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Holocaust in der Grundschule?

Anderes, 2000, 11 Seiten
Autor: Norbert Lindemann
Fach: Politik - Didaktik, politische Bildung

Details

Kategorie: Anderes
Jahr: 2000
Seiten: 11
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V102023
ISBN (E-Book): 978-3-640-00421-8

Dateigröße: 138 KB


Volltext (computergeneriert)

Autor: Norbert Lindemann

Thema: HOLOCAUST

Historisches, politisches und soziales Lernen am Beispiel eines Schlüsselproblems

Auswertung der Forschungswerkstatt und der Präsentation der Forschungsergebnisse

CHRONOLOGIE DES HOLOCAUST

1933  
30. Januar o Regierungsantritt ADOLF HITLERS / Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland
o Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen (1933 etwa 500 000 Menschen) und anderer unerwünschter Minderheiten
(Sinti und Roma, Asoziale, Behinderte, Homosexuelle)
1. April o NS-Führung fordert den Boykott jüdischer Geschäfte / Ausschreitungen der SA gegenüber den Juden begleiten den Boykott
7. April o Ausgliederung von Menschen jüdischer Herkunft aus der Beamtenschaft (,,Arier-Paragraph")
14. Juli o Herabstufung der Juden zu einer Gruppe minderen Rechts (,,Staatsangehörigkeits-Gesetz")
1935 o erste Inhaftierungen in Konzentrationslager (KZ)
15. September o völlige politische Entrechtung und Diskriminierung der Minderheiten durch Rassengesetze (,,Nürnberger Gesetze" #  ,,Reichsbürgergesetz")
1938  
23. Juli o Einführung der Kennzeichnungspflicht (ab 15. September 1941 ,,Judenkennzeichen")
7. November o Attentat auf deutschen Botschaftssekretär E. VOM RATH in Paris (aus Protest gegen die Austreibung von etwa 17.000 Juden polnischer Nationalität aus Deutschland in das nicht aufnahmewillige Polen)
o E. VOM RATH stirbt am 9. November an den Folgen des Attentats)
9./10. November
o Reichspogromnacht (NS-offiziell ,,Reichskristallnacht")
- weit über 1000 Synagogen brennen / Gebetshäuser und zahlreiche jüdische Friedhöfe werden zerstört / 7500 jüdische Wohn- und Geschäftshäuser werden verwüstet
- 91 Menschen finden den Tod / mehr als 30 000 werden verhaftet, viele von ihnen werden in KZ gebracht
o Berufsverbot für jüdische Ärzte und Anwälte
o kollektive Sondersteuer für Juden als ,,Sühnesteuer"
o Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftssystem o völlige Entrechtung der Juden im Deutschen Reich
1939  
30. Januar o Reichstagsrede: HITLER droht dem angeblich zum Krieg hetzenden ,,Weltjudentum" den Untergang an
1940  
ab Frühsommer o systematische Tötungen jüdischer Patienten in Anstalten (erste Massenvergasungen)
ab 1941 o Emigrationsverbot für Juden
Sommer o auf HITLERS Initiative beginnen die Maßnahmen zur ,,Endlösung der Judenfrage"
31. Juli o Auftrag zur ,,Gesamtlösung" an den SD (letzte Festlegungen auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942)
o systematische und organisierte Konzentrierung (Gettoisierung) sowie Deportierung der europäischen Juden geht in umfassende physische Vernichtung über
ab Oktober
o Deportationen der Juden aus dem Gebiet des Deutschen Reiches in Gettos
- ,,Vernichtung durch Arbeit" (Grundlage und Instrument der NS-Vernichtungspolitik) (fordert bis April 1942 über 500 000 Opfer)
ab Herbst o in Polen entstehen fabrikmäßige Vernichtungslager (Auschwitz, Treblinka,...)
1942  
vom 26. März o Juden werden zur Vernichtung (Vergasung) in Lager transportiert (NS-offiziell ,,Umsiedlung zur Räumung der Gettos")
bis November 1944 (fordert mindestens 3 Mio. Opfer)
1945  
März/April o viele Juden sterben auf ,,Todesmärschen"
   

Insgesamt fielen, vor allem zwischen 1941 und 1944, etwa 6 Mio. europäischer Juden dem Holocaust zum Opfer.

Teil 1: Planung

Vorüberlegungen

,,Historisches, politisches und soziales Lernen im Sachunterricht am Beispiel eines Schlüsselproblems" (z.B. Thema ,,Holocaust") - so hieß das Thema der ,,Arbeitsgruppe Holocaust". Die grundsätzliche Fragestellung, die sich der Arbeitsgruppe stellte, lautete:

Ist ,,Holocaust" ein Thema für die Grundschule?

Diese kontrovers zu diskutierende Fragestellung ließ sich in unserer Arbeitsgruppe nicht uneingeschränkt mit Ja oder Nein beantworten, weshalb es uns wichtig erschien, diese zentrale Frage auch gemeinsam mit den Seminarteilnehmern zu diskutieren.
Wenn man der Meinung ist, ,,Holocaust" sei bereits ein Thema für Kinder im Grundschulalter, so müssen sich daran Fragen vor allem der Didaktik anschließen: ,,Wie kann (muss) das Thema behandelt werden, wenn es sich an der Lebenswirklichkeit und dem Entwicklungsstand der Kinder orientieren soll? Wie kann man es anschaulich gestalten und dabei gleichzeitig den Blick für historische und politische Fakten bewahren?" Und schließlich die Frage: ,,Wie kann man Unterricht so gestalten, dass dieser handlungsorientiert ist?"
Verneint man eine Thematisierung des ,,Holocaust" in der Grundschule, so darf dies nicht unbegründet erfolgen und vor allem muss man sich über die Konsequenzen im Klaren sein: ,,Wie geht man mit Fragen der Kinder zu diesem Thema um? Was ist zu tun, wenn Kinder aus Büchern, aus dem Fernsehen oder aus Erzählungen etwas über das Thema erfahren haben und sie mehr darüber wissen wollen?"

Am Anfang der Planung stand ein Brain-Storming innerhalb der Arbeitsgruppe. Dabei wurde bereits deutlich, dass dieses Thema viele verschiedene Möglichkeiten der Auseinandersetzung bietet. Gleichzeitig wurde aber auch die Schwierigkeit deutlich, ein so sensibles Thema kindgerecht zu behandeln, ohne dabei die Verbrechen, die Morde und die Millionen von Opfern zu verschweigen.
Die Präsentation der Forschungsergebnisse durch die Arbeitsgruppe war bewusst so angelegt, dass sich Vorträge zum Thema und Zeit zur eigenständigen Auseinandersetzung mit den Materialien abwechseln.
0. Bereits vor der Seminarsitzung wurden die Tische der letzten Sitzreihe mit Davidsternen versehen. Damit sollte versucht werden, bei den Seminarteilnehmern Reaktionen, Fragen oder Bemerkungen zu diesem Sachverhalt und seiner Bedeutung zu provozieren. Hintergrund war ein Bericht eines Zeitzeugen über die sog. ,,Judenbank" in den Klassenzimmern zur Zeit des Nationalsozialismus. Weitere Anknüpfungspunkte wären die Kennzeichnungspflicht für Juden oder die Bedeutung des Davidsterns allgemein. Die übrige Gestaltung des Seminarraumes mit Stellwänden und Tischen sollte eine Ausstellung aller Bilder, Dokumentations- und Arbeitsmaterialien ermöglichen.
1. Um das Thema angemessen behandeln und diskutieren zu können schien es uns wichtig, jedem einzelnen Seminarteilnehmer zum Einstieg die Möglichkeit zu geben, sich in einem Brain-Storming Gedanken über seine Sichtweise, seine Fragen und Erwartungen zum Thema zu machen. Die Ergebnisse wurden für alle sichtbar ausgestellt.
Die Definition des Begriffes ,,Holocaust" oder ,,Schoah" nach einem geschichtlichen Lexikon sollte zusätzlich zur Klärung bzw. Erweiterung des Begriffes dienen.
Um eine einheitliche Diskussionsgrundlage zu schaffen war es unserer Meinung nach unbedingt notwendig, die historischen und politischen Fakten darzustellen. Die auf einer Zeitleiste festgehaltenen wichtigsten Daten des ,,Holocaust" wurden durch eine ausführlichere Chronologie der Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 ergänzt.
2. Mit diesem historisch-politischen Hintergrundwissen sollten sich die Seminarteilnehmer nach eigenem Interesse mit den vielfältigen Materialien beschäftigen, die nach Ansicht der Arbeitsgruppe alle in einer gewissen Weise als erster Zugang zum Thema geeignet schienen.
3. Eine Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema ,,Holocaust" bietet die Geschichte rund um ,,Das Tagebuch der Anne Frank". Exemplarisch sollte hierzu ein Unterrichtsentwurf vorgestellt werden, Arbeitsmaterial angeboten werden, aus einem Erfahrungsbericht einer Lehrerin zitiert werden und ein Filmausschnitt gezeigt werden, der zu weiteren Fragen und Diskussionspunkten anregen könnte.
4. Die abschließende Diskussion sollte neben allgemeinen Stellungnahmen insbesondere der Annäherung an die Ausgangsfrage ,,Holocaust" - ein Thema für die Grundschule?" dienen. Der Arbeitsgruppe ging es dabei um die kritische Beurteilung der vorgestellten Arbeitsmaterialien sowie um ergänzende Vorschläge und Anregungen.

Teil 2: Durchführung

Verlauf der Seminarsitzung (05.07.1999)

0. Gestaltung des Seminarraumes


o  Stellwände mit Zeitleiste, Bildern, Dokumentations- und Arbeitsmaterial
o  Tische mit Büchern, Dokumentations- und Arbeitsmaterial
o  Davidsterne auf den Tischen der letzten Sitzreihe (,,Judenbank")
o  TV- / Video-Gerät

1. Einstieg in das Thema


o  Brain-Storming zum Thema ,,Holocaust"
Die Seminarteilnehmer sollen über den Begriff ,,Holocaust" nachdenken und Gedanken, Schlagwörter, Namen, Daten usw., die sie mit dem Begriff verbinden, auf Papier bringen. Diese Begriffe werden gesammelt und ergänzend zur vorbereiteten Zeitleiste ausgestellt.

Folgende Begriffe wurden (z.T. mehrfach) genannt:
# Antisemitismus # Auschwitzlüge # Davidstern # Holocaust-Denkmal # Judenverfolgung # Konzentrationslager # Nationalsozialismus # Rassismus # Reichskristallnacht # Vergangenheitsbewältigung # Vernichtung der Juden, Sinti und Roma,... # Völkermord # Zwangsarbeit


o  Definition des Begriffes ,,Holocaust" / ,,Schoah" (siehe Anlagen)
o  Chronologie des ,,Holocaust" von 1933 - 1945 (siehe Anlagen)

2. Ausstellung aller Bilder, Dokumentations- und Arbeitsmaterialien zum Thema

Den Seminarteilnehmern stehen zur Verfügung:


o  Zeitleiste zum Thema ,,Holocaust"
o  Kinder- und Jugendbücher zum Thema ,,Nationalsozialismus" (siehe Literaturliste)
o  Unterrichtsmaterial zum Thema ,,Anne Frank"
o  Berichte von Zeitzeugen / Bildmaterial (siehe Anlagen)
o  Bilder von Künstlern aus der Zeit von 1933 - 1945
o  Informationsmaterial zum Thema ,,Emslandlager" (siehe Anlagen)
o  Informationsmaterial zur Gedenkstättenarbeit in Niedersachsen
o  Aktuelle Zeitungsberichte zum Thema ,,Holocaust-Denkmal" (siehe Anlagen)

3. Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Thema


o  Unterrichtsentwurf zum Thema ,,Anne Frank"
o  Arbeitsmaterial: ,,Das Tagebuch der Anne Frank" (Primärliteratur),
Geschichten, Berichte, Bilder, Zeichnungen, usw. zum Thema (Sekundärliteratur)
o  Erfahrungsbericht einer Lehrerin über eine Unterrichtseinheit ,,Anne Frank"
o  Filmausschnitt (ca. 20 Minuten)

4. Diskussion im Seminar


o  Allgemeine Stellungnahmen
o  Fragestellungen: Ist ,,Holocaust" ein Thema für die Grundschule?

Wenn Ja ! Wie kann/muss das Thema behandelt werden

Wenn Nein ! Wie gehen LehrerInnen mit Fragen der Kinder zum Thema um?

Teil 3: Auswertung

Nachbetrachtung

Als Fazit kann die Arbeitsgruppe festhalten, dass das Thema ,,Holocaust" durchaus bereits in der Grundschule behandelt werden kann. Die Thematisierung sollte jedoch nicht uneingeschränkt erfolgen und bedarf einer sorgfältigen und sensiblen Planung.

Wenn man das Thema vor Grundschülern verschließen will, widerspricht man damit den Ansprüchen der Kinder an ihre Umwelt und vor allem an die Schule. Durch ihren täglichen Umgang mit Fernsehen und Büchern oder aus Gesprächen ergeben sich Fragen, die sie unbedingt beantwortet wissen wollen. Zu Themen wie Mensch, Natur oder Technik ebenso wie zu den Begriffen Davidstern, Judenverfolgung oder Konzentrationslager. Kinder wollen verstehen, was um sie herum geschieht und warum es passiert. Mit dieser Erwartungshaltung kommen sie in die Schule - die Institution, die ihnen die Welt erklären soll.
Wenn die Frage eines Kindes, das in einem Bericht z.B. von Konzentrationslagern gehört hat, nach Sinn und Zweck dieser Lager unbeantwortet bleibt oder vom Lehrer zurückgestellt wird (etwa mit dem Hinweis, dass dies erst ein Thema für den Geschichtsunterricht der 5. Klasse sei), dann sucht es möglicherweise nach eigenen - unvollständigen, verfälschten - Erklärungsmustern. Diese ,,individuelle Wahrheit" über Sachverhalte später durch eine andere, historisch korrekte Darstellung zu ersetzen, kann beim Kind zu Verunsicherung führen. Deshalb sollten die Fragen der Kinder - auch zu schwierigen Themen - bereits in der Grundschule zumindest in Ansätzen beantwortet werden, damit alle weiteren Informationen zu diesem Thema vom Kind entsprechend aufgenommen und verarbeitet werden können.

o  Wenn über das Thema ,,Holocaust" gesprochen werden soll, dann muss dies in einem anderen Rahmen geschehen als wenn über Wohnen, Kleidung oder Geld geredet wird. Der Einstieg war aus diesem Grund so gewählt, dass sich jeder Seminarteilnehmer zunächst Gedanken über den Begriff ,,Holocaust" machte und sich so auf dieses sensible Thema vorbereitete. Die Ergebnisse dieses Brain-Storming wurden ausgestellt. Anhand der vielen verschiedenen - von der Arbeitsgruppe durchaus erwarteten - Begriffe wurde deutlich, dass jeder zunächst etwas anderes mit dem Thema verbindet. Dies liegt entweder an den unterschiedlichen Interessen oder am jeweiligen Allgemeinwissen der Seminarteilnehmer. Um für Letzteres eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, hielten wir es für wichtig, zunächst eine allgemein gültige Definition des Begriffes ,,Holocaust" zu bieten und anschließend eine Chronologie der Ereignisse von 1933 bis 1945 vorzustellen. Diese wurde durch eine vorbereitete Zeitleiste mit den wichtigsten Daten ergänzt und sollte als Veranschaulichung des historischen Hintergrundes dienen.
- Für den Unterricht in der Grundschule wäre es denkbar, dass der Begriff ,,Holocaust" in einem für das Alter geeigneten Lexikon von den SchülerInnen nachgeschlagen und heraus geschrieben wird (z.B. als Plakat). Die in diesem Zusammenhang auftauchenden Begriffe wie Judenverfolgung oder Nationalsozialismus müssten dann ebenfalls geklärt werden. Die Aufarbeitung dieser historisch-politischen Fakten könnte in einem handlungsorientierten Unterricht so aussehen, dass sich je nach Interesse verschiedene Arbeitsgruppen bilden, die sich mit einzelnen Begriffen befassen und diese dann der gesamten Gruppe vorstellen.

- Um diesen Teil der Zeitgeschichte anschaulicher zu gestalten, wäre eine Zeitleiste mit den wichtigsten Daten hilfreich. Diese könnte, wiederum gruppen- und abschnittweise, nach Erforschung von Lexika und Geschichtsbüchern erstellt werden und dauerhaft im Klassenraum plaziert werden. Die Vorstellungskraft der SchülerInnen würde möglicherweise zusätzlich gesteigert, wenn eine individuelle Zeitleiste erstellt werden kann, die durch persönliche Daten wie Geburtstag, Einschulung, Hochzeit oder Fotos der (Eltern) Großeltern, Onkel oder Tanten ergänzt wird. Diese Erfahrungen aus erster Hand wären auch deshalb wichtig, weil die Generation, die den Nationalsozialismus noch miterlebt hat, heute zu der ältesten unserer Gesellschaft zählt und nicht mehr lange von Erlebnissen berichten kann, die sie am eigenen Leib erfahren hat.

Die besondere Gestaltung des Seminarraumes mit Stellwänden und Tischen ermöglicht allen Seminarteilnehmern, sich auf individuelle Art und Weise mit allen zur Verfügung stehenden Bild-, Dokumentations- und Arbeitsmaterialien zu befassen. Eine solche Ausstellung bietet die Chance der Differenzierung, da die Reihenfolge und die Intensität der Betrachtung der Materialien allein durch das Interesse jedes einzelnen bestimmt werden. Außerdem bedeutet eine Veränderung der räumlichen Lehr-Lernumgebung eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag für SchülerInnen und LehrerInnen.
o  Die Davidsterne auf den Tischen der letzten Sitzreihe verfehlten bei den Seminarteilnehmern ihre erhoffte, aber auch nicht unbedingt erwartete Wirkung. Wenn Schulkinder eines Tages auf ihrem Platz einen gelben Stern finden würden, hätten sie gewiss einige Fragen. Und genau diese Fragen wären dann Ansatzpunkte, um sich dem Thema ,,Holocaust" zu nähern. Sie würden möglicherweise nach der Bedeutung des Davidsterns fragen, warum und seit wann Juden ihn tragen mussten, wieso die Juden überhaupt verfolgt wurden und von wem und weshalb es in den Klassenräumen sog. ,,Judenbänke" gab?
o  Die große Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern zum Thema Nationalsozialismus weckte das Interesse aller Seminarteilnehmer. Diese Reaktion würden wir auch bei Grundschülern erwarten, zumal die Bücher von gleichaltrigen Kindern handeln, deren Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus spielt. Die SchülerInnen können einen Bezug zur Identifikationsfigur herstellen, was den Zugang zum Buch und damit zur Zeitgeschichte erleichtert. Sie entdecken möglicherweise Dinge, die ihnen aus ihrem Alltag vertraut sind. Möglicherweise entwickeln sie Fragestellungen, über die eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfinden kann: ,,Ist das damals wirklich so geschehen? Warum konnte es überhaupt dazu kommen? Wäre so etwas heute auch noch denkbar?" In Kleingruppen könnten verschiedene Bücher erarbeitet werden und anschließend der gesamten Gruppe in Form von Dialogen oder Rollenspielen vorgestellt werden.
o  Exemplarisch wurde von der Arbeitsgruppe das Thema ,,Anne Frank" ausgewählt.
Anhand eines Unterrichtsentwurfes, ergänzenden Arbeitsmaterialien, dem ,,Tagebuch der Anne Frank" und einem Filmausschnitt sollten Möglichkeiten gezeigt werden, wie im Unterricht ein erster Zugang zum Thema geschaffen werden könnte. Die Lektüre des Buches könnte im Rahmen fächerübergreifenden Unterrichts geeignete Anlässe zum Lesen und Schreiben bieten. Der Film könnte darüber hinaus die Problematik noch verdeutlichen und möglicherweise auch bei den Kindern, die heute nur noch schwer über Bücher zu erreichen sind, das Schicksal der Anne Frank zu einem interessanten Thema machen.
o  Bilder und Berichte von Zeitzeugen - selbst Schulkinder zur Zeit des Nationalsozialismus - schildern ähnliche Schicksale wie das der Anne Frank. Sie erzählen von Freundschaften, die zerbrachen, von Lehrern und Mitschülern, die jüdische SchülerInnen terrorisierten und von den Erfahrungen, als Kind in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Diese authentischen Erfahrungsberichte von Personen, die z.T. heute noch leben, dürften jedem Leser verdeutlichen, dass sich diese Schicksale tatsächlich abgespielt haben und auch noch in unserer Zeit für das Zusammenleben von großer Bedeutung sind. Erzählungen beispielsweise der Großeltern hinterlassen bei Kindern (und Erwachsenen) vermutlich einen besonders starken Eindruck.
o  Um einen regionalen Bezug zum Thema herstellen zu können, wurde Informationsmaterial zu den ,,Emslandlagern" angeboten. Dadurch, dass es auch in der näheren Umgebung Überreste ehemaliger Konzentrations-, Strafgefangenen- und Arbeitslager gibt, kann das Interesse an der Vergangenheit geweckt werden. Gedenktafeln, Hinweisschilder und Gebäude
- wenn auch vereinzelt und als ehemalige Lager heute nicht mehr erkennbar - geben Zeugnis über die Geschichte ab und ermöglichen es, einen direkten Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Gerade dadurch kann bei den SchülerInnen ein Stück Geschichtsbewusstsein geweckt werden. Gelegentlich finden sich in direkter Umgebung zum Wohnort Gedenksteine, Mahnmale oder Bilder, die den Kindern unmittelbar Fragen entlocken und für deren Beantwortung sich der Unterricht anbietet. Auch Gedenktage oder besondere Veranstaltungen können Anlässe sein, nach deren Bedeutung zu fragen.
Über die Region hinaus wurde dieser Themenbereich durch Informationen zur allgemeinen Gedenkstättenarbeit in Niedersachsen ergänzt.
o  Zeitungsberichte zum Thema ,,Holocaust-Denkmal", über dessen Errichtung in Berlin der deutsche Bundestag jüngst abgestimmt hat, bestätigen, dass das Thema heute aktueller denn je ist. Die Diskussion darüber, Zeichen gegen das Vergessen der Verbrechen des Nationalsozialismus zu setzen, macht die Bedeutung des Themas in der Gegenwart deutlich. Das Thema in Fernsehen, Hörfunk, Zeitungen oder Zeitschriften zu verfolgen und festzuhalten, könnte eine längerfristige Aufgabe, z.B. für ein Schulhalbjahr darstellen. Darüber hinaus würden angrenzende Themenbereiche möglicherweise verständlicher, da sie erst durch die Einordnung in einen größeren Zusammenhang an Bedeutung gewinnen.


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