengtesten Subjektbegriff zum Dauermaß erhebt, also einen Subjektbegriff, der schon seit langem weit eher eine Ideologie darstellt, als daß er durch die Praxis der Subjekte - noch der freiesten und profiliertesten - gedeckt wäre.“ 31 Die Quintessenz, des modernen Subjekts wäre nach Wolfgang Welsch die Idee des männlichen absoluten Souveräns, des Herrschers, des Meisters. Das postmoderne Subjekt hingegen reagiert nicht aus einem intangiblen, nur durch den Intellekt, nicht durch sinnliche Wahrnehmungen erfassbaren Punkt der Erscheinungen. Dies bedeutet jedoch keinesfalls den Tod des Subjekts, wie Fredric Jamenson 32 und gewisse Poststrukturalistische VertreterInnen nicht müde
30 Jameson, Fredric: Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus. In: Huyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandelns. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg 1997, S. 59
31 Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002, S. 316 32 Fredric Jameson behauptet, dass das Ende des bürgerlichen Ichs das Schwinden des Affekts, der Psychopathologie des Subjektes, fordere. Dadurch ergebe sich auch eine Befreiung von der Angst, da es ja kein Subjekt mehr gebe, das da fühlen könnte. Statt der Gefühle entwickeln sich daher Intensitäten, die frei im Raum flottieren, nicht mehr an einzelne Subjekte gebunden sind und von einer Euphorie überlagert werden.
Nach: Jameson, Fredric: Zur Logik der Kultur des Spätkapitalismus. In: Hyssen,
Carola Unterberger-Probst Das fragmentierte Subjekt - Seite 11
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werden zu behaupten. Nach Wolfgang Welsch bedeutet es viel mehr einen Übergang zu einem Subjektbegriff, „wie er Sterblichen ansteht und wie Lebendige ihn praktizieren.“ 33
Dieses Subjekt ist historisch und nicht biologisch bestimmt. Es bleibt nicht von Geburt bis zum Tod unverändert, sondern ist anpassungsfähig und wandelbarer. Die Psychologie jedenfalls hat sich von der Idee eines einheitlichen, unwandelbaren Selbst, das wie ein Monolith im Zentrum des Erlebens thront, verabschiedet. SozialpsychologInnen stellen sich das Ich mittlerweile diffuser und facettenreicher vor, nämlich als weit verzweigtes, unübersichtliches Areal in den kognitiven Katakomben der Psyche. Stuart Hall bemerkt hierzu: „Wenn wir meinen, eine einheitliche Identität von der Geburt bis zum Tod zu haben, dann bloß, weil wir eine tröstliche Geschichte oder 'Erzählung unseres Ichs' über uns selbst konstruieren.“ 34 Identität ist in dieser Sicht nichts anderes als eine Gedächtnisstruktur. „Alles, was wir über unsere Sinne und unseren Verstand erfahren, schnüren wir zu Wissensbündeln. Als 'assoziatives Netzwerk' werden diese Wissensknoten im Langzeitgedächtnis abgelegt, bei passender Gelegenheit abgerufen und mit der Zeit redigiert, verändert, neu geknüpft.“ 35 Welche Identität das Subjekt konstruiert, hängt nicht zu letzt davon ab, wie es sich selbst wahrnimmt. Je detaillierter und nuancierter das Selbstportrait gestaltet wird, desto unabhängiger wird das Subjekt von Bildern, die andere zeichnen. Ein stabiles Subjekt ist demnach nicht geprägt durch ein gradliniges Charakterbild, sondern weiß um die Windungen und Widersprüche seiner Identität.
5 MOMENTE DER DEZENTRIERUNG
Diese Fragmentierung des Subjektes findet ihre Grundbedingung in der Krise des Wissens, der Verabschiedung der Metaerzählungen, wie es Jean-Fran- Andreas;Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne - Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg 1997, S. 60
33 Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002, S. 316 34 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 183 35 Saum-Aldehoff, Thomas: Persönlichkeit - Charakter - Temperament. Heute so, morgen so. In: Psychologie Heute Compact (6) 2001, S. 31
Carola Unterberger-Probst 5 Momente der Dezentrierung - Seite 12
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coise Lyotard bezeichnete. Stuart Hall 36 macht fünf Momente der Dezentrierung des cartesianischen Subjektes aus.
Mit Karl Marx vollzog sich die erste Dezentrierung. Neu ist die historische Komponente des Subjekts. Individuen können nach Karl Marx keine wirklichen Agenten bzw. Autoren der Geschichte sein, da sie immer auf den Grundlagen historischer Bedingungen handeln. Diese Grundlagen wurden von anderen gemacht und das Subjekt wurde in sie hineingeboren. Dadurch nutzen die Subjekte die materiellen und kulturellen Ressourcen, die durch frühere Generationen überliefert worden sind.
Der zweite Beitrag zur Dezentrierung geht von Jaques Lacan aus. Beeinflusst von Hegels Begriff des Begehrens, der Linguistik Ferdinand de Saussures und der Ethnologie entwirft Jaques Lacan das Unbewusste als sprachlich strukturiertes, von der Sprache erst hervorgebrachtes System. Statt von Identität als ein abgeschlossenes Ding zu sprechen, sollte von der Identifikation, als immerwährenden Prozess gesprochen werden. Identität besteht nicht bereits in der tiefen Fülle unseres Inneren, sondern entsteht aus dem Mangel an Ganzheit, der in den Formen, in denen wir uns vorstellen, wie wir von anderen gesehen werden, von Außen erfüllt wird. Jaques Lacan prägte mit Claudeÿ Lévi-Strauss maßgeblich den französischen Strukturalismus 37 und beeinflusste wesentlich die moderne Literaturwissenschaft, Soziologie und Ethnologie.
36 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 193-199 37 Der Strukturalismus ist eine primär von Frankreich ausgehende wissenschaftliche Richtung. In der Völkerkunde wird der Strukturalismus als Forschungsmethode definiert, die eine Beziehung zwischen der Struktur der Sprache und der Kultur einer Gesellschaft herstellt und die alle jetzt sichtbaren Strukturen auf geschichtslose Strukturen zurückführt. In der Sprachwissenschaft, wird die Sprache
als geschlossenes Zeichensystem oder Code verstanden. Sprache ist ein nach bestimmten Regeln kombinierbares Zeichensystem, den Prototyp, jeder ganzheitlichen Organisation von Wirklichkeit. Erforscht wird diese Struktur, indem die wechselseitigen Beziehungen der Teile zueinander erforscht werden. Entwickelt wurden die Modelle aus der Sprachwissenschaft vor allem durch F. de Saussure und R. Jakobson und schließlich übernommen und übertragen • von C. Levi-Strauss auf die Anthropologie, • von M. Foucault und L. Althusser auf die Geschichtsphilosophie, • von R. Barthes und L. Goldmann auf die Literaturtheorie und • von J. Lacan auf die Psychoanalyse.
Carola Unterberger-Probst 5 Momente der Dezentrierung - Seite 13
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Womit wir beim dritten Beitrag zu Dezentrierung angekommen wären. Ferdi-nand de Saussure begründete mit dem Gedanken eines systematischen Zusammenhangs zwischen allen sprachlichen Erscheinungen die moderne Linguistik. Grundannahme ist, dass Sprache nicht Substanz, sondern Form sei. Form meint dabei die Stellungsdifferenzen im System, aus denen die sprachliche Verschiedenheit hervorgeht. „Die Sprache (langue) als derjenige Teil der menschlichen Rede (langage), der qua Regelsystem im Gedächtnis der sozialen Gemeinschaft verankert ist, wird über das individuelle Sprechen (parole) gesetzt, und das Studium der gegenwärtig vorhandenen Sprachverschiedenheiten (Synchronie) soll vor dem ihrer Entstehung (Diachronie) gehen.“ 38 Ferdinand de Saussure hebt hervor, dass das Subjekt in diesem Sinne nie absoluter Autor seiner Aussagen ist. Um Bedeutungen zu produzieren, benutzt das Subjekt eine Sprache, die gesellschaftlich geformt ist, unterwirft sich den Regen, der Grammatik dieser Sprache und den kulturellen Bedeutungen, die in die Wörter eingeschrieben sind. Denn die Wörter besitzen kein eindeutiges Verhältnis zu den Signifikanten, den Bezeichneten. Vielmehr ergibt sich ihre Bedeutung erst aus der Ähnlichkeit und der Differenz, die sie zu anderen Wörtern haben. So wissen wir, dass es ein Hund ist, weil es keine Katze ist, wir wissen, dass es Sommer ist, weil es nicht Winter ist, wir wissen, dass es der Westen ist, weil es nicht der Afrika, etc. ist, wir wissen, dass es eine Frau ist, weil es kein Mann ist. Und schließlich hat alles, was gesagt wird, ein Vorher und ein Nachher. „Der Bedeutung ist es inhärent, daß sie instabil ist: Sie strebt nach einer Schließung (nach Identität), aber sie wird andauernd unterbrochen (durch die Differenz). Sie entgleitet uns dauernd.“ 39 Fortwährend gibt es ergänzende Bedeutungen, über die wir keine Kontrolle haben.
Der vierte Beitrag zur Dezentrierung geht von Michel Foucault aus. Es prägte den Begriff der Disziplinarmacht, die sich mit der Kontrolle, Überwachung und Regulierung des Subjektes beschäftigt. Nach Michel Foucault ist sie der Motor, der in Institutionen, je kollektiver und organisierter sie sind, Subjekte um so isolierter, überwachter und individualisierter hervorbringt.
Der fünfte Beitrag zur Dezentrierung ist auf zwei Ebenen mit den Theoretikerinnen und Theoretikern der Geschlechterforschung zu verbinden. Einerseits
38 Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Sammlung Metzler, Bd. 324. Stuttgart / Weimar 2000, S. 27
39 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 197
Carola Unterberger-Probst 5 Momente der Dezentrierung - Seite 14
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PS: IDENTITÄT UND DIFFERENZ IN FEMINISTISCHEN/POLITISCHEN
förderte die dekonstruktiver Auseinandersetzung mit Geschlecht eine Identitätspolitik, die weg von der Kategorie Klasse an die divergenten Identitäten der Subjekte, die sich aus Geschlecht, Religion, Herkunft, Andersfähigkeit, Alter, sexueller Orientierung, etc. zusammensetzen, appeliert. Des weiteren wird die binäre Trennung entlang den Markern innen - außen, aktiv - passiv, emotional - rational in Frage gestellt.
Nach Stuart Hall bilden Zeit und Raum grundlegende Koordinaten des Repräsentationssystems. Eine Neugestaltung dieser vermeintlichen Grundkonstanten - so wie es durch die Globalisierung geschieht - hat „erhebliche Auswirkungen darauf, wie Identitäten verortet und repräsentiert werden.“ 40 Grund hier für sieht Hall in den imaginären Geografien, den charakteristischen Orten, zu denen sich ein Subjekt in Beziehung setzt. Bereits während der Moderne rückte der Raum in wachendem Maße von der Zeit weg, „indem sie Beziehungen zwischen 'abwesenden' anderen fördert. [...] Das Lokale [wird] durch weit entfernte gesellschaftliche Einflüsse vollständig durchdrungen und gestaltet. [...] Die 'sichtbare Gestalt' des Lokalen tarnt die entfernten Verhältnisse, die seine Natur determinieren.“ 41
Daraus entsteht für die Identitäten eine neue Kommunikation zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Eine Entwicklung freilich, die sich bereits seit der Gotik 42 abzeichnet, nun aber in der Machtgeormetrie der Globalisierung beharrlich weiterhin in den alten Diskursen von Westen und dem Rest schwelgt. Der
40 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 210 41 Giddens, A.: The Consequences of Modernity. Cambridge 1990. Zitiert in: Hall, Stuart: Dir Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994, S. 211 42 Vgl. die wandernden Bautrupps der Kathedralen, Bildungsreisen , Pilgerreisen, Festigung von Handelsruten und Kontakten, kultureller (und auch personeller) Austausch mit dem Orient, etc. Eindrucksvoll wiedergespiegel in den Kathedralen, die sich von der starren und fast schmucklosen Konstruktion der Romanik in ihrer Vielschichtigkeit und Ideenreichtum unterscheiden.
Carola Unterberger-Probst Globalisierung und das fragmentierte Subjekt - Seite
15
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Identitätswechsel nimmt demnach in den Zentren 43 der Globalisierung stärker zu, als in den Peripherien. Globalisierung hat den Effekt, die zentrierten Identitäten einer nationalen Kultur zu zerstreuen und somit eine pluralisierende Wirkung auf Identitäten, die eine Vielfalt von Möglichkeiten und neuen Positionen der Identifikation gestaltet.
Diese Positionierung verlaufen nach Stuart Hall entlang zweier Marker: dem der Tradition und dem der Übersetzung. Subjekte, die um die Tradition kreisen, versuchen ihre frühere Reinheit / Zentriertheit wiederherzustellen und die verloren geglaubten Einsichten und Sicherheiten wiederzufinden. Subjekte, die um das reisen, was mit Übersetzung bezeichnet wird, erkennen, dass Identität den Spielregeln der Repräsentation und der Differenz unterworfen ist Insbesonders Kulturen der Hybridität zählen zu den Übersetzern. Subjekte dieser Kulturen sind nach Stuart Hall vorwiegend Migrierende , da sie unwiderruflich Träger mehrerer ineinander greifender Geschichten und Kulturen sind und zu ein und der selben Zeit mehreren Räumen / Heimaten angehören.
Anzumerken gäbe es hier natürlich, dass nicht nur Migrantinnen und Migranten, als Kinder der Globalisierung zu den ÜbersetzerInnen zu zählen sind. Übersetzer und Übersetzinnen sind natürlich all jene Bevölkerungsteile, die mit den Metaerzählungen der Moderne sei es bewusst oder gezwungener Maßen gebrochen haben.
RESÜMEE
Nach Wolfgang Welsch vermögen postmoderne Subjekte „mehr zu kennen, weiter zu erfahren, genauer zu berücksichtigen und dann immer noch für anderes empfänglich zu sein.“ 44 Die Postmoderne berge daher in sich einen Vernunfttypus, der sowohl mit der Pluralität im Bunde ist, wie auch die einzelnen Subjekte berücksichtigt. Dieser Vernunfttypus steht im Bunde mit der transver-
43Zentren bezeichnen in diesem Kontext keine geografische Lage, sondern beziehen sich auf s.g. Globalisierungsknotenpunkte, die von Faktoren, wie Bildung, Geschichte, technischem Zugang, Interesse, Macht, etc. durchwoben sind. Ein Globalisierungsztentrum kann demnach Kano in Nordnigferia, das Heinrich Barth in den 1850ern als das afrikanische London beichnete und heute das Wirtschafts- und Kulturzentrum der Hausa ist.
44 Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002, S. 316
Carola Unterberger-Probst Resümee - Seite 16
STUART HALL: DIE FRAGE DER KULTURELLEN IDENTITÄT
PS: IDENTITÄT UND DIFFERENZ IN FEMINISTISCHEN/POLITISCHEN
salen Vernunft, die es ermöglicht sich zwischen verschiedenen Sinnsystemen und Realitätskonstellationen bewegen zu können. Jean-Françoise Lyotard prägte hierfür den Begriff des „sveltezza“ 45 .
Problematisch bleibt die Postmoderne primär aufgrund ihrer Diskursgeschichte. Diese ist geprägt von einer schwammigen, feuilletonistischen Aufarbeitung in den 1980er und 1990er Jahren, die nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch die Rezeption von Postmoderne in der breiten Öffentlichkeit in ein schales Licht rückte. Zudem scheint der Begriff Postmoderne aufgrund seines Präsuffixes „post“ immer noch für genug Unruhe und Verwirrung zu sorgen, obwohl der Begriff der Postmoderne seit nunmehr über 50 Jahren eingeführt und verwendet wird. Es scheint daher nicht verwunderlich, dass ernsthafte Theoretikerinnen und Theoretiker immer wieder versuchen Wortneuschöpfungen zu gebrauchen. Wolfgang Welsch schlug den Begriff der Radikalmoderne 46 vor, Stuart Hall spricht sich für die Spätmoderne 47 aus, Heinrich Klotz wiederum favorisiert ein vorläufiges Ende der Postmoderne und die Geburt der Zweiten Moderne 48 . Auch bildeten sich zahlreiche Unterkategorien und Umschreibungen heraus, die für sich entweder in Anspruch nehmen Teilaspekte der Postmoderne stärker ins Zentrum zu Rücken, oder Spezialisierungen auf einem Fachgebiet darstellen. Die prominentesten Vertreter sind hierbei der Poststrukturalismus und der Dekonstruktivismus.
Wenn sich Stuart Hall dafür entscheidet, eine Begrifflichkeit, die von der allgemeinen Definition abweicht zu gebrauchen - Spätmoderne bezieht sich für gewöhnlich als Epochenbegriff auf kommerzielle Architektur der 20er Jahre und Postmoderne bezieht sich bei ihm als eine noch einzulösende Internationaleso erscheint es mir für die Textverständlichkeit von Nöten, der eigenen Positionierung Ausdruck differenziert zu verleihen. Aber auch abseits dieser Begrifflichen Spitzfindigkeiten stört Halls Postmoderne Definition der Zukunft, da er einen epochalen Beigeschmack enthält. Die Postmoderne, so wie sie seit den 1980ern in der Philosophie, Kunsttheorie, Linguistik, Geschlechterforschung, etc. verstanden wird, widerstrebt einem klaren Epochen- bzw. Periodisierungsbe-
45Lyotard, Jean-Françoise: Grabmal des Intellektuellen. Graz/Wien 1985. S. 87f. 46 Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002 47 Hall, Stuart: Dir Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994 48 Klotz, Heinrich: Kunst im 20. Jahrhundert - Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne. Eine Veröffentlichung der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. 2. Auflage. München 1999
Carola Unterberger-Probst Resümee - Seite 17
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PS: IDENTITÄT UND DIFFERENZ IN FEMINISTISCHEN/POLITISCHEN
griff. Jean-François Lyotard charakterisiert sie als einen Gemüts- oder vielmehr Geisteszustand. Wolfgang Welsch hierzu über Lyotard: „Postmodern ist, wer sich jenseits von Einheitsobsessionen der irreduziblen Vielfalt der Sprach-, Denk- und Lebensformen bewußt ist und damit umzugehen weiß.“ 49 Jean-François Lyotard differenziert diesen Ansatz in seinem 1988 erschienen Werk Die Moderne redigieren 50 . Demnach ist die Postmoderne keine eigenständige Epoche, sondern ein Zurückführen einiger Charakterzüge, die die Moderne für sich in Anspruch genommen hat.
49 Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002, S. 35 50 Nach: Lyotard, Jean-François: Die Moderne redigieren. Bern 1988, S.25
Carola Unterberger-Probst Resümee - Seite 18
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PS: IDENTITÄT UND DIFFERENZ IN FEMINISTISCHEN/POLITISCHEN
Bossinade, Johanna: Poststrukturalistische Literaturtheorie. Stuttgart / Weimar 2000 Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg 2002 Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main 1997
Creed, Barbara: Von hier zur Modernität: Feminismus und Postmoderne. In: Felix, Jürgen (Hrsg.): Die Postmoderne im Kino. Ein Reader. Marburg 2002 Damasio, Antonio R.: Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München 1997
Engelmann, Peter: Vorwort - Postmoderne und Dekonstruktion. In: Engelmann, Peter (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart Stuttgart 1990
Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main 1992 Foucault, Michel: Power/Knowledge. Brighton 1980
Hall, Stuart: Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994 Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Hall, Stuart: Rassismus und Kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 1994 Jameson, Fredric: Zur Logik der Kultur des Spätkapitalismus. In: Hyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne - Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg 1997
Klotz, Heinrich: Kunst im 20. Jahrhundert - Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne. Eine Veröffentlichung der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. 2. Auflage. München 1999
Lyotard, Jean-Françoise: Grabmal des Intellektuellen. Graz/Wien 1985 Lyotard, Jean-François: Die Moderne redigieren. Bern 1988 Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt am Main 1975
Otto, Stephan (Hrsg.): Band 3. Renaissance und frühe Neuzeit. In: Bubner, Rüdiger (Hrsg.): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Stuttgart 1994 Owens, Craig: Der Diskurs der Anderen - Feministinnen und Postmoderne. In: Huyssen, Andreas; Scherpe, Klaus R. (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. 5. Auflage. Reinbeck bei Hamburg 1997 Pro7: WELT DER WUNDER. 28.12.2003. Korovai, Bewohner Neuguineas Rabinow, Paul: Repräsentationen sind soziale Tatsachen. Modernität und Post-Modernität in der Antropologie. In: Rippl, Gabriele (Hrsg.): Unbeschreiblich weiblich. Texte zur feministischen Antropologie. Frankfurt am Main 1993 Saum-Aldehoff, Thomas: Persönlichkeit - Charakter - Temperament. Heute so, morgen so. In: Psychologie Heute Compact (6) 2001 Welsch, Wolfgang: Unsere Postmoderne Moderne. 6. Auflage. Berlin 2002
Carola Unterberger-Probst Verzeichnisse - Seite XIX
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Carola Unterberger-Probst, 2003, Stuart Hall: Die Frage der Kulturellen Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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