Proseminararbeit Roswitha Geyss
1. Areallinguistik und Sprachpolitik - Das Okzitanische 3
1.1 Zum Namen der Sprache 3
1.2 Das Gebiet des Okzitanischen 3
1.3 Die interne Gliederung des Okzitanischen 4
1.4 Kurzer historischer Überblick. 5
1.4.1 Die Vorgeschichte 5
1.4.2 Die Blütezeit. 5
1.4.3 Zunehmende Durchsetzung des Französischen im schriftlichen Bereich 6
1.4.4 Endgültige Durchsetzung des Französischen im Schriftverkehr und wachsende
Bedeutung im mündlichen Gebrauch 6
1.4.5 Die Französische Revolution und die wachsende Durchsetzung im mündlichen 7
Gebrauch
1.4.6 Planmäßige Durchsetzung des Französischen im Zuge der allg. Schulpflicht. 8
1.4.7 Die sprachliche und literarische Renaissance im 19. Jht. - Der Felibrige 8
1.5 Die Sprecher des Okzitanischen 9
1.6 Diglossie, Sprachkonflikt und wechselseitige Beeinflussung im okzitanischen
Sprachgebiet 10
1.6.1 Diglossie und Sprachkonflikt - ein Überblick 10
1.6.2 Verwendung des Okzitanischen (Gaskognischen) anhand eines konkreten
Fallbeispiels. 10
1.6.3 Wechselseitige Beeinflussung im okzitanischen Sprachgebiet - Französisch,
Francitan , Okzitanisch 12
1.6.4 Est-ce que vous avez vécu un conflit diglossique? 13
1.7. Das sprachliche System des Okzitanischen im Überblick. 14
1.7.1 Artikel und Substantiv. 14
1.7.2 Adjektiv. 15
1.7.3 Komperativa der Adjektive 15
1.7.4 Demonstrativa 16
1.7.5 Verbalmorphologie. 16
1.7.6 Syntax. 17
2. Semantik, Syntax und Textlinguistik 19
2.1 Der Artikel 19
2.2 Analyse 19
2.3 Isotopien und Kommentar 22
Quellenverzeichnis 24
2
Bereits die Bezeichnung der Sprache stellte Forscher immer wieder vor Probleme. Da die deutsche Linguistik sich vor allem mit der mittelalterlichen Sprache und Literatur auseinandersetzte, prägten führende Wissenschaftler zunächst den Begriff des „3URYHQ]DOLVFKHQ“, der auch im Zuge der sprachlichen und literarischen Renaissance im 19. Jahrhundert, auf die ich später bei der Darstellung der Geschichte des Okzitanischen näher eingehen werde, wieder aufgegriffen worden ist. Dennoch ist diese Bezeichnung nicht unproblematisch, denn genau betrachtet meinte „Provenzalisch“ eigentlich nur einen Einzeldialekt der gesamten Sprache, weshalb zahlreiche Sprecher mit diesem Begriff eine Unterordnung unter das Provenzalische Vorbild verbanden. Deshalb verwundert es nicht, dass führende Linguisten wie F. Raynouard auf andere Bezeichnungen zurückgriffen, wie in seinem Fall „ODQJXH URPDQH“, was sich aber ebensowenig durchsetzen konnte. Die Wurzeln für die heutige Bezeichnung „2N]LWDQLVFK“ reichen zwar bereits in Form der „/LQJXDG¶2F“ bis ins 13. Jahrhundert zurück, einer Bezeichnung, die in Anlehnung an den Bejahungslaut und als Pendant zur „Lingua d’Oil“ entstanden war, dennoch brauchte es aber noch geraume Zeit, bis sie sich etabliert hatte. Den endgültigen Durchbruch erlangte der Terminus „2N]LWDQLVFK“ erst durch die Verwendung der Felibres im Languedoc 2 , von wo aus er immer weiteren Zuspruch fand und sich schließlich nicht nur in Sprach- und Literaturwissenschaft, sondern auch in Geschichte, Soziologie, Geographie usw. durchsetzte.
1.2 Das Gebiet des Okzitanischen 3
Das Sprachgebiet des Okzitanischen umfasst heute vor allem das VGOLFKH'ULWWHOGHVIUDQ]|VLVFKHQ 6WDDWVJHELHWHV (davon ausgenommen die
fer, die von den aus Glaubensgründen aus ihrer Heimat am Ostalpenhang vertriebenen Waldensern 4 im 18. Jht. gegründet worden sind.
1 vgl.: Georg Kremnitz „ Das Okzitanische. Sprachgeschichte und Soziologie“ , Romanistische Arbeitshefte, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1981, S 15f. )HOLEUHV Kreis, der um den Dichter F. Mistral im 19. Jht. im Zuge der sprachl. und literar. Renaissance des
2
Okzitanischen entstanden ist.
3 vgl.: Kremnitz 1981, S 8ff.; Karte: S 12
:DOGHQVHUEine 1173 in Waldes innerhalb der kath. Kirche S-Frankr. gegründete und nach dem Vorbild Jesu
4
in Armut lebende Laienbruderschaft, die wegen ihrer Praxis der Laienpredigt 1184 exkommuniziert wurde. Stete
3
Proseminararbeit Roswitha Geyss
Alles in allem stellt das okzitanische Sprachgebiet zwar mit 200.000 km 2 einen der größeren Sprach-
räume in Europa dar, es handelt sich aber gleichzeitig auch um ein ILNWLYHV 6SUDFKJHELHW, da heute im gesamten Raum auch Französisch als dominierende Sprache gesprochen wird.
1.3 Die interne Gliederung des Okzitanischen 5
Das Okzitanische gliedert sich heute intern in GUHLJURH'LDOHNWJUXSSHQ:
Als *UHQ]H]ZLVFKHQGHP6GRN]LWDQLVFKHQ*DVNRJQLVFKHQXQGGHP1RUGRN]LWDQLVFKHQ wird im Allgemeinen die Südgrenze der Palatalisation der lateinischen Konsonanten /k/ und /g/ vor /a/ angenommen. Siehe hierzu folgendes Beispiel: 6
/DWHLQLVFK 6GRN]LWDQLVFK 1RUGRN]LWDQLVFK
An der *UHQ]HGHV1RUGRN]LWDQLVFKHQ]XP)UDQ]|VLVFKHQ finden sich neben den bereits erwähnten Dialekten noch zahlreiche Übergangsmundarten. Die Gegend wird aufgrund ihrer sichelförmigen Form auf der Karte auch als „ &URLVVDQW“ bezeichnet (vgl. hierzu auch die Karte auf der Vorseite). Das *DVNRJQLVFKH nimmt in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung im Okzitanischen ein 7 . Dies ist wahrscheinlich auf die besondere historische Entwicklung der Sprache bzw. auf das aquitanische Substrat zurückzuführen. Diese Unterschiede sind:
♦ Lateinisches F wird zu /h/, das gesprochen wird (mit Ausnahme vor Konsonanten)
/DWHLQLVFK 6GQRUGRN *DVNRJQLVFK
Verfolgung, v.a. durch die Inquisition; Nach der Vertreibung aus Savoyen wurden die Waldenser in SW-Deutschland aufgenommen.
5 vgl.: Kremnitz 1981, S 10ff.
6 vgl.: Kremnitz 1981, S 10
7 vgl.: Baldinger 1958
4
Proseminararbeit Roswitha Geyss
♦ Intervokalisches lateinisches - N - fällt weg
/DWHLQLVFK 6GQRUGRN *DVNRJQLVFK
1.4 Kurzer historischer Überblick 8
1.4.1 Die Vorgeschichte
Die Geschichte des Okzitanischen beginnt wie die Geschichten der anderen romanischen Sprachen mit der $EO|VXQJYRP9XOJlUODWHLQ. Dennoch nimmt man heute an, dass dieses späte Latein bereits besondere Formen aufgewiesen haben muss. Diese Besonderheiten ergeben sich ... GXUFKGLHVSH]LHOOHQYRUODWHLQLVFKHQ6XEVWUDWH Neben dem keltischen Substrat finden sich ligurische Einflüsse im provenzalischen Küstengebiet, iberische im languedokischen und aquitanische (protobaskische) im pyrenäischen und atlantischen Raum. Dazu kommen noch die griechischen Ansiedlungen entlang der Mittelmeerküste (z.B. Nizza - Nikaia, Antibes - Antipolis, Marseille - Massilia)
GXUFK GLH VSH]LIL
Franken im Norden errichten im Süden die Westgoten ihr Reich, das jedoch schon nach einem Jahr-hundert wieder zerfällt. Auch das Interesse der Franken für den Süden ist gering, weshalb die germanischen Einflüsse im Süden viel weniger bedeutend sind als im Norden. GXUFKGLHVWDUNHQDUDELVFKHQ(LQIOVVH Der arabische Vormarsch wird zwar 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers gestoppt, dennoch ziehen sich die letzten Araber erst im 10. Jht. aus der Provence zurück - Zeit genug, um eine beträchtliche Anzahl an Arabismen in der Lexik zu hinterlassen.
1.4.2 Die Blütezeit
Innerhalb der Literatur erscheinen die HUVWHQ7H[WHGHV$OWRN]LWDQLVFKHQ bereits um das -DKU und schon -DKUH später beginnt die %OWH]HLW der DOWRN]LWDQLVFKHQ /LWHUDWXU, in der vor allem die 7UREDGRUH einen wichtigen Stellenwert einnehmen. 9 Die Sprache ist damals sehr einheitlich; man glaubt daher, dass sich rasch eine vor allem an den Höfen zirkulierende Sprache entwickelt hat, die von allen literarisch Tätigen übernommen worden ist. Die Einheitlichkeit ist auch notwendig, um eine weiträumige Kommunikation zu gewährleisten.
8 vgl.: Kremnitz 1981, S 20ff.
7UREDGRU Minnesänger; vgl. nordfrz. Trouvère; der erste Trobador, Guilhem, Graf von Poitiers und Herzog
9
von Aquitanien, lebte 1071-1127;
5
Proseminararbeit Roswitha Geyss
Auch in der 9HUZDOWXQJ ist das Okzitanische von großer Bedeutung. Die erste vollständig erhaltene Urkunde stammt aus dem -DKU . In diesem Bereich hat das Okzitanische sogar lange Zeit eine wichtigere Rolle inne als das Französische. Wie bereits in der Literatur, setzt wieder eine gewisse sprachliche Vereinheitlichung ein, und zwar in dem Maße, als die administrativen Texte zunehmen. Das Ende dieser Blütezeit beginnt mit der Vernichtung der Albigenser 10 , was die =HUVW|UXQJ des größten Staates auf okzitanischem Gebiet, nämlich der *UDIVFKDIW 7RXORXVH, mit sich bringt. Daher kann einerseits die französische Krone im Süden Fuß fassen, andererseits verschwindet durch die Vernichtung der Schlösser auch die Welt der Trobadore, weshalb diese v.a. nach Oberitalien auswandern. Dennoch bleibt das 2N]LWDQLVFKH zunächst noch die ZLFKWLJVWH 9HUZDOWXQJVVSUDFKH, doch steht es hier in einer 'LJORVVLH zum /DWHLQLVFKHQ und schließlich auch zum )UDQ]|VLVFKHQ.
1.4.3 Zunehmende Durchsetzung des Französischen im schriftlichen Bereich
Die Durchsetzung des Französischen beginnt allmählich, mit dem langsamen Erscheinen von französi-schen Urkunden. Erst die )HVWLJXQJGHU.|QLJVPDFKWQDFK(QGHGHVMlKULJHQ.ULHJHV (1453) gegen England führt zu einer immer UDVFKHUHQ $EO|VXQJ des /DWHLQLVFKHQ als Verwaltungssprache und gleichzeitig zu einer systematischen )|UGHUXQJ des )UDQ]|VLVFKHQ. Zu diesem Zweck richtet man neue Parlamente im Süden ein (= oberste Gerichtshöfe von Toulouse, Bordeaux und Aix). Ab 1490 gibt es einige königliche Erlässe, die für die juristischen Texte den Gebrauch von Französisch
RGHU Okzitanisch vorsehen. Damit will man das Latein aus dem Verwaltungsbereich verdrängen. Den-
noch ist anzunehmen, dass die Zahl derjenigen, die damals französisch sprechen konnten, verschwindend gering gewesen sein muss.
1.4.4 Endgültige Durchsetzung des Französischen im Schriftverkehr und wachsende Bedeutung im mündlichen Gebrauch 'DV6SUDFKHGLNWYRQ9LOOHUV&RWWHUHWV
Durch das 9HUERWGHV2N]LWDQLVFKHQ im oben angeführten Sprachedikt verschwindet es vollständig als Schriftsprache aus der 9HUZDOWXQJ. Dennoch bleibt es nach wie vor die JHVSURFKHQH 6SUDFKH. Gleichzeitig muss man hierbei festhalten, dass ca. 50 Jahre nach dem Erlass dieses Sprachedikts Schriftsteller beginnen, sich immer mehr und mehr bei okzitanischen Texten an die IUDQ]|VLVFKH 2U WRJUDSKLHDQ]XOHKQHQ. So hat das Französische nun endgültig das Latein als Referenzgröße für die Schriftsprache abgelöst. Das Okzitanische, das bisher gegenüber dem Latein eine bevorzugte Position innegehabt hat, gerät nun immer mehr in eine Defensivstellung. Als Antwort darauf entwickelt sich im -KWGLHHUVWHOLWHUDULVFKH5HQDLVVDQFH, die vor allem unter Juristen und Geistlichen ihre Anhänger findet. Schriftsteller, vor allem in der Provence und der Gaskogne, besinnen sich wieder auf ihre sprachlichen Wurzeln.
Die Situation scheint sich vorübergehend zu entschärfen, als +HLQULFK,9, ein okzitanischer Muttersprachler, an die Macht kommt. Er versucht, Kompromisse zwischen den vorhandenen Mächten zu schließen, doch die Schaffung eines offiziell mehrsprachigen Königreichs wird durch seine Ermordung hinfällig.
$OELJHQVHU vertraten radikale dualist. Anschauungen (es gebe einen guten und einen bösen Gott) und strenge
10
asket. Forderungen; in den $OELJHQVHUNULHJHQ (1209-1229) ausgerottet.
6
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Roswitha Geyss, 2002, Das Okzitanische, München, GRIN Verlag GmbH
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