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verweist auf die Entstehungsgeschichte des Buches, das Klemperer während der zwölfjährigen Herrschaft der Nationalsozialisten nur skizzenhaft vorbereiten konnte. Die ohnehin gefährliche S ituation für Verfasser systemkritischer Texte wurde im Fall Victor Klemperers dadurch potenziert, daß er jüdischer Herkunft war und sich somit im Sinne einer notwendigen Risikoreduzierung in seiner literarischen Produktion auf kurzformatige, notizenhafte Aufzeichnungen beschränken mußte, die er in seinem Tagebuch festhielt. „Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder meine Balancierstange, ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre.“ 2 Diese Aussage Klemperers verdeutlicht, welch immense Bedeutung er seinen privaten Notizen beimaß, nachdem ihm das b erufsmäßige Publizieren und seine Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Dresden von den Nazis untersagt worden war. Aus dieser speziellen Situation heraus erklärt sich auch die ungewöhnliche Konzeption der „LTI“. In dem Werk, das eine profunde Kritik der Sprache des Dritten Reiches liefert, verbindet Klemperer in seiner Darstellung sowohl wissenschaftliche Analyse als auch persönlich Erlebtes miteinander. Von der Mischung aus sprachkritischer Betrachtung und biographischen Elementen profitiert insbesondere die Rezipientenschaft: Trotz der Schwere des Themas gelingt es Klemperer, anschaulich und verständlich seine Sicht der Dinge zu präsentieren, ohne sich dabei im Rahmen einer rein wissenschaftlichen Abhandlung auf einen tendenziell elitären Leserkreis zu konzentrieren.
In seiner Sprachkritik legt Klemperer den Schwerpunkt auf die Sprache zur Zeit des Nationalsozialismus, wohingegen sich andere Vertreter der Sprachkritik nach 1945 wie Sternberger, Storz und Süskind in ihrer Sammlung „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ darüber hinaus analysieren, in wieweit sich die Sprache des Faschismus auf den Sprachgebrauch nach Kriegsende auswirkte. 3 Wie die letztgenannten orientiert sich Klemperer in seinem Verständnis von Sprachkritik an moralischen Maßstäben, indem er die strikte Abgrenzung von Ästhetik und ethischen Kriterien negiert: „Nein, ich habe kein Zutrauen zu rein ästhetischen Betrachtungen auf den Gebieten der Geistes-, der Literatur-, der Kunst-, der Sprachgeschichte. Man muß von menschlichen Grundhaltungen ausgehen.“ 4
2 ebd., S. 19
3 vgl. Schiewe, Jürgen:Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München 1998
4 vgl. Klemperer, S. 90
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Es ist evident, daß Klemperer die Aufgabe des Sprachkritikers nicht auf die Analyse des sprachlichen Systems reduziert, sondern ihm ebenfalls die Rolle einer moralischen Instanz zuweist, die bei ihren Reflexionen menschliche
Verhaltensweisen zu berücksichtigen und einem wertenden Urteil zu unterziehen hat. Neben der Auffassung von einer ganzheitlich geprägten Funktion des Sprachkritikers geht Klemperer auch bei der Definierung des Gegenstandsbereichs der Sprachkritik von einer weitgefaßten Begriffsauslegung aus. Die Grundlage seiner Sprachkritik bilden nach Schiewe 5 fünf wesentliche Aspekte: Zum einen analysiert Klemperer in seinem Werk „LTI“ die Wortsprache, worunter er den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten und dessen Auswirkung auf die Sprache des öffentlichen und privaten Lebens versteht. In diesem Zusammenhang legt Klemperer unter anderem dar, wie es den Nazis gelingen konnte, Konnotationen eines Wortes (z.B. „Jude“) zu verändern, indem sie es konsequent in Kombination mit abwertenden Adjektiven verwendeten und dadurch eine negative Assoziation auf den jeweiligen Begriff übertrugen - eine Methode, die auch mit dem Terminus Sprachlenkung bezeichnet wird. 6
Als ein weiteres Untersuchungsfeld in Klemperers Sprachkritik führt Schiewe neben der Wortsprache die Geste an und belegt dies anhand des Kapitels „ Vorspiel“ aus dem Werk „LTI“. Hier schildert Klemperer minutiös die Körpersprache eines Tambours während einer militärischen Parade, dessen expressive und ekstatisch anmutende G estik aus seiner Sicht ein erstes ernst zunehmendes Indiz für die umsichgreifende F anatisierung der Menschen durch den nationalsozialistischen Faschismus verkörpert.
Gemäß den Darstellungen Schiewes bezieht sich Klemperers Sprachbetrachtung zudem auf die Bereiche Witz 7 , Zeichen 8 und Stil 9 (= Sprachhaltung), wobei an dieser Stelle nur auf die beiden erstgenannten in aller Kürze eingegangen werden soll. Die in der „LTI“ hervorgehobene Funktion des Witzes liegt vor allem im
gemeinschaftskonstituierenden Element des kollektiven Lachens, das ein Gefühl der Verbundenheit erzeugen und d ie Menschen somit empfänglicher für subtile
5 vgl. Schiewe, S. 211 ff.
6 vgl. Schiewe, S. 212
7 vgl. ebd., S. 215
8 vgl. ebd., S. 214 f.
9 vgl. ebd., S.215 f.
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Beeinflussung machen kann, wie es Klemperer mittels der Schilderung eines persönlichen Erlebnisses veranschaulicht. 10
Dem Zeichen als einer weiteren Form des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs widmet Klemperer in dem Kapitel „Der Stern“ in großer Ausführlichkeit seine Aufmerksamkeit. Durch eindringliche Beschreibung versucht er, das gesamte Ausmaß an Isolation und Ausgrenzung zu verdeutlichen, welches für die Juden als Begleiterscheinung mit dem obligatorischen Tragen des Judensterns einherging und diesen zum prägnantesten Zeichen der Sprache des Dritten Reiches machte. Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, daß Klemperer über einen universellen Sprachbegriff verfügt, auf dem auch die Darstellung der „LTI“ basiert. Aufgrund der hierdurch bedingten inhaltlichen Komplexität des Werkes beschränkt sich der Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit im wesentlichen auf Klemperers Beschreibung der von den Nazis praktizierten Methode der Sprachlenkung und ihre Auswirkung auf den allgemeinen Sprachgebrauch. Besondere Berücksichtigung findet hierbei die Funktion des Superlativs in der NS-Propaganda und die Gefühlsbetonung der LTI.
2 Die Darstellung der Sprache als Mittel der Propaganda und
Manipulation im Werk „LTI“
„... sie [Die nazistische Sprache, d. Verf.] ändert Wortwerte und
Worthäufigkeiten, sie macht zum Allgemeingut, was früher einem einzelnen oder einer winzigen Gruppe gehörte, sie beschlagnahmt für die Partei, was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt sie Worte und Satzformen mit ihrem Gift, macht sie die Sprache ihrem fürchterlichen System dienstbar, gewinnt sie an der Sprache ihr stärkstes, ihr öffentlichstes und geheimstes Werbemittel.“ 11
Auf diese Weise faßt Victor Klemperer im 1. Kapitel seines Buches die wesentlichen Merkmale der LTI zusammen, die er in der Folge näher erläutert und anhand von Beispielen belegt. In diesem Zusammenhang zeigt er unter anderem an dem Wort
10 vgl. Klemperer, S. 48 f.
11 Klemperer, S.27
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„fanatisch“ exemplarisch auf, wie die Nazis ursprüngliche Wortbedeutungen in ihrem Wesen veränderten und für ihre eigenen Propagandazwecke umfunktionierten. So habe laut Klemperer das Wort „fanatisch“ im Deutschen seit jeher negative Assoziationen im Sinne einer „bedrohlichen und abstoßenden Eigenschaft“ 12 hervorgerufen, wohingegen die Nationalsozialisten jeglichen pejorativen Beiklang des Wortes negierten und es als Substitut für Begriffe wie leidenschaftlich konsequent in einem positiven Kontext verwendeten. Desweiteren stehe „fanatisch“ für eine superlativische Steigerung bestimmter Eigenschaftswörter ( tapfer, hingebungsvoll etc.) und werde vorzugsweise mit Termini aus dem religiösen Sprachgebrauch kombiniert: „fanatisches Gelöbnis“, „ fanatisches Bekenntnis“, „fanatischer Glaube“ usw. 13
Doch am Beispiel des Wortes „ fanatisch“ lassen sich neben einer Umkehr von Wortwerten zwei weitere elementare Charakteristika der Sprache des Dritten Reiches ableiten, welche Klemperer in seinem Werk behandelt: Zum einen wird mit dem Gebrauch ein verstärktes Pathos in der Ausdrucksform angestrebt, das zur Betonung des Gefühls beitragen soll und somit der Ablehnung des Intellekts im Nationalsozialismus entspricht. Die Sentimentalisierung der LTI bildet einen der wesentlichen Untersuchungsaspekte Klemperers, auf den an späterer Stelle eingegangen wird. Desweiteren läßt sich durch den Begriff „fanatisch“, der wie bereits oben erwähnt eine Übersteigerung bestimmter Adjektive darstellt, eine offensichtliche Tendenz zum superlativischen Sprachgebrauch im
Nationalsozialismus belegen, dem Klemperer unter der Überschrift „Der Fluch des Superlativs“ ein ganzes Kapitel im Werk „LTI“ widmet.
„Ihn [den Superlativgebrauch, d. Verf.] kann man die meistverwendete Sprachform der LTI nennen, und das versteht sich ohne weiteres, denn der Superlativ ist das nächstliegende Wirkungsmittel des Redners und Agitators, er ist die Reklameform schlechthin.“ 14
Aus diesem Zitat wird ersichtlich, daß Klemperer Kritik an der stark auf Außenwirkung bemühten Sprache des Dritten Reiches übt und ihr aufgrund der Instrumentalisierung durch die Nazis substantiellen Inhalt abspricht. Seine Diktion unterstreicht diese Haltung, indem er bewußt die Relevanz des Superlativs innerhalb
12 ebd., S.80
13 ebd., S.81
14 Klemperer, S. 281
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Kirsten Hemeier, 2001, Victor Klemperer: LTI - Notizbuch eines Philologen, München, GRIN Verlag GmbH
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