Die Novelle und der Roman sind deutlich aneinander gerückt, sie sind Parallelgeschichten “im Gegensatz”, oder die Novelle ist das “Spiegelbild” des Romans. Die Spiegelung als literarische Methode wiederholt, verändert und reflektiert das Geschehen. Zusätzlich zeigt sie auch andere Möglichkeiten auf. Jedoch kann nicht von einer vollständigen Entsprechung 4 ausgegangen werden.
Wiederholt wird das Thema. In beiden Handlungen steht einer konventionellen Verbindung die Leidenschaft, als Wirkung einer Naturgewalt im Menschen, gegenüber. In der Novelle beruht eben das Verhältnis der Nachbarskinder auf einer Naturnotwendigkeit. So heißt es, dem Jungen ist das Mädchen als Widersacherin durch die Natur “zugedacht” (435,27f.) und ihr ist die Neigung für ihn “angeboren” (437,19). Es beruht also nicht auf einer freien Entscheidung, einer freien “Wahl”. Hier wird das Grundgesetz des Magnetismus beschrieben. Die beiden Kinder stoßen sich ab, da sie einander zu gleich sind, wie zwei gleiche Pole sich abstoßen. Wenn sie erwachsen sind und das Mädchen zur Frau gereift ist, ziehen sie sich an, wie zwei verschieden gepolte Magneten sich anziehen. Dem Roman liegt hingegen ein chemisches Gesetz zugrunde, daß aber auch eben diese Notwendigkeit beschreibt. Heißt es im Roman doch, daß Eduard und Ottilie eine “fast magische Anziehungskraft nach wie vor gegen einander ausübten” (478, 8f.). In der Novelle wird sowohl die Furchtbarkeit des Elementaren gezeigt, treibt doch die magnetische Anziehungskraft die Frau in den Tod, als auch deren Überwindung, wenn der Mann mit ihr umzugehen weiß, und die Leidenschaft in die gesellschaftliche Ordnung überführt. Der Unterschied zum Roman i st genau dieser: die Möglichkeit dieser Überführung der Leidenschaft in die Ehe ist hier nicht gegeben, und die 5
Überwindung des Elementaren muß durch Entsagung bewältigt werden.
Die Figurenkonstellation stimmt auch nahezu überein. In der Novelle ist es die junge Frau, die zwischen zwei Männern steht, in dem Roman ist es Eduard, der zwischen seiner Ehefrau Charlotte und Ottilie steht. Durch die Bedeutung der Rolle des Hauptmanns in beiden Erzählungen, wird die Novelle zur Vorgeschichte des Romans, welche ihre ungute 6 Nachgeschichte ist.
Weiterhin spielt eine Reihe von Motiven in beiden Fällen eine entscheidene Rolle.
4 Jürgen Jacobs: Glück und Entsagung. Zur Bedeutung der Novelle von den >Wunderlichen
Nachbarskindern< in Goethes >Wahlverwandtschaften<, S. 161, 164; Georg Guntermann:
“Wiederholte Spiegelungen” in Goethes “Wahlverwandtschaften”, S. 78
5 E. Voerster, S. 321, 325 6 G. Guntermann, S. 79, 83
Trotzdem ist die Novelle anders als der Roman. Vor allem durch den veränderten Ausgang. In der Novelle wendet sich das Unglück schlagartig zum Guten, in dem Roman entwickelt sich das Unglück langsam. Dieser Kontrast des plötzlichen Umschwungs und der Länge der Entwicklung, dient der Verdeutlichung, daß eine Neuerung der Lebensverhältnisse, wie sie in der Novelle stattfindet, im Roman nicht möglich ist, da die Naturgewalten hier unter anderen Voraussetzungen walten. Für diese Entwicklung im Roman ist vor allem auch das Hinzukommen der vierten Person, Ottilie, bedeutend. In der Novelle war für sie kein Platz, für den Roman ist sie jedoch unverzichtbar. Die Novelle nutzt die Katastrophe als Wendepunkt, in dem Roman ist die Katastrophe das Ende des Geschehens. In der Novelle ist der Selbstmordversuch von der jungen Frau geplant, im Roman der Unfall dagegen unvorhergesehen. Als der Kahn in dem Roman umkippt, ist Ottilie zu zerstreut, um das Kind zu retten, der junge Mann in der Novelle läßt sich hingegen nicht ablenken, als das Schiff 7 strandet.
Anders ist auch die Bedeutung der verschiedenen Motive. Am auffälligsten zeigt sich das am Motiv des Wassers. Es ist der Schauplatz, wo für die Handlungen der beiden Erzählungen Entscheidenes geschieht. In der Novelle wird es als ein großer und mächtiger Strom, als “freundliches Element” beschrieben, in dem Roman dagegen als unheimlicher und tiefgründiger See, als “treuloses unzulängliches Element”. Es charakterisiert in beiden Fällen das Wirken naturbedingter Leidenschaft im Menschen. Gleichzeitig wird aber auch dessen Macht gezeigt, Tod oder Leben zu bringen. Das Motiv der Hochzeitskleider deutet in der Novelle auf eine glückliche Vereinigung, im Sinne von gesellschaftlich akzeptiert, hin. Im Roman wird Ottiliens “Brautschmuck”, der eigentlich ihre (unsittliche) Verbindung zu Eduard zeigen soll, am Ende zu ihrem Totenkleid. Auch der Kranz, den die junge Frau dem Mann zuwirft, findet in dem Roman sein Gegenstück. In der Novelle ist er Symbol für Liebe und Hingabe und im Roman Symbol des durch Geburt und Tod abgeschlossenen Lebens. Durch diese gemeinsamen Motive und deren Bezug aufeinander, wird sowohl die Bilderwelt des 8
Romans als auch die der Novelle verständlicher.
Verschieden ist auch die Sprache in Novelle und Roman. In der Novelle wird kaum ein Wort gesprochen, jedoch ist alles klar und nichts wird geheim gehalten. In dem Roman hingegen
7 G. Guntermann, S. 81; J. Jacobs, S. 157, 161
8 E. Voerster, S. 333f.
wird zwar viel geredet, doch sagen die Personen anderes, als sie wirklich meinen und dadurch 9 wird vieles verschwiegen.
In der Novelle reflektiert der Erzähler das vorhergegangene Geschehen, wie später ausführlicher behandelt wird, an der Stelle, als sich das neu vereinte Paar in den 10
Hochzeitskleidern wiederfindet. Er leistet dort dem Leser Hilfe. Der glückliche Ausgang der Novelle gehört keineswegs in eine andere Welt, in der andere gesellschaftliche Normen gelten, das zeigt schon die Identität des Hauptmanns in beiden Geschichten. Sie ist eine grundsätzliche Möglichkeit, die auch im Roman hätte realisiert 11 werden können.
Durch die Novelle wird den Romanfiguren, denen die Geschichte vorgetragen wird, eine Aufgabe gestellt. Besonders Charlotte muß sich mit ihrer eigenen Situation auseinandersetzen, sich der Realität stellen und sich nicht weiter der Illusion hingeben, ihre
Ehe mit Eduard sei noch zu retten.
und Eduard waren als junge Leute auch ineinander verliebt, doch gaben sie dem gesellschaftlichen Druck nach und heirateten die von den Eltern ausgesuchten Partner. Hier kehren sich die Voraussetzungen der Novelle um. Dort waren die Liebenden bereit, ihr Leben zu opfern. Hier verleugneten sie ihre Liebe zugunsten eines gesellschaftlich anerkannten Lebens. Durch die Novelle wird Charlotte genau damit konfrontiert. Sie weiß um ihre Zuneigung für den Hauptmann und den damit verbundenen Problemen und ihr ist auch bekannt, wer der junge Mann ist. Ihr wird bewußt, daß sie Eduard nie so geliebt hat wie das Mädchen den Hauptmann. Die Funktion der Novelle ist es, keine Alternative zur Romanwirklichkeit zu zeigen, sondern sie stellt die Herausforderung, aus eigener Kraft eine Harmonie von Freiheit und Notwendigkeit, Geist und Natur zu entwickeln. Jedoch wird auch gleich klar, daß die Starrheit der Romanstruktur diese Möglichkeit einer solchen Entwicklung 13 unmöglich macht.
Die Funktion für den Roman als Ganzes, der doch eher zum Novellistischen tendiert, ist es, ihm erst seinen romanhaften Charakter zu geben. Darüber hinaus wird nach der Erzählung der
9 G. Guntermann, S. 83
10 G. Guntermann, S. 82 11 J. Jacobs, S. 166 12 W. Schwan, S. 170 13 M. Beckhurts, S. 75; E. Voerster, S. 335
Novelle die Handlung beschleunigt, denn ihre gedrängte Form verdichtet die epische Breite des Romans.
2. Die Struktur der Novelle von “den wunderlichen Nachbarskindern”
Die Erzählung ist eine Musternovelle, da sie alle Merkmale, die eine Novelle charakterisieren, erfüllt. In der folgenden Strukturanalyse wird dies deutlich werden. Vorweg entspricht schon 14
der Umfang von acht Seiten der üblichen Kürze einer Novelle. Das Geschehen wird in
deutlich voneinander geschiedenen Phasen geschildert, welche den Wachstums- bzw. Entwicklungsprozeß der Hauptpersonen darstellen.
In der ersten Phase werden die Umstände, das soziale Gefüge, in denen die zwei Kinder
aufwachsen, dargestellt.
Informationen enthalten: “Zwei Nachbarskinder von bedeutenden Häusern, Knabe und Mädchen, in verhältnismäßigem Alter, um dereinst Gatten zu werden, ließ man in dieser angenehmen Aussicht miteinander aufwachsen,...” (434,20ff.). Durch die Darstellung des feindseligen Verhaltens der Kinder, werden zugleich ihre Charaktere beschrieben, und die im vorherigen Satz angesprochene “angenehme Aussicht” wird sofort als gescheitert erklärt: “Doch man bemerkte gar bald, daß die Absicht zu mißlingen schien, indem sich zwischen den beiden trefflichen Naturen ein sonderbarer Widerwille hervortat.” (434,24ff.). Diese Feindseligkeit besteht auch noch weiter in der Jugend, jedoch wird die Abneigung jetzt derart gefährlich, daß sie voneinander getrennt werden müssen, da das Mädchen in ihrem Haß dem Jungen wirklich Schaden zufügen will: “Aber auch da noch wehrte sie sich so gewaltsam, daß er, um seine Augen zu erhalten und die Feindin doch nicht zu beschädigen, sein seidenes Halstuch abreißen und ihr die Hände damit auf den Rücken binden mußte.” (435,10ff.). Für diese erste Phase ihrer Entwicklung bildet das Spiel einen natürlichen Handlungsrahmen.
Die Eltern greifen erst ein, nachdem die Grenze des Spiels überschritten wird . Beginn sollte noch einmal festgestellt werden, daß der Sprache in der Novelle nie allein eine
14 Johannes Klein: Geschichte der deutschen Novelle von Goethe bis zur Gegenwart, S. 8 15 M. Beckurts, S. 67 16 M. Beckurts, S. 68
Arbeit zitieren:
Imke Barfknecht, 2001, Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Charlotte und Ottilie - Zum Frauenbild in Goethes Wahlverwandtschafte...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 18 Seiten
Weiblichkeitsbilder in Goethes Skandalroman "Die Wahlverwandtscha...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Der Tempuswechsel in Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Erzählte Bilder und deren Zeit(en) in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Romantische Aspekte in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 28 Seiten
Die wissenschaftliche Spur in Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandt...
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Kunstbetrachtungen in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"
Wenn sich der Künstler im Kuns...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
‚Die Goldenen Zwanziger’ - ein Kurzvortrag
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Referat (Handout), 15 Seiten
Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Joha...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 20 Seiten
Unterrichtsstunde: Jugend im Nationalsozialismus - Die Schülerinnen un...
Unterrichtsentwurf, 15 Seiten
Der Kindsmord in der Literatur des 18. Jahrhunderts - Zum realhistoris...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Die Figur der Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Das Wirken der Schönheit im Erec Hatmanns von Aue
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 14 Seiten
Enites Schönheit und ihre Wirkung im Erec Hartmanns von Aue
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" im Urteil seiner Ze...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Das Kind Otto in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Imke Barfknecht hat den Text Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften veröffentlicht
Imke Barfknecht hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare