INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 1
1.1. Begriffe der Anlage-Umwelt-Kontroverse 2
1.2. Angeborene und genetische Entwicklungsdefekte 2
1.3. Prä-, peri- und postnatale Schädigungsfolgen 3
1.4. Gene 4
1.5. Geno- und Phänotyp 5
2. Positionen der Nature-Nurture-Kontroverse 6
2.1. Anlage-Umwelt-Modelle 9
2.1.1. Dualistische Theorien 9
2.1.2. Interaktionstheorien 10
2.2. Die Methode der Zwillingsforschung 10
2.3. Verschiedene Methoden der Zwillingsforschung 11
2.3.1. Die häufigste Zwillingsmethode 11
2.3.2. Die zweite Zwillingsmethode 12
2.4. Kritik und Schwächen der Zwillingsforschung 13
2.5. Beispiele der Zwillingsforschung 14
2.6. Die Methode des Rassenvergleichs 16
3. Das Anlage-Umwelt-Problem aus pädagogisch-psychologischer Sicht 17
4. Über das Zusammenwirken von Reifung und Lernen 19
4.1. Beobachtungen von DENNIS bei den Hopi-Indianern 22
4.2. GESELLs Zwillingsstudie 23
4.3. Reifung und Lernen als Determinanten der Entwicklung 24
5. Zusammenfassung 24
6. Literatur 25
__________________________________________________________________________1
1. Einleitung
In meiner Hausarbeit möchte ich der viel debattierten und immer wieder auftauchenden Frage nachgehen, wie die genetische Ausstattung und der Einfluss der Umwelt auf den Menschen einwirken. Ist der Mensch schon bei der Zeugung ein „fertiger“ Mensch mit all seinen Wünschen, Vorstellungen, Vorlieben, Meinungen oder entwickelt er seinen individuellen Charakter während seines komplexen Lebens, abhängig von der Umwelt, in der er sich befindet, welches durch so viele Zufälle geprägt ist ?
Ich könnte mir vorstellen, dass ein Mensch, der in Afrika geboren und aufgewachsen ist ein ganz anderer ist als der gleiche Mensch, der in Europa aufgewachsen wäre. Auf den folgenden Seiten soll ein Einblick über diese Anlage-Umwelt-Kontroverse gegeben werden.
Im ersten Kapitel wird ein Überblick über entscheidende grundlegende Schlüsselbegriffe, die in der Verhaltensgenetik unumgänglich sind, gegeben.
Im zweiten Kapitel wird der zeitlich extreme Wechsel der Positionen der Anlage-Umwelt-Kontroverse dargestellt. Mit Hilfe von verschiedenen Wissenschaftlern und Psychologen, die sich mit der Grundfrage nach dem Grad des Einflusses von Anlage- und Umweltfaktoren auf die Entwicklung wissenschaftlich beschäftigten, werden die kontroversen Positionen der Anlage-Umwelt-Problematik vorgestellt und erläutert. Es werden Methoden, die der Anlage-Umwelt-Kontroverse dienten und immer n och dienen mit allen ihren Zielen, Theorien und Schwächen beschrieben, z.B. Zwillingsforschung oder der Rassenvergleich. Im letzten Kapitel meiner Hausarbeit stelle ich die Anlage-Umwelt-Problematik aus der pädagogisch-psychologischen Sicht vor.
Da ich S onderpädagogik studiere, fand ich es nicht uninteressant, dieses Thema auch von dieser Seite zu beleuchten.
__________________________________________________________________________2 1.1 Begriffe der Anlage-Umwelt-Kontroverse
Die Anlage- u nd Umwelt-Kontroverse ist eine der ältesten der Welt. Namenhafte Forscher nennen diesen Diskurs in Fachtermini Nature-Nurture-Kontroverse. Erfunden wurde dieses Begriffspaar nicht erst in der modernen Psychologie. Seit geraumer Zeit beschäftigen sich Philosophen mit der Frage, ob der Mensch gut oder böse auf die Welt kommt. Shakespeare
brachte es auf den Punkt: „ A devil, a born devil, on whose nature nurture can never stick“ 1 , lässt der Dichter in seinem Werk „Der Sturm“ den Zauberer Prospero über den niederträchtigen Caliban sagen, was soviel heißt wie „ein geborener Teufel, dessen Natur durch Erziehung nicht zu ändern ist.“
In der Vergangenheit und auch gegenwärtig werden Fragen gestellt, ob der Mensch als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt oder ob sein Schicksal in den Genen feststeht, ob die Erbanlagen den Charakter prägen oder er von der Umwelt geprägt ist. Um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, soll an dieser Stelle kurz definiert werden, was unter Anlage und Umwelt verstanden wird.
Mit d em Begriff „Umwelt“ (engl. nurture) werden alle nicht erblichen Faktoren bezeichnet. Diese erstrecken sich von der intra- und interzellulären bis zur äußeren Umwelt. Einige Beispiele bezüglich der äußeren Umwelt seien hier genannt: psychosoziale Faktoren ( z.B. Angst), sowie verschiedene Lebensumstände (z.B. arme Familie).
Der Zeitraum der Umweltfaktoren erstreckt sich von der Empfängnis bis hin zum Tode eines Menschen.
Der Begriff „Umwelt“ wird auch mit Erfahrungen gleichgesetzt. Bei dieser Gleichsetzung sollte man allerdings vorsichtig sein, denn Erfahrungen sind keine allzu verlässliche Quelle, weil sie keine einheitlichen Dimensionen darstellen. Manche Erfahrungen bzw. Erfahrungstypen betreffen ein einzelnes Individuum, andere existieren in der Umwelt a ls allgegenwärtige Konstante, der jeder Mensch ausgesetzt ist.
Unter „Anlage“ (engl. nature) versteht man alle physischen und psychischen Merkmale, die üblicherweise für erblich gehalten und von Generation zu Generation durch DNA-Unterschiede weitergegeben werden. Allerdings sind nicht alle genetisch bedingten Einflüsse auf die Entwicklung ererbt.
Man unterscheidet angeborene Störungen, die genetisch oder die nicht genetisch bedingt sind. Eine angeborene Störung kann eine Veränderung der Morphogenese, also eine Entwicklung der äußeren Form des Lebewesens bedeuten, z.B. der Säugling hat keine Augen, oder handelt sich um eine Veränderung des Stoffwechsels, die nicht sofort ersichtlich ist. 1.2 Angeborene und genetische Entwicklungsdefekte
Man unterscheidet vier Kategorien von morphologischen Entwicklungsdefekten. Normale Entwicklung
Die Anlage ist völlig gesund, die Entwicklung der Frucht während der Schwangerschaft ist regulär, die Geburt des Kindes verläuft auch ohne Komplikationen. Das Kind ist völlig gesund.
___________________________________________________________________________
1 William Shakespeare. Band 3. Der Sturm. In der Übersetzung von Erich Fried. Hrsg. Friedmar Apel. Berlin 1995, S. 610.
__________________________________________________________________________3
1. Primäre Fehlbildung
Primäre Fehlbildung bedeutet, dass die Anlage nicht so angelegt ist, wie sie sein sollte, sie ist umweltstabil und gleichzeitig nicht durch äußere Einflüsse veränderbar. Ein Beispiel für die primäre Fehlbildung wäre ein missgebildeter Finger.
2. Sekundäre Fehlbildung (Disruption)
Bei der sekundären Fehlbildung ist die Anlage völlig gesund. Bis zu einem bestimmten Schwangerschaftspunkt verläuft die Schwangerschaft normal, aber aus einem bestimmten oder auch u nbestimmten Grund kommt es im Laufe der Schwangerschaft zu einer Entwicklungsveränderung der Frucht. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich die Entwicklung. Die Ursache für eine Disruption könnte eine infektiöse Erkrankung der Mutter während der Schwangerschaft (z.B. Röteln) sein.
3. Deformation
Bei dieser Art des Entwicklungsdefektes ist die Anlage völlig gesund. Die Deformation entsteht z.B. gegen Ende der Schwangerschaft durch zu wenig Fruchtwasser. Dabei kommt es zur Abflachung des Hinterkopfes bei langanhaltender einseitiger Lagerung.
4. Dysplasie
Bei der Dysplasie ist die Anlage im Sinne einer genetischen Störung anders. Durch den angeborenen Defekt entwickelt sich die Frucht während der Schwangerschaft so weiter. Ein Beispiel wäre das Hämangiom, dies ist eine gutartige Neubildung von Blutgefässen.
1.3 Prä-, peri-, und postnatale Schädigungsfolgen
Es kann während der Schwangerschaft zu prä-, peri- und postnatalen Schädigungen oder auch chromosomalen Abnormalitäten (Down-Syndrom) kommen. a). Pränatale Schädigungsfolgen
Unter pränatalen Schädigungsursachen versteht man die Schädigung der Frucht im Zeitraum ab der 4.-12. Woche oder auch schon vorher. Risikofaktoren sind:
•
Eine schlechte soziale Stellung der Mutter und mangelhafte
Ein Beispiel der pränatalen Schädigungsursachen wäre eine Alkoholembryopathie, wobei die Frucht morphologische Veränderungen erfährt. b). Perinatale Schädigungsursachen
Sie entstehen um die Geburt herum. Das Kind ist vor und während der Geburt erheblichen Belastungen ausgesetzt. Komplikationen und Folgen im Allgemeinen werden unter dem Begriff „Geburtstrauma“ zusammengefasst.
__________________________________________________________________________5 Der Weg von den Genen zum Verhalten weckt seit den 60er Jahren unter dem Namen Verhaltensgenetik (behavioral genetics) ein reges Interesse. Der Forschung sind viele Steine in den Weg gelegt worden, weil die Beziehung zwischen den Genen und dem Verhalten immer indirekt ist.
Gene sind chemische Substanzen, die über verschiedene Zwischenstufen das Potential zur Ausbildung von Verhaltensmerkmalen beinhalten.
Aber grundsätzlich gibt es keine direkte Genwirkung auf das Verhalten. Es gibt kein Gen für Aggression, Alkoholismus oder Intelligenz.
Am Beispiel der Phenylketonurie l ässt sich die Genwirkung plakativ darstellen. Bei diesem genetischen Defekt bewirkt das fehlerhafte Gen, dass ein bestimmtes Enzym zum Abbau von Phenylalanin nicht produziert wird. Phenylalanin wird nicht wie in der Regel zu Thyrosin umgewandelt, dies führt zu Dopaminmangel. Folglich wird das Gehirn geschädigt, es kommt zur Reizbarkeit, Überaktivität und zu geistigen Beeinträchtigungen. Eine rechtzeitige Diät kann eine Behinderung weitgehend verhindern.
Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Zusammenhänge zwischen Genetik und Verhalten und auch die Auswirkungen der Umwelt sehr komplex sind. Der genetische Einfluss lässt sich auch deshalb schwer bestimmen, weil die meisten menschlichen Eigenschaften polygen sind, d.h. durch mehrere Gene verursacht werden. Es wird sehr oft von einem Computerprogramm gesprochen, wenn man über die genetische Information spricht. OYAMA (1989) warnt vor einer Benutzung einer Programm-Metapher in Bezug auf die genetische Information, weil sie zu irreleitenden Implikationen führen könnte. Sie trägt auch nicht zum Verständnis von Entwicklungsprozessen bei. Es werden nicht Merkmale vererbt, sondern Gene, die polygene Wirkungen haben. OYAMA behauptet, dass die Programm-Metapher zu der Vorstellung verleitet, die genetische I nformation müsste ein entsprechendes Merkmal hervorrufen.
Der Weg vom Genotyp zum Phänotyp bietet viele Ansatzpunkte für abschwächende und verstärkende Faktoren, so dass sich ein breites Spektrum von Möglichkeiten ergeben kann.
1.5 Der Geno- und der Phänotyp
Um auch an dieser Stelle Missverständnissen aus dem Wege zu gehen, werden die Begriffe Phänotyp und Genotyp definiert.
Unter Genotyp versteht man die individuelle genetische Ausstattung eines Organismus, die Gesamtheit der Allele in jeder seiner Zellen. Der Genotyp eines Individuums bleibt das ganze Leben über unverändert.
Unter dem Begriff der Phänotyps versteht man die beobachtbaren Charaktereigenschaften eines Organismus, zu denen neben dem Erscheinungsbild auch Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale zählen. Im Gegensatz zum Genotyp ist der Phänotyp lebenslangen Veränderungen unterworfen. Die Veränderungen ergeben sich aus der Wechselwirkung vom Genotyp und der Umwelt, denen unterschiedliche Grenzen gesetzt sind. Weitere Überlegungen, die sich auf die Definitionen stützen, lauten wie folgt. Der gleiche Genotyp kann unter verschiedenen Umweltbedingungen zu unterschiedlichen Phänotypen führen.
Arbeit zitieren:
Kamila Urbaniak, 2002, Was ist angeboren, was ist anerzogen? Die Anlage-Umwelt-Kontroverse aus pädagogisch-psychologischer Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
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