Gemeinsinn orientierte Strömung laut beklagt: d er soziale Kitt leidet an Schwindsucht, und die Familie ist im Begriff sich aufzulösen. Der Masseneremit, wie Anders den in Massen vereinzelt lebenden, in seine Privatheit verbannten Menschen bezeichnet, tritt den Siegeszug an. Hierbei schreibt Anders dem TV eine Schrittmacherfunktion zu. Er erkennt, daß das „soziale Symptommöbel der Familie: der massive, in der Mitte des Zimmers stehende, die Familie um sich versammelnde Wohnzimmertisch“ beginnt „seine Gravitationskraft einzubüßen... Nun erst hat er, eben im Fernsehapparat, einen echten Nachfolger gefunden; nun erst ist er durch ein Möbel abgelöst, dessen soziale Symbol- und Überzeugungskraft sich mit der des Tisches messen darf, was freilich nicht besagt, daß TV nun zum Zentrum der Familie geworden wäre. Im Gegenteil: was der Apparat abbildet und inkarniert, ist gerade deren Dezentralisierung, deren Exzentrik; er ist der negative Familientisch.“ 2
Sprachverkümmerung
Der Tisch war der gemeinsame Mittelpunkt, der die um ihn sitzenden
Familienmitglieder dazu angehalten hatte, die Blicke und Gespräche hin und her spielen zu lassen, anders der Fernsehapparat, welcher zum gemeinsamen Fluchtpunkt wird. Die Sitzordnung vor der Mattscheibe läßt die Möglichkeit, einander anzusehen aus Versehen zu; miteinander zu sprechen wird zur Seltenheit. Die Sprache verkümmert. „Denn was man lernt, ist eben nur das Hören. In die aus diesem Grunde bei Unterhaltungen immer wieder entstehenden Lücken dröhnt, z. B. in den Diskotheken, ein Musiklärm, der Miteinandersprechen nicht nur unmöglich macht, sondern auch darauf abzielt, die Tatsache zu übertäuben, daß man miteinander nicht mehr sprechen will, kann oder können will oder wollen kann.“ 3 In allen Kultursprachen sei eine „Sprachvergröberung, -verarmung und -unlust“ 4 zu verzeichnen. Der von den elektronischen Medien behandelte Mensch wird infantil, nämlich unmündig und hörig.
Die Welt wird mediengerecht
Die Sprache verkümmert, wo alle hörig werden. Auch eigene Erfahrungen werden kaum noch gemacht. Schließlich kommt die Welt durch die Kluturwasserhähne Radio und Fernsehen ins Haus, weshalb wir nicht mehr eigens zu ihr hinausfahren. Das geht so weit, daß nur das als wirklich gilt, was als Welt auf dem Bildschirm erscheint. Der Schein wird zum Sein, die Welt zum Phantom und zur Matrize. In ihr findet ein Ereignis auf Grund einer mediengerechten Verwertbarkeit statt: Fußballspiele, Politikerreden, Aktionen und Demonstrationen. „Am Anfang war die Sendung, für sie geschieht die Welt.“ 5
Abschied vom Humanismus?
2 Ebenda, S. 105f, Hervorhebung im Original.
3 Anders, Günther: Ketzereien, München: C. H. Beck, 1982, S. 184.
4 Anders, Günther: Die Welt als Phantom ..., a. a. O., S. 109.
5 Ebenda, S. 191.
6 Mit der globalen Bilderflut beginnt für Anders das „postliterarische Analphabetentum.“ Heute sind freilich die die Analphabeten der Zeit, die den digitalen Code nicht verstehen. Sie sind die antiquierten Geschöpfe in der technischen Welt von heute und damit - aus Sicht der technischen Welt - überflüssig. Soll der Mensch „überflüssig“ und damit human bleiben? Auf die Frage, ob mit dem Titel „Die Antiquiertheit des Menschen“ Anders Motive dafür geben wollte, antiquiert zu bleiben, oder ob der Sachverhalt nur zu beklagen sei, hat er z unächst ausweichend geantwortet: „Weder noch“, um dann für die Rettung des ökologisch 7 Die technischen gefährdeten und atomar bedrohten Menschen das Wort zu ergreifen. Revolutionen bringen Anders zufolge aber nicht nur eine Gefährdung der Ökosysteme mit sich, sondern zersetzen im Falle der von ihm kritisierten Medien auch das soziale Zusammenleben der Menschen und stellen das Verhältnis von Sein und Schein auf den Kopf. Dagegen hat Anders in der „Welt als Phantom und Matrize“ angeschrieben. Er empfahl daher auch dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly, mit dem er in den späten 50er/frühen 60er Jahren einen Briefwechsel führte, sein Schicksal in Hollywood nicht verfilmen zu lassen, da es damit zur Matrize für die Produktion von Unterhaltungsware werde. Später m einte Anders aber, Verfilmungen könnten besser sein als nichts - er meinte dabei den Film „Holocaust“, der 8 die Vergangenheit den Zeitgenossen näher gebracht habe Volker Kempf
Eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien unter der Überschrift „Das Ende der Humanität“ im Journal „ÖkologiePolitik“, Heft März 1997, S. 11.
Weitere Texte zur Philosophie von Günther Anders unter: http://www.volker-kempf.de/anders.html
6 Ebenda, S. 3.
7 Vgl. das Interview von Matthias Greffrath: Den Tod der Welt vor Augen, in: Schubert, Elke (Hg.): Günther Anders antwortet, Berlin, 1987, S. 65f.
8 Vgl. Anders, Günther: Vorwort, in: ders.: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. I, a. a. O., S. XII-IX; sowie ders.: Besuch im Hades, München: C. H. Beck, 1979, S. 179-217; bzw. Anders, Günther: Off limits für das
Gewissen. Der Briefwechsel zwischen dem hiroshima-Piloten Claude Eatherly und Günther Anders (1959- 1961), in: Hiroshima ist überall, München: C. H. Beck, 1982, S. 191-361
Arbeit zitieren:
Volker Kempf, 1997, Der negative Familientisch, München, GRIN Verlag GmbH
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