Das Leben der Frau und Frauenbilder im
Mittelalter am Beispiel des ,,Iwein" von
Hartmann von Aue
Miriam Oberle
27. M¨
arz 2003
1
Inhaltsverzeichnis
1
Hartmanns Iwein
3
1.1
Biographisches und zeitliche Einteilung . . . . . . . . . . . . .
3
1.2
Inhalt und Intention
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3
1.3
Minne und das h¨
ofische Modell im ,,Iwein" . . . . . . . . . . .
4
1.3.1
Hartmann, der Hof und die Minne . . . . . . . . . . . .
5
2
Liebe, Ehe und Tugenden im Mittelalter
7
2.1
Laudine, w^ip und k¨
unegin
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
2.1.1
Laudines Eheverst¨
andnis . . . . . . . . . . . . . . . . .
10
2.1.2
Iweins Treuebruch und Laudines Problematik . . . . .
12
2.2
M¨
annerblicke oder Iwein und die Minne . . . . . . . . . . . . .
14
2.3
,,Des Weibes Art und Tugenden" . . . . . . . . . . . . . . . .
16
3
Zeit der Frauen?
19
4
Literaturverzeichnis
21
4.1
Prim¨
arliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21
4.2
Sekund¨
arliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
21
2
1
Hartmanns Iwein
1.1
Biographisches und zeitliche Einteilung
Da es weder eine urkundliche Erw¨
ahnung noch außerliterarische Quellen gibt,
kann Hartmann von Aues Leben und Werk nicht pr¨
azise eingeteilt werden.
Die Lebensdaten belaufen sich auf den Zeitraum von etwa 1160/70-1210.
,,Iwein" ist Hartmann von Aues letztes Werk. Da es in Wolfram von Eschen-
bachs ,,Parzival" erw¨
ahnt wird, das nach 1205 geschrieben wurde, siedelt
man den ,,Iwein" um 1200 an.
Vorbild f¨
ur Hartmanns ,,Iwein" ist Cretien de Troyes ,,Ywain". Die Geschich-
te des Iwein bildet die klassische Form des mittelalterlichen Versromans in
Frankreich und Deutschland, d.h. die Hervorhebung des Avent¨
urenweges ei-
nes bisher kaum bekannten Ritters am Artushof (wie. z.B. ,,Erec", ,,Parzi-
val", etc.).
1.2
Inhalt und Intention
Wie schon in anderen Werken von Hartmann von Aue geht es auch hier um
den L¨
auterungs bzw. Selbstfindungsprozeß des Helden. Am vermeintlichen
H¨
ohepunkt im Leben des Protagonisten f¨
allt er in eine Sinnkrise und muß
zun¨
achst alles wieder verlieren. So auch Iwein. Schon kurz nach der Hochzeit
mit Laudine steht er zwischen zwei Wertesystemen - auf der einen Seite steht
der Artushof, der ^
ere, r^iterschaft und ^
aventuire verk¨
orpert, auf der anderen
Seite der Laudinehof, der f¨
ur minne und die Pflichten eines Ehemanns und
Grundherren, den wirt, steht.
Die Frage, die sich in dieser Arbeit stellt, geht weg vom eigentlichen Helden
3
Iwein und besch¨
aftigt sich mit der Rolle der Frau bzw. mit dem Frauenbild
innerhalb des Romans und w¨
ahrend des Mittelalters.
Was davon ist Dichtung und wieviel davon spiegelt das wirkliche Leben der
Frauen dieser Zeit wieder?
Die Forschung ist sich einig, daß es sehr schwer ist, sich ein Bild der Frau im
Mittelalter zu schaffen, da Frauen, wenn ¨
uberhaupt, oft in einem klerikalen
Kontext (und somit negativ oder verkl¨
art) erw¨
ahnt wurden. Sich ausschließ-
lich auf die Darstellung von Frauen in der Dichtung zu berufen ist in soweit
fragw¨
urdig, da hier oft eine Idealisierung der Frau stattfindet und die Texte
meist von M¨
annern f¨
ur M¨
anner geschrieben wurden und diese auch oft zur
puren Unterhaltung, was der ,,Wahrheitsfindung" nicht unbedingt dienlich
ist. Die h¨
ofische Epik und so auch ,,Iwein" gew¨
ahrt lediglich einen Einblick in
die feudale Oberschicht. Da es keine eindeutigen Quellen gibt, bleibt die Fra-
ge offen, wie die Frauen selbst ihr Leben und ihre Rolle empfunden haben --
aber man kann den Versuch machen den Status der Frau zu erahnen, indem
man epische, symbolische, rechtliche und geschichtliche Aspekte heranzieht.
1.3
Minne und das h¨
ofische Modell im ,,Iwein"
Das Grundprinzip des h¨
ofischen Modells ist recht simpel: Im Mittelpunkt
steht eine Dame, die verehrt wird. Oft handelt es sich auch um verheiratete
Damen des Hofes, deren Gunst die Junggesellen erlangen wollen. Meist ver-
steht man unter Minne die fleischliche Begierde. Die Dame ist die Herrin des
Hauses und der Junggeselle ordnet sich ihr als treuer Vasall unter. Er gibt
sich ihr sozusagen als Geschenk und wird ihr Leibeigener. Sp¨
ater wird die
Minne jedoch zum Vorspiel der Ehe.
4
1.3.1
Hartmann, der Hof und die Minne
Die Auseinandersetzung mit der Minne ist bei Hartmann vor allem die Aus-
einandersetzung mit dem Verh¨
altnis zwischen Mann und Frau. ,,F¨
ur Hart-
mann aber (und nach ihm f¨
ur Wolfram) ist die eheliche Liebe die eigentliche
,,hohe Minne". Nicht unerf¨
ullte Sehnsucht, sondern Konflikt und Beziehung
zwischen Mann und Frau sind es, welche sittigend und erzieherisch wirken."
1
So ist Hartmanns ,,Iwein" nicht nur die Skizzierung des h¨
ofischen Modells,
sondern das Idealbild einer Beziehung zwischen Mann und Frau, das sich
gegenseitig bedingt, lenkt und erzieht. Und er beschreibt immer wieder die
Tugenden, die Frau und Ritter haben sollten.
in liebte hof und den l^ip
manec maget unde w^ip,
die schoensten von den r^ichen.
2
M¨
anner und Frauen,
die sch¨
onsten aus den ganzen L¨
andern,
machten den Hof und das Leben
freundlich
[...]dise spr^
achen wider diu w^ip,
dise banecten den l^ip,
dise tanzten, dise sungen,
dise liefen,dise sprungen,dise h^
orten seitspil,[...]
3
1
Eva-Maria Carne: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue, S.7
2
Iwein,V 45-47
3
Ebenda, V 65-69
5
die einen sprachen mit den Frauen,
andere tummelten umher,
die einen tanzten, andere sangen,
diese liefen, jene sprangen,
andere lauschten dem saitenspiel,[...]
Betrachtet man diese Beschreibungen, so liegt es nahe, zu glauben, daß es
den Frauen (zumindest den Edelfrauen) recht gut geht und sie durch Ab-
lehnen oder Annehmen der Minnewerbung eine gewisse Macht besitzen. Im
allt¨
aglichen Leben jedoch ist die Geringsch¨
atzung der Frau und Gewalt nicht
un¨
ublich. Zumindest jedoch entwickelt sich durch das h¨
ofische Modell ei-
ne ¨
Achtung von gewaltsamer Eroberung, sprich Vergewaltigung. Stattdessen
wird die Werbung reglementiert und in Etappen des Hofierens eingeteilt.
Doch hatte eine Edelfrau die freie Wahl? Waren Liebesheiraten m¨
oglich?
Ehe bedeutete nicht gleich Liebe, schloß sie aber auch nicht aus. Im 11. und
12.Jahrhundert liegt die Kontrolle der Ehe immer mehr in der Hand der Kir-
che. Auch sie bestimmt den Zweck und Wert der Ehe. Ihr alleiniger Zweck
liegt in der Sicherung der Nachkommen, und sie ist ein Sakrament, dem man
Treue leistet. Dennoch gilt, zumindest theoretisch, das Prinzip des gegen-
seitigen Einverst¨
andnisses und sie ist grunds¨
atzlich auch unaufl¨
oslich. Die
Praxis sah nat¨
urlich oft anders aus. ,,Bei den Adelsgeschlechtern standen
die Kinder, vor allem die M¨
adchen, im Dienste der Macht und des Reich-
tums. Endogamie, Verstoßung (meist wegen Unfruchtbarkeit der Frau) und
Wiederverheiratung begr¨
undete hier eine ,,fortw¨
ahrende Polygamie", die im
Interesse der Erbfolge strategisch eingesetzt wurde."
4
4
Georges Duby: Geschichte der Frauen, S.226
6
2
Liebe, Ehe und Tugenden im Mittelalter
2.1
Laudine, w^
ip und k¨
unegin
Doch wie sieht die Ehe nun aus und was bedeutet Liebe im Mittelalter?
Welche Rolle spielt die Frau, welche Rechte und Pflichten hat sie? Welche
Rolle spielt Laudine als K¨
onigin und Frau? Fragen, die nicht nur der Text,
sondern auch andere Belege beantworten sollen.
Nachdem Iwein Laudines Mann erschlagen hat, wird er in Gefangenschaft
Zeuge Ihrer Trauer.
ezn dorfte nie w^ibe leider
ze dirre werlte geschehen:
wand s^i muose t^
oten sehen
einen den liebesten man
den w^ip ze liebe ie gewan.
ezn m¨
ohte nimmer dehein w^ip
gelegen an ir selber l^ip
von clage selhe swære,
der niht ernest wære.
ez erzeicten ir gebærde
ir herzen beswærde
an dem l^ibe und an der stimme.
5
nie konnte ein solches Leid einer Frau
auf dieser Welt geschehen:
denn sie mußte den tot sehen,
5
Iwein, V 1312-1323
7
der der liebste Mann war,
den eine Frau je liebte.
Nie mag irgendeine Frau
ihrem eigenem Leib
vor Jammer solches Leid antun,
der es nicht ernst w¨
are.
Ihr Verhalten zeigte den Kummer ihres Herzens
an ihrem Leib und ihrer Stimme
waz sol ich, swenne ich d^in enbir?
waz sol mir guot unde l^ip?
waz sol ich unsælic w^ip?
ouw^
e daz ich ie wart geborn!
ouw^
e wie h^
an ich dich verlorn?
ouw^
e tr^
utgeselle.
6
Was soll ich, wenn ich dich entbehren muß?
Was nutzen mir Besitz und Leben?
Was soll ich unselige Frau tun?
Ach, daß ich je geboren wurde!
Ach, warum hab ich dich verloren?
Ach, Geliebter.
Laudines Trauer scheint echt, somit war sie ihrem Mann nicht nur rechtlich,
sondern auch emotional verbunden. Insofern war ihr die Zweckehe fremd.
Doch mit dem Tod ihres Mannes stellt sich ihr ein Problem. Sie ist nun Wit-
we und ihr Land ist ohne Schutz. Als wip m¨
ochte sie sich ganz ihrem Schmerz
6
Ebenda, V 1466-1471
8
und ihrer Trauer um Ascalon widmen, doch als landesvrouwe und k¨
unegin
hat sie die Pflicht f¨
ur die Verteidigung ihres Reiches zu sorgen. ,,Die Stel-
lung der hochadligen Frau war in politischer Hinsicht also problematisch. Im
allgemeinen war sie nicht lehensf¨
ahig, da man bei der Definition des Lehens
die Verpflichtung zum Waffendienst mitverstand, den die Frau nicht leisten
konnte."
7
der weiz wol, ob m^in lant
mit mir bevridet wære,
daz ich benamen enbære.
8
Der weiß wohl, wenn mein Land
durch mich alleine besch¨
utzt w¨
are
daß ich darauf verzichten w¨
urde.
Zun¨
achst reagiert Laudine als Frau. Sie will trauern und nichts von einer
erneuten Heirat wissen. Erst durch den Rat ihrer Zofe Lunete wird sie sich
¨
uber ihre Situation bewußt. Diese r¨
at ihr sich schnell einen neuen Mann zu
suchen. Außerdem eilt es, da sich Artus und seine Ritter schon ank¨
undigen.
Laudine ist gezwungen alles Pers¨
onliche zun¨
achst zur¨
uckzustellen. Und Lu-
nete tut alles, um sie darauf vorzubereiten.
ez ist w^iplich daz ir claget,
und muget ouch ze vil clagen.
uns ist ein vrumer herre erslagen:
n^
u mac iuch got wol stiuren
mit einem als^
o tiuren.
9
7
Volker Mertens: Laudine, S.30
8
Iwein, V 1904-1906
9
Ebenda, V 1800-1804
9
Es geziemt einer Frau, daß ihr klagt,
doch k¨
onnt ihr zu viel klagen.
Ein tapferer Mann wurde uns erschlagen:
nun mag euch Gott wohl unterst¨
utzen
mit einem ebenso teuren.
2.1.1
Laudines Eheverst¨
andnis
Da Laudine eine Zweckehe zuwider ist, versucht sie, zumindest den M¨
order
ihres Mannes im besten Licht stehen zu lassen, was soweit geht, daß sie
sich einredet, daß Iwein ihren Mann aus Notwehr erschlagen hat. Hierdurch
enthebt sie ihn jeglicher Schuld und kann ihn als edlen und tapferen Ritter
betrachten.
ouch st^
at unschulde d^
a b^i,
der ez rehte wil verst^
a:
er h^
at ez werende get^
an.
m^in herre wolt in h^
an erslagen:[...]
10
und doch stand auch die Unschuld dabei,
der es recht verstehen will:
er hat es in Notwehr getan.
Mein Herr wollte ihn erschlagen:[...]
daz er in sluoc, des gie im n^
ot'.
Sus br^
ahte siz in ir muote
ze suone und ze guote,
10
Ebenda, V 2042-2045
10
und mahte in unschult wider s^i.
11
Daß er ihn erschlug, geschah unter Zwang'.
so erkl¨
arte sie es sich selbst in ihrem Geist
zur Vers¨
ohnung und zum Guten,
und enthob ihn ihr gegen¨
uber der Schuld.
In den weiteren Versen spricht Hartmann von der Minne, die Laudine nun
auch bef¨
allt. Jedoch ist hier mit Minne nicht die Liebe oder die Leidenschaft
gemeint, sondern sie tritt hier als ,,rehtiu s¨
uenærinne", als Vers¨
ohnerin zwi-
schen Mann und Frau auf. Als zuk¨
unftigen Ehemann erwartet sie von ihm
triuwe, d. h. seine absolute Ergebenheit und Zuverl¨
assigkeit. Weiterhin sucht
sie einen Mann, der geburt, jugent, tugent und vr¨
umekheit besitzt. ¨
Uber all
dies verf¨
ugt sie selbst und erwartet somit einen Mann, der ihr ebenb¨
urtig ist.
Als Lunete ihr den Namen des Ritters nennt, stimmt sie zu und beschließt,
ihn zu heiraten, jedoch nicht ohne Einberufung eines Rates, der zustimmen
muß. Als Iwein vor ihr steht macht sie ihm unmißverst¨
andlich klar, welche
Beweggr¨
unde sie hat, ihn zu heiraten und wirbt aus ihrer Zwangslage heraus
selbst um ihn. Dies ist sehr mutig f¨
ur eine Frau ihrer Zeit, denn Hartmann
dreht hier die Minneregeln zwischen Mann und Frau einfach um. Andererseits
gesteht sie ihm keineswegs ihre Liebe, sondern bittet ihn um eine Zweckheirat.
[...]^
e ich iuwer enbære,
ich bræche ^
e der w^ibe site:
swie selten w^ip mannes bite,
ich bæte iuwer ^
e
11
Ebenda, V 2050-2054
11
[...]ehe ich euch entbehren muß,
breche ich lieber die weibliche Sitte:
obgleich selten eine Frau um einen Mann warb,
bitte ich doch um euch.
2.1.2
Iweins Treuebruch und Laudines Problematik
Laudine sieht die Ehe zun¨
achst als einen Rechtsvertrag, und geht davon aus,
daß Iwein dies auch so sieht. Als er sie nach der Hochzeit bittet, ihn f¨
ur ein
Jahr ziehen zu lassen, um sich ritterlichen Turnieren zu widmen, stimmt sie
schweren Herzens zu.
Sie gibt ihm ein Jahr und einen Tag Zeit und ermahnt ihn, diesen Termin
nicht verstreichen zu lassen.
ouch swuor s^i des, zew^
are,
und bleiber iht v¨
urbaz,
ez wære iemer ir haz.
ouch swuor er, des in diu liebe twanc,[...]
12
Auch schwor sie dies,
und bleibe er l¨
anger,
so w¨
urde sie ihn ewig hassen.
Auch er schwor, da ihn die Liebe zwang,[...]
unde l^
at diz vingerl^in
einen geziuc der rede s^in
13
12
Ebenda, V 2926-2929
13
Ebenda, V 2945-2946
12
Und laßt diesen Ring
Zeuge dieser Rede sein.
Iwein vers¨
aumt die Jahresfrist und macht sich somit eines Rechtsbruchs schul-
dig -- er bricht den Eid, den er Laudine schwor.
[...] daz er der j^
arzal vergaz
und s^in gel¨
ubede versaz,[...]
14
[...]daß er die Jahresfrist vergaß
und sein Gel¨
ubde brach,[...]
Dieser Rechtsbruch muß Konsequenzen haben. Laudine stellt ihn vor Artus'
Hof ¨
offentlich als Verr¨
ater hin, und bezichtigt ihn der Untreue. Sie l¨
ost die Ehe
offiziell auf, und schickt ihm ihren Ring zur¨
uck. Sie trennt sich von ihm. Mit
den ihr gegebenen Mitteln als Frau und Herrscherin wehrt sie sich vehement
gegen solch eine Untreue. ,,Die Gestalt der Laudine als einer selbst¨
andigen
und machtbewußten Herrscherin, die gleichwohl auf m¨
annliche Hilfe angewie-
sen ist, um ihre Herrschaft zu erhalten, hat im Anschluß an die historisch-
sozialhistorischen Deutungen mit Recht Aufmerksamkeit erregt."
15
ouch sulnt ir v¨
ur dise vrist
m^iner vrouwen entwesen:
s^i wil ouch ^
ane iuch genesen.
und sendet ir wider ir vingerl^in
daz ensol niht langer s^in
an einer ungetriuwen hant:[...]
16
14
Ebenda, V 3055-3056
15
Iwein, Hrsg. Walter de Gruyter, S.167
16
Ebenda, V 3190-3195
13
Auch sollt ihr f¨
ur alle Zeit
ohne meine Herrin sein:
sie wird sich auch ohne euch wohl befinden.
Und sendet euch ihren Ring wieder
damit er nicht l¨
anger sei
an einer untreuen Hand:[...]
Hier zeigt sich auch deutlich das Mißverst¨
andnis zwischen Laudine und Iwein.
W¨
ahrend Iwein den vorher erhaltenen Ring als Minnepfand ansieht, ist das
f¨
ur Laudine das Einverst¨
andnis, f¨
ur sein Land Verantwortung zu ¨
ubernehmen.
Dabei war der Ring im Mittelalter immer wieder ein Zeichen der weltlichen
Herrschaft. ,,Iwein ist herre, daran soll ihn der Ring gemahnen[...]. Laudine
f¨
urchtet anscheinend gar nicht, mißverstanden zu werden. Sie mußte glauben,
er w¨
ußte, daß sie eine standesgem¨
aße, politisch motivierte Ehe eingegangen
war, bei der die erwachte Minne eine nicht gerade erwartete angenehme Zu-
gabe darstellte."
17
2.2
M¨
annerblicke oder Iwein und die Minne
Als Iwein Laudine erblickt, ist er ganz bet¨
ort von ihrer Sch¨
onheit. Es ist ein
Gef¨
uhl, das ¨
uber ihn kommt -- es ist die Minne, die ihn bef¨
allt und ihm die
Sinne raubt.
ouw^
e waz h^
at ir get^
an
ir antl¨
utze unde ir schoeniu lich,
der ich nie niht sach gel^ich?
ichn weiz waz s^i zew^
are
17
Volker Mertens: Laudine, S. 19
14
an ir goltvarwem h^
are
an ir selber richet,
daz s^i den l^ip zerbrichet.
18
Ach, was haben sie ihr getan
ihr Antlitz und ihr sch¨
oner Leib
dergleichen sah ich noch nie?
Ich weiß nicht, was sie
an ihrem goldfarbenen Haar
und an sich selbst bestraft
daß sie ihren K¨
orper verletzt
F¨
ur ihn ist sie das Idealbild einer Frau: ,,[...]ez ist ein engel und niht ein
w^ip."
19
ruft er, als er sie erblickt.
Diese Idealisierung und ¨
Uberh¨
ohung alles Weiblichen ist typisch in der Lite-
ratur dieser Zeit.
Neben der Idealisierung der Frau im h¨
ofischen Modell entwickelt sich in die-
ser Zeit auch ein ausgepr¨
agter Marienkult. Es wird davon ausgegangen, daß
beides nicht einfach nebeneinander existierte, sondern sich gegenseitig im-
mer wieder beeinflußte und best¨
atigte. ,,Die Frau und Maria sind jeweils die
adligh¨
ofische herrin, der man treu dient, um schließlich Lohn zu empfan-
gen. Beide werden sie gepriesen, und zwar sowohl ob ihrer Tugenden als auch
wegen ihrer Sch¨
onheit, und nicht zuletzt wegen ihrer Vollkommenheit."
20
n^
u habent ir schoene unde jugent,
18
Iwein, V 1668-1674
19
Ebenda, V 1690
20
Waltraud Fritsch-R¨
oßler: Helene Denning in Frauenblicke, M¨
annerblicke, Frauenzim-
mer, S. 166
15
geburt r^icheit unde tugent
und muget einen als^
o biderben man
wol gewinnen, obsiu got gan.
21
nun besitzt ihr doch Sch¨
onheit und Jugend,
gute Herkunft und Tugend
und k¨
onnt einen ebenso angesehen Mann
durchaus gewinnen, wenn es sich durch Gott begibt.
"Die Anbetung der irdischen Herrin, die Steigerung der Minne ins Transzen-
dente und die mystischreligi¨
ose Sprache, in welcher das Gef¨
uhl Ausdruck
fand, sind auf die christliche Durchdringung des mittelalterlichen Denkens
und Empfinden zur¨
uckzuf¨
uhren."
22
2.3
,,Des Weibes Art und Tugenden"
Eine der Tugenden, die eine Frau besitzen soll, ist die Sch¨
onheit. Diese Tatsa-
che hat nicht nur einen ¨
außerlichen Aspekt, sondern man geht im Mittelalter
davon aus, die innere Tugendhaftigkeit einer Frau manifestiere sich in ihrer
Sch¨
onheit. Andererseits kann die Sch¨
onheit auch immer wieder eine Gefahr
f¨
ur die Frau bedeuten, da die Annahme verbreitet war, daß sich der Teufel
oft auch in Gestalt einer sch¨
onen Frau zeige. Die Hauptthesen, die sich in
Bezug auf Frauen aus dem aristotelischen Denken und (m¨
annlichen) Ausle-
gungen von Bibeltexten ergeben und im Mittelalter Anerkennung finden sind
folgende:
1. Frauen sind von Geburt an minderwertiger als M¨
anner
21
Iwein, V 1925-1928
22
Eva-Maria Carne: Frauengestalten bei Hartmann von Aue, S. 26
16
2. Aufgrund dieser Minderwertigkeit sind sie nicht f¨
ahig ihren Verstand
so zu benutzen wie M¨
anner
3. Frauen sind leicht verf¨
uhrbar oder selbst Verf¨
uhrerinnen, weshalb sie
unter die Aufsicht eines Ehemannes gestellt werden m¨
ussen.
,,Frau erliege leicht ihrer Sinnlichkeit, ihr Geist sei schwach, ihre Reinheit
st¨
andig bedroht. Es sei am Ehemann sie zu beherrschen, so der Bischof Ivo
von Chartres[...]"
23
Die ,,positiven" Tugenden, die man Frauen zugesteht, sind die der Mutter-
schaft und der ,,weiblichen Milde und G¨
ute". Letzteres wird auch immer
wieder in Hartmanns Werken betont. Demnach steht die allgemeine Ge-
ringsch¨
atzung der Frau im krassen Gegensatz zur Idealisierung im h¨
ofischen
Modell umd im Marienkult. Aber vielleicht mußte aus dem einen Extrem das
andere irgendwann folgen.
W¨
ahrend Laudine die Tugenden jugent, tugent, geburt und schoenheit ver-
tritt, fehlt es ihr jedoch meist an der ,,weiblichen Milde" und der rehten
g¨
uete. F¨
ur diese Tugenden stehen andere Frauengestalten im Iwein, wie z. B.
ihre Zofe Lunete. Obwohl Iwein ihren Herren erschl¨
agt, vergißt sie nicht, daß
er ihr einmal geholfen hat und revanchiert sich bei ihm.
swie leide ir mir habt get^
an,
ichn bin iu doch niht gehaz, [...]
24
wie sehr ihr mir auch Leid angetan habt
so bin ich doch nicht voll Haß gegen euch[...]
23
Georges Duby: Geschichte der Frauen, S. 226
24
Iwein, V 1178-1180
17
also het ich ^
uf geleit,
ichn wære ir gruozes niht s^
o wol wert,
als man d^
a ze huove gert:
ich weiz wol, des engalt ich.
herre, do gruoztet ir mich,
und ouch d^
a nieman m^
ere.
do erbutet ir mir die ^
ere
der ich iu hie l^
onen sol.
25
Also benahm ich mich so,
daß ich ihres Grußes nicht so wert war,
als man es am Hof verlangt:
ich weiß wohl, daß ich daf¨
ur b¨
ußen mußte.
Herr, ihr habt mich gegr¨
ußt,
und sonst keiner.
Da gabt ihr mir die Ehre,
die sich heute f¨
ur euch lohnen soll.
Laudine hingegen zeigt andere Tugenden. Sie ist selbstbewußt und stolz, wes-
halb Iwein letztlich viele Abenteuer bestehen muß, um sie zur¨
uckzugewinnen.
,,Laudine ist somit auch alles andere als eine ,,Minneherrin": als solche w¨
urde
sie den Ritter fern der Realit¨
at in ihren Bann ziehen, Laudine jedoch st¨
oßt
Iwein in die Wirklichkeit."
26
Und doch f¨
allt sie am Ende auf die Knie vor
Iwein, um ihn f¨
ur ihre H¨
arte um Verzeihung zu bitten. Dies scheint zun¨
achst
¨
ubertrieben im Gegensatz zu ihrer grunds¨
atzlichen Haltung und doch scheint
es f¨
ur Hartmann wichtig gewesen zu sein, daß auch die Heldin etwas ,,lernt"
25
Ebenda, V 1190-1197
26
Iwein, Walter de Gruyter, S. 168
18
bzw. ihr Herz f¨
ur ihn wiederentdeckt, so wie er das Verh¨
altnis zwischen Mann
und Frau sehen will, die sich gegenseitig lenken und erziehen. Sie f¨
allt als Frau
vor ihm zu F¨
ußen, nicht als K¨
onigin. Als Frau schien sie nicht an seiner Liebe
zu zweifeln, jedoch mußte sie ihn als K¨
onigin verstoßen.
d^
a mite viel s^i an s^inen vuoz
und bat in harte verre.
'stat ^
uf, `sprach der herre,
'irn habt deheine schulde:
wan ich het iuwer hulde
niuwan durch m^inen muot verlorn'.
27
Da fiel sie ihm zu F¨
ußen
und bat ihn so sehr.
'Steht auf',sagte der Herr,
Euch trifft keine Schuld:
Denn ich hatte eure Huld
nur durch meine Gesinnung verloren.
3
Zeit der Frauen?
Die Epoche, in der Hartmann von Aue lebte, war auch die Zeit von Frauen
wie der adeligen ¨
Abtissin des Hochmittelalters Hildegard von Bingen und der
Begine Mechthild von Magdeburg, die schon Jahrzehnte zuvor ein selbstbe-
wußtes Frauenbild zu leben versuchten. Inwieweit war wohl ein Mann jener
Zeit beeinflußt von solchen Bildern in unmittelbarer N¨
ahe? Von Frauen die
27
Iwein, V 8130-8135
19
Kl¨
oster gr¨
undeten, die schrieben und einen Anspruch auf ihren eigenen Wert
als Menschen innerhalb der damaligen Gesellschaft erhoben? Die allein herr-
schende Religion im Mittelalter war das Christentum. ,,Den Frauen gestand
es allein zwei Wege zu ihrem ,,Seelenheil" zu: die Ehe und Mutterschaft oder
die Jungfr¨
aulichkeit."
28
Mit Laudine als Protagonistin w¨
ahlt er eine Herrsche-
rin, die eine zentrale Rolle im Leben des Iwein spielt. Erst durch sie wird er zu
einer Pers¨
onlichkeit, die Verantwortung ¨
ubernimmt und heranreift. Und doch
ist es nicht die Geschichte einer Frau sondern eines Mannes. Im Gegensatz zu
Iwein scheinen die Beschreibungen der Person Laudine recht eindimensional,
jedoch f¨
ur jene Zeit recht vers¨
ohnlich. Und doch waren die M¨
oglichkeiten von
Frauen sich selbst zu entfalten recht gering und wurden gerade Anfang des 13.
Jahrhunderts wieder geringer, da die Bildung Domschulen und Universit¨
aten
¨
ubertragen wurden, zu denen Frauen keinen Zugang hatten, wodurch das
Bildungsniveau der Nonnen wieder drastisch sank. Und es sollte noch viele
Jahrhunderte dauern bis die ersten Schritte zu einer Gleichberechtigung von
Mann und Frau gewagt wurden. Und wie man sieht dauert die Umsetzung
bis heute an.
28
Magie, Matriarchat und Marienkult, Karin Gaube, Alexander von Pechmann, S. 52
20
4
Literaturverzeichnis
4.1
Prim¨
arliteratur
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4.2
Sekund¨
arliteratur
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Fritsch-R¨
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21
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