Das durch Savigny geschulte historische Denken stellten die Brüder Grimm fortan gleichsam in den Dienst der Dokumentation und Erforschung der mittelalterlichen deutschen Literatur (vornehmlich der namenlos überlieferten Epen = große, in gleichbleibendem Vermaß, in gehobenem Stil verfaßte Erzähldichtung, meist über Mythen) wie der anonym und z.T. noch mündlich überlieferten Volkspoesie. Durch Armin/Brentanos Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn, die 1805 und 1808 in drei Bänden mit einem Anhang „Kinderlieder“ erschien, an der sie seit 1806 tatkräftig mitarbeiteten, gewannen die beiden Einblick in die Praxis des Sammelns und Publizierens alter literarischer und volksläufiger Texte. Ihren dabei schnell wachsenden Kenntnissen auf diesem Gebiet kam auch ihrer beruflichen Tätigkeit als Kasseler Bibliothekare zugute.
Die politische Situation verschlechterte sich und die Brüder bekamen keine Anstellung und waren somit ohne Einkommen. Ein herber Schlag traf sie, als ihre Mutter am 27.Mai 1807 starb. Mit 23 Jahren wurde Jacob das Familienoberhaupt. Diese Stellung behielt er sein Leben lang. Wilhelm reiste zur Tante nach Gotha. Jerôme Bonaparte, der Bruder Napoleons, wurde König vom Königreich Westfalen und Kassel zur Hauptstadt. So wurde Jacob zum königlichen Verwalter der Bibliothek. Ludwig, der jüngste der Brüder, ging zu Brentano und Arnim nach Heidelberg. In dieser Zeit wurde Wilhelm krank, und seiner Atembeschwerden, die Schmerzen auf der Brust wurden immer stärker. Jacob war ein Bewunderer von Goethe und dies veranlaßte ihn, Goethe zu besuchen.
Am 20.Dezember 1812 erschien „Kinder- und Hausmärchen“, das für Erwachsene gedacht war, zum ersten Mal. Die Zeichnungen machte ihr Bruder Ludwig. Erst als die Kinder in Koblenz und die von Savigny so begeistert waren, entschlossen sie sich an die Planung des zweiten Bandes heranzuwagen, der 1814 herauskam.
Im selben Jahr nahm Jacob am Wiener Kongreß teil, der ihn enttäuschte. Er war Mitarbeiter der von Joseph Görres herausgegebenen Zeitschrift „Rheinischer Merkur“, die als anti- napoleonisches Kampfblatt geschätzt war. 1816 erfolgte das Verbot des „Rheinischen Mekurs“.
Inzwischen hatten sich die Brüder auch in den Kreisen der Gelehrten einen Namen geschaffen und so kamen Humboldt, Schlegel, Tieck, Schleiermacher und Schopenhauer zu ihnen.
Der zweite Band der Grimms „Deutsche Sagen – Herausgegeben von den Brüdern Grimm“ mit den „Geschichtlichen Sagen“ erschien 1818, der ausschließlich auf eigene Quellenstudien beruhte und sich zu den 1816 veröffentlichten „Ortssagen“ unterschied.
Jacobs wissenschaftliche Arbeit galt vornehmlich seinen sprachgeschichtlichen Untersuch- ungen, während Wilhelm sich der erweiterten und überarbeiteten Neuauflage der Kinder- und Hausmärchen widmete, verbunden mit einer wissenschaftlichen Kommentierung.
In der Dieterichschen Buchhandlung in Göttingen erschien 1819 der Erste Teil der Deutschen Grammatik – von Jacob Grimm. Im selben Jahr erschien auch die dreibändige Neuauflage der Kinder- und Hausmärchen. Die beiden ersten Bände schmückten Radierungen ihres Bruders Ludwig: eine Illustration zu Brüderchen und Schwesterchen.
1822 wurden ihre Märchen ins Englische übersetzt.
Am 15.Mai 1825 heiratete Wilhelm und noch im selben Jahr wurde Jacob, sein erster Sohn geboren. Sein zweiter Sohn, Herman, kam 1828 auf die Welt. In dieser Zeit schrieb Jacob eine Quellensammlung „deutsche Rechtsaltertümer“. 1826 erschien der zweite Band der Deutsche Grammatik. Von der Berliner Universität erhält Jacob die Ehrendoktorwürde.
Wilhelms wissenschaftliches Hauptwerk „Die deutschen Heldensage“ erschien 1829 in Göttingen.
Im Oktober erhielten die Brüder das Angebot, in Göttingen in den Staatsdienst des Personalunion mit Großbritannien verbundenen Königreich Hannover zu treten: Jacob als ordentlicher Professor und, wie auch Wilhelm, als Bibliothekar. Die Mißachtung, die sie durch ihren Landesherrn erfahren hatten, bestimmte sie, dem Ruf zu folgen.
1830 traten Jacob und W ilhelm ihren Bibliotheksdienst an. Von der akademischen Gesellschaft sahen sich die Grimms freundlich aufgenommen. Mit dem Historiker Friedrich Christoph Dahlmann (1785 -1860), dem Germanisten und Oberbibliothekar Georg Friedrich Benecke (1762-1844) und dem Altertumsforscher Karl Otfried Müller (1797-1840) pflegten sie engeren Umgang.
Mit dem Sturz der Bourbonen durch die Julirevolution (27.-29.Juli) und der Errichtung der „Bürgertums“ durch Louis-Philippe (1773-1850) gewann auch in den deutschen Staaten die Opposition gegen die Restauration des Feudalismus neuen Auftrieb. Jacob sah die Bedeutung der „Weltereignisse“ klarer als Wilhelm und beklagte sich darüber, daß das Bestreben nach kaufmännischem Wohlergehen überall überhand nehme.
Bei Dieterich erschien 1831 der dritte Teil der deutschen Grammatik Jacobs. Zur selben Zeit erhielt Wilhelm an der Göttinger Universität eine außerordentliche Professur.
Ein Jahr später schlug Karl Lachmann (1793-1851) der Berliner Akademie der Wissenschaft die M itgliedschaft der Brüder Grimm vor. Jacob wird auswärtiges, Wilhelm korrespondieren- des Mitglied.
In B erlin erschien 1834 Reinhart Fuchs. Obwohl das Titelblatt nur Jacob Grimm als Herausgeber nennt, betrachten es die beiden als gemeinsames Werk. Es enthielt Quellen zur Überlieferung jener Tierfabeln, aus der Goethe den Stoff zu seinem 1794 veröffentlichten Versepos „Reinecke Fuchs“ gewonnen hatte.
Gegen E nde des Jahres stand Wilhelm unter starker k örperlicher Belastung, die ihn, verbunden mit depressiven Gemütszuständen, auch in der ersten Hälfte des folgenden Jahres an der Ausübung seiner Ämter hinderte.
Mit dem vierten Teil schließt Jacob Grimm1736 seine Deutsche Grammatik ab.
1837 feierte man 100 Jahre Göttinger Universität, und auch die Brüder feierten mit. Z ur selben Zeit bestieg Victoria den Thron und besiegelte damit die Trennung Hannovers von England. Ernst August wurde König von Hannover und die V erfassung wurde aufgehoben. Das Militär, die Beamten und Professoren wurden ihres Verfassungseides enthoben. So entstand an den Universitäten große Unruhe. Jacob und Wilhelm wollten diesen Eid, wie viele andere auch, nicht brechen. Nach einer Reihe von Vorbesprechungen verfaßte Dahlmann am 18.November einen als „Vorstellung“ betitelten Protest, der die Unterschrift Dahlmanns, der beiden Grimms, des Juristen Wilhelm Eduard Albrecht (1800-1876), des Orientalisten Georg Heinrich August Ewald (1803-1875), des Physikers Wilhelm Eduard Weber (1804-1891) und des Literarhistorikers G eorg Gottfried Gervinius (1805-1871) trug. Dieser wurde dem Univer- sitätskuratorium vorgelegt. Tausende von Abschriften waren schon nach wenigen Tagen in ganz Deutschland verbreitet. Der Kurator der Universität forderte vergeblich einen Widerruf. Daraufhin werden die sieben Professoren vom Universitätsgericht vernommen und schließlich am 11.Dezember als „Göttinger Sieben“ entlassen. Gervinus, Jacob und Dahlmann wurden als Anführer gebrandmarkt und wurden innerhalb von drei Tagen des Landes verwiesen.
Hunderte von Göttinger Studenten marschierten daraufhin zu Fuß zu der hessischen Grenzstadt Witzenhausen, um hier im Ratssaal von Dahlmann, Gervinus und Jacob Abschied zu nehmen. L etzterer b egab sich nach Kassel, während Wilhelm mit seiner Familie in Göttingen zurückblieb.
In ihrem Kasseler Exil lebten die beiden recht zurückgezogen und kümmerten sich um ihre Arbeit, jedoch verband sie ein weitreichender Briefwechsel mit der gelehrten Welt. Die hessische Kurfürstin Auguste bezeugte den Brüdern ihr Wohlwollen, aber am meisten kümmerte sich Bettina von Arnim um die Verbannten. Diese sah in Preußen Möglichkeiten für die beiden, obwohl sie keine Lust hatten, Kassel abermals zu verlassen. Da änderte sich die politische Szene in Preußen entscheidend. König Friedrich Wilhelm III. starb am 7. Juni 1840, ihm folgte in der Regierung sein Sohn Friedrich Wilhelm IV., den man den „Romantiker auf dem Thron“ nannte und dessen freiheitliche Meinung bekannt war. Er öffnete die Gefängnistore für die eingesperrten Burschen.
1840 erschien eine dritte Ausgabe der Märchen. In diesem Jahr wurde auch Wilhelm entlassen. Durch Bettina von Arnim bekamen beide eine Stellung in Berlin. Ende des Jahres erschien die vierte Auflage der Kinder- und Hausmärchen, die sie Bettina von Arnim widmeten. 1841 zogen sie nach Berlin um, wo sie Vorlesungen gaben.
Die schlichten Brüder, die nie auf äußeren Glanz Wert gelegt hatten, wurden in die Gesellschaft der preußischen Hauptstadt eingeführt. Jacob wurde freilich auch in Berlin kein rechter Freund solcher Hofgesellschaften, Professorenbälle oder Studentenfeste. Sein Ansehen litt n icht darunter und seine Leistungen wurden trotzdem öffentlich anerkannt: 1841 erhielt er den Orden der französischen Ehrenlegion, und 1842 überreichte man ihm den neu gestifteten Orden Pour le m érite. Allerdings konnte sich Jacob über diese Ehrungen nur leicht freuen, da etwa zur gleichen Z eit sein Bruder Wilhelm schwer und lebensgefährlich erkrankte. Auch Jacob klagt 1843/44 über gesundheitliche Störungen.
Jetzt war auch schon die 5.Auflage ihrer Kinder- und Hausmärchen erschienen und Jacob freute sich über den wachsenden Erfolg ihres gemeinsamen Märchenwerkes.
Beide reisten viel in der Welt herum, um Vorträge zu halten. Auf diesen reisen genossen sie die Schönheit und die Kunst der Länder.
Die Brüder gehörten seit ihrer J ahre in Berlin wieder ganz alleine der wissenschaftlichen Arbeit.
1846 debattierte man auf Tagungen, bei p olitischen Begegnungen, auf fachlichen Kongressen und auf der ersten Germanistenversammlung den Wunsch nach einer deutschen Einigung. Ein Menschenalter hatte es gedauert, bis die neue Wissenschaft sich in dieser Tagung zusammenfand. Etwa zweihundert Sprachforscher, Historiker und Juristen waren zusammen- gekommen. Uhland machte den V orschlag, Jacob Grimm zum Vorstand zu berufen. Einstimmig folgte man diesem Antrag und bekannte damit, dass Jacob sich um die Entwicklung der Germanistik in entscheidender Weise verdient gemacht hatte.
Die Brüder Grimm waren um 1850 in die Jahre gekommen, in denen die meisten Menschen von ihrem Amt zurückziehen. Sie beendeten zwar ihre Vorlesungen an der Universität, gaben aber ihre Dozententätigkeit nicht auf. Ihre Zeit erfüllten sie bis zuletzt als Forscher und Gelehrte.
Am 16. Dezember 1859 stirbt Wilhelm und am 20. September 1863 Jacob, wobei er sein Wörterbuch unvollendet zurücklassen musste.
Die Märchen der Brüder Grimm
Jacob und Wilhelm Grimm haben die Märchen in m ühevoller Kleinarbeit gesammelt und auf der Suche nach immer neuen alten Quellen haben die beiden die Märchen zusammengetragen und 1812 zum ersten Mal herausgegeben.
Mit dieser schriftlichen Fixierung haben sie den Märchen einen Platz in der „offiziellen“ Literatur verschafft, sie vielen anderen Menschen zugänglich gemacht, einen neuen Umgang mit ihnen und eine andere Verwendung ermöglicht – beispielsweise als Erziehungsmittel. Die Brüder reisten viel umher, um an die etlichen Märchen zu kommen. Diese waren Schöpfungen des Volkes. Es war nicht die reiche Schicht, die diese Geschichten erzählte, sondern d ie leibeigenen Bauern, Köhler, Holzfäller, der Handwerker und Diener. Märchen sind die Mythen des einfachen Volkes, Geschichten armer Leute. Not, Armut und Hunger bildeten vielfach den Hintergrund grausamer Märchen. In einer hoffnungslosen Situation wird die Phantasie unter Umständen in Sinne einer halluzinatorischen Wunscherfüllung übersetzt. Wunscherfüllung wird geträumt, ohne realitätsverändernde Erwartung. Märchen als Tagträume einfacher Leute.
Zum Abschluss einige bekannte Märchen der Brüder Grimm mit erkennbaren Parallelen zum damaligen Leben:
- Hänsel und Gretel (1812)
- Aschenputtel (1812)
- Rotkäppchen (1812)
- Dornröschen (1812)
- Schneewittchen (1812)
- Rumpelstilzchen (1812)
- Die Sterntaler (1812)
- Die Gänsemagd (1815)
- Der süße Brei (1815)
- Das Märchen vom Schlaraffenland (1815)
- Hans im Glück (1819)
- Schneeweißchen und Rosenrot (1837)
- Der Hase und der Igel (1843)
Arbeit zitieren:
Noëlle Senkel, 2001, Die Brüder Grimm, München, GRIN Verlag GmbH
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