Inhaltsverzeichnis
Kapitel Seite
1. Einleitung 1
2. Sozialhistorische Kriterien 2
2.1 Die Rolle der Frau 2
2.2 Bild der Frau - Identität der Frau? 3
2.3 Die Ehrenproblematik 6
3. El médico de su honra 9
3.1 Dona Mencia 9
3.1.1 Mencías Diskurs und Handlung 9
3.1.2 Charakterdisposition Mencías und
deren Einfluß auf ihr Schicksal 13
3.2 Dona Leonor 15
3.3 Analyse der Kommunikationssituation
zwischen Mencía und Gutierre 19
4. Schlußwort 22
5. Bibliographie 23
1. Einleitung
In dieser Arbeit möchte ich das Ehrendrama El médico de su honra in Bezug auf seine weiblichen Hauptrollen aufarbeiten. Zuerst, um einen geeigneten Rahmen zu schaffen, stelle ich eine Auswahl sozialhistorischer Kriterien dar, die die Situation der Frau in der frühen Neuzeit umreißen sollen. Diese Kriterien bestehen aus der Rolle der Frau, was also von einer idealtypischen Frau erwartet wurde und eine kurze Beschreibung von unter Dichtern und Philosophen gängigen Frauenbildern. Weiters wird die Problematik erläutert, die dabei auftritt, will man diese Kriterien in Zusammenhang mit dem Identitätsbewußtsein der Frauen von damals zu stellen, i. e. inwiefern diverse Klischees, Bilder und Rollenvorstellungen einer von männlichen Denken und Urteilen geprägten Welt die Identitäten der Frauen beeinflußt haben könnten. Das Kapitel Ehrenproblematik beleuchtet das Phänomen der Vergötzung der Ehre und die damit zusammenhängende Aufrechterhaltung des Scheins. Weiters soll die Abhängigkeit männlicher Ehre von weiblicher Keuschheit beziehungsweise sexueller Treue in der Ehe dargestellt werden. Diese Kriterien stehen miteinander in einer Wechselbeziehung, das eine spielt oft in das andere hinein und so habe ich auf eine strikte thematische Trennung verzichtet (an gegebenen Stellen gibt es daher Querverweise; ebenso wie der Dramenanalyse, wenn ein schon einmal erwähntes Phänomen wieder aufgegriffen und anhand des Dramas veranschaulicht wird). In der auf das Drama bezogenen Analyse wird das Ehrenproblem anhand der Diskurse, Handlungen und im Zusammenhang mit den charakterlichen Dispositionen der Protagonistinnen veranschaulicht. Eine abschließende Darstellung der Kommunikationssituation zwischen Mencía und Gutierre soll Licht darauf werfen, wie sehr die Gepflogenheiten des höfischen Diskurses Handlungs- und Denkweisen der Charaktere beeinflussen und so den tragischen Ausgang des Dramas in die Wege leiten.
In der patriachalischen Gesellschaft des „siglo de oro“ spielt die Frau eine untergeordnete Rolle. Sie wird definiert durch ihre Beziehung zu einem Mann. 1 Zuerst steht sie unter dem Schutz ihres Vaters, danach unter dem ihres Ehemannes (oder im Falle des Todes eines Betreffenden geht die Verantwortung auf ein männliches Mitglied der Familie über), dafür soll die Frau den Mann ehren und ihm gehorchen. Von der Frau wird erwartet, daß sie sich ihren Lebensunterhalt verdient (durch ihre Hausarbeit), aber sie wird in wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Mann gehalten. 2 Der Mann, der ihr Leben regiert, ist rechtlich für sie verantwortlich, denn die Frau hat keinen Rechtsstatus. Weiters ist sie ‘von öffentlichen Aufgaben und Verantwortlichkeiten, etwa Funktionen in Politik, Verwaltung, Gemeinde oder Zunft ausgeschlossen’ (Castan, 415), wie Gerichtsakten belegen. Ihre Rolle ist fest umrissen, ebenso wie die Räume, welche die Frau im Leben einnimmt. Ihr sozialer Raum ist eng und von Normen begrenzt. Während der Mann in der Öffentlichkeit wirkt, sind Frauen auf Haushalt, Kirche und Kirchengemeinde beschränkt. 3 Die Frau regiert sozusagen über das Haus und hat das von Kirche und bürgerlicher Gesellschaft sanktionierte Bild der Gattin und Mutter zu verkörpern, welches verlangt, daß sie der Familie aufopfernd dient, die Aufzucht der Kinder übernimmt und Anstand und Ruf der Familie wahrt. 4 Alfonso de Toro faßt zusammen, was von Frauen in Bezug auf ihren Bewegungsraum erwartet wird:
Die Frau darf sich nur der Familie widmen, sie muß sich dem Mann unterordnen, sie hat sich züchtig und zurückhaltend zu verhalten, zu bewegen und zu kleiden. Sie soll am besten nie das Wort ergreifen, und wenn, dann sollte dies in leiser und keuscher Form geschehen. Sie darf ohne Aufsicht im eigenen Hause niemanden mit Ausnahme der engsten, vom Ehemann zugelassenen Verwandten empfangen. Das Haus darf sie nie ohne Begleitung und nur zum Kirchgang verlassen. (Toro, 160)
Dieses erweckt den Eindruck, daß der Frau keine Wertschätzung erteilt wurde. Heide Wunder analysiert Leichenpredigten aus dem 17. Jahrhundert von Frauen aus gehobenen Ständen, aus denen hervorgeht, daß die Leistung der Ehe- und Hausfrau sehr wohl geschätzt wurde, insbesondere jedoch in Bezug auf das Weiterbestehen des Geschlechts. Darin liegt auch der Grund, warum es für Männer so wichtig war, Frauen möglichst wenig Bewegungsfreiheit zu lassen: Das Kindergebären war neben der Haushaltsführung „weibliche Arbeit“ und Fähigkeit der Frau, das Geschlecht fortzusetzen war für den Mann sehr wertvoll. In den Leichenpredigten findet sich daher in Bezug auf Frauen immer wieder die Metaphorik der Edelsteine, welche als „Wertgegenstände“ besonders verwahrt, beziehungsweise überhaupt verborgen werden mußten, denn die Tugendhaftigkeit der Frau entschied über die Ehre des Mannes 5 (vergl. dazu auch Kapitel 2.3, S. 8). ‘Die Ehefrau repräsentierte die Ehre des Ehemannes und diente seiner Selbstdarstellung in Verwandtschaft, Nachbarschaft und Gemeinde’ (Wunder, 52). Weshalb es für den Mann von Vorteil war, wenn sich seine Frau nur in abgegrenzten Räumen bewegte, in denen er seine Kontrolle ausüben konnte, scheint somit verständlich. Warum jedoch auch die Frauen sich diesem System anpaßten und es dadurch aufrechterhielten begründet Heide Wunder damit, daß der gesellschaftliche Handlungsraum von Frauen (Ehe, Haus und Kirche) nicht wirklich so strikt begrenzt war, sondern eher implizit, die Frauen aber auf Innenräume und die emotionale Ausgestaltung von Ehe und Familie fixiert waren. Der Grund dafür war,
daß Ehe als gesetzte Ordnung im 16./17. Jahrhundert nicht ohne weiteres mit begrenzenden physischen und mentalen Räumen, also dem Haus als Gebäude und der Verinnerlichung der Frauenrolle durch die Frauen selbst, verbunden war; denn erst sie ermöglichen Kontrollen und Selbstbegrenzung im modernen Verständnis. (Wunder, 53)
2.2 Bild der Frau - Identität der Frau?
Die Unfähigkeit der Frau ihre Frauenrolle zu verinnerlichen lag möglicherweise an den männlichen Vorstellungen, die das Bild der Frau prägten. Die Frau erscheint sozusagen als ‘Objekt der Vorstellung des männlichen Subjekts, das sich an ihre Stelle setzt’ (Crampe-Casnabet, 333). Diese männliche Vorstellung ist so ambivalent
und von Verallgemeinerungen und Vorurteilen geprägt, daß die Frau darin gefangen war und es ihr wohl kaum möglich war, sich von diesen Zuschreibungen zu lösen, die als allgemein gültig anerkannt waren, und ein selbständiges Identitätsbewußtsein zu entwickeln. Dieses wäre das Problem aus der heutigen Sicht. Bevor nun überhaupt näher auf diese männlichen Vorstellungen eingegangen wird, welche die Identität der Frau bestimmten, muß aber ein konzeptionelles Problem in Betracht gezogen werden. Heide Wunder forschte zum Thema „Geschlechtsidentitäten im späten Mittelalter und am Beginn der Neuzeit“ und kam zu dem Schluß, daß die Kategorie „Geschlecht“ (im Sinne von „sozialem“ Geschlecht - also der Gruppenzugehörigkeit - weniger im Sinne von „natürlichem“ Geschlecht), wie wir sie heute kennen, zu jener Zeit gar nicht existierte, also, wenn in den Frauen das Bewußtsein, zu einer Gruppe zu gehören, die durch ihr Geschlecht definiert ist, gar nicht ausgebildet war, ist es schwierig, über ihre Geschlechtsidentität Aussagen zu treffen. 6
Der Begriff „Geschlecht“ war im späten Mittelalter und bis ins 18. Jahrhundert hinein gerade keine abstrakte soziale Strukturkategorie, sondern bezeichnete den gerationenübergreifenden Verband von Lebenden, Vorfahren und Nachfahren, den Männern und Frauen gemeinsam bildeten. Der Bezug der einzelnen Männer und Frauen auf diesen Verband bestimmte wesentlich ihre soziale Position, machte sie als einzelne identifizierbar und war erste Instanz ihrer Selbstdefinition. Diese auf den ersten Blick überraschende Beziehung zwischen „Geschlecht“ und „Identität“ bis hinein in das 18. Jahrhundert beleuchtet schlaglichtartig die großen Schwierigkeiten, moderne geschichtswissenschaftliche Fragen für vergangene Wirklichkeiten so zu formulieren und zu erforschen, daß der jeweilige historische Kontext angemessen in den Blick kommt. (Wunder, 133)
Es erscheint also schwierig, das Identitätsbewußtsein der Frauen dieser Zeit zu rekonstruieren. Auch wenn das Bewußtsein eines „sozialen“ Geschlechts nicht ausgeprägt war, so kann man dennoch auf Diskurse zurückgreifen, die ein damals gängiges Bild der Frau entwarfen und sich zumindest eine Vorstellung davon machen, in welche Position dieser öffentliche Diskurs die Frauen drängte. Die Ambivalenz im Bild der Frau zeigte sich im literarischen und philosophischen Diskurs der frühen Neuzeit. Es gab ethische Debatten, die auf Kosten der weiblichen Individualität gingen:
Ya sea de condición diabólica o mala, o naturalmente angelical y pura, a la mujer se la consideraba „otra“ - una criatura superior o inferior al hombre, pero nunca su igual. (Cruz, 256)
Der Frau wurde eine Doppelnatur zugeschrieben. Es gab in der Literatur des 16. Jahrhunderts ein schwärmerisches Feiern der Feminität, in welcher der Dichter in Versen vor allem seine Gemütsbewegungen und sein Liebesleid in Klischees verpackt beschrieb, und in denen die Angebetete kaum präsent war. Das Frauenbild, das dabei propagiert wurde, war (ähnlich wie in unserer heutigen Werbung) völlig verzerrt durch männliche Projektionen. 7 So gab es generell gesehen auf der einen Seite eine glorifizierende Sicht der Frau, die auf bestimmten Schönheits- und Tugendidealen basierte 8 , während auf der anderen Seite der Frau ein diabolischer Charakter, besonders in Bezug auf Sexualität zugeschrieben wurde. Michèle Crampe-Casnabet hat dieses Phänomen in ihrer Studie der Philosophie des 18. Jahrhunderts beschrieben, basierend auf Behauptungen der französischen Philosophen Rousseau und Montesquieu 9 . Die Frau wäre, zum Beispiel, von Natur aus in der Sexualität hemmungslos und von grenzenloser Begierde. Der Mann lebe unter einer ständigen Bedrohung und obgleich er in der Sexualität die aktive Rolle spiele und die Frau nur passiv und schwach sei, provoziere sie ihn mit ihrer Koketterie unaufhörlich (Koketterie und der Wunsch zu gefallen wären ein Teil der weiblichen Natur). Die Natur habe nun ein Mittel vorgesehen, um die weibliche Natur zu zügeln: die Scham, mit der die Frau ihre Leidenschaft mäßige und Angriffe von Männern abwehren könne. Somit beherrsche sie auf subtile Weise den Mann. Kant formulierte ein gängiges Argument so: ‘Ihre sogenannte Schwäche benutzt die Frau in Wirklichkeit dazu, den Mann zu lenken und ihr Wunsch zu gefallen ist nur ein Mittel, um zu herrschen.’ (Crampe-Casnabet, 345f). Die Frau wird also im allgemeinen über die Natur definiert, die, auch wenn sie die Frau mit Schwäche ausstatte, für den Mann stets eine unterschwellige Bedrohung beinhalte.
Arbeit zitieren:
Mag.Phil. Michaela Tomberger, 1997, Zu: Pedro Calderón de la Barca - "El médico de su honra", München, GRIN Verlag GmbH
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