Inhalt
1. Einleitung
2. Hintergründe
3. Charakterzüge der Eltern
3.1 Der Vater
3.2 Die Mutter
4. Wie ergänzen sich Vater und Mutter? Inwieweit passen sie zusammen?
5. Was ist ein geschlossenes System?
5.1 Was ist ein offenes und was ein geschlossenes System?
5.1.1 Der Informationsaustausch zwischen Familiensystem und
Umwelt
5.1.2 Das Regelwerk
5.1.3 Der Selbstwert
5.1.4 Die Kommunikation
5.2 Geschlossenes System in Bezug auf Vater und Mutter
6. Wodurch gerät das geschlossene System aus der Balance?
6.1 Geburt der Kinder
6.2 Wechsel DDR BRD
6.3 Der entscheidende Abend
7. Veränderungsmöglichkeiten des bröckelnden geschlossenen Familiensystems
7.1 Aufgaben des Therapeuten nach V. Satir
7.2 Ein psychisch gesunder Mensch- Kriterien
Literatur
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1. Einleitung
In dem Buch „Das Muschelessen“ von Birgit Vanderbeke wird aus Sicht der Tochter über einen Abend berichtet, an dem Mutter, Sohn und Tochter über den abwesenden Vater sprechen, weil dieser sich entgegen seiner Gewohnheit verspätet. Er soll von einer Dienstreise zurückkommen, auf der er wahrscheinlich befördert worden ist. Eigentlich soll es zur Feier des Tages Muscheln zum Abendbrot geben, die das Leibgericht des Vaters sind, aber Stunden vergehen, ohne dass er erscheint.
„Dass mein Vater an dem Abend so gut wie befördert die Wohnung betreten würde - natürlich noch nicht offiziell, aber man hätte ihm das sofort von oben her signalisiert - , das war der besondere Anlass, für den meine Mutter, ..., vier Kilo Muscheln stück für Stück unter eiskaltes Wasser hielt und kratzte und schrubbte und spülte,...“ (S. 9)
So kommen die restlichen Familienmitglieder in ein Gespräch, in dem sich herausstellt, dass sie eigentlich keine richtige Familie sind, wie es der Vater wünscht, sondern dass sie diese heile Familie aus Rücksicht auf den Vater nur spielen und sich je nach Situation auf ihn umstellen.
Der Leser erfährt darüber hinaus, dass der Vater seinen Wunsch, eine richtige Familie zu haben, mit Regeln untermauert, wie eine richtige Familie zu sein hat. Diese Regeln setzt er teilweise mit körperlicher und psychischer Gewalt gegen die Kinder und wahrscheinlich auch gegen die Mutter durch.
Unsere These ist nun, dass es sich bei dieser Familie um eine dysfunktionale Familie handelt, in der die Konstellation und Kommunikation unter ungünstigen Bedingungen steht.
Diese Bedingungen stellen wir nachfolgend dar. Zunächst werden wir beschreiben, welche Eigenschaften Vater und Mutter besitzen und inwieweit sie zusammenpassen. Danach wird es darum gehen, was ein geschlossenes System ist und ob die Paarbeziehung zwischen Vater und Mutter auch ein geschlossenes System ist. Dann wollen wir beschreiben, inwieweit dieses zunächst noch funktionierende System aus der Balance geraten sein könnte. Unserer Meinung nach hängt es mit der Geburt der Kinder oder mit der Flucht der Familie aus der ehemaligen DDR in die BRD zusammen.
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Diesen Dingen wollen wir auf den Grund gehen, um abschließend Möglichkeiten aufzuzeigen, was die einzelnen Familienmitglieder tun können, um als Familie wieder „funktionsfähig“ zu sein.
2. Hintergründe
Zunächst in Diagrammform einige Fakten zur Familiensituation und zur Biographie:
Die Familie ist vor der Wende aus der DDR in die BRD geflohen. Zunächst haben sie in einem Flüchtlingslager in Westberlin gelebt, dann in einer Wohnung in Westberlin. Danach sind sie dann in eine Firmensiedlung umgezogen.
Der Vater ist Naturwissenschaftler und wird von der Tochter als Logiker beschrieben, während die Mutter als Lehrerin arbeitet und eher romantische Züge hat. Dabei ist die Tochter laut Erzählung mehr nach dem Vater geschlagen, sie ist gut in der Schule und auch eher logisch veranlagt. Der Sohn dagegen hat nach Meinung des Vaters mehr die „weichlichen“ Züge der Mutter geerbt, und seine schulischen Leistungen lassen eher zu wünschen übrig.
Zum Zeitpunkt, an dem Mutter und Kinder am Abendbrottisch sitzen und über den Vater sprechen, ist die Tochter schon volljährig.
Wie alt der Sohn und die Eltern sind, ist anhand der Erzählung nicht erkennbar.
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„...,wir haben meine Vater viele Jahre sehr kennengelernt, nur hat er es nicht mehr machen können als meine Großmutter starb, weil ich volljährig war, aber natürlich hat er mit mir ein paar Wochen lang nicht gesprochen nach dem Begräbnis,...“ (S. 84)
Die Mutter des Vaters wird von der Familie „die andere Großmutter“ genannt. Der
Vater ist bei ihr und fünf Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Ein
Großvater wird nicht erwähnt.
Die Mutter der Mutter ist dagegen die „eigentliche Großmutter“. Sie lebt in besseren
Verhältnissen. Der Großvater ist relativ früh verstorben, so dass die Mutter für ihre zwei
Brüder das Studium mitfinanzieren musste, und daher auch schon in relativ jungen
Jahren als Sekretärin gearbeitet hat.
3. Charakterzüge der Eltern
3.1 Der Vater
Der Vater wird von dem Mädchen zunächst als äußerst erfolgreicher Typ beschrieben.
„..., außerdem haben wir alle gewusst, dass mein Vater im Vorträgehalten brillant und stets außergewöhnlich erfolgreich gewesen ist, mein Vater hat bekanntermaßen außergewöhnliche didaktische Fähigkeiten in diesen Vorträgen entwickelt, auf die er sehr stolz gewesen ist, und dann hat er vor Publikum eine gewinnende und einnehmende Art gehabt, einen Charme, das ist zu seiner Kompetenz hinzugekommen, die er auf einem der schwierigsten und heikelsten Gebiete der Naturwissenschaften vorweisen konnte, aber durch diese einnehmende Art vor dem Publikum hat die Kompetenz nicht so streng gewirkt, und die Leute sind regelmäßig begeistert von seinen Vorträgen und von meinem Vater im allgemeinen gewesen.“ (S. 8 - 9)
Zudem sei der Vater verantwortungsbewusst und moralisch.
„..., aber mein Vater hat keine Abtreibung gewollt, das stand nicht zur Debatte, weil er Verantwortungsgefühle hat und Moral, schon als er jung gewesen ist, hat er es in hohem Maße gehabt, ...“ (S. 30)
Außerdem ist er nach den Beschreibungen der Tochter Logiker, was auch zu seinem
Beruf - er ist Naturwissenschaftler - passt; alles Musische ist für ihn dagegen reiner
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Überfluss. Hinzu kommen stark perfektionistische Züge, die es nicht zulassen, dass die
anderen Familienmitglieder neben ihm bestehen können.
„..., es hat damals noch als abgemacht gegolten, daß ich auch zur Naturwissenschaft neigen würde, weil die Musik und Literatur, überhaupt die gesamte Kultur, nur ein Feierabendgeschäft wären und die Welt sich nicht weiterentwickeln könnte, wenn nicht Naturwissenschaftler und Techniker sie ergründen und tat- und entscheidungskräftig beeinflussen würden, wogegen das Musische, hat mein Vater gesagt, reiner Überfluss wäre und keinen Motor zum Laufen bringt, ...“ (S. 26 - 28)
„Mein Vater hat gesagt, Deine Eins wäre früher nur eine Vier gewesen, bestenfalls, wahrscheinlich noch nicht einmal das, und im Grunde hat mein Vater gedacht, daß meine Eins sogar ungenügend gewesen wäre. Was wir leisten mußten für eine Drei, hat er gesagt, das fällt heute aus jeder Skala heraus; mein Vater ist ein außerordentlich guter Schüler gewesen, und wenn es Zeugnisse gab, hat sich mein Bruder schon gar nicht nach Hause getraut, und zu mir hat mein Vater gesagt, das sieht scheinbar ganz ordentlich aus, nur die Noten sind heute nichts wert, und dann hat er seine Zeugnisse aus dem Schreibtisch geholt und verglichen, und wenn meines besser gewesen ist als seins, hat er es immer besonders gemerkt, diesen Leistungsverfall, und es ist ihm klargeworden, was er in meinem Alter schon alles gewußt und gekonnt hat, ... (S. 50 - 51)“
Er hat scheinbar ein hohes Harmoniebedürfnis, das er aber auf eine sehr fragwürdige
Weise durchsetzt.
„Mein Vater hat niemals etwas direkt verboten, er hat auch meiner Mutter niemals gesagt, du gehst mir nicht in die Konzerte, wenn er gleichwohl nicht gewollt hätte, daß sie in die Konzerte geht; mein Vater hätte ihr ruhig erklärt, daß die Konzerte nur etwas sind für die höheren, nicht aber für die höchsten Angestellten, und wenn meine Mutter das nicht gleich verstanden hätte, weil sie so gerne in die Konzerte ging wegen dem Schönen, der Harmonie und Ausgewogenheit, die meiner Mutter sehr wichtig waren, hätte er einen Kognac getrunken und es ihr noch mal erklärt, anschließend hätte er gesagt, haben wir uns verstanden, und meine Mutter hätte sich beeilt zu sagen, daß sie sich jetzt verstanden hätten. In richtigen Familien hat man Verbote nicht nötig, hat mein Vater gesagt, und sie sind wirklich überflüssig gewesen, weil wir uns immer verstanden haben, und wenn ich manchmal trotzig gewesen bin, und gesagt habe, keineswegs, hat es von vorn angefangen, und es ist immer so lange gegangen, bis ich auf seine Frage, haben wir uns verstanden, mich beeilt habe zu sagen, das haben wir, im Grunde ist ein Mißverständnis in einer richtigen Familie so gut wie ausgeschlossen,... „ (S. 102 - 103)
Auch ist er der Meinung, dass es in einer richtigen Familie keine Heimlichkeiten geben
darf, auch dies ist ein Hinweis auf seine Harmoniebedürftigkeit.
„...; in einer richtigen Familie, hat mein Vater gesagt, ist Heimlichkeit überflüssig, und jeder von uns hat die größte Angst haben müssen, bei Heimlichkeiten erwischt zu werden,...“(S. 53)
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Er stammt, wie in dem Kapitel „Hintergründe“ schon erwähnt, aus armen Verhältnissen.
Als Folge davon hat er Angst, wieder in die Armut abzurutschen. Deshalb geht er mit
Geld verschwenderisch um, um nicht den Eindruck zu machen, wenig Geld zu haben.
„Mein Vater hat den Armeleutegeruch nicht ertragen können, deshalb ist er auch immer sehr großzügig gewesen, später, und hat gigantische Trinkgelder gegeben, wenn er im Lokal bezahlt hat, ...“ (S. 32)
In diesem Zusammenhang ist noch wichtig zu erwähnen, dass der Vater sich sehr stark
von seiner Mutter distanziert. Wenn er sie besucht, übernachtet er in einem Gasthaus,
statt bei ihr zu schlafen. Es wird in dem Buch eine Situation beschrieben, in der der
Vater seine Mutter nur unter der Bedingung besucht, dass für das Essen extra eine
Köchin bestellt wird.
„..., meine Großmutter ist eine sehr arme Frau gewesen, und mein Vater hat sich immer für seine Mutter schämen müssen, weil sie ihm so wenig hat geben können, er hat auch nirgendswo mit ihr hingekonnt, man kann sich ja nirgends mit dir sehen lassen, hat mein Vater noch später gesagt, als er schon beinahe befördert war, er hat es nicht leicht gehabt mit seiner Mutter, weil es immer so duster und schmuddelig war, wo sie wohnte, sie hat nur ein einziges Zimmer gehabt und eine Küche, es hat wie bei armen Leuten darin gerochen, weil es bei armen Leuten war, und mein Vater hat immer mit seiner Mutter geschimpft deswegen, er ist später, wenn er im Dorf war, lieber im Dorfgasthaus abgestiegen,...“ (S. 75)
„..., er hat auch bei seiner Mutter nicht essen können, weil es nicht sauber und appetitlich war, so ungepflegt, hat mein Vater gesagt, aber einmal hat er nicht anders können, weil seine Mutter zu meiner Mutter gesagt hat, nie esst ihr bei mir, immer nur esst ihr dort,..., aber es hat meine Mutter gekränkt, dass wir niemals bei ihr gegessen haben, sie hat zu meiner Mutter gesagt, er tut gerade, als schämte er sich,..., und mein Vater hat schließlich eingewilligt, bei seiner Mutter zu essen, wen sie sich eine Köchin nähme.“ (S. 77-78)
Andererseits liebt er seine Mutter aber auch:
„..., und mein Vater hat an seiner Mutter auch sehr gehangen,...“ (S. 77)
„..., er hing aber sehr an ihr, und nach ihrem Tod ist er völlig verzweifelt gewesen, dass meine Mutter dachte, vor Schmerz ist er ganz im Wahn, er hat geklagt um die Mutter und sich die Haare gerauft, tagelang ist er nicht aus dem Schlafzimmer hervorgekommen,...“ (S. 79-80)
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Des weiteren scheint der Vater ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit zu haben; das
drückt sich zum Beispiel an der Briefmarkensammlung aus, die er für die Kinder
angelegt hat.
„..., unser Wohnzimmerschrank war voll mit der Briefmarkensammlung, die mein Vater für meinen Bruder und mich angelegt hatte, als Zukunftsanlage. ..., meinem Vater ist es um Vollständigkeit gegangen, eine Briefmarkensammlung hat nur Sinn und Wert, wenn sie vollständig ist, hat er gesagt, ... , eine gesamtdeutsche Zukunftsanlage von großem Wert hat meinem Vater vorgeschwebt,...“ (S. 44, 45)
Er hat ganz bestimmte Vorstellungen von einer „richtigen“ Familie. Das könnte ein
Hinweis dafür sein, dass er auch über die Stabilität der Familie versucht, seine
Unsicherheit zu kompensieren.
Zu einer richtigen Familie gehört für den Vater auch die traditionelle Rollenverteilung
der Geschlechter.
„Es wäre meinem Vater natürlich andersherum lieber gewesen, dass mein Bruder logisch und ich und die Mutter unlogisch gewesen wären, es war nicht so verteilt, wie er gedacht hat, dass es in einer richtigen Familie sein müsste. Was beim einen fehlt, ist bei der anderen Vergeudung, hat er gesagt,...“ (S.25)
Außerdem legt der Vater je nach Bedarf viele Regeln und Rituale fest, wie er meint,
dass eine richtige Familie zu sein hat.
Zum Beispiel gibt es Abendbrot immer um Punkt 18:00 Uhr, es werden
Sonntagsausflüge geplant, an denen eigentlich niemand außer dem Vater Freude hat,
bestimmte Ausdrucksweisen dürfen nicht fallen, usw. Diese Rituale setzt er auch mit
Gewalt durch, indem er die Familienmitglieder schlägt.
„Die Pommes Frites sind fertig geschnitten gewesen, und meine Mutter hat gesagt, so, jetzt könnte er eigentlich kommen. Wir sind schon spät dran gewesen mit dem Abendbrot, bei uns wurde immer um sechs gegessen, weil mein Vater um halb sechs nach Hause kam vom Büro, und dann hat er erstmals die Zeitung gelesen und in Ruhe sein Bier getrunken, während die Mutter in Ruhe das Abendbrot fertigmachte, und Punkt sechs, wie gesagt, wurde bei uns gegessen, ...“ (S. 17)
„Aber vielleicht ist es für meine Mutter am schlechtesten gewesen, weil sie dafür zu sorgen hatte, dass wir eine richtige Familie sind, und das ist gewiß nicht leicht gewesen, weil die Vorstellungen, die mein Vater von einer richtigen Familie gehabt hat, zwar höchst präzise waren, aber zugleich auf undurchschaubare Weise nicht vorherzuberechnen, weil keiner von uns, und besonders die Mutter, die Logik begriffen hat, ...“ (S. 25, 26)
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„..., er hat mit Gewalt versucht, mir die Verstocktheit auszutreiben, wie er mit Gewalt versucht hat, meinem Bruder die Weichlichkeit auszutreiben,...“ (S. 83)
3.2 Die Mutter
Die Mutter stammt aus dem selben Dorf wie der Vater. Demnach wuchs sie auf dem
Lande auf, was ihre Vorlieben geprägt hat. So schreibt die Tochter, dass ihre Mutter
wegen der Landschaft und besonders wegen der vielen Blumen einen Urlaub in den
Bergen vorziehen würde.
„...,sie hat von den Bergseen geschwärmt, die es dort geben soll, und es haben ihr Blumenwiesen vor Augen gestanden, sie hat sich vorgestellt, dass sie nach Herzenslust Arme voll Blumen in eine Holzhütteschleppen könnte, weil meine Mutter die Sehnsucht nach Dörflichem oft befallen hat,“ (S. 59)
Der Vater merkt ebenfalls, dass die Mutter das urtümliche, einfache bzw. bäuerliche
Leben liebt.
„...und meine Mutter hat heimlich ein paar Zweige und Gräser mitgenommen,..., und mein Vater, wenn er sie dabei erwischt hat, hat nur den Kopf schütteln können über die unausrottbare Ländlichkeit, deine unverbesserliche Romantik,...“ (S. 61/ 62)
Aus beiden Zitaten geht hervor, dass die Mutter Blumen und Pflanzen sowie alles
romantische sehr mag. In dem Buch wird erzählt, wie sie versucht, diese Romantik auch
auszuleben, indem sie, wenn der Vater nicht zu Hause ist, überall Blumen oder
getrocknete Gräser hinstellt.
Auch in ihrem Musikgeschmack findet sich das romantische und harmoniebedürftige
Wesen der Mutter wieder. Für sie gilt die moderne Musik nicht mehr als Kunst.
„..., und die Zugaben waren meist etwas Keckes oder auch Furioses, meistens zum Abschluß nochmal modern, aber kurz, was meiner Mutter besonders gefallen hat,...“
„...,... meine Mutter ist nicht so sehr für Zwölfton gewesen, das klingt so gar nicht harmonisch, hat sie gesagt, sie hat es gern gehabt, wenn es harmonisch geklungen hat,...“ (S. 93)
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Überhaupt versucht die Mutter alles, damit in der Familie eine harmonische Stimmung herrscht. Sie vermeidet es, sich mit dem Ehemann kritisch auseinandersetzen zu müssen, außer bei der Steuererklärung, sie nimmt ständig Rücksicht auf die anderen Familienmitglieder und stimmt den Meinungen anderer schnell zu.
„..., du bist eine Krämerseele, und wir haben sie streiten hören, was es bei uns sonst nie gab, weil meine Mutter keinen Streit mochte, sondern nur Harmonie, und immer nachgegeben hat sonst,...“(S. 87)
„..., aber für meine Mutter ist es doch sehr schlimm gewesen, weil ihre ganze Harmonie und das Gute im Menschen natürlich zusammenbrach;...“ (S. 105)
„..., und meine Mutter hat Rücksicht auf seine Sachlichkeit und Vernünftigkeit selbstverständlich genommen und sich auf ihn um- und eingestellt, wenn er kam... „ (S. 16)
Dieses „Um- und Eingestelle“ der Mutter, aber auch der Kinder, taucht an mehreren Stellen des Buches auf..
„...Wenn mein Vater auf der Dienstreise war, habe ich lesen dürfen, soviel ich wollte, ich habe auch länger als eine Stunde Klavier üben dürfen, sogar weniger...“ (S. 63)
„...und meine Mutter ist traurig gewesen, weil mein Bruder dann noch schnell den Müll runtertragen hat müssen mit all den Blumen und Zweigen und Gräsern darin,...“ (S. 63)
Selbst der Tagesablauf verändert sich komplett, wenn der Vater beruflich unterwegs ist.
„...,dann kippte der ganze Tagesplan um, und alles war anders als sonst; es gab Kakao und Käsebrötchen, wir aßen, wann immer wir wollten,...“ (S. 17)
„..., aber er hat das abgespannte Gesicht nicht sehen können von meiner Mutter, und da hat sie sich also umgestellt, das war dann ihr Feierabendgesicht, was sie sich abends halb sechs schnell angemalt hat, bevor mein Vater nach Hause kam,...“ (S. 19)
Neben dem „Feierabendgesicht“ setzt die Mutter noch ein seriöses in der Schule, und ein Haushaltsgesicht auf (vgl. S. 18/ 19). Sie verändert mehrmals am Tag ihr Aussehen. In der Schule wirkt sie streng und respekteinflößend, und nach der Arbeit hat sie, der Beschreibung der Tochter zufolge, eine „abgespannte, erschöpfte“ (S. 18) Fassade. Diese „vertuscht“ sie wieder für den Vater, d.h., dass sie versucht, sich die Mattheit durch roten Lippenstift und toupierte Haaren nicht anmerken zu lassen.
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Aus der Beschreibung der drei verschiedenen Gesichter lässt sich die Dreifachbelastung einer modernen Frau erkennen, ihre Rolle als Lehrerin, als Mutter sowie als Ehefrau wahrzunehmen und ihr gerecht zu werden.
Obwohl sie genauso berufstätig ist wie ihr Mann, sind die Aufgaben im Haushalt und die Erziehung der Kinder allein ihre Sache.
„..., und wenn meine Mutter auf Klassenfahrt war, ist regelmäßig der Haushalt zusammengebrochen;...“ (S. 100)
„..., schon die Nierenbeckenentzündung und den dadurch verursachten Zusammenbruch des gesamten Haushalts hat mein Vater im Grunde nicht hingenommen,...“ (S. 102)
„..., und mein Vater hat ihr Vorwürfe gemacht, er konnte sich schließlich nicht auch noch darum kümmern, natürlich ist eine Mutter schuld, wenn der Sohn so stinkend faul ist, dass er nur Vieren schreibt, an der Intelligenz, hat mein Vater gesagt, kann es bei ihm nicht liegen,...“ (S. 39)
Auch als Ehefrau versucht sie, ihrem Mann zu gefallen und seinen Vorstellungen zu genügen.
„..., auch hat meine Mutter nicht gefunden, dass das Schöne ausgerechnet lackierte Fingernägel sein müssen, aber mein Vater hat von seiner Sekretärin die ochsenblutrot lackierten Fingernägel gelobt und davon geschwärmt, nimm dir ein Beispiel..., aber meine Mutter hat dann doch die Nägel lackiert..., aber perlmutterfarben rosé,...“ (S. 107)
„..., was mein Vater vergessen hat,..., das hat sie am Abend noch schnell geholt, mein Vater hat viel geraucht, und da hat meine Mutter oft laufen müssen,...“ (S. 19)
Nicht nur in ihrer jetzigen eigenen Familie passt sie sich ständig den Anforderungen anderer an. Auch in ihrer Herkunftsfamilie hatte sie sich der Situation entsprechend zu verhalten. Im Abschnitt „Hintergründe“ wird bereits erwähnt, dass die Mutter ihren Vater sehr früh verloren hat und sie ein Haus geerbt hat, „sehr verschuldet zwar,...“ (S. 75), weshalb sie die Hypotheken auf das Haus zahlen musste. Auch um ihre Brüder und deren Zukunft hat sie sich gekümmert und ihren eigenen Wunsch zurückgestellt.
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„..., und sie hat die Hypotheken bezahlen müssen und ihren Brüdern das Studium, es sind beide Brüder von meiner Mutter Musiker geworden, wie sie es sich gewünscht hatten und meine Mutter es sich auch gewünscht hatte,...“ (S. 75)
Einem weiteren Bedürfnis kommt sie nicht nach, um die Existenz der Familie nicht zu gefährden.
„..., meine Mutter hat,..., oft gesagt, wäre das nicht ein Traum, einfach in den Laden gehen und sich ein Kleid kaufen können,...“ (S. 88)
„..., und er hat es sofort gesehen, dass meine Mutter wieder in einem Ladenhüter gesteckt hat,...Er hat gesagt, du hast einfach keinen Pep, meine Mutter hat ihm zugestimmt,...wie soll denn ich Pep haben, wo ich sehen muß, dass es reicht, und du schmeißt das Geld kübelweise zum Fenster hinaus,...“ (S. 88/89)
Es wird im gesamten Buch kein Wort über regelmäßige Freizeitaktivitäten der Mutter verloren, was noch einmal verdeutlicht, dass sie ihre Leidenschaften, wie das Klavier-oder Geigespielen einfach unterdrückt und nicht auslebt. Sie schenkt sich und ihren Bedürfnissen wenig Aufmerksamkeit.
Die Mutter ist nicht sehr selbstbewusst und glaubt, für schlechte Entwicklungen verantwortlich zu sein.
„..., es ist alles meine Schuld,...alles habe ich falsch gemacht,...“ (S. 89)
„...und hinterher hat sie auch noch gesagt, dass sie alt ist und hässlich und unscheinbar, eine graue Maus, und dass mein Vater mit ihr keinen Staat machen kann,...“ (S. 89)
Letztendlich ist die Mutter eine sehr praktisch veranlagte, lebensnahe und realistisch wirkende Frau. Zum einen zeigt sich dieses in ihrer Sparsamkeit, in ihrem Management der drei verschiedenen Rollen, in ihrem alleinigen Bewältigen der schwierigen Zeit nach der Geburt der Tochter und im Meistern der Flucht vom Osten in den Westen.
„..., der Papierkrieg, die Bürokratie um die Wohnung und Essensmarken und Arbeitsgenehmigung, da war meine Mutter geschickter.“ (S. 31)
„..., und wir wären glatt erfroren damals, wenn meine Mutter nicht die Kohlen geschleppt hätte.“ (S. 31)
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„Meine Mutter ist froh gewesen, dass mein Vater nicht immer zuhause war, weil mein Gebrüll unzumutbar war,...“ (S. 73)
4. Wie ergänzen sich Vater und Mutter? Inwieweit passen sie zusammen?
In diesem Abschnitt wollen wir zunächst die Gemeinsamkeiten von Vater und Mutter herausarbeiten und herausfinden, inwieweit sie durch ihre Vorgeschichte und durch ihre Persönlichkeit zusammenpassen.
Beide sind in der DDR im gleichen Dorf aufgewachsen, sie haben entsprechend den gleichen gesellschaftlichen Hintergrund.
Außerdem fehlt bei beiden schon relativ früh die Vaterfigur: Der Vater der Mutter ist verstorben; der Vater des Vaters wird nicht erwähnt, aber es wird beschrieben, dass er nur mit seiner Mutter und fünf Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist.
Damit könnte man das Harmoniebedürfnis auf beiden Seiten erklären. Das, was sie in ihrer Ursprungsfamilie nicht hatten, suchen sie nun in ihrer eigenen Familie. Dabei sind die Vorstellungen von Harmonie zwar unterschiedlich, sie sind aber vorhanden.
Die Mutter hat sich schon sehr früh angepasst; sie hat das Studium ihrer Brüder finanziert und die Hypotheken für das geerbte Haus bezahlt - daher musste sie von Anfang an ihre eigenen Bedürfnisse zurückhalten, um erst einmal Geld zu verdienen. Später hat sie sich dann ihrem Mann angepasst, indem sie ein Lehramtstudium absolviert hat, weil er Naturwissenschaftler werden wollte. Der Vater dagegen hat sich schon früh von seiner Ursprungsfamilie distanziert und hat das erreicht, was er wirklich wollte.
Diese Eigenschaften von Vater und Mutter begünstigen möglicherweise den Zusammenhalt - sie ist die Anpassungsfähige, und er ist derjenige, der „den Ton angibt“.
So kann der Vater auch seine Prinzipien und beruflichen Interessen verwirklichen, weil die Mutter dafür sorgt, dass das Familienleben aufrechterhalten wird.
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„...,das Zusammenhalten in unserer Familie hat eine Abwesenheit meiner Mutter nicht eine Sekunde verkraftet..."( S. 101)
„...; die Mutter hat immer gesagt, wir müssen alle zusammenhalten, und das hat sie an dem Abend auch gesagt, denn wenn wir alle zusammenhalten, dann ist es eine richtige Familie, und sie haben auch fest zusammengehalten, als alle im Dorf empört waren über die Hochzeit, die Hochzeit von meinen Eltern ist ein fürchterlicher Skandal gewesen und ein fürchterlich dörflicher Skandal, aber mein Vater hat keine Abtreibung gewollt, das stand nicht zur Debatte, weil er Verantwortungsgefühle hat und Moral, schon als er jung gewesen ist, hat er es in hohem Maße gehabt, und da mussten sie eben zusammenhalten, solange mein Vater studiert hat, und hinterher im Flüchtlingslager erst recht, weil er logisch abstrakt war und meine Mutter nur praktisch konkret, das wäre schlecht gegangen, wenn sie nicht kräftig zusammengehalten hätten.“ (S.30)
Auch wenn die Tochter in der Geschichte die negativen Seiten der „richtigen Familie“
und des Vaters beschreibt, gibt es doch auch Situationen, in denen Vater und Mutter
glücklich miteinander sind, zum Beispiel beim gemeinsamen Zubereiten der Muscheln:
„..., wenn meine Eltern zum Muschelnputzen im Bad verschwunden sind, sie haben sich abgewechselt mit dem Über-die-Wanne-Beugen, damit sie nicht steif davon würden, und aus dem Badezimmer ist eine gute Stunde lang das Lachen von meinem Vater und das Quietschen von meienr Mutter herausgeschallt,... . Wenn sie beide mit hochroten Händen herausgekommen sind, ist ihnen wegen der übermütigen Laune, die sie dort drinnen gehabt hatten, etwas schamig zumute gewesen, aber in der Küche ist das Herumgealbere weitergegangen, und nach und nach haben wir herausbekommen, dass mein Onkel, zu dem sie eine verspätete Hochzeitsreise gemacht hatten, ein Muschelessen für sie gekocht hatte, ..., und dann haben sie daran auch eine gewisse Anzüglichkeit entdeckt, etwas Frivoles, und immer geschäkert, wenn es Muscheln gab, wegen dieser verspäteten Hochzeitsreise ist das Schäkern beim Muschelessen bei uns normal gewesen.“ (S. 7-8)
Es gibt also einige Hinweise darauf, dass Vater und Mutter in gewisser Weise
zusammenpassen und glücklich miteinander sind, auch wenn es dem Leser im ersten
Augenblick alles andere als plausibel erscheint.
Es ist doch paradox, dass eine Familie, in der Gewalt und so strenge Rituale herrschen,
doch Bestand haben kann, und dass Vater und Mutter sich möglicherweise sogar noch
lieben.
In den nächsten Kapiteln versuchen wir, Erklärungen dafür zu liefern, wie diese Familie
als geschlossenes System zusammenhält, und was dieses geschlossene System dann
doch aus der Balance bringt.
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5. Was ist ein geschlossenes System?
5.1. Was ist ein offenes und was ein geschlossenes System?
Die Konzepte von einem offenen und einem geschlossenen System gehen auf Virginia Satir, eine bedeutende Familientherapeutin, zurück. Sie gehört zu den Vertretern, welche die Familie aus einer systemischen Sichtweise betrachten. Die Familie ist demnach ein System, das durch ein spezielles „Regelsystem“ (Galuske, 1998, S. 237), eine bestimmte Art der Kommunikation sowie einer eigenen Wertehierarchie gekennzeichnet ist (vgl. Satir/ Baldwin, 1991, S. 157 ff).
Das Wesentliche dabei ist jedoch folgendes: „...,jeder Teil steht so zu den anderen in Beziehung, dass eine Veränderung beim einen eine Veränderung aller bewirkt.“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 157). Folgendermaßen stellen wir uns eine solche Situation vor. Eine Person muss z.B. operiert werden, die Mutter, der Vater und eventuell vorhandene Kinder teilen sich ihre Zeit so ein, dass sie die kranke Person besuchen können, vielleicht einen Streit erst mal vergessen oder sich auf die Gesundung konzentrieren, anstatt sich mit eigenen Problemen zu beschäftigen. V. Satir veranschaulicht ein nicht funktionierendes Familiensystem mit einem Auto, in dem eine rote Kontrolllampe aufleuchtet. In dem Fall ist also ein Teil des Autos kaputt, woraufhin andere Teile bzw. Funktionen auch ausfallen oder gestört werden können (vgl. Satir, 1991, S. 155).
V. Satir sieht ihre Aufgabe als Therapeutin darin, die Strukturen des Systems zu erfassen und „die Botschaft der roten Lampe zu verstehen“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 155). Demzufolge versucht sie herauszufinden, warum einzelne Personen Signale, wie z.B. starke Unzufriedenheit, ständiges Fieber, Aggressivität oder Essstörungen u.ä., senden, bzw. Symptome aufweisen.
Die Familientherapeutin unterteilt die Familiensysteme in offene und geschlossene, die wir jetzt darstellen und Unterschiede zwischen ihnen verdeutlichen werden. In der Realität ist kaum ein System in reiner Form zu finden.
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5.1.1 Der Informationsaustausch zwischen Familiensystem und Umwelt
Zunächst einmal ist der Informationsaustausch einer Familie, die eher ein offenes System darstellt, rege und vielseitig, welches zu Veränderungen im Denken und Handeln der Personen führen kann. Die Außenwelt wird also als Ressource und Impuls gesehen.
Anders in einem eher geschlossenen System. Dort wird ein Einfluss der Umwelt überwiegend als Gefahr oder Bedrohung empfunden und deshalb unterbunden, d.h., selbst wenn neue Gedanken und Ideen in die Familie hineingelangen, was schwierig zu vermeiden ist heutzutage, versucht man diese nicht zu beachten und passt die Verhaltensweisen nicht neueren Erkenntnissen oder Möglichkeiten an. Satir schreibt, dass die Reaktionen auf Informationen „kreisförmig und automatisch“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 157) sind. Egal welche Vorstellungen z.B. bzgl. des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern herrschen, wird eine geschlossene Familie möglicherweise weiterhin so mit ihren Kindern umgehen, wie sie es in ihrer eigenen Kindheit erfahren haben oder wie es traditionell üblich gewesen ist.
5.1.2 Das Regelwerk
Dadurch ergibt es sich auch, dass die Erziehung der Kinder oder die Umgangsformen der Ehepartner untereinander nicht mehr den äußeren Begebenheiten und Erfordernissen angepasst sind und ihr Regelsystem inadäquat zu den Nöten und Ansprüchen der Familienmitglieder stehen. V. Satir sagt dazu, dass „... diese Regeln oft überholt sind,“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 157) und dieses bleibt so, weil die Familien eines geschlossenen Systems, „nach rigiden, unverrückbaren Regeln“ agieren und leben.
In einem offenen Familiensystem, in dem ein ständiger Austausch von Erkenntnissen mit der Umwelt existiert, verändert sich das System Familie mit dem bzw. entsprechend dem äußeren Wandel. Den Mitgliedern ist es erlaubt, neues Wissen flexibel und wahlweise einzusetzen. Hierdurch erlebt sich der einzelne als handelnden und selbstbestimmten Menschen, was der Entwicklung eines positiven und starken Selbstwertgefühls dient.
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5.1.3 Der Selbstwert
Im geschlossenen System kann nur ein geringer Selbstwert entwickelt werden, weil das System durch Strafe und Ausübung von Macht die Personen zur Konformität zwingt, so dass die Verhaltensweisen ständig den vorgegebenen Meinungen und festgelegten Prioritäten anzupassen sind. Wichtig und erhaltenswert ist die Familie als Ganzes und nicht die Entfaltung der Individuen, sowie die Werte „Geld“ und „Macht“ (Satir / Baldwin S. 158)
Dem gegenüber stehen im offenen System einzelne Person und ihre Gedanken im Vordergrund, so das auch Ängste, Ärger, Frust und ebenso Liebe frei formuliert werden können, ohne Gefahr zu laufen, „Demütigung oder Ablehnung“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 158) durch andere Familienmitglieder zu erfahren.
5.1.4 Die Kommunikation
Diese Möglichkeit der freien Darstellung von Gefühlen fördert deren Akzeptanz und verstärkt die Haltung, diese Gefühle, egal wie fremd und ungewöhnlich sie sein mögen, normal und in Ordnung zu finden. Dadurch brauchen die Personen Gedanken nicht zu unterdrücken, und das Gesagte und die Empfindungen decken einander.
Genau an dieser Kongruenz mangelt es bei der Kommunikation in nicht funktionierenden „dysfunktionalen Familien“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 161). Häufig werden inhaltlich wichtige Fakten ungenau formuliert, verallgemeinert oder nur teilweise geschildert.
Der Grund liegt für Satir darin, dass Menschen mit geringem Selbstwertgefühl sich stark darum bemühen, im Gespräch mit anderen, nichts von ihren wahren Empfindungen, Ängsten, wie z.B. Angst, verlassen zu werden, offenbaren möchten. Dadurch versuchen sie, „sich zu verstecken und zu schützen,...“ (Satir/ Baldwin, 1991, S. 163).
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5.2 Das geschlossene System in Bezug auf Vater und Mutter
Betrachten wir zunächst erst einmal die Reaktionen der Familie auf äußere Begebenheiten, Ansichten und Vorstellungen.
Die Tochter erzählt in dem Buch über den Familienurlaub, der immer in irgendeinem sonnigen Land im Süden verbracht wurde, was insbesondere der Mutter nicht zu gute kam.
Sie reagiert nämlich sehr empfindlich auf viel Sonne, d.h., sie bekommt schnell einen Sonnenbrand. Ihr Mann verweilt dennoch ständig in der Sonne und hält den Sonnenbrand nicht für bedenklich. Er hat dazu folgendes zu sagen: „da muß man durch, ohne Sonnenbrand keine Bräune,...“, „..., es ist eine Frage der Charakterstärke,...“ und „...,stellt euch bloß nicht so zimperlich an,...“. Außerdem hat er den Rest der Familie „ausgelacht“ (B. Vanderbeke, S. 60).
Aus unserer Sicht ist ein Sonnenbrand nicht gesund. Überall in den Medien wird dazu aufgefordert, sich nicht zu lange den Sonnenstrahlen auszusetzen, weil diese nicht nur den Alterungsprozess der Haut beschleunigen, sondern auch gefährlichen Hautkrebs verursachen. Nicht umsonst gibt es schützende Cremes, mit hohem Lichtschutzfaktor, um Verbrennungen der Haut vorzubeugen.
Die Sorge der Mutter über ihren Sonnenbrand und den der Kinder entspricht den neuen Forschungsergebnissen und Ansichten und wird deutlich, indem sie sagt: „..., ich kann mir nicht denken, dass das gesund sein soll, so zu leiden,...“ (B. Vanderbeke, S. 60). Der Vater ignoriert, im Gegensatz zur Mutter, aber die Warnungen von außen und behält sein Gedankenmuster bei. Die anderen Familienmitglieder verhalten sich trotz anderer Kenntnisse auch weiterhin wie gewohnt. Das ist nach Satir typisch für das geschlossene System.
Deutlich wird die Starrheit und Unbeeinflussbarkeit der Meinung des Vaters, auch des Verhaltens der Kinder und der Mutter dadurch, dass die Kinder nicht mit anderen am Sonntagnachmittag, „Raumschiff Orion“ (B. Vanderbeke, S. 58) spielen dürfen und sie stattdessen jedes Mal „gemeinsam Luft schnappen mussten“ (S. 58), weil es für den Vater zu einem richtiges Familienleben dazu gehört.
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Auf den Hinweis der Kinder, dass andere nicht immer mit ihren Eltern mit müssten und dass sie anstelle dessen spielen können, antwortet der Vater: „..., das sind keine richtigen Familien, da herrscht Gleichgültigkeit statt Familiensinn, und dann gehen die Kinder bloß auf die Straße.“ (S. 58)
Der Vater kommt also zu dem Schluss, dass man unbedingt den Sonntag zusammen verbringen muss, wenn man eine richtige Familie sein möchte, obwohl er draußen, vor seinem Haus beobachten kann, dass manche Familien ihren Kinder dennoch erlauben, zu spielen und sich trotzdem als Familie betrachten. Die Beobachtungen aus seiner Umwelt interpretiert er entsprechend seinen Vorstellungen, statt diese an ihr auf deren Richtigkeit zu überprüfen.
Veränderungen der Vorgehensweisen sind daher kaum möglich und das Regelsystem der Familie bleibt starr. Welche Regeln gehören in der Familie des Buches „Das Muschelessen dazu?
Eine zentrale Regel lautet: Alle sollen immer glücklich sein und sollen sich nicht streiten!
Ausdrücken tut sie sich z. B. darin, dass der Vater, wie schon beschrieben, „das abgespannte Gesicht“ , also das matte, erschöpfte Gesicht der Mutter, nicht sehen konnte, sondern ihn ein vitales und glückliches zu Hause empfangen sollte, wie es seine Sekretärin an seinem Arbeitsplatz tat. Obwohl die Mutter nach der Schule und den Arbeiten im Haushalt usw. eigentlich total müde und kaputt ist, soll sie dieses nicht zeigen, was sie durch Schminke auch versucht, nicht zu tun, um den Vater nicht zu verstimmen.
Als wir die Mutter mit ihren Charakterzügen vorgestellt haben, wurde von uns weiterhin daraufhin gewiesen, dass sie dem Vater versucht zu gefallen und seinen Ansprüchen gerecht zu werden, indem sie sich die Fingernägel lackiert, ihm bzgl. seines Urlaubswunsches zustimmt und mit in den Süden fährt und ihre Vorliebe für Blumen nur auslebt, wenn der Ehemann auf Dienstreise ist.
Auf die Frage der Tochter, warum sie sich immer auf den Vater einstellt, antwortet sie: „ „..., so ist das in einer Ehe und im Beruf, das wirst du auch noch erleben.“ (B.
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Vanderbeke, S. 20). Aus dieser Aussage ist einerseits zu entnehmen, dass die Mutter im Laufe ihres Lebens die Erfahrung gemacht hat, dass sie sich unterzuordnen hat und sie sich damit abgefunden hat. Andererseits drückt die Floskel „so ist das“, den Glauben an die nicht zu beseitigende Beständigkeit von Regeln aus, welche keine Veränderungen für die Zukunft erhoffen lassen.
Auf diese Weise geht die Frau Streitigkeiten aus dem Weg und erhält die scheinbare Harmonie, die ihr wie dem Vater sehr wichtig ist, weshalb auch sie zu den Kindern oftmals sagt: „“..., wir müssen alle zusammen halten,..., denn wenn alle zusammenhalten, dann ist es eine richtige Familie,...“ (Vanderbeke, S. 30)
Eine zweite Regel ist: Gemeinsame Rituale sind einzuhalten!
An vielen verschiedenen Stellen im Buch werden sie beschrieben, wie z.B. „...., bei uns wurde immer um sechs gegessen,...“ (S. 17), „Bei uns ist nämlich jeden Sonntagvormittag eine Platte von Verdi gelaufen,...“ (S. 53/54) und „..., weil sie Muscheln immer gemeinsam gemacht haben,...“ (S. 7)
Nun möchten wir noch einmal auf den Fall mit dem Sonnenbrand und die Gestaltung des Sonntagnachmittags zurückkommen.
Die Mutter hielt den Sonnenbrand für gefährlich, den Kindern hat er Schmerzen bereitet, und dennoch verhalten sie sich, wie es der Vater wünscht. Das selbe Spiel läuft an den Sonntagen ab, an dem die Kinder so gerne mit den anderen spielen möchten, aber sich dennoch der Spazierfahrt des Vaters anschließen. Ähnliches lässt sich immer wieder im Buch finden. Da gibt es z.B. eine Situation, in welcher der Junge vom Dreimeterturm ins Wasser springt (vgl. S. 67), obwohl er panische Angst hat. Aber da der Vater dem Sohn fünf Mark verspricht und sagt, dass er selbst vom Fünfmeterturm gesprungen ist, tut dieser es auch.
Die Familienmitglieder richten ihr Verhalten in diesen Fällen immer nach den Aussagen und Richtwerten des Vaters, welche unveränderlich scheinen. Ihre individuellen Ängste und Sorgen lassen sie unberücksichtigt. Deshalb fasst eine dritte Regel folgendes zusammen: Gefühle und alles nicht rationale sind nicht zu äußern!
Im Sinne von Satir können wir von einer dysfunktionalen Kommunikation unter den Familienmitgliedern sprechen, weil die Kinder ihre Angst, z.B. beim Turmspringen,
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dem Vater nicht sagen können. Sie dürfen auch keine Fragen stellen oder Antworten geben, die dem Vater nicht gefallen. Zwei Zitate dazu: „..., ich habe auch manchmal gefragt, was habe ich denn gemacht, aber dann herausgefunden, dass es nicht günstig war, so zu fragen,...“ (S. 85), „..., einmal ist mir als Kind eine Antwort gekommen, es ist aber die falsche gewesen, und falsche Antworten haben meinen Vater erbost, dann hat man ihn aber erleben können,...“ (S. 82).
Dieses „ihn erleben können“ wird an mehreren Stellen veranschaulicht, wie z.B. hier: „.., er hat meine beiden Hände stets mit der linken Hand festhalten müssen, damit er mit rechts ins Gesicht schlagen konnte,...“ (S. 83). Ein weiterer Hinweis auf die Gewaltbereitschaft des Vaters gegenüber seinen Kindern ist aus diesen Worten zu entnehmen: „..., und ich hätte ihn erleben können, wie er mich windelweich geschlagen hätte.“ (S. 81)
Die Durchsetzung von Regeln und Ansichten mit Gewalt und Ausübung von Macht zählt nach Satir, wie erwähnt, zu den Merkmalen eines Familienlebens in einem geschlossenen System und hat die Entwicklung eines geringen Selbstbewusstseins zur Folge.
Die Aussagen, die der Vater trifft, deuten darauf hin, dass er eher zur anklagenden dysfunktionalen Kommunikationsform neigt, denn Satir schreibt über den Nutzer dieser Form, dass jener versucht, „andere zu kontrollieren, und ist grundsätzlich anderer Meinung“ (Satir/Baldwin, S. 163). Beides trifft auf den Vater zu.
Nun schreibt Satir aber auch, dass „Keine dieser Haltungen ... ohne die Unterstützung einer anderen funktionieren kann.“ (Satir/Baldwin, S. 163). Deshalb stellt sich die Frage, zu welchem Typ die Mutter, seine Ehefrau zählt.
Am ehesten scheint uns der versöhnliche Kommunikationstyp zu ihr zu passen, weil sie, wie Satir diesen Haltungstyp beschreibt, ständig versucht, „anderen zu gefallen“ (Satir/Baldwin, S. 163), was wir ja bereits an mehreren Stellen in unserer Hausarbeit anhand von Textstellen nachgewiesen haben. Die Mutter stimmt demnach nicht allem zu, was ihr Gatte sagt, weil sie es für richtig hält, sondern weil sie nicht von ihm abgelehnt werden will und seine Anerkennung für ihr Selbstwertgefühl braucht.
Abschließend möchten wir zusammenfassen, dass der geringe Einfluss der Informationen von außen auf das Verhalten der Familienmitglieder, das feste
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Regelwerk, die nicht gelingende Kommunikation und der gering entwickelte Selbstwert unsere Annahme bestätigen, dass es sich in unserem Buch um ein geschlossenes Familiensystem nach Satir handelt.
6. Wodurch gerät das geschlossene System aus der Balance?
Wie im letzten Kapitel beschrieben, funktioniert das geschlossene System in unserer Familie unter bestimmten Bedingungen. Nun soll darauf eingegangen werden, zu welchen Zeitpunkten Brüche entstanden sind, die zum einen die Paarbeziehung zwischen Vater und Mutter, zum anderen aber auch die Vater- Mutter- Kinder- Triade auf die Probe stellen.
Die drei Punkte, auf die wir dabei eingehen, sind die Geburt der Kinder, der Umzug der Familie aus der DDR in die BRD und der Abend des Muschelessens, an dem sich die Familie über ihre Situation bewusst wird.
6.1 Geburt der Kinder
Ein Aspekt, der die Paarbeziehung zwischen Vater und Mutter beeinträchtigt, ist sicherlich die Geburt der Kinder. Zwar heiraten die Eltern, als die Mutter zum ersten Mal schwanger wird, der Grund ist aber vor allem die Moral des Vaters und nicht die Liebe zwischen den beiden, auch wenn diese unseres Erachtens zu diesem Zeitpunkt ohne Zweifel besteht.
Vor allem der Vater ist bei der Geburt der Tochter (der Erstgeborenen) alles andere als begeistert.
„...; als er mich zum ersten Mal gesehen hat, soll er entsetzt ausgerufen haben, das ist ja ein Affe, und sich die Haare gerauft haben, weil dieses hässliche Wesen keinesfalls seine Tochter hat sein können, geschweige denn sein Sohn, wie es sich doch gehört hätte, ich bin bei meiner Geburt schon sehr hässlich gewesen, meine Mutter hat gesagt, das hätte sie nicht gestört; ich habe es gar nicht gemerkt, hat sie gesagt, erst als die Hebamme tröstend zu ihr gesagt hätte, na lassen Sie mal, das kann ja noch werden, ist es ihr aufgefallen, aber dennoch hat sie mich ausnehmend hübsch gefunden und gleich in ihr Herz geschlossen,...“ (S. 72)
...; mein Vater hat Gottseidank damals studiert und ein Zimmer gemietet gehabt in Berlin und ist nur am Wochenende nach Hause gekommen, aber diese Wochenenden hat er schlecht aushalten können, weil ich
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nicht nur von früh bis spät, sondern tatsächlich auch noch von spät bis früh gebrüllt habe, alle Nächte hindurch; meine Eltern haben mein Kinderbettin das entfernteste Zimmer gestellt und die Türen geschlossen, aber trotzdem hat er kein Auge zumachen können,... (S.72)
Die Eltern haben also schon bei der Geburt eine unterschiedliche Meinung über die Tochter: Der Vater ist von ihr abgestoßen, die Mutter hat das Kind dagegen von Anfang an in ihr Herz geschlossen. So könnte es sein, dass speziell in den ersten Jahren die Mutter die Erziehung übernommen hat. Der Vater war weitgehend ausgeschlossen, weil er zu dieser Zeit nur am Wochenende zu Hause war.
Virginia Satir sagt dazu, das Leben in der Triade gebe dem Kind auch ein Gefühl von Macht. Es lerne zu manipulieren, wenn sich ein Elternteil mit ihm gegen den anderen verbündet. Dieser Prozess könne sich schon sehr früh in der Kindheit manifestieren, wenn zum Beispiel die Mutter meint, ihr Mann behandele den Säugling nicht richtig. Obwohl das Kind sich dessen zunächst nicht bewusst sei, bekomme es die Macht, die Beziehung der Eltern zu beeinflussen, wenn sich die Mutter zugunsten ihrer Beziehung zum Baby aus der elterlichen Dyade zurückziehe (vgl. Satir/ Baldwin, 1991, S. 144). Und vielleicht ist genau dies hier geschehen. Der Vater ist weitgehend ausgeschlossen: Zum einen, weil er sowieso wenig zu Hause ist, zum anderen aber auch, weil er seine Tochter nicht lieben kann.
Hinzu kommt auch das Verhalten des Babys, das es den Eltern nicht unbedingt einfacher macht, mit ihm umzugehen.
Die Tochter ist also ein Faktor, der die Paarbeziehung stört. Mutter und Vater haben wegen des Kindes sehr wenig Zeit füreinander, und außerdem entsteht eine Disharmonie zwischen den beiden, weil sie verschiedene Gefühle zu der Tochter hegen. Aber auch der Sohn, der später geboren wird, ist vom Vater ungeliebt:
„..., ich wünschte, ihr wäret nicht auf der Welt, hat er einmal gesagt und erklärt, dass er zutiefst bereute, zuerst versehentlich mich und hernach planmäßig meinen Bruder gezeugt zu haben, was er für einen Irrtum gehalten hat, einen verhängnisvollen, wenn er sich angeschaut hat, was dabei herausgekommen ist, sein Sohn ein vollständiger Versager,..., während er meine Verstocktheit, das Uncharmante an mir, wie er gesagt hat, von Anfang an gleich nicht gerne gehabt hat,...“ (S. 68 / 69)
Als die Kinder dann älter werden, wächst natürlich auch ihre Eigenständigkeit und Individualität; zudem beziehen sie mehr Informationen von außen, was dem Konzept des geschlossenen Systems widerspricht. Sie entwickeln eigene Bedürfnisse und Wünsche (z.B. spielen mit anderen Kindern, ins Kino gehen, lesen usw.). Der Vater
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wirkt dem entgegen, indem er an seinen Regeln festhält und versucht, den Status Quo der „richtigen Familie“ beizubehalten, und dadurch entstehen bei den Kindern Heimlichkeiten. Auch dadurch bröckelt das geschlossene System.
6.2 Wechsel DDR BRD
Die Familie ist vor der Wende aus der DDR in die BRD geflüchtet. Warum, wird in der Erzählung nicht näher erläutert, es könnte aber auf den Ehrgeiz des Vaters zurückzuführen sein, der Naturwissenschaftler ist und sich beruflich weiterentwickeln will. Vielleicht ist der Grund aber auch ganz einfach der Wunsch nach Freiheit. Wie dem auch sei - der Umzug aus der DDR in die BRD stellt auf jeden Fall eine gravierende Veränderung dar.
Das sozialistische Wertesystem wird beim Wechsel in die BRD verworfen, die Familienmitglieder werden mit ganz anderen Werten konfrontiert. In der DDR galten eher traditionelle Werte, man erwartete Unterordnung unter die geltenden Regeln zum Wohl der Gemeinschaft. In der BRD zählen auf einmal Konkurrenz, Rationalität und der Einzelne. Es wird viel Wert auf Individualität gelegt.
Es könnte gerade beim Vater eine große Unsicherheit bezüglich dieser neuen Wertvorstellungen und im Berufsleben entstanden sein. Auch hier könnte es sein, dass es dem Vater sehr schwer fällt, das Neue und Ungewohnte in seine Familie einzubeziehen, was typisch für ein geschlossenes System ist. Ihm ist ein Festhalten an der „richtigen“ Familie deshalb wichtig, um wenigstens an einem Ort Kontinuität, Sicherheit und Harmonie zu haben.
Für die anderen Familienmitglieder wird die Situation dagegen untragbar, weil sie die Außenwelt mehr einbeziehen und sich so ständig auf den Vater und auf seine Regeln umstellen müssen (siehe 5.1.2).
Zudem ist in der BRD auch der Umgang mit der Familie anders. Die Kinder kommen jetzt schon relativ früh (mittags) aus der Schule, was für die Mutter eine Mehrbelastung ist.
Und auch hier ist der Vater wieder die meiste Zeit von der Erziehung ausgeschlossen (hier greift wieder das Argument Satirs über den negativen Umgang mit der Triade).
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Die Mutter bestreitet mit ihren Kindern den Alltag, während der Vater, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, in seiner Familie dann „so richtig aufräumt“. Der Vater bekommt vom Alltag eigentlich nichts mit.
6.3 Der entscheidende Abend
Die ganze Situation erreicht ihren Höhepunkt am Abend des Muschelessens, an dem Mutter, Tochter und Sohn auf den Vater warten und sich währenddessen bewusst werden, dass sie alle unzufrieden sind. Den Anfang macht dabei die Tochter:
„Meine Mutter hat kurz nach sieben gesagt, es wird doch hoffentlich nichts passiert sein, und aus reiner Bosheit habe ich darauf gesagt, und wenn schon, weil ich plötzlich fand, dass mein Vater ein Spielverderber wäre, vielmehr ein Stimmungsverderber, auf einmal habe ich mir gewünscht, dass er nicht mehr zurückkäme,.... Meine Mutter hat mich zwar angesehen, aber nicht so entsetzt, wie ich erwartet hatte...“ (S. 21)
Daraufhin trauen sich alle drei, mehr und mehr ihre Unzufriedenheit und das Fehlverhalten des Vaters auszusprechen.
In diesem Moment ist das geschlossene System endgültig aus dem Gleichgewicht gebracht, und ein erster Schritt des Erkennens ist gemacht worden. In der Erzählung wird nicht deutlich, ob der Vater nun wieder nach Hause kommt oder nicht.
Uns stellt sich daher die Frage, wie die Geschichte nun ausgehen könnte. Angenommen, der Vater kehrt zurück - was müssen die einzelnen Familienmitglieder tun, um doch wieder zusammenzufinden. Gibt es eine Lösung, die alle glücklich macht? Wenn ja, wie wäre dies zu bewerkstelligen?
7. Veränderungsmöglichkeiten des bröckelnden geschlossenen Familiensystems
Unserer Meinung nach wäre eine außenstehende Person, also ein(e) SozialpädagogIn oder ein(e) TherapeutIn in der Lage, die einzelnen Familienmitglieder darin zu bestärken, wieder mehr auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten und sie auch
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durchzusetzen. Dadurch kann eine Basis für ein besseres Zusammenleben und ein Neuanfang geschaffen werden.
7.1. Aufgaben des Therapeuten nach V. Satir
Zusammenfassend ist die Aufgabe eines Therapeuten, so wie sie Satir versteht, diesem Zitat zu entnehmen: ‚...Ich versuche nicht, ein spezifisches Problem zu lösen...Meine Arbeit besteht darin, den Klienten zu einem anderen Bewältigungsprozeß zu verhelfen’ (Satir/Baldwin, S. 154). Damit impliziert sie, dass Außenstehende nicht dazu ermächtigt sind, Vorschläge oder sogar Vorgaben zu unterbreiten, die sich speziell auf die von Klienten wahrgenommenen Schwierigkeiten beziehen. Sie sagt selber, dass sie sich nicht für so „weise“ hält, zu wissen, was anderen nun besonders gut tut. Deshalb kann es in unserem letzten Punkt auch nicht darum gehen, eine konkrete Vorhersage zu treffen, ob die Familie eine Zukunft hat oder nicht. Stattdessen diskutieren wir, unter welchen Bedingungen Menschen, gemäß Satir, zufriedenstellende Beziehungen führen können und welche Beiträge deshalb seitens des Therapeuten zu leisten sind.
7.2. Ein psychisch gesunder Mensch- Kriterien
V. Satir hat „fünf unveräußerliche Freiheiten“ (Satir/ Baldwin, S. 142) aufgestellt. Diese Freiheiten beziehen sie auf psychisch gesunde und selbstbewusste Menschen. Sie lauten:
Zu sehen und zu hören- Was in mir ist und mit mir ist Zu sagen- was ich fühle und denke Zu fühlen- was ich fühle Zu fragen- was ich möchte Zu wagen- was mich reizt
Die Freiheiten ermöglichen es den einzelnen, die Balance zwischen ihren Bedürfnissen nach „körperlicher, geistiger, emotionaler und spiritueller Entwicklung“ (Satir, S. 142) zu finden. Gleichzeitig bewirken sie ein positives Selbstbild, welches den Menschen die Sicherheit gibt, alte Gewohnheiten loslassen und Risiken eingehen zu können, die für
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Veränderungen notwendig sind. In einem offenen Familiensystem wird den Familienmitgliedern Platz für diese Freiheiten eingeräumt.
Für die Familie in der Erzählung „Das Muschelessen“ gelten diese Freiheiten nicht, was wir bereits im Abschnitt 5.2 eindeutig dargelegt haben. Die Aufgabe für den Therapeuten besteht bei dieser Familie darin, besonders die Mutter und den Vater in ihrer jeweiligen Persönlichkeit zu bestärken und die dysfunktionalen Kommunikationsstrukturen aufzudecken.
Für die Mutter bedeutet das, ihr zu verdeutlichen, dass sie auch dann wertvoll ist, wenn sie den anderen nicht alles recht macht und ihr dazu verhelfen, eigene Bedürfnisse
stärker wahrzunehmen und ihnen Beachtung zu schenken (z. B. Musizieren, Konzertbesuche, Blumensträuße usw.).
Aber auch der Vater benötigt vom Therapeuten die Ermutigung und Bestätigung, eigene negative Erfahrungen (Armut, familiäre Verhältnisse) aus seiner Kindheit und damit verbundene unangenehme Gefühle zuzulassen und als normal anzuerkennen, wodurch er innerlich sein psychisches Gleichgewicht wiederfinden kann.
Basis für das Auskommen zwischen den Familienmitgliedern ist weiterhin eine funktionierende Kommunikation, in der jeder seine Gedanken direkt und unverschlüsselt mitteilen kann und somit die tatsächliche Aussageabsicht mit dem Gesagten übereinstimmt.
Verdeckte Nachrichten und Unausgesprochenes sollten gemäß Satir vom Therapeuten aufgedeckt werden.
Wenn sich die Personen den Problemen stellen und ihre Meinung frei äußern, ist es leichter, eine Lösung zu finden, die alle Beteiligten zufrieden stellt. Somit werden zukünftig auftauchende Probleme schneller erkannt und einfacher gelöst. Ist „unsere“ Familie bereit zu einer solchen Therapie, ist ein guter Anfang gemacht, um das Zusammenleben zu erleichtern und zu entspannen.
Unabhängig von einer Therapie besteht auch noch eine andere Möglichkeit der Entspannung:
Die Kinder sind inzwischen fast erwachsen und werden sich im Laufe der Zeit ein eigenes Leben aufbauen. Ziehen sie aus, sind Vater und Mutter wieder unter sich und
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können das geschlossene Paarsystem, wie wir es schon beschrieben haben, fortsetzen.
Schade wäre daran allerdings, dass sie sich beide nicht zu einer ganzheitlichen Person
entwickeln können und die Probleme an sich nicht gelöst werden.
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Arbeit zitieren:
Wiebke Steder, 2002, Das Muschelessen, München, GRIN Verlag GmbH
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