2
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Einwanderung von Auswanderern der deutschen Länder nach Südbrasilien im 19. Jahrhundert. Die damaligen Verhältnisse - geprägt von den umfassenden Veränderungen im Zusammenhang des Wandels der Feudalgesellschaft zur kapitalistischen Gesellschaft - machten Deutschland zu einem Auswanderungsland. Zwar zog es den Hauptteil der über 6 Millionen Emigranten nach Nordamerika, doch gelangte auch eine ansehnliche Zahl von Menschen, die sich dauerhaft niederließen, nach Brasilien. Besonders in der Südregion des Landes, welche die Provinzen Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul einschließt, ist das Erbe der deutschen Einwanderer noch deutlich zu spüren. Eine der deutschen Kolonien, die im 19 Jahrhundert entstanden, ist die nach ihrem Gründer benannte Stadt Blumenau in Santa Catarina. Sie dient dieser Arbeit als Fallbeispiel. Es wird dargestellt, aus welchem Geschichtlichen Zusammenhang heraus Kolonien entstanden und wer sie gegründet und verwaltet hat. Im letzten Teil der Hausarbeit wird auf die Dr. Hermann Blumenau selbst eingegangen, um dessen Person und Werk noch zu seinen Lebzeiten ein regelrechter Mythos entstanden ist. Auch die Entstehung und Entwicklung der Kolonie wird in diesem Teil detailliert beschrieben.
Der Quellentext, welcher der Hausarbeit zugrunde liegt, stammt aus einer Werbeschrift Hermann Blumenaus seine Kolonie betreffend. Es handelt sich um die Einleitung der Schrift „Die deutsche Kolonie Blumenau in der südbrasilianischen Provinz Sta. Catharina“, aufgelegt vom G. Froebel Verlag in Rudolstadt im Jahre 1851. Der Autor beschreibt darin das Land, das er für seine zukünftige Kolonie erworben sowie seine damit verbundenen Pläne.
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2. Historischer Kontext der deutschen Einwanderung nach Südbrasilien
2.1 Gründe der Emigration aus Deutschland Die Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts, die Europa - und hier besonders Deutschland - erfasste, lässt sich auf eine Reihe von Push-und Pull-Faktoren zurückführen. An erster Stelle unter den Push-Faktoren seien die ökonomischen Missstände genannt, mit denen der Großteil der Zeitgenossen konfrontiert war. Kriege, Bevölkerungsexplosion 1 , Missernten und somit Teuerungen und Hungersnöte, wie die von 1816 bis 1817 und von 1845 bis 1847, machten die sozialen Verhältnisse unerträglich und führten zu Auswanderungswellen, in deren Folge zwischen 1820 und 1919 rund 5,35 Millionen Deutsche emigrierten (davon 119.300 nach Brasilien). 2 Doch waren es nicht nur diese existenzbedrohenden Umstände, die viele Menschen zur Auswanderung bewegten, sondern auch einfach die Möglichkeit, sich im Ausland besser entfalten zu können. „Daheim fand der jüngere Bauernsohn kein freies Gut; der Handwerker, der Kaufmann wurde durch Wettbewerb beengt, der Fabrikarbeiter sah keine Möglichkeit, aufzusteigen; der Apotheker musste mit dem Ende seiner Laufbahn als abhängiger Provisor rechnen; der Botaniker wie der Zoologe bewegte sich in einer fast restlos erforschten Welt.“ 3 Zu diesen ökonomisch geprägten Beweggründen kamen ideologische Auswanderungsmotive hinzu. Um politischen und rassischen Benachteiligungen zu entkommen, vor allem aber auch auf Grund von Einschränkungen der Religionsfreiheit entschlossen sich Auswanderungswillige, ihre Heimat zu verlassen und sich eine freiere Gesellschaft zu suchen. 4
1 Zwischen 1800 und 1860 stieg die Einwohnerzahl der deutschen Länder um 60% auf über 52 Millionen.
Vgl. dazu Thomas Nipperdey: „Deutsche Geschichte: 1800-1866“, 1985. S.145. In: Débora Bendocchi
Alves: „Das Brasilienbild der deutschen Auswanderungswerbung im 19. Jahrhundert“.
Wissenschaftlicher Verlag Berlin, Berlin, 2000. S.21.
2 Vgl. Peter Marschalck: „Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert“. In: Ebd., S.24.
3 Carlos Fouquet: „Der deutsche Einwanderer und seine Nachkommen in Brasilien 1808- 1824 - 1974“...
S. 67.
4 Vgl. Klaus C. Dorneich: „Einwanderung in Brasilien unter besonderer Berücksichtigung für die
Landwirtschaft zwischen 1930 und 1960“. Inaugural-Dissertation, Freiburg, 1960. S. 45.
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Zu diesen genannten Push-Kräften sind noch einige Pull-Faktoren aufzuführen, die mit der Thematik in Verbindung stehen. Karl Fouquet nennt hier „die Kunst der zahlreichen Agenten“, die berufsmäßigen Werber. „Vornehmlich die Werber entfachten und unterhielten das Auswanderungsfieber, das sich zeitweise wie eine Seuche über weite Landstriche verbreitete und Arme wie Besitzende erfasste und denen gegenüber die Warnungen der Behörden und der Geistlichkeit versagten.“ 5 Hinzu kommen Auswandererbriefe, Werbungen der Schifffahrtsgesellschaften, die Öffentlichkeitsarbeit der Auswanderervereine und die selbstverfassten Schriften einiger Kolonisatoren 6 . Klaus C. Dorneich nennt auch die schwache Besiedlungsstruktur des brasilianischen Agrarlandes sowie die Auswirkungen der Abolition auf das Plantagensystem als Pull-Faktoren, doch soll hierauf in Punkt 2.2 näher eingegangen werden. 7 2.2 Die brasilianische Einwanderungspolitik Um vor den herannahenden napoleonischen Truppen zu flüchten, begab sich der portugiesische König Johann (Dom João) VI. am 29. November 1807 nach Rio de Janeiro. Am 16. Dezember 1815 fasste er die portugiesischen Besitzungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent zum Königreich Brasilien zusammen. Sein Sohn, Dom Pedro I., erklärte 1822, ein Jahr nach der Rückkehr seines Vaters nach Portugal, die Unabhängigkeit Brasiliens vom Mutterland, Portugal, gegen den Willen des liberalen Parlaments in Lissabon und rief sich zum brasilianischen Kaiser aus. 8
Für Dom Pedro war es in erster Linie wichtig, Brasilien wirtschaftlich unabhängig zu machen, d.h. sich von dem typischen exportorientierten Anbau, in diesem Fall Zucker und Baumwolle, fortzubewegen und im
5 Carlos Fouquet: „Der deutsche Einwanderer und seine Nachkommen in Brasilien 1808- 1824 -1974“ ...
S. 69.
6 U.a. „Südbrasilien in seinen Beziehungen zur deutschen Auswanderung und Kolonisation“ und
„Leitende Anweisungen für Auswanderer nach der Provinz Santa Catarina in Südbrasilien“ von Hermann
Blumenau .
7 Vgl. Klaus C. Dorneich: a.a.O., S.51.
8 Walther L. Bernecker u.a. (Hrsg.): „Handbuch der Geschichte Lateinamerikas“. Verlag Klett-Cotta,
Stuttgart, 1992. S. 133 ff.
5
Gegenzug die Lebensmittelversorgung der Städte zu sichern. 9 Die soziale Struktur in Brasilien unterteilte sich in eine weiße Oberschicht und in eine schwarze Unterschicht, bestehend aus Sklaven und abhängigen Dienstleuten. Da sowohl Brasilien wie auch Portugal wirtschaftlich von England abhängig waren und die englische Krone immer vehementer auf die Abschaffung der Sklaverei drängte, ergab sich für den brasilianischen Kaiser Dom Pedro I. die Notwendigkeit, eine Alternative zur Sklaverei zu finden. Jedoch darf hier nicht übersehen werden, dass die englische Krone dies nicht aufgrund humanistischer Überlegungen tat; in den englischen Kolonien war die Sklaverei bereits abgeschafft, und so befürchtete man Wettbewerbsnachteile, sollte die Sklaverei in Brasilien beibehalten werden. Die reaktionäre brasilianische Pflanzeraristokratie verstand es dabei, aus der „Einwandererfrage eine Arbeiterfrage“ 10 zu machen. Indem man Sklaven durch zuverlässigere europäische Arbeiter ersetzte, wollten die Pflanzer ihre Klassenherrschaft erhalten bzw. sichern. 11
Ein weiteres Problem, das sich stellte, war die militärisch ungesicherte Grenze und die schwache Besiedelung des südlichen Grenzgebiets. Eine Lösung für diese Probleme sah man in der Schaffung kleinbäuerlicher Siedlungen, die mit Hilfe einer staatlich geförderten Einwanderung herbeigeführt werden sollten, wobei der Aspekt der wirtschaftlichen Entfaltung des Landes immer im Vordergrund stand. 12 Die Einwanderung war nur durch staatliche Förderung möglich. Nur sie erlaubte es, die Zweifel potentieller Einwanderer zu zerstreuen, die neben den Kosten der Überfahrt nach Brasilien, die im Vergleich zur Überfahrt in die USA teuer war, das fremde Klima scheuten, und welche die politische Lage und damit die Sicherheit in Brasilien in Frage stellten. 13
9 Vgl. Karl Heinrich Oberacker jr.: ,,Die Deutschen in Brasilien." In: Hartmut Fröschle: Die Deutschen in
Lateinamerika. Horst Erdmann Verlag, Tübingen/Basel, 1979. S.185.
10 Karl Heinrich Oberacker jr.: ,,Der deutsche Beitrag zum Aufbau der brasilianischen Nation“. Herder
Editoria Livraria Ltda., São Paulo, 1955. S.238.
11 Ebd., S.238.
12 Vgl. Karl Heinrich Oberacker jr.: ,,Die Deutschen in Brasilien." In: Hartmut Fröschle: a.a.O., S.185.
13 Brunn: „Die deutsche Auswanderung und Kolonisation im Brasilianischen Kaiserreich (1818-1859).“
In: Jahrbuch GSGW Lateinamerika 9/1972. S, 289 f.
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3. Die Koloniearten
Die Unternehmer der Kolonien lassen sich in zwei Gruppen aufteilen. Auf der einen Seite stehen hier die Kolonien der kaiserlichen Zentralregierung und der Municípios (Provinzen), auf der anderen Seite diejenigen von privaten Gesellschaften oder Privatleuten. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die Kolonisation in Brasilien immer ein organisiertes Unternehmen war, im Gegensatz zu Nordamerika, wo spontane Kolonisation eine wichtige Rolle in der Besiedlung des Landes spielte. Dies deutet auf Probleme hin, welche die Kolonisation erschwerten, beispielsweise der Tatsache, dass große Teile des Landes schon lange in Privatbesitz waren. Auch sind die rechtliche Unsicherheit der Siedler zu nennen, sowie die schwache Infrastruktur der Verkehrswege, die u.a. den Absatz der hergestellten Produkte erschwerte. 14
3.1 Kaiserliche und Provinzkolonien
Koloniegründungen durch die kaiserliche Zentralregierung, z.B. diejenige von São Leopoldo oder Novo Hamburgo spielten in der ersten kaiserlichen Kolonisationsphase (1824 bis 1847) die größte Rolle. Von 1848 bis 1874, der zweiten Kolonisationsphase 15 , kam den Provinzen größere Bedeutung zu, denen durch die Lei do Orçamento (15. Dezember 1830) sowie den Acto Adicional von 1834 im Rahmen des allgemeinen Dezentralisierungsprozesses während der Phase der Regentschaft von 1831 bis 1840 mehr Bedeutung in der Siedlungspolitik zugekommen ist. 16 Für die Besiedlung der Kolonien brauchte die Regierung Einwanderer, und um diese zu gewinnen, wurden Verträge mit privaten Firmen und Werbern geschlossen, die gegen Bezahlung seitens der Regierung Siedler ins Land brachte. Der Zustrom der
14 Vgl. Leo Waibel: „Die europäische Kolonisation Südbrasiliens“. Ferd. Dümmers Verlag, Bonn, 1955.
S. 42.
15 Diese Phaseneinteilung wurde von dem französischen Historiker Jean Roche vorgenommen. Er
unterteilt die Einwanderung in zwei Phasen, nämlich 1. von 1818 bis 1889 (Ende des Kaiserreichs) und 2.
von 1890 bis 1914, wobei sich die erste Phase noch mal in drei Abschnitte untergliedern lässt. Es
existieren jedoch auch andere Phaseneinteilungen, etwa die von Klaus C. Dorneich, der die
Einwanderung nach Brasilien in die Perioden 1820 bis 1873 (Beginn der europäischen
Massenauswanderung) und von 1874 bis zur Gegenwart gliedert.
16 Vgl. Débora Bendocchi Alves: a.a.O., S.54 f.
7
Einwanderer kam zwischenzeitlich, durch verschiedene Faktoren bedingt, jedoch immer wieder ins stocken. Der Bürgerkrieg in Rio Grande do Sul von 1835 bis 1845 etwa durchkreuzte jegliche Kolonisationspläne für die Region und der Krieg gegen Paraguay 1864 schreckte viele potentielle Einwanderer ab. Auch das „von Heydt’sche Reskript“ aus dem Jahre 1859, das in die Zeit der allgemeinen Stimmungsmache gegen die Auswanderung nach Brasilien entstand, behinderte die Besiedlung. Aufgrund der schlechten Behandlung von deutschen Kolonisten in São Paulo wurde in Preußen die Werbung für die Auswanderung nach Brasilien verboten, was den Auswanderungswillen in den deutschen Ländern stark einschränkte. 17 Erst 1896 wurde der Erlass für die drei südlichen Staaten aufgehoben, für Rest-Brasilien ist er überhaupt nicht zurückgenommen worden. 18
3.2 Privatkolonien und Gesellschaftskolonien
Trotz der großen Zahl der Auswanderungsinteressierten in den deutschen Ländern brachten die deutschen Regierungen keine Lösung der Auswandererfrage zustande. Selbst das für 1853 geplante nationale Auswanderungsgesetz entpuppte sich letztlich als „polizeiliche Verordnung für den Auswanderertransport“. 19 In der Folge der Unfähigkeit der Regierungen, eine vernünftige Politik für die Emigranten zu gestalten, bildete sich eine Vielzahl von Vereinen, die sich ihrer Sache annahmen. Unter ihnen befanden sich philanthropische Vereine, welche den Kolonisten halfen und sie informierten, als auch Vereine, die vornehmlich kaufmännische Interessen verfolgten. So entstanden in der Zeit von 1833 bis 1850 30 Auswanderer- und Kolonisationsvereine. 20 Als geglücktes Beispiel einer Koloniegründung durch einen Verein soll hier die Siedlung Joinville des Hamburger
17 In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine heftige Diskussion um das Für und Wider der
deutschen Auswanderung nach Brasilien, die hauptsächlich in Pamphleten, Büchern und Zeitungen
ausgetragen wurde. Die Hauptkritikpunkte derjenigen, welche die Emigration ablehnten (J.J. Sturz u.a.,
ein früherer Freund Blumenaus), bezogen sich meist auf das parceria-System und die Benachteiligungen
protestantischer gegenüber katholischen Einwanderern. Vgl. Frederick Luebcke: „Germans in Brazil“.
Lousiana State University Press, Lousiana, 1987. S. 11.
18 Vgl. Leo Waibel: a.a.O., S. 42 f.
19 Fritz Sudhaus: „Deutschland und die Auswanderung nach Brasilien im 19. Jahrhundert“. Hans
Christians Verlag, Hamburg, 1940. S.67.
20 Vgl. Débora Bendocchi Alves: a.a.O., S.59.
8
Kolonisationsvereins von 1849 erwähnt werden, die eine Verbindung von Auswanderung und profitorientiertem Überseehandel darstellt. Von dem Kaufmann Christian Mattias Schröder und anderen Geschäftsleuten gegründet, zählte die Kolonie 1856, nur fünf Jahre nach ihrer Gründung, 1428 Einwohner, im Jahre 1880 waren es bereits 18.000. Nicht ein Kolonisationsverein, sondern der Privatmann Hermann Blumenau ist es, auf den und dessen nach ihm benannte Kolonie im Folgenden näher eingegangen wird. Seine Siedlung, der er wie ein Vater vorstand, gilt als das gelungenste Kolonisationsprojekt Brasiliens.
4. Die Kolonie Blumenau als Beispiel einer Privatkolonie
4.1 Vita des Dr. Hermann Blumenau
Hermann Bruno Otto Blumenau, der spätere Gründer der Kolonie Blumenau im Itajaí-Tal der brasilianischen Provinz Santa Catarina, wurde am 26. Dezember 1819 in Hasselfelde im Harz geboren. Er war das siebente Kind seiner Eltern, dem Oberforstmeister Karl Friedrich Blumenau und seiner Frau Cristiane Sophie geb. Kegel. Von seinem 6. bis zu seinem 10. Lebensjahr besuchte er die Elementarschule seiner Heimatstadt, die er 1829 verlässt, um sich in einem Pensionat in Klein-Winnigstedt auf das Gymnasium vorzubereiten. Aus einer Erkrankung im Alter von 12 Jahren blieb ihm eine Schwerhörigkeit zurück, die ihn sein Leben lang begleitete. 1832 tritt er in das Gymnasium in Braunschweig ein, welches er 1836 vorzeitig auf Wunsch seines Vaters verlassen muss, um in Blankenburg eine Lehre als Apotheker zu beginnen, die er 1840 beendet 21 .
Nach jeweils einjährigem Aufenthalt in seiner Heimatstadt und in Bad Salzuflen beginnt Blumenau 1841 eine Anstellung in einer chemischen Fabrik in Erfurt. Auf einer Dienstreise im Jahre 1844 nach London lernt er den brasilianischen Generalkonsul für Preußen Johann Sturz kennen. Die Erzählungen von Sturz sowie die des Weltreisenden und Gelehrten
21 José Ferreira da Silva: „Doktor Blumenau“. Tipografia e Livraria Blumenauense S.A., Blumenau,
1973: S. 17 f.
9
Alexander von Humboldt lassen erstmals die Idee Blumenaus entstehen, nach Brasilien auszuwandern. Nach seiner Rückkehr aus London immatrikuliert er an der Universität Erlangen. Am 23. März 1846 wird ihm der Doktortitel verliehen, und schon eine Woche später, am 30. März 1846 besteigt er das Segelschiff „Johannes“, mit dem er im Auftrag der Gesellschaft zum Schutze deutscher Auswanderer seine erste Brasilienreise antritt. 22 23 Blumenau blieb bis 1848 in Brasilien, wo er das Land erkundete und schließlich das Itajaí-Tal in Santa Catarina auswählte, um sich von der brasilianischen Regierung 155 preußische Morgen (220 km²) Urwaldboden zur Besiedlung geben zu lassen, wie er in dem Quellentext dieser Arbeit angibt. Zurück in Deutschland, veröffentlichte er seine Schrift Südbrasilien in seinen Beziehungen zur deutschen Auswanderung und Kolonisation, knüpfte Kontakte und rekrutierte Kolonisten für sein Vorhaben. 1850 kehrte er zurück nach Brasilien. Am 2. September des selben Jahres erreichten die ersten 16, von Blumenau selbst angeworben Einwanderer das Projekt. 24 Dieser Tag gilt seit 1899 als Gründungstag der Kolonie Blumenau. 25
4.2 Ursprung und Entwicklung der Kolonie Blumenau
Die ersten Deutschen, die am 2. September 1850 nach Blumenau kamen, waren keine Siedler im eigentlichen Sinne, sondern Arbeiter, denn Hermann Blumenau hatte ursprünglich nicht eine Koloniegründung, sondern an den Aufbau eines landwirtschaftlichen Großbetriebs gedacht. Nach einer ganzen Reihe von persönlichen wie wirtschaftlichen Rückschlägen 26 entschloss er sich, bei der Ankunft der ersten größeren
22 Ebd.: S. 20 ff.
23 Karl Fouquet: „Dr. Hermann Blumenau“. Federação dos Centros Culturais 25 de Julho, São Leopoldo,
1979: S. 16 ff.
24 Vgl. Ernst August Roloff: „Hermann Blumenau - Ein deutscher Koloniegründer“. Verlag A. Fromm,
Osnabrück,. S. 24 ff.
25 Blumenau selbst betrachtete den 28. August 1852 als Gründungstag seiner Kolonie. An diesem Tag
wurden die ersten zehn Landlose per Auktion an Siedler verkauft. Vgl. ebd. S. 32 f.
26 Das „landwirtschaftliche Etablissement, verbunden mit Sägemühle und Zuckerfabrication“, wie er es
im Quellentext nennt, findet er bei seiner Rückkehr nach Brasilien trostlos und teils zerstört vor. Hinzu
kommen u.a. der Tod seiner Eltern und der Verlust seiner wirtschaftlichen Grundlagen durch das
englische Militär. Vgl. Karl Fouquet: „Dr. Hermann Blumenau“... S. 38 ff.
10
Siedlergruppe 1852, zur bäuerlichen Kleinkolonisation überzugehen. 27 Am 28. August 1852 wurden 10 Landlose von durchschnittlich 181 Morgen Land an die neuen Siedler verkauft, wenige Tage zuvor waren bereits zwei Grundstücke an die Brüder Müller abgegeben worden. Am Ende des Jahres 1852 bewohnten somit 104 Personen die Kolonie. Blumenaus Plänen vom 16. März 1848 zufolge hätten es zu diesem Zeitpunkt bereits 1500 sein sollen, deutlich mehr also, als es tatsächlich der Fall war. 28
Die Folgenden acht Jahre, die Blumenau als Privatkolonie bestand, waren geprägt von langsamen Wachstum, hohen Abwanderungsquoten und herben Rückschlägen. 1855 etwa, nach einem mehrtägigen Unwetter, stieg der Itajaí um 14 Meter an, riss, die Uferböschungen fort und vernichtete fast die gesamten Mais-, Bohnen- und Zuckerrohrpflanzungen. Auch der Privatbesitz Hermann Blumenaus wurde zum großen Teil zerstört. „Ich bin im allgemeinen nicht weich, konnte aber nicht verhindern, dass ich wie ein Kind weinte, als ich bei meiner Ankunft überall das Bild der Zerstörung sah.“ 29 , berichtete er. Ähnlich wie die Unwetter, beeinträchtigten auch die Überfälle der Buger, der indianischen Urbevölkerung, das Kolonieleben. 30 Mit den örtlichen Behörden scheint Blumenau des öfteren in Konflikt gestanden zu haben, namentlich mit dem Präsidenten der Provinz Santa Catarina, Dr. João José Coutinho. Bei ihm fand Blumenau kaum Unterstützung, ebenso wenig wie bei den einfacheren Beamten, die ihn Fouquet zufolge ungerecht behandelten. Blumenaus Arbeit wird in sämtlichen Quellen als aufopferungsvoll und gewissenhaft dargestellt, trotzdem jedoch
27 Z.T. finden sich in der Literatur widersprüchliche Angaben über die eigentlichen Pläne Blumenaus. Es
ist jedoch davon auszugehen, dass Beschreibungen wie die folgende das Werk Blumenaus nachträglich
beschönigen sollen. „Trotz dieser Schwierigkeiten hielt Dr. Blumenau im Jahre 1852 die Zeit für
gekommen, seine eigentliche Absicht, freie Siedler auf freiem Erb und Eigen auszusetzen,
durchzuführen.“ Ernst August Roloff, a.a.O., S. 33. Im Quellentext dieser Arbeit von 1851 spricht er
davon, „definitiv eine deutsche Kolonie“ gründen zu wollen.
28 Vgl. Karl Fouquet: „Dr. Hermann Blumenau“...., S.47.
29 Aus einem Brief Blumenaus. Ebd., S. 48.
30 Über die Übergriffe der Indianer auf Siedler wurde in Deutschland viel berichtet, selbstverständlich um
zu polarisieren. „Die Bugres sind mit Bogen, Pfeilen, Lanzen und Keulen bewaffnet, die sie sehr
geschickt herzustellen und zu gebrauchen wissen. Ihre Überfälle finden regelmäßig in der Mittagsstunde
gegen ein Uhr statt. Hierbei zeigen sie eine große Grausamkeit und verschonen nicht Weib noch Kind.
Doch sie sind ebenso feige wie grausam, namentlich haben sie vor Schießwaffen eine heillose Angst, ein
Flintenschuss genüg, die ganze Bande zu verjagen.“ Hermann Lenfer: „Deutsches Kolonistenleben im
Staate Santa Catarina in Süd-Brasilien“. H.D. Versiehl, Hamburg, 1902. S.27.
11
hatte er auch Probleme mit den Siedlern seiner eigenen Kolonie, die sich dazu berechtigt sahen, „ihn zu schikanieren und zu über-vorteilen.“ 31 „...sie sahen ihn vielfach als kleinlichen, verbitterten Menschen an; der „Prophet galt nichts im eigenen Lande.““ 32
4.3 Aufgabe Blumenaus als Privatkolonie
Die Einstellung der Siedler ihrem Koloniegründer gegenüber hat sicherlich mit den ständigen akuten Finanzproblemen zu tun, die er mit der Privatkolonie hatte. Ende der 50er kam Blumenau schließlich zu der Einsicht, dass das Unternehmen als Privatkolonie nicht überleben könnte, da sein Privatvermögen zu klein und die bereits gemachten Schulden zu groß waren. Er musste sein Projekt an die kaiserliche Regierung abtreten. Zu diesem Zeitpunkt (1860) zählte Blumenau 947 Einwohner. Der Koloniegründer hatte wirtschaftlich so gut wie keinen Gewinn an seiner Unternehmung gemacht (es blieb ihm nicht viel mehr als seine Einlagen), doch hatte er sich einen Traum erfüllt und mit der Abgabe der Kolonie an die Regierung den Fortbestand der Siedlung endgültig gesichert.
Hermann Blumenau wurde zum Direktor der Kolonie ernannt, und mit den nun freigeworden finanziellen Mitteln konnte er auf wesentlich größere Ziele hinwirtschaften. Schon 1870 bewohnten ca. 6000 Menschen Blumenau, 1880 waren es sogar 15.000. 33 Auch in der Zusammensetzung der Einwohnerschaft zeichnetet sich langsam ein Wandel ab: Aus der ehemals fast rein deutschen und protestantischen Kolonie kamen 1875 70% der Bewohner aus dem deutschen Sprachraum, 18% aus dem italienischen und 10% aus dem portugiesischen. 61% der Bewohner waren protestantischen, 39% waren römisch-katholischen Glaubens. 34 Das starke Wachstum der Kolonie machte die alte Kolonieordnung unhaltbar, in welcher der Koloniegründer zuweilen wie ein Diktator auftrat. So wurde am 4.
31 Karl Fouquet: „Dr. Hermann Blumenau“...., S. 52.
32 Ebd., S.51.
33 Für das Gelingengen des Siedlungsprojekts bekam Blumenau 1867 die große, goldene Medaille auf der
Weltausstellung in Paris verliehen. Vgl. Artur Koehler: „Dr. Hermann Blumenau“. In: Jahrbuch des
Volksbundes für das Deutschtum im Ausland. Berlin, 1937
34 Karl Fouquet: „Dr. Hermann Blumenau“...., S. 59.
12
Februar 1880 das Munizip Blumenau (unter Einschluss von Gaspar) geschaffen.
Am 15. August 1884 kehrte Hermann Blumenau nach Deutschland zurück, nachdem seine Frau, Bertha Louise geb. Repsold, die er 1867 geheiratet hatte, bereits vor zwei Jahren vorausgefahren war. Er starb am 30. Oktober 1899 in Braunschweig.
5. Schlussbetrachtung
Die Stadt Blumenau zählt heute ca. 250.000 Einwohner und gilt als wichtige Wirtschaftregion. Obwohl kaum noch deutsch gesprochen wird, hat sich das Kulturerbe der frühen Einwanderer erhalten. Fachwerkhäuser und Straßennamen zeugen von dem Ursprung der Stadt, und man veranstaltet alljährlich das größte Oktoberfest außerhalb Deutschlands, was die Lebendigkeit der Tradition verdeutlicht. Bedenkt man, wie schwierig der Anfang der Kolonie war, kann man von einem vollen Siedlungserfolg sprechen.
Zu bedenken ist jedoch, dass die Pflege des „Deutschtums“, von dem in der einschlägigen Literatur so oft die Rede ist, immer die Gefahr der Isolation von der übrigen Landesbevölkerung in sich birgt. Exemplarisch stehen hierfür einige Familien, die schon seit mehreren Generationen in Südbrasilien leben, und noch immer nicht das Portugiesische beherrschen. Inwieweit diese Isolation aber selbstverschuldet ist bzw. von anderen Faktoren abhängig ist, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. Als auffällig empfinde ich jedenfalls, wie sehr in den Originaltexten und Rezensionen über die deutsche Auswanderung das „völkische Element“ betont wird, was auf eindeutige Abgrenzung gegenüber allen anderen Bewohnern Brasiliens hindeutet. So finden sich auch in den Texten, die Blumenau selbst verfasst hat, kaum Beschreibungen der übrigen Landesbevölkerung.
13
6. Literaturangaben
Primärliteratur
Hermann Blumenau:„Die deutsche Kolonie Blumenau in der südbrasilianischen
Provinz Sta. Catharina“. G. Froebel Verlag, Rudolstadt, 1851.
Hermann Blumenau: „Leitende Anweisungen für Auswanderer nach der Provinz
Santa Catarina in Südbrasilien“. G. Froebel Verlag, Rudolstadt, 1851.
Hermann Lenfer: „Deutsches Kolonistenleben im Staate Santa Catharina in Süd-Brasilien“. H.D. Versiehl, Hamburg, 1902.
Sekundärliteratur
Débora Bendocchi Alves: „Das Brasilienbild der deutschen
Auswanderungswerbung im 19. Jahrhundert“. Wissenschaftlicher Verlag Berlin,
Berlin, 2000.
Walther L. Bernecker u.a. (Hrsg.): „Handbuch der Geschichte Lateinamerikas“.
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1992.
Brunn: „Die deutsche Auswanderung und Kolonisation im Brasilianischen
Kaiserreich (1818-1859).“ In: Jahrbuch GSGW Lateinamerika 9/1972.
Klaus C. Dorneich: „Einwanderung in Brasilien unter besonderer
Berücksichtigung für die Landwirtschaft zwischen 1930 und 1960“. Inaugural-
Dissertation, Freiburg, 1960.
José Ferreira da Silva: „Doktor Blumenau“. Tipografia e Livraria Blumenauense
S.A., Blumenau, 1973.
Karl (Carlos) Fouquet: „Der deutsche Einwanderer und seine Nachkommen in
Brasilien 1808- 1824 - 1974“. Instituto Hans Staden und Federação dos Centros
Culturais 25 de Julho, São Paulo, 1974.
Karl (Carlos) Fouquet: „Dr. Hermann Blumenau“. Federação dos Centros
Culturais 25 de Julho, São Leopoldo, 1979.
Hartmut Fröschle: „Die Deutschen in Lateinamerika“. Horst Erdmann Verlag,
Tübingen/Basel, 1979.
Frederick Luebcke: „Germans in Brazil“. Lousiana State University Press,
Lousiana, 1987.
Karl Heinrich Oberacker jr.: ,,Der deutsche Beitrag zum Aufbau der
brasilianischen Nation“. Herder Editoria Livraria Ltda., São Paulo, 1955.
14
Vgl. Ernst August Roloff: „Hermann Blumenau - Ein deutscher Koloniegründer“.
Verlag A. Fromm, Osnabrück.
Fritz Sudhaus: „Deutschland und die Auswanderung nach Brasilien im 19.
Jahrhundert“. Hans Christians Verlag, Hamburg, 1940.
Leo Waibel: „Die europäische Kolonisation Südbrasiliens“. Ferd. Dümmers
Verlag, Bonn, 1955.
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Rafael Teck, 2001, Deutsche Einwanderung nach Südbrasilien am Beispiel der Privatkolonie Blumenau, München, GRIN Verlag GmbH
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