A EINLEITUNG 2
B MODERNE LYRIK UND IHRE MERKMALE 3
Der Begriff der Moderne und der Beginn der modernen Lyrik 3
Verfremdende Darstellung als notwendiges Kriterium moderner Lyrik und Baudelaires
Ästhetik des Hässlichen 3 Entpersönlichung 5
Vormoderner Naturalismus, vers libre und „natürliche Rhythmen“ bei Holz 6
C NATURALISMUS 8
Begriffsbestimmung 8 Holz als Kunsttheoretiker 8
• Arno Holz: „Alter Garten“ (1898/99) 9
Traditionsbruch auf formaler Ebene 10
Mimetische Wirklichkeitsdarstellung: Sprache, Rolle des lyrischen Ichs und Sekundenstil 11
C SYMBOLISMUS 17
Begriffsbestimmung 17
• Stefan George: „Komm in den totgesagten park ...“ (1895) 18
Metrische Organisation und Reimstruktur 18
Stilpluralismus durch formale Differenzen 19
Das Wort als Klangkörper und „mot rare“ 20
Symbolbildung, Suggestion und die Beziehung zwischen Natur und Sprecher 20
Traditionelle Symbolbildung und Entpersönlichung 24
E LITERATURVERZEICHNIS 26
1
A EINLEITUNG
Wenn von moderner Lyrik gesprochen wird, ist eine Vorstellung ihres Wesens notwendig. Das ist leicht getan, wenn man unter dem Aspekt ihres epochenspezifischen Ausdrucks die Lyrik von Sturm und Drang über die Romantik bis hin zum Realismus und der naturalistischen Nahtstelle zur Moderne charakterisiert: „Von den drei möglichen Verhaltensweisen lyrischen Dichtens - Fühlen, Beobachten, Verwandeln - dominiert in der Moderne die letztere, und zwar hinsichtlich der Welt wie hinsichtlich der Sprache.“ 1 In der modernen Lyrik dominiert das Kompositionsprinzip der „Verwandlung“. Das bloß gefühlige „Vorwölben privater Reizzustände“ 2 der Erlebnisdichtung und auch der in literarischen Traditionen verhaftete Realismus ist der modernen Lyrik fremd.
Das Kapitel B gibt einen Einblick in ihre grundlegenden Merkmale, vor a llem das der Verfremdung und versucht sie von der traditionellen Dichtung abzugrenzen. Die Kapitel C und D stellen den Analyseteil dar, der an einem Gedicht des Naturalismus und des Symbolismus überprüft, wie sich die Moderne auf der Versebene zeigt. Eine knappe Definition macht den Leser mit dem Stilbegriff vertraut. Die Analyse berücksichtigt formale Eigenschaften, die in ihrer Struktur anderen Gedichten derselben Stilrichtung ähnlich sind. Sie ist also nicht allein um inhaltliche Interpretation bemüht - allerdings erfordert gerade die Betrachtung der Symbolbildung beim Park-Gedicht von George eine exemplarische Untersuchung seines einmaligen Inhalts. Sie nimmt zwar eine mögliche Deutung vor, führt aber gleichzeitig ihre Notwendigkeit vor Augen: Denn das G edicht animiert den Leser, kraft seiner Einbildung symbolhafte Bedeutungen zu evozieren, die nichts anderes nachahmen, als einen Prozess der Symbolbildung im Gedicht selbst. Die Analyse beabsichtigt somit nicht allein die Herausarbeitung von Merkmalen, die einen Traditionsbruch anzeigen, sondern möchte darüber hinaus stilbildende Merkmale des Naturalismus und Symbolismus unterscheiden. Sicherlich markieren Merkmale aus beiden Richtungen einen Traditionsbruch, jedoch weist dieser in seiner Modernität beträchtliche Unterschiede auf. Naturalistische Techniken gehören nämlich eher einem vormodernen Stiltypus an, der zwischen Tradition und Moderne steht. Seine literarische Bedeutung erfährt er mehr durch seine bahnbrechenden, aber kurzlebigen Innovationen als durch künstlerische Höchstleistungen moderner Prägung. Am Gedicht von Holz soll dies nachgewiesen werden.
1 F r i e d r i c h, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik. 7. Aufl. Reinbeck bei Hamburg 1975. S. 16
2 B e n n, Gottfried: Probleme der Lyrik. Wiesbaden 1951. In: Gottfried Benn. Essays, Reden, Vo rträge.
Bd. 1. Gesammelte Werke in vier Bänden. Hg. von Dieter Wellershoff. Stuttgart 1997. S. 529
2
B MODERNE LYRIK UND IHRE MERKMALE
Der Begriff der Moderne und der Beginn der modernen Lyrik
Eine Definition der „Moderne“ ist durch die Tatsache erschwert, dass der Begriff „modern“ universal auftritt, sich also nicht in der Bezeichnung allein literarischer Erscheinungen erschöpft. Er wäre als Epochenbezeichnung auch nur ein Sammelbegriff, der heterogen auftretende Strömungen als Einheit bestimmt. Zudem ist seine Verwendung nicht nur an einen einzigen Zeitabschnitt - etwa in der Literaturgeschichte - gebunden. Er tritt nicht einmalig auf, sondern verkündet generell das schlechthin „Neue“: „keine Moderne ohne eine Tradition, von der sie sich absetzt.“ 3 Insofern sind modernistische Tendenzen, wenn sie in besonderem Maße auftreten und die jeweilige Gegenwart bestimmen, als Avantgardismus zu bezeichnen. Als historischer Begriff stellt er also nur einen „Typus von Epochen“ 4 dar und lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen 5 .
Der Begriff der modernen Lyrik begrenzt freilich den Gegenstandsbereich und macht ihn überschaubar. Ihr Beginn kann datiert werden mit dem Jahr 1857, in dem Baudelaires Gedichtzyklus „Les Fleurs du Mal“ erscheint 6 . Von da an ist der Begriff „modern“ für über hundert Jahre aktuell. Nachfolgend wird in bezug auf Baudelaire und die zu besprechenden Gedichte von Holz und George eine Übersicht avantgardistischer Merkmale erstellt, die zugleich notwendige Kriterien moderner Lyrik sind bzw. d urch ihr häufiges Auftreten den Traditionsbruch dokumentieren.
Verfremdende Darstellung als notwendiges Kriterium moderner Lyrik und Baudelaires
Ästhetik des Hässlichen
Baudelaire spürt in einer Gedichtgruppe der „Fleurs du Mal“ dem Gegensatz großstädtischer Entwicklung, der Wirklichkeit einer „industrialisierten“
Massengesellschaft zu den Nachklängen eines ehemals romantisierten Lebens nach, indem
3 L a m p i n g, Dieter: Moderne Lyrik. Eine Einführung. Göttingen 1991 (= Kleine Vandenhoeck-Reihe,
1557) S. 9
4 S. 8
5 Vgl. F r i e d r i c h, S. 9
6 Ebd.
3
er beides dichterisch gestaltet. Dort entwickelt sich die von ihm ausgehende „Ästhetik des Häßlichen“ 7 , in der traditionelle Vorstellungen von Dichtung, Gegenstände des Schönen, Symbole und Ideale religiösen oder künstlerischen Lebens nur noch gleichrangig neben dem Hässlichen zur Sprache kommen. Das bewusste Festhalten an den Formen traditioneller Schreibweise, die Alexandrinerverse, in die sich die grotesken Bilder trotz aller Abkehr vom Vertrauten einfinden, erzwingen den Eindruck des Bizarren 8 . Seit Baudelaire schockiert den Leser die absichtliche Gestaltung des vormals nicht Poesiefähigen - so auch später bei Rimbaud, der das Hässliche nahezu zelebriert: „Schön und Häßlich sind keine Wertgegensätze mehr, sondern Reizvarianten“ 9 . Der bisherigen Vorstellung von Lyrik als Gemeinplatz für nachvollziehbare Gefühle eines lyrischen Ichs wird nunmehr diese düstere u nd beunruhigende „dissonantische Spannung“ 10 entgegengesetzt, die den Leser provoziert, ihm das Vertraute nimmt und damit ihr Ziel erreicht: Verse der Verfremdung. Das Veröffentlichungsverbot einiger Baudelaire-Gedichte dokumentiert die Radikalität des Inhalts, der diese Verfremdung trug. Sie löst sich im Laufe der Entwicklung von der Stoffebene, übernimmt weitere Funktionen und wird zum notwendigen, wenn nicht wichtigsten Merkmal moderner Literatur.
In der Analyse des Gedichts von George ist nachzuweisen, dass sein „totgesagter Park“ als lyrisches Musterbeispiel für den Ästhetizismus gelten kann. Er verpflichtet sich inhaltlich wie formal „dem Schönen“. In seiner symbolistischen Gestaltung ist er „modern“ zu nennen. Hier kündigen die Stilmittel ebenso alle traditionellen Schreibideale auf, denn auch George verfremdet: Als Symbolist entzieht er dem Leser die Möglichkeit, einen unmittelbaren Zugang zum Gedicht und zu seiner Aussage zu finden. Der Leser wird allein gelassen. Die Verfremdung entsteht vornehmlich auf semantischer Ebene, da die Verse nicht von sich aus darauf drängen, den Leser wortkräftig bei der Bedeutungsbildung zu unterstützen. Alle symbolistischen Dichter verfügen über eine „Stilführung, die Zeichen und Bezeichnetes so weit wie möglich auseinandertreibt.“ 11 Diese Eigenschaft findet in den absoluten Metaphern der hermetischen Dichtung bei Celan ihren äußersten Ausdruck. „Hermetisch“ ist ein Begriff, dessen angemessene Verwendung erst in der modernen Lyrik
7 Vgl. S. 43
8 Vgl. S. 33
9 S. 77
10 S. 15
11 S. 17
4
möglich wurde 12 . Der rätselhafte, schwer v erständliche Text durchbricht nicht seine Isolation und findet nicht von selbst zum Leser, den er zu aktiver Teilnahme stimuliert, ohne die die Lektüre ergebnislos scheitert. Das Verschleiern der Bedeutungen, die Chiffren eines dunklen Schreibens bedeuten gegenüber der literarischen Tradition stets verfremdende Darstellung. Diese stellt das entscheidende Novum dar - die Verfremdung ist für moderne Texte ein notwendiges Kriterium. Sie meint also nicht Entfremdung, ist nicht zwangsläufig existentiell und damit thematisch gedacht, sondern bezieht sich auf die Darbietungsweise der Stoffe.
Entpersönlichung
Die neuen Ausdrucksmittel wirken sich auf die Rezeption des Gedichts aus. Die Verfremdung erschwert den Zugang zum Text - die moderne Lyrik wird dem Leser z ur intellektuellen Aufgabe. Mag sie vormals schon existiert haben, erst hier ist die Tendenz zu verschlüsselter Darstellung stilbildend. Vor allem die Erlebnislyrik befindet sich dazu im radikalen Gegensatz, da sie dem Leser bewusst und offenkundig
Identifikationsmöglichkeiten mit ihrem lyrischen Ich anbietet. Sie bemüht sich damit gerade um das Gegenteil von Verfremdung. Eine Fortsetzung der Tradition würde der Dekadenzstimmung zur Jahrhundertwende nicht gerecht werden. Die ichbezogene Darstellung einer schön-heilen oder schön-traurigen Welt konventioneller Lyrik als „Tagebuch privater Zustände“ 13 ist nicht mehr fähig, die offenen Konflikte zu bewältigen. Baudelaires „Fleurs du Mal“ tragen dem Rechnung, wenn in ihnen „das lyrische Wort nicht mehr aus der Einheit von Dichtung und empirischer Person hervorgeht“ 14 . Die Lyrik hat neue Aufgaben zu übernehmen, die ein „Absehen von jeder persönlichen Sentimentalität zugunsten einer hellsichtigen Phantasie“ 15 notwendig machen. Die Rolle des lyrischen Ichs erfährt konsequenterweise eine Reduktion. In Rilkes Dinggedichten (z. B. „Blaue Hortensie“) ist es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollkommen ausgeblendet. Dort existiert schon längst - wie in beinahe jeder modernen Dichtung - nicht mehr der „seraphische Ton“ 16 traditioneller Verse. Sein Ausbleiben signalisiert bereits den Willen zur Entpersönlichung. Auch hier wird dem Leser etwas Vertrautes genommen. Die
12 Vgl. H o f f m a n n, Paul: Symbolismus. München 1987 (= UTB 526). S. 25
13 F r i e d r i c h, S. 36
14 Ebd.
15 S. 37
16 B e n n: Probleme der Lyrik. S. 505
5
gefühlsbetonte, intime Gehalt poetischer Werke ist damit entkräftet und weicht einer verfremdenden Darstellung.
Vormoderner Naturalismus, vers libre und „natürliche Rhythmen“ bei Holz
In der Analyse des Gedichts von Arno Holz soll sichtbar werden, dass er auf verfremdende Mittel weitgehend verzichtet. Er ist Naturalist und würde damit der Zielsetzung seines Programms schaden. Die Verfremdung reicht nur so weit, dass sie bisherige Lesererwartungen an ein Gedicht enttäuscht, indem es wirklichkeitsspiegelnd als übersteigerter Realismus zum Schauplatz für Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung wird. Obwohl Holz und sein „konsequenter Naturalismus“ die deutschsprachige Literatur inhaltlich und formal bereichern, kann er nur als „vormodern“ bezeichnet werden. Schon im „Buch der Zeit“ (Erstdruck 1886) kündigen die „Miethskasernen“ und die „vom Hof her polternden Fabriken“ an, wie die zukünftige Dichtung auf stofflicher Ebene aussehen kann. Wo Baudelaire Mitte des 19. Jahrhunderts die Großstadt und die veränderten Lebensumstände „poesiefähig“ macht, setzt Holz gegen Ende des Jahrhunderts als erster deutscher Schriftsteller ein u nd macht auf andere Weise, nämlich durch soziale Anteilnahme das Elend und die Arbeiterklassen als Themen seiner Dichtung kunstfähig. Das ist noch längst keine Ästhetik des Hässlichen, aber zweifellos ein richtungsweisendes Ereignis in der deutschen Literatur. Er spricht sich durch seine „Lieder eines Modernen“ (Untertitel von: „Buch der Zeit“) auch das neue Schlagwort zu, das Originalität signalisieren soll. Aber auch im „Phantasus“ (Erstdruck 1898/99) wird die Sachlage überbewertet. Vor allem hier dominiert ein weiteres Merkmal, das zwar kein notwendiges Kriterium moderner Literatur ist, sich jedoch erst in ihr durchsetzt: Der vers libre , den Holz für seine Zwecke der sukzessiven Wirklichkeitsdarstellung benutzt, kündigt die Regulationsmuster der bisherigen Verskunst auf. Vor allem das Metrum und der Reim fallen ihm zum Opfer. Holz erhebt in seiner Schrift „Revolution der Lyrik“ (1899) Ansprüche auf Urheberschaft, die sich aber nicht in der Entwicklung des freien Verses, sondern nur in seiner Verwendungsweise geltend machen können. Trotz seines vermeintlich pionierhaften Ankämpfens gegen metrisch regulierte, gereimte Verse ist in
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Marcel Frank, 2001, Moderne Lyrik in Deutschland - Gedichte des Naturalismus und Symbolismus, München, GRIN Verlag GmbH
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